Ein Jahr nach der Pleite

Verkäuferinnen der ehemaligen Drogeriekette Schlecker gründen Genossenschaften
Gisela Notz. Lunapark21 – Heft 22

Die Massenentlassungen nach der Insolvenz bei Europas größter Drogeriekette Schlecker im Frühjahr 2012 gehörten zu den größten Entlassungswellen innerhalb der Geschichte der Bundesrepublik. Sie trafen rund 27000 Menschen; es waren fast ausschließlich Frauen betroffen.

Bereits im Frühling 2009 hatte Schlecker einigen tausend Verkäuferinnen gekündigt, um sie über eine Zeitarbeitsfirma für die Hälfte des Geldes wieder zu beschäftigen. 14000 Filialen mit 50000 Mitarbeiterinnen hatte der schwäbische Milliardär Anton Schlecker seit der Eröffnung seines ersten Drogeriemarktes 1975 unter seinen Fittichen versammelt, bis er sein Unternehmen in den Sand setzte. Viele Kolleginnen zogen demonstrierend durch die Innenstädte, um für den Erhalt ihrer Arbeitsplätze zu kämpfen. Erfolglos. Vor nunmehr einem Jahr, am 1. Juni 2012, war alles zu Ende. 23576 Frauen meldeten sich erwerbslos.

Zunächst tönte Bundeskanzlerin Merkel, dass man alles tun wolle, um den Frauen zu helfen, wieder eine neue Stelle zu finden. Arbeitsministerin Ursula von der Leyen wollte die Schlecker-Frauen in „Mangelberufe“ – in die Altenpflege und in den Kindergarten – „vollwertig“ umschulen, denn dort würden die „lebenserfahrenen Frauen“ gebraucht. Doch die Trägerorganisationen waren der Meinung, Kindererziehung und Altenpflege dürfe weder für arbeitsmarktpolitische Zwangsmaßnahmen missbraucht werden, noch könnten dort ungelernte Kräfte eingesetzt werden. Auch die Verkäuferinnen waren nicht begeistert, sie hatten ihren Beruf gelernt, weil sie gerne verkaufen wollen bzw. eben dies gut können. Wer dennoch umschulen wollte, bekam keine Unterstützung von der Arbeitsagentur und meist kein Geld für die Umschulung, „gesetzgeberische Hürden“ standen dem vor allem im Erziehungsbereich entgegen. Das staatlich alimentierte Zustandekommen einer Transfergesellschaft scheiterte. Nach Aussagen von ver.di landeten viele der Frauen in „Mini-Jobs“ und sonstigen prekären Arbeitsverhältnissen, ja sogar in Praktika. „Hauptsache,wir müssen nicht zu Hause rumsitzen“, sagten die Frauen. Die jetzt noch Erwerbslosen bekommen oft nicht einmal eine Antwort auf ihre Bewerbung; ihre Ansprüche haben sie ohnehin zurückgeschraubt. Die Hälfte der Entlassenen ist heute noch erwerbslos. Zahlreiche Frauen sind schon zum 1. April 2013 in „Hartz IV“ gefallen. Im Dezember 2012 hatten sich bereits 2300 Fachkräfte aus der Erwerbslosigkeit abgemeldet. Sie waren krank geworden, in den Familien verschwunden oder in den frühen Ruhestand versetzt. Die Bundesagentur für Arbeit machte Alter (über 50 Jahre), fehlenden Berufsabschluss (25%) und die vorhergehende relativ hohe Vergütung dafür verantwortlich, dass die Vermittlung nicht so gut lief, wie erhofft.

90 Schlecker-Frauen hatten sich innerhalb eines halben Jahres nach der Entlassung selbständig gemacht. Einige wenige gründeten den „Verein zur Förderung der Nahversorgung“. Ein Modell, das Christina Frank vom Bezirk Stuttgart der Gewerkschaft ver.di entwickelt hat und nach dem insgesamt rund 100 vorher abgewickelte Läden organisiert werden sollten. Zunächst wollte sie mit 35 ehemaligen Schlecker-Mitarbeiterinnen eine Genossenschaft gründen, dann hat sie einen Treuhandverein gegründet, in den Kirchen, Gewerkschaften, Geschäfts- und Privatleute oder Gemeinden Geld einzahlen können, um die Grundfinanzierung zu sichern. In den Räumen ehemaliger Schlecker Läden wollen die Verkäuferinnen neue Läden mit dem Namen „Drehpunkt“ errichten. „Drehpunkt“ sei eine Anlehnung an den Song von Herbert Grönemeyer: „Zeit, dass sich was dreht“, so Frank. Die Frauen verstehen ihn als Kampfbegriff für die „Bürgerläden“. Es sind Läden, die den Verkäuferinnen gehören, etliche ehemalige Betriebsrätinnen sind darunter. Sie können nicht nur verkaufen, sie haben das Kämpfen gelernt und sie wissen, dass ihr Leben auch weiterhin nicht ohne Kampf verlaufen wird, deshalb wollen sie das Risiko auf sich nehmen.

