Oskar für Visuelle Musik

Kurzer Rückblick auf einen legendären Avantgardisten der deutschen Filmgeschichte: Oskar Fischinger (1900–1967). Bis heute ist er in Fachkreisen geehrt, dem Kinopublikum jedoch eher ungeläufig.

Oskar Fischinger stammte aus dem hessischen Gelnhausen. Nach frühem Violinunterricht und einer abgebrochenen Orgelbauer-Lehre arbeitete er als technischer Zeichner, bevor er 1922 ein Maschinenbau-Studium abschloss.

Beflügelt durch den ersten abstrakten Kurzfilm – »Lichtspiel Opus I« des Experimentalfilmemachers Walter Ruttmann – begann der angehende musische Jungingenieur bereits 1921, eigene ungegenständliche Kurzfilme zu fertigen.

Der gelernte Ingenieur konzipierte schon 1926, lange Jahrzehnte vor Musikvideo, Clip und Computergrafik, in Weimar eine visionäre Installation: die »Raumlichtkunst« – eine Multimedia-Projektion mit mehreren Leinwänden, Filmprojektoren und progressiver, perkussiver Begleitung. Noch 2012 wurde eine digitalisierte Simulation dieser Show in Melbourne re-inszeniert.

Er arbeitete als Trickspezialist mit Fritz Lang an dessen letztem Stummfilm »Frau im Mond«, produzierte neben abstrakten Kurzfilmen auch Werbefilme wie »Muratti greift ein« – eine Reklame von 1934 mit einem munteren Zigaretten-Aufmarsch für eine Tabakmarke, die bis heute besteht.

Da abstrakte Kunst dem Dritten Reich zunehmend als undeutsch galt, sah sich der Nonkonformist Oskar Fischinger gezwungen, Nazideutschland und dessen Denkweise über Kunst und ihre »Entartung« hinter sich zu lassen.

1936 kam er nach Hollywood, landete 1938 bei Walt Disney und sollte im Musik- und Zeichentrickklassiker »Fantasia« eigene visuelle Akzente setzen – im ersten der acht Segmente, in Johann Sebastian Bachs »Toccata und Fuge in d-Moll«, hier uminstrumentiert für großes Orchester.

Disney missfiel Fischingers radikales Konzept des »absoluten Films«; er wollte – und bekam – es weniger abstrakt. Fischinger wiederum, gewohnt autark zu arbeiten, fand sich bedrängt durch Disneys Erwartungen und verließ das Studio.

Er blieb in Hollywood, widmete sich fortan mehr seiner Malerei, arbeitete jedoch fallweise für die kommerzielle Filmwelt als Effekt-Animator – so auch für Walt Disneys »Pinocchio«. Fischingers atmosphärische Bach-Sequenz ist erhalten: »Fantasia« erschien 1991 in der originalen Fassung auf Laserdisc.

Fischinger, Leitfigur der Motion Graphics und der abstrakten Flachtrick-Animation, nutzte diverse Techniken für seine Filme: Kohlezeichnungen, ausgestanzte geometrische Motive, Malerei auf Glasplatten und Folien, manipulierte Schallplatten. Unzählige exakte Einzelbild-Aufnahmen brauchte es, um einfache bewegte Grundformen und Musik zu synchronisieren – um Grafik, Musik und Farbe zu magischer neuer Filmkunst zu verdichten. Das Handwerkszeug für seine innovative Technik entwarf er selbst.

Seine kurze »Studie Nr. 8« von 1931 gilt als früher Meilenstein der audiovisuellen Verbindung von Grafik und Musik: Schwarzweiß-Animation folgt hier Paul Dukas’ »Zauberlehrling«.

Der preisgekrönte elfminütige Kurzfilm »Motion Painting No. 1« von 1947 ist als »significant« im National Film Registry der U.S. Library of Congress gelistet.

Die Rechte an Oskar Fischingers Arbeiten liegen beim Center for Visual Music in Los Angeles; daher laufen frei zugänglich im Internet nur winzige Ausschnitte seiner Filme. Seine Malerei und visuell-musikalischen Kunstwerke finden sich weltweit in Sammlungen, Ausstellungen und auf gut dokumentierten DVDs.

Zu Ehren seines 117. Geburtstags am 22. Juni 2017 widmete Google dem deutsch-amerikanischen Jahrhundertkünstler ein nachempfundenes Mitmach-Google-Doodle.

Erschienen in: Lunapark21, Heft 67 (Winter 2025/26)

Eine lange Reise

Es waren persönliche Gründe, die mich 1993 kurz nach dem Studium und Engagement in der Guatemala-Solidaritätsbewegung nach Mexiko führten. Ein journalistischer Job für den Nachrichtenpool Lateinamerika (npla.de) erleichterte den Einstieg. Ohne es damals zu ahnen, bin ich geblieben – inzwischen mehr als 30 Jahre.

