Einkaufsverkehr und Dorfläden

Peter Winter. Lunapark21 – Heft 22

Die von Gisela Notz beschriebenen Aktivitäten der ehemaligen Schlecker-Frauen werden zu Recht in den größeren Zusammenhang des flächendeckenden Verlustes von Nahversorgung gestellt. Die Zerstörung von Einkaufsmöglichkeiten vor Ort steht in einem krassen Gegensatz zum sogenannten demographischen Faktor, der eine Ausweitung dezentraler Einkaufsmöglichkeiten notwendig macht.

Unabhängig von den Initiativen der Schlecker-Frauen bzw. teilweise im Zusammenhang mit solchen Aktivitäten entstanden in jüngerer Zeit in mehreren Bundesländern Initiativen für Dorfläden oder Nachbarschaftsläden. Bundesweit soll es inzwischen rund 500 solcher Läden geben – als Alternative zur Konzentration im Einzelhandel und zum Verlust traditioneller kleiner Läden („Tante-Emma-Läden“).

Explosionsartiger Anstieg des Einkaufsverkehrs
Den Ausgangspunkt bildet dabei eine interessante Zahl: Jährlich legen die Menschen in Deutschland 444 Millionen Kilometer für Einkaufsfahrten zurück. Das Berliner Institut für ökologische Wirtschaftsforschung stellte fest, dieser Wert habe sich in den letzten zwei Jahrzehnten gut verdoppelt. Besonders massiv seien die Einkaufswege im Osten der Bundesrepublik gewachsen; hier liege „der Versorgungsgrad mit kleineren Lebensmittelfachgeschäften bei nur einem Drittel des bundesweit üblichen.“[1] Natürlich kaufen die Deutschen nicht entsprechend mehr ein, wenn sich die Einkaufswege verdoppeln. Doch jeder einzelne Weg vom Wohnort zur Einkaufsstätte hat sich in dem genannten Zeitraum durch das Ladensterben und die Konzentration im Einzelhandel rund verdoppelt.

Zwei spezifische Faktoren kommen hinzu: Erstens werden die Menschen älter; damit sind sie in ihrer Mobilität im Allgemeinen eingeschränkt und ganz besonders, was die „Einkaufsmobilität“ betrifft (kein Pkw zur Verfügung; auf einen Rollator angewiesen usw.). Zweitens gibt es in vielen Orten auch im Umkreis keine Einkaufsmöglichkeiten mehr. So ermittelte das Regierungspräsidium Gießen, dass beispielsweise im Vogelsbergkreis in mehr als 30 Dörfern, in denen man im Jahr 1997 immerhin noch kleinere Einkäufe machen konnte, im Jahr 2010 gar keine Einkaufsmöglichkeit mehr besteht.[2]

Vor diesem Hintergrund sind die Initiativen für Dorfläden nicht nur aus sozialen Gründen wichtig. Sie fügen sich auch logisch ein in die notwendige Politik einer Verkehrsvermeidung zur Realisierung von Klimaschutzzielen.

Beispiel Hessen: Am 16. Juni 2011 organisierte das Hessische Ministerium für Wirtschaft, Verkehr und Landesentwicklung in Oberursel ein „Praxisforum nahversorgt – Initiativen zur Versorgung auf dem Land“, auf dem Dorfläden aus Hessen und Baden-Württemberg vertreten waren und wo für die Ausweitung dieses Konzepts geworben wurde.

Die hier vorgestellten benachbarten und strukturell zusammenhängenden Dorfläden in Gottwollshausen und in Gailenkirchen in Württemberg (in der Nähe von Schwäbisch Hall) verdeutlichten die Potentiale, die in solchen dezentralen, auch hier in Form einer Genossenschaft organisierte Läden stecken: im Fünfjahreszeitraum stieg der Umsatz der beiden Läden von 180000 Euro im Jahr 2005 auf 520000 Euro 2010; trotz der Wirtschaftskrise 2008/2009 erlebten die beiden Läden keinen Einbruch. Im hessischen Bromskirchen wurde im August 2012 ein neuer Dorfladen, in diesem Fall organisiert auf Vereins-Basis, eröffnet, in einer ehemaligen Schlecker-Immobilie.

Allerdings gilt generell: Dorfläden lösen nicht das grundsätzliche Problem, dass bei den bestehenden wirtschaftlichen Verhältnissen kleine Läden wenig Überlebenschancen haben. Oft sind diese Projekte auch mit viel ehrenamtlicher Arbeit und oft auch mit Selbstausbeutung verbunden. Damit aber werden neue soziale Fragen aufgeworfen. Das heißt natürlich nicht, dass die Idee solcher Läden schlecht wäre. Sie sollte jedoch von sozialen Standards flankiert werden.

Anmerkungen:

[1] Georg Etscheit, Selbst ist der Kunde, in: Die Zeit vom 20. Juli 2010.

[2] Presseinformation der HessenAgentur vom 20. Juni 2011.

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