Flaschenpost – unzeitgemäße Kommunikation?

Über eine Obsession und eine Ausstellung des Lunapark21-Gestalters Joachim Römer

Gerd Michalek in Lunapark21 – Heft 30

Warum kritzeln Menschen Botschaften auf einen Zettel, um sie per Flasche in den Fluss zu werfen? Man könnte doch blitzschnell eine E-Mail senden! Antworten auf die Frage sucht der Gestalter von Lunapark21, Joachim Römer, seit 1998. Damals fand der Kölner Graphiker und Künstler am Rhein seine erste Flaschenpost bei ausgedehnten Uferspaziergängen. Sozusagen als „Beifang“ zu anderem Treibgut, das er künstlerisch verwertete. Mittlerweile sind ihr gut 1400 Flaschenposten gefolgt. Welche Obsession treibt Römer an? Das erfasst man am ehesten als teilnehmender Beobachter bei einer seiner Exkursionen. An einem trockenen Novembertag – im Kölner Norden unweit der Mülheimer Brücke – steigt der 58jährige eine steile Treppe bis fast zur Wasserlinie herunter. Leichtfüßig bewegt sich Römer über glitschige Basaltblöcke. Eine halbe Stunde vergeht. Dann ein gezielter Blick auf eine grüne Flasche. Schon von außen ist ihre message lesbar:

Da steht Felix – Lennard – Hanni. Mehr nicht. Und dann ganz viele Herzen. Ich denke, das sind Kiddies, die verliebt sind und ihrer Verliebtheit ein schwimmendes Denkmal gesetzt haben.

Er steckt den neuesten Fund in den Rucksack. Ein Lächeln huscht über sein wettergegerbtes Gesicht. Schatzsucher-Glück. Zuhause reinigt er die Flasche und überträgt den Text in ein Flaschenpost-Journal. Ob er etwas findet – und was es ist, lässt sich nicht planen. Gerade darin besteht der Reiz.

Ich muss eine innere Ruhe haben, ich muss spazieren gehen wollen. Einfach den Fluss genießen, die Schiffe, das Wetter, und dabei meine Augen unscharf stellen. Und dann muss ich geduldig gehen, dann kann es passieren, dass ich mit so einer Haltung acht Kilometer stundenlang am Rhein gehe und nichts finde! Es kann aber auch passieren, dass ich auf 500 Metern 20 Flaschen finde.

Der Kölner Künstler sucht auf beiden Rheinseiten – vor allem auf Kölner Stadtgebiet, aber auch darüber hinaus bis Königswinter im Süden und Düsseldorf im Norden. Egal, ob nun Niedrig- oder Hochwasser ist: Er findet Flaschen, die Jahrzehnte, manche, die nur wenige Tage unterwegs waren. In den ersten Januartagen gehen ihm vor allem schwimmende Neujahrsgrüße „ins Netz“. Vorsätze fürs neue Jahr. Es gibt zig Anlässe, um dem Rhein eine Botschaft zu schenken. Das merkt man, wenn man Absender trifft. Etwa Simone (30) aus der Nähe von Koblenz.

Diese Kontaktanzeige per Flaschenpost war eigentlich aus dem Spaß heraus geboren, ich war zu dem Zeitpunkt Single und habe gedacht, ich habe ja nichts zu verlieren und das ist vielleicht mal ne andere Art, jemanden kennen zulernen. Und deshalb haben wir das gemacht.

Noch vor der Jahrtausendwende hat ein 14jähriger seine Post schwimmen lassen:

Lieber Finder, diese Flaschenpost wurde anlässlich unseres Grillfestes am 28. Juni 1997 in Köln-Rodenkirchen in den Rhein geworfen.

Melanie, eine junge Erzieherin vom Niederrhein, hatte ganz andere Ideen:

Ich war bei meinem Junggesellen-Abschied unterwegs mit meinen Mädels. Die haben mir ne Flaschenpost geschenkt mit einem Stift und nem Zettel. Ich durfte einen Wunsch drauf schreiben, den dann in den Rhein schmeißen. Ich habe drauf geschrieben: „Ich habe den Mann meiner Träume gefunden, Wunsch erfüllt. Ich wünsche dir, lieber Finder, genauso viel Glück im Leben!“

Alle drei – Simone, Melanie und jener Mann, der vor 17 Jahren am Rheinufer grillte – freuten sich mächtig, als sie von Joachim Römer Post bekamen. Da war es zu verschmerzen, dass Römer nicht ins Beuteschema der Kontaktanzeige passte (Simone hat anderweitig einen Freund gefunden).

Alle drei Flaschen stehen mittlerweile im „Museum am Strom“ in Bingen nahe Mainz. Unter vielen anderen: Pillendöschen, Kürbisflaschen, 2-Liter-Plastikflaschen. „1001 Flaschenpost“ heißt das Kunstwerk. Römers Schätzchen stehen dezent beleuchtet und chronologisch geordnet in Glas-Vitrinen, was Besuchern gut gefällt. Wer die vielen Regalmeter durchstöbert, ist gerührt, seine eigene Flasche zu entdecken. Dafür sind zwei Kölner Mädchen 150 Kilometer nach Bingen gereist.