Am 1. Januar 1994, wenige Monate nach meiner Ankunft, traten zwei Ereignisse ein, die Mexiko stark verändern sollten. Der Freihandelsvertrag zwischen Mexiko, Kanada und den USA trat in Kraft. Und es war der Tag, an dem die indigen geprägte Zapatistische Armee der Nationalen Befreiung (EZLN) mit ihrem charismatischen weißen Sprecher Subcomandante Marcos scheinbar aus dem Nichts ihren Aufstand im südöstlichen Bundesstaat Chiapas begann. Ihre erfrischend ironischen Botschaften, die Comunicados, erregten weltweit Aufmerksamkeit und Sympathie.

Massendemonstrationen in Mexiko und internationale Proteste verhinderten, dass die Regierung unter Präsident Carlos Salinas de Gortari die Rebellion niederschlug. Nach wie vor haben die Zapatist:innen in ihrem Kerngebiet Einfluss. Es gelang aber nicht, eine landesweite zivile Massenbewegung zu organisieren. Zu zerstritten präsentierte sich die mexikanische Linke. Alle Warnungen und Mobilisierungsversuche der EZLN verhinderten nicht den Siegeszug von Neoliberalismus und Freihandel.

Die nationale Landwirtschaft ist zu großen Teilen zerstört oder wird von wenigen zumeist ausländischen Konzernen kontrolliert. Die wirtschaftliche Abhängigkeit von den USA ist enorm. Der Freihandelsvertrag NAFTA, heute TMEC, machte im Ursprungsland des Maises den Weg frei für Junk-Food, Diabetes und eine übergewichtige Bevölkerung.

Gleichzeitig sind jedoch die politischen Veränderungen im Land kaum denkbar ohne die Zapatist:innen. Ihr Auftritt stellte das bereits 65 Jahre bestehende Machtmonopol der Revolutionären Institutionellen Partei (PRI) infrage. Im Jahr 2000 verlor die PRI erstmals die Regierungsmacht. Allerdings an zwei aufeinander folgende konservative Regierungen, die den Privatisierungskurs fortführten und mit ihrem »Krieg« gegen die Drogenmafia eine Gewaltorgie auslösten.

Seit Ende 2018 ist mit der Morena-Partei eine progressive Kraft an der Regierung, die sich aber oft der Macht des Faktischen gegenübersieht. Andrés Manuel López Obrador, Präsident bis 2024, und die amtierende Präsidentin Claudia Sheinbaum haben gezeigt, dass eine umfassende Sozialpolitik möglich ist. Ebenso, dass der Staat in der Lage ist, große Projekte effizienter als die Privatwirtschaft durchzuführen. Doch eine grundsätzliche Kritik an kapitalistischen Strukturen übten sie nicht.

Mit Donald Trump als Nachbarn, der Lateinamerika offen als seinen Hinterhof ansieht, wäre dies momentan wohl auch illusorisch. Mit der zweiten Amtszeit von Trump schließt für Mexiko eine Periode ab, die 1994 begann. In gewisser Weise auch für mich als Beobachter, selbst wenn Mexiko erst einmal der Lebensmittelpunkt bleibt.

Es gibt noch eine andere Geschichte, die meine Jahre in Mexiko prägte. Neben der Tätigkeit als Journalist arbeitete ich auch als Übersetzer und Dolmetscher. Über die Lateinamerikazeitschrift ila erreichte mich 1995 oder 1996 die Anfrage eines PDS-Bundestagsabgeordneten, ob ich im Anschluss an eine Parlamentsreise privat für ihn bei politischen Terminen übersetzen könne. Der Abgeordnete hieß Winfried Wolf und das Treffen mit ihm war der Beginn einer wunderbaren Freundschaft.

Um die Jahreswende 1998/99 reisten wir für eine gemeinsame Reportage* mit der Bahn über den Isthmus von Tehuantepec vom Ölhafen Salina Cruz am Pazifik zum Ölhafen Coatzacoalcos am Atlantik. Es war einer der letzten Personentransporte auf der Strecke. Denn unter Präsident Ernesto Zedillo wurde die Bahn privatisiert und der Personenverkehr landesweit nahezu stillgelegt. Die Strecke über den Isthmus sollte für den Güterverkehr ausgebaut werden und vor allem den USA eine Alternative zum Panamakanal bieten.
Später gewann mich Winnie für eine gelegentliche Mitarbeit bei Lunapark21. Zuletzt traf ich ihn in Potsdam, wenige Monate vor seinem Tod.

