Frauensache Hafenarbeit?

Ein Besuch in der FrauenFreiluftGalerie Hamburg
Elisabeth von Dücker. Lunapark21 – Heft 25

Am Altonaer Elbufer in Hamburg gibt es eine Open Air Galerie. Wie eine Bildspur begleitet sie den Fluss auf zwei Kilometern und ist inzwischen auf 15 Wandgemälde angewachsen. Diese erzählen von kaum Wahrgenommenem, vom Wandel weiblicher Erwerbstätigkeit und Wirtschaftskraft im Hafen seit der Wende ins 20. Jahrhundert. Arbeitssituationen und Porträts von Hafenfrauen als großformatige Collagen an Hauswänden, Mauern und Treppen gemalt, bieten punktuell Einblick in eine für die Öffentlichkeit nahezu unzugängliche Hafen-Arbeitswelt. Denn der Hafen ist mittlerweile, wie nahezu überall, no go area.[1]

Künstlerinnen aus Hamburg und Übersee gestalten die Gemälde in verschiedenen Stilrichtungen und ästhetischen Positionen. Die Bildinhalte werden von Kultur- und Sozialwissenschaftlerinnen erforscht. Die Projektleitung ist ein langjähriges Team: die Hamburger Künstlerin Hildegund Schuster, Wandmalerin und freie Mitarbeiterin der Hamburger Kunsthalle, und die Kunsthistorikerin Elisabeth von Dücker, Kuratorin der Galerie.[2]

Die FrauenFreiluftGalerie Hamburg existiert seit 1994 als autonomes Langzeitprojekt, getragen durch private und öffentliche Gelder sowie von frauenpolitischem Engagement.

Die Idee der Galerie: mit künstlerischen und dokumentarischen Mitteln hafenbezogene Frauenarbeit in den Blick nehmen und als Kunstwerke im öffentlichen Raum gestalten. Auch wenn der Hafen oft noch als „Männersache“ gilt, gelingt es Frauen zusehends, dort Fuß zu fassen, die Berufsleiter hoch zu klimmen und die gläserne Decke zu durchstoßen mit der erkennbaren Tendenz von mehr qualifizierten Hafenjobs für Frauen.

Augen öffnen für Geschichte und aktuelle Perspektiven weiblicher Berufstätigkeit im Hafen ist ein zentrales Anliegen des Projektes. Beim Spaziergang durch die Gemäldegalerie kann so ein Stück Stadtgeschichte im Wandel sichtbar werden und ein „Anderer Hafen“, in dem die Geschlechterklischees verblassen zugunsten einer gewandelten Hafenwirklichkeit, in der weibliche Fachkräfte heute allmählich zahlreicher und selbstverständlich werden.

Zuvor ist allerdings eine Begriffsklärung notwendig: Hafenarbeit galt in westlichen Ökonomien lange Zeit als Männern vorbehaltene Tätigkeit, direkt mit dem Umschlag, Transport und Lagern verbunden. Als Automatisierung Muskelkraft ersetzte, hätten Frauen hier Arbeitskolleginnen werden können.

Weibliche Arbeitskraft war schon immer am Wirtschaften im Hafen beteiligt, blieb meist aber unbemerkt, galt als minder- bzw. unbezahlte Frauensache wie Putz- und Carearbeit. So zählt zum Perspektivwechsel feministischer Forschung hierzulande auch dies: Sichtbarmachen der im Schatten liegenden, als typische einfache, leichte Frauenarbeit geltende Tätigkeiten und damit die Definitions-Erweiterung um solche Jobs, ohne die die Hafenarbeit nicht funktionieren würde. In den letzten Jahren sind zunehmend qualifizierte Berufsfelder für Frauen entstanden. Da zum Bereich Hafen nur wenig statistische geschlechtsspezifische Zahlen vorliegen, muss auf Information von Einzelbetrieben zurückgegriffen werden. Die Recherchen für unser Projekt ergeben das folgende Bild: Zu Beginn des 21. Jahrhunderts öffneten sich im Hafen etliche, bis dahin klassische Männerberufe auch für Frauen: Hafen- und Binnenschifffahrt, Logistikfacharbeit, Van-Carrier- und Brückenfahren, Ingenieurtätigkeit in leitender Position in städtischem oder privatem Betrieb sowie Aufgaben in Betriebsrat und Gewerkschaft gelangten in weibliche Hand. Der Frauenanteil beim größten Logistikunternehmen im Hafen, der HHLA, lag beispielsweise im Geschäftsjahr 2012 bei knapp 14 Prozent.[3] Auch eine Studie der TU Hamburg-Harburg (2012) stellt wachsende Bereitschaft der Hafenunternehmen zur Einstellung von Frauen als kaufmännische Logistikfach- und Logistikführungskräfte fest, geringer sei sie allerdings bei den technisch-gewerblichen Kräften.[4]

Das Wandbild-Projekt fokussiert seit Beginn seiner Arbeit auf die Um-Definition hafenbezogener Arbeit als im und für den Hafen ausgeführter Tätigkeit. Dieser Blickwechsel hat viele hafenbezogene Frauenberufe sichtbar gemacht – die Fischarbeiterin aus Portugal, die Putz- oder Bürokraft im Hafenbetrieb, die selbständige Sexarbeiterin am Uferstrich, die Kaffeeverleserin im Hafenstreikjahr 1896, die verdrängte Geschichte der Zwangsarbeit im Hafen 1944, die Funkerin an Bord zu Zeiten akuten „Männermangels“ der 1950er Jahre, die weibliche Fachkraft für Hafenlogistik seit 2006, die Ingenieurin als Terminalentwicklerin 2013 im größten Hafenumschlagsunternehmen der Stadt.

Ein Stück Stadtgeschichte/n im Wandel ist beim Gang durch die Open Air Galerie zu entdecken, künstlerisch gestaltete und sozialhistorisch erforschte Antworten auf die Frage: ist der Hafen wirklich immer noch männlich? Einige Verweise:

Beispiel 1: Die beliebten Rollmöpse werden auch heute noch vielfach von Hand gedreht, weil Maschinen den zarten Rohstoff Hering nicht schonend genug zu verarbeiten vermögen. Arbeit bei den