Als wir sie dann gefunden haben, war es auf jeden Fall cool dann zu sehen, weil es nicht nur eine einzelne Person gefunden hat, sondern jetzt auch Teil von etwas Größerem ist – Teil einer Kunstausstellung!

Nicht selten formulieren Menschen in den Flaschenposten auch Sorgen, Nöte und Ängste. Warum man die in Zeiten des Internets einem Fluss anvertraut, erklärt sich Römer so:

Wenn ich eine Nachricht so deponiere, dass potentiell jemand die finden kann, dann habe ich einen letzten Rest Hoffnung, dass die jemand findet. Dass dieser Mensch anders ist als diejenigen, die ich bisher kennengelernt habe. Da ist irgendeine Utopie drin, dass es irgendwo am Fluss einen Mensch gibt, der mir helfen kann – oder mir gut tut.

Teilweise drehen sich Nachrichten um Lebensbeichten, herbe Enttäuschungen, persönliche Abrechnungen.

Hey du! Ja du! Heute vor einem Jahr begann die schlimmste Zeit für mich. Jetzt rechne ich mit dir ab. Du hast mich Jahre lang gequält. Du hast mich Jahre lang kaputt gemacht. Du hast mich Jahre lang belogen. Du hast mich Jahre lang betrogen!

Manche handeln von Trauer und Abschiednehmen.

Da war eine von einem Vater und einer Mutter – und was ich dem Text entnehmen konnte, dass ein Kind entweder früh gestorben oder unter der Geburt gestorben ist, ein Abschied der beiden an das Kind, wo sie schreiben: „Es ist schade, dass du keine Chance hattest zu leben.“

Nachdenklich hat Römer auch diese Flasche gemacht:

Ich habe eine gefunden, da waren zwei sündhaft teure Titanringe drin. Da hat ein Ehepaar beschlossen: „Die Ehe hat uns nicht gut getan.“ Und sie haben offenbar in einem rituellen Akt – mit einem schönen Begleitbrief verbunden – dem Rhein ihre Ringe übergeben.

Jedem, der seine Adresse hinterlässt (das betrifft etwas mehr als ein Drittel aller „Flapos“), schreibt Römer eine Antwort. Doch absolut tabu ist es für ihn, sich in eine verkrachte Beziehung einzuschalten. Römer will die message einfach nur verstehen. Dafür recherchiert er im Internet oder fragt Freunde um Rat. Wie kürzlich bei einer Botschaft mit religiösem Inhalt.

Verse aus dem Koran. Ich bin damit zuerst zu einem marokkanischen Cafe hin, wo ich die Leute kenne. Und die Männer dort sind alle schrecklich aufgeregt gewesen und sagten, das sei alles schwarze Magie. „Das dürfen wir gar nicht lesen!“ Bis ich eine Marokkanerin gefunden habe, die mir die Sachen übersetzte. Die lachte und sagte: Die Männer können vom Koran nicht so viel verstanden haben.

Es handelte sich schlicht um Suren, die jemand aus dem Koran kopiert und auf die Reise auf dem Fluss geschickt hatte.

Banales und Abstraktes – prinzipiell jedes Thema kann in einer Flaschenpost landen, sogar Reflexionen über das Medium selbst.

Je kontrollierbarer also die Telekommunikation wird, desto unkontrollierbarer wird die Isolation des einzelnen. Bei der Flaschenpost hingegen wird die Kontrolle abgegeben an den Fluss. Wie weit die Flaschenpost transportiert wird, wo sie landet, und strandet, wer sie findet, das alles liegt in der Macht des Flusses. Ist die Kommunikation im Fluss, kann die Isolation durchbrochen und beendet werden!

Kein Wunder, dass Flaschenposten den Kölner Künstler noch weit über die Ausstellung hinaus beschäftigen werden. Sie endet am 1. November in Bingen, um dann nach Duisburg ins „Museum der Deutschen Binnenschifffahrt“ umzuziehen.

Römer sieht sich zwar als wissenschaftlich und künstlerisch-philosophisch geprägten Menschen. Doch bei seiner Flaschenpost-Obsession ist auch Aberglaube im Spiel. Er würde niemals eine „message in a bottle“ abschicken:

Ich hätte das Gefühl, wenn ich ne Flaschenpost in den Rhein werfen würde, von da an würde ich selber keine mehr finden!

Material: Noch eine Flaschenpost

Gerd Michalek lebt als freier Radiojournalist in der Nähe von Köln. Ein Schwerpunkt seiner Arbeit bilden Berichte über Sportthemen jenseits von Rekorden und großem Geschäft. Eines seiner jüngsten längeren Features handelte z. B. von Seniorinnen und Senioren, die teils bis ins hohe Alter ihrer sportlichen Leidenschaft nachgehen.

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