Sie wollen nun alles anders machen, die großen Lebensmittelketten nicht mehr unterstützen und keinen Konzern mehr im Nacken haben. Dazu brauchen sie pro Laden ein Kapital von 120000 Euro, davon ca. 30000 Euro Startkapital. Das alles soll über Kredite finanziert werden. Von Bürgern und Bürgerinnen erhoffen sie, dass diese die Vorhaben unterstützen, indem sie Anleihen in Form von Wertgutscheinen zeichnen. Das funktioniert mit „Solidaritätstalern“, die in der Größenordnung zwischen 50 und 100 Euro verkauft werden und wie ein zinsloser Kredit wirken. Es ist also kein verlorenes Geld, denn nach zwei Jahren können die Wertgutscheine im Laden eingelöst werden. Auf Bürgerversammlungen werden die Konzepte vorgestellt.

Der erste „Drehpunkt“ wurde Mitte November 2012 in Erdmannhausen im Kreis Ludwigsburg, einem Ort mit 5000 Einwohnern, eröffnet. „Das hat Erdmannshausen noch nicht erlebt“, berichtete die Lokalpresse bei der Einweihung des Pilotprojekts. Viele Kunden und mehrere Fernsehteams zeigten Interesse. Das Projekt bekam vielfältige Unterstützung. Der Vermieter übernahm einen Teil der Renovierungskosten, während der Renovierungsarbeiten brachten Nachbarinnen Kaffee und Kuchen und viele im Ort halfen, damit es schnell ging, sogar die Bürgermeisterin. Die Solidaritätstaler werden im Rathaus verkauft. Den Schlecker-Schriftzug haben die Frauen entfernt, die blau-weiße Schrift mögen sie nicht mehr sehen. Schwarz ist die neue Schrift, mit dem kleinen p im grünen Punkt, grün und (ein bisschen) lila die Einrichtung. Die REWE-Group, ein Handlungskonzern mit genossenschaftlichen Strukturen, wird diesen und andere Drehpunktmärkte beliefern. Dass vor Beginn der Arbeiten in den betreffenden Stadtteilen Standortanalysen durchgeführt wurde, ist für die „alten Hasen“ selbstverständlich. Besonders freuen sich die Bewohnerinnen des Altersheimes im Ort, für die auch ein Lieferservice eingerichtet wurde.

Weitere fünfzehn Bürgerläden sollen eröffnet werden, z. B. in Bietigheim-Buch, Wernau im Kreis Esslingen, in Neckarweihingen, Hoheneck, Eglosheim, Welzheim, Schwaikheim und in Stetten am Kalten Markt. Ohne Resonanz und Beteiligung der Bevölkerung können die neuen Läden nicht existieren. Presseberichten zufolge ist sie überwältigend. Etliche Drehpunkte warten allerdings noch auf grünes Licht von Banken und anderen Stellen.

Das Genossenschaftsmodell schien für viele ein erstrebenswertes Modell zu sein. Genossenschaften haben eine lange Tradition. Die ersten Genossenschaften entstanden während der 1860er und 70er Jahre oft in direktem Zusammenhang mit Streikaktionen als Formen kollektiver Selbsthilfe, um entweder die gewerkschaftlichen Streikkassen zu entlasten, indem Streikende etwa die Arbeit in Genossenschaften fortsetzten, oder um im Anschluss an den Streik gemaßregelten Arbeiterinnen und Arbeitern Beschäftigungsmöglichkeiten zu eröffnen.

Das ist eine gute Tradition. Die Idee gefällt den Gewerkschafterinnen auch deshalb, weil die beteiligten Verkäuferinnen nicht einfach ihre Läden weiter führen wollen. Nach ihren negativen Erfahrungen mit dem demütigenden Unternehmer wollen sie etwas verändern. Sie wollen ihren Laden selbst betreiben, ihre eigenen Chefinnen sein. Sie wollen einen Beitrag zur Nahversorgung in kleinen Orten leisten, die sonst brach liegen würde. So bekommen auch ältere Kunden und solche ohne Auto die Möglichkeit, ohne lange Wege Dinge für den täglichen Bedarf einzukaufen. Mit viel Elan gehen sie an die Arbeit und wollen es auf jeden Fall besser machen, als der alte Arbeitgeber. Bio- und Reformware wollen sie vorhalten, das Angebot auf das Laden-Umfeld abstimmen und Kundenwünsche im Sortiment berücksichtigen.

Freilich gab es für den ersten bundesweiten Drehpunkt Anfangsschwierigkeiten. Aber die Akteurinnen verloren nicht den Mut, mit einem breiten Produktangebot machen sie weiter.

Auch wenn sie keine eingetragene Genossenschaft (eG) sind, sondern die Drehpunkte als Mini-GmbH betreiben, sind das doch Gemeinschaftsmodelle, Fenster in eine Welt ohne Konzern und ohne Chef.

Gisela Notz lebt und arbeitet als Sozialwissenschaftlerin, Historikerin und Autorin freiberuflich in Berlin. 2012 hat sie das Buch „Freiwilligendienste“ für alle. Von der ehrenamtlichen Tätigkeit zur Prekarisierung der „freiwilligen“ Arbeit im AG SPAK-Verlag Neu-Ulm veröffentlicht.

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