Winnie war trotz Krankheit optimistisch, wollte sogar eine Mexikoreise nicht ausschließen.
Inzwischen ist der Ausbau des interozeanischen Korridors so gut wie fertig. Mit vielen der negativen Konsequenzen, die wir vor 27 Jahren skizzierten. Wenigstens wurde der Personenverkehr wieder aufgenommen. Wie gern wäre ich die Strecke noch einmal mit Winnie gereist.

*https://www.rosalux.de/fileadmin/rls_uploads/pdfs/103_4_Schmidt.pdf

Erschienen in: Lunapark21, Heft 67 (Winter 2025/26)

Range Extender

Was Friedrich Merz verlängert

Bundeskanzler Merz interessierte sich bei der Internationalen Automobil-Ausstellung in München vor allem für den Range Extender. Den als Reichweitenverlängerung getarnten Explosions-Hilfsmotor von Elektrofahrzeugen setzte er als Position der Bundesregierung gegen die EU-Vorschriften zur CO2-Minderung durch.

Reichweitenverlängerung bei Elektroautos hört sich an wie ein Zusatz, um die Speicherfähigkeit von Batterien zu erhöhen. Tatsächlich handelt es sich bei der Technologie, deren Innovationskraft Merz im September am Stand von BMW bewunderte, um einen einfachen Benzin- oder Dieselmotor, der während der Fahrt die Batterie wieder auflädt. Weil er deshalb ohne Getriebe immer mit leistungsoptimaler Drehzahl wirken kann, gilt die Ergänzung des Elektromotors durch einen Explosionsmotor als hocheffizient – ist aber auch hocheffizient beim Ausstoß von Schadstoffen.

Bei allen Elektrofahrzeugen gilt der Grundsatz, dass die Art der Erzeugung der Elektrizität bestimmt, ob ein solches Fahrzeug CO2 ausstößt oder nicht. Elektrofahrzeuge sind nicht an sich klimafreundlich, sondern nur, wenn der Ladestrom ohne CO2- 64 Ausstoß aus erneuerbaren Energiequellen stammt – in Deutschland nur etwa zur Hälfte des Verbrauchs. Der Reichweitenverlängerer stößt als Explosionsmotor garantiert CO2 aus, wenn er nicht mit Wasserstoff und dessen Derivaten betankt wird, die noch nicht zur Verfügung stehen. Wozu ist bei Elektromotoren also die Benutzung einer veralteten Technik notwendig?

Da es in Deutschland kein Tempolimit auf Autobahnen gibt, fahren Elektroautos bei höheren Geschwindigkeiten unter exorbitantem Stromverbrauch. Um eine Masse auf die doppelte Geschwindigkeit zu bringen, ist aus physikalischen Gründen das Vierfache der Energiemenge notwendig. Weil die Fahrzeuge auf hohe Geschwindigkeiten ausgerichtet sind, die allein in Deutschland zulässig sind, schleppen sie ein Mehrfaches an Batteriegewicht mit sich, was wiederum unnötig viel Elektroenergie verbraucht. Um bei diesen schweren und schnellen Fahrzeugen dennoch eine angemessene Reichweite bis zur Neuladung zu erreichen, werden sie zusätzlich mit einem Explosionsmotor versehen. So lässt sich kein Weltauto bauen.

Elektroautos werden trotz der Tatsache, dass ihr CO2-Ausstoß von der Art der Stromerzeugung abhängt, als nachhaltige Fahrzeuge ohne CO2- Ausstoß gerechnet. Offenbar sollen die Elektroautos mit Explosionsmotor als Hybride oder mit Range Extender als nachhaltige Fahrzeuge gewertet und vom Verbot der Zulassung von CO2-ausstoßenden Fahrzeugen ausgenommen werden.

Wie schon beim Abgasskandal, bei dem die Innovation darin bestand, die Zulassungsbehörden über den tatsächlichen Abgasausstoß zu täuschen, will Merz der Autoindustrie dazu verhelfen, ihre dicken übermotorisierten Kaleschen auch weiterhin zu verkaufen und dennoch die formalen Vorschriften einzuhalten.

Was immer an Reichweite der Range Extender verlängert, dehnt er die schlichte Lüge in die Zukunft aus, formal einen unnötigen Schadstoff- Ausstoß wegzurechnen, ohne dass CO2 eingespart wird. Ein Tempolimit auf Autobahnen auf 130 km/h würde deutlich mehr an Emissionen einsparen – nicht nur beim Fahrzeugbetrieb, auch beim Autobau und bei der Einrichtung der Infrastruktur –, als der Hilfsmotor für schnelle Herrenfahrer je zu sparen vermag.

Reichweitenverlängerer sind eine benzingetriebene Lüge mit technischen Mitteln, von der Bundeskanzler Merz wird nachträglich sagen können: Der Weltuntergang fand unter peinlicher Einhaltung aller formalen Vorschriften statt.

Erschienen in: Lunapark21, Heft 67 (Winter 2025/26)

Verbindende und trennende Interessen

Zur Stellung der Werktätigen in einer dynamischen Wirtschaft

»Klassengesellschaft akut – Warum Lohnarbeit spaltet und wie es anders gehen kann« lautet der Titel des Buchs von Nicole Mayer-Ahuja, das im September bei C. H. Beck erschienen ist. Vermutlich ist es der Verlag gewesen, der den Buchtitel auswählte. Die Autorin, Professorin für Soziologie an der Universität Göttingen, hätte gewiss anders formuliert, vielleicht »Chancen zur Überwindung von Spaltung in Prozessen der Klassenformierung«. Aber eine solche Wortwahl wäre wohl nicht als verkaufsfördernd eingeschätzt worden.

Klassenformierung ist zentraler Begriff des Werks, in dem Mayer- Ahuja die Auffächerung der Masse der Lohnabhängigen in die diversen Segmente unterschiedlicher Rahmenbedingungen nachzeichnet und deren jeweils spezifische Wirkungen auf die Beschäftigten analysiert. Dabei greift sie auf eine Fülle arbeitssoziologischer Studien und Umfragen zurück, unter namentlicher Nennung sämtlicher Autor:innen, so dass ihr Buch auch als Resümee des aktuellen Forschungsstands gelten darf.

Die Lektüre ist hochinteressant, sofern man sich vom wissenschaftlichen Sprachduktus und Kapitelüberschriften wie »Leiharbeit zwischen organisatorischer Abgrenzung und widersprüchlicher Kooperation im Arbeitsprozess« nicht abhalten lässt.

Die zitierte Zeile weist schon darauf hin, dass eine Untersuchung von Wirkungen in verschiedene Richtungen folgen wird. Mayer-Ahuja nimmt – anders als der Buchtitel kündet – die Fragmentierungen innerhalb von Lohnarbeit in ihrer Dialektik in den Blick, hinsichtlich der spaltenden wie solidarisierenden Impulse. So führe etwa ›Management by 36 Race‹, also die unternehmerische Strategie, Arbeitsprozesse nicht nur organisatorisch, sondern zugleich ethnisch zu trennen, um Kooperation zu behindern, häufig zu einer Verbundenheit im Kleinen mit Möglichkeiten der Solidarisierung und Mobilisierung, wie 1973 beim Streik türkischer Arbeiter bei Ford in Köln.

Gruppenarbeit etwa, mit der auch deutsche Unternehmen seit der Wirtschaftskrise 1973/74 nach dem Vorbild des japanischen Autoherstellers Toyota zu experimentieren begannen, befördere die Ausbildung eines Wir-Gefühls, berge aber auch die Gefahr einer Beschränkung von Solidarität auf das einzelne Team. Die mit Gruppenarbeit einhergehende Verlagerung von Verantwortung nach unten könne zur Identifikation mit dem Unternehmen und Akzeptanz der Marktanforderungen verleiten.

Andererseits schließt solch eine Identifikation die mit dem Produkt und einen Stolz auf die eigene Arbeit ein, was auch jenseits von Gruppenarbeit schon zur Verteidigung der Qualität des Produkts gegen Bestrebungen des Unternehmens zur Senkung der Produktionskosten geführt hat.

Klasse

›Klasse‹ werde meist noch ahistorisch und im Sinne Max Webers als Ding, »als Bestandteil einer festgefügten ›Sozialstruktur‹ behandelt«, so dass Individuen einem Kategoriensystem zugeordnet werden könnten. Klasse müsse dagegen »als soziales Verhältnis, als strukturierender Prozess« verstanden werden. Das sei nicht allein als wissenschaftlicher Anspruch zu verstehen, sondern auch wichtig, um sich seiner persönlichen Stellung und Interessen bewusst zu werden.

Neben der Klassenzugehörigkeit begründeten noch andere Faktoren soziale Ungleichheit – Geschlecht, ethnischer Hintergrund, Migrationsstatus –, doch wirkten diese »nicht jenseits, sondern mitten in der Klassengesellschaft.« Lohnabhängigkeit, die heute rund 90 Prozent der Bevölkerung vom Minijob bis ins Management einschließe, zeichne sich durch den Zwang zum Verkauf der Arbeitskraft, durch Ausbeutung und Fremdbestimmung aus, wobei die eingetretene gesellschaftliche Ausdifferenzierung Verbindendes in den Hintergrund treten lässt und daran hindert, die gegensätzlichen Interessen von Unternehmen und Beschäftigten zu erkennen, wie auch die grundsätzliche kapitalistische Logik in Frage zu stellen.

Positiv sei die Entwicklung zu rechtlicher Gleichstellung von Arbeitenden und Angestellten zu werten, die 1956/57 mit einem Streik der Beschäftigten in der westdeutschen Metallindustrie einsetzte. Infolge einer fachlichen Ausdifferenzierung in beiden Gruppen, hätte sich die Unterteilung seither verwischt, zumal auch Angestelltentätigkeiten in zunehmendem Maße Rationalisierungen tayloristischen Stils unterworfen wurden.

Dagegen habe sich das ›Normalarbeitsverhältnis‹ der 1980er Jahre – integrierte Belegschaft in Vollzeit, Schichtdienst, mit direkten und unbefristeten Verträgen – zergliedert, so dass Beschäftigte in Leiharbeit, mit Werkvertrag oder als Solo- Selbständige einer Kernbelegschaft gegenüberstehen. Ganze Bereiche sind ausgelagert an prekäre Randbelegschaften. Viele sind in Teilzeit beschäftigt oder in sozialversicherungsfreie Minijobs gedrängt. So liege der Anteil der Teilzeitbeschäftigten im Gesundheitssektor über 50 Prozent, in Altenheimen und ambulanten Pflegediensten sogar bei zwei Dritteln.

Gegen den Raubbau an ihrer Arbeitskraft verteidigen die Beschäftigten nicht zuletzt deren Reproduktion und leisten zugleich einen Beitrag zur Stabilisierung des Systems. Wenn jedoch »viele qualifizierte Pflegekräfte in Krankenhäusern in den letzten Jahren ihre Arbeitszeit verkürzt oder den Beruf sogar ganz aufgegeben haben«, sollte das als Warnsignal verstanden werden.

Fraktionierungen

Besonderes Augenmerk richtet Mayer-Ahuja auf patriarchale Strukturen, durch die weibliche Beschäftigte benachteiligt werden, und auf Auswirkungen von Rassismus. Bei letzterem wirken staatliche Migrationspolitik und unternehmerische Personalpolitik zusammen, wenn etwa in der Fleischindustrie vorzugsweise Personen beschäftigt werden, deren Rechtsansprüche aufgrund fehlender Staatsbürgerschaft gering sind. Sofern das Aufenthaltsrecht an Erwerbsarbeit gekoppelt ist, sind Geflüchtete gezwungen, »jeden Job anzunehmen, um nicht in Krieg und Elend zurückgeschickt zu werden«.

Selbst in Unternehmen, die auf 37 Gleichheit aller Beschäftigten setzen, landen Migrant:innen vermehrt auf unteren Ebenen, da ihre Berufsabschlüsse in Deutschland vielfach nicht anerkannt werden. Fehlende Sprachkenntnisse und ungesicherter Aufenthaltsstatus tun ein Übriges. So wird beispielsweise die Reinigung von Büros fast ausschließlich von Migrant:innen erledigt, die sich gegen Arbeitsverdichtung nur schwer wehren können. Wurden »im Jahr 1980 im öffentlichen Dienst noch zirka 85 Quadratmeter pro Person und Stunde gereinigt, waren es in privaten Reinigungsfirmen in den 1990er Jahren bereits bis zu 270 Quadratmeter«.

Dieser Artikel kann nur wenige Schlaglichter auf die umfänglichen Betrachtungen der diversen Umstände werfen, unter denen Lohnarbeit sich vollzieht und die Mayer-Ahuja auf ihre Möglichkeiten hinsichtlich politischer Erkenntnis der Beschäftigten und deren Selbstorganisation untersucht. Das Buch sei allen Betriebsräten, Vertrauensleuten und sozialpolitisch Interessierten empfohlen. Es hilft, Interessenlagen zu identifizieren und sich gegen vorgebliche Sachzwänge und postulierte Alternativlosigkeiten zu immunisieren.
Ein Buch kann nicht alles. Die Autorin schränkt ein: »Wir haben uns hier vor allem mit der arbeitenden Klasse befasst. Für die Seite des Kapitals steht eine entsprechende Analyse noch aus.“ Wir dürfen gespannt sein.

Nicole Mayer-Ahuja: Klassengesellschaft akut – Warum Lohnarbeit spaltet – und wie es anders gehen kann. München 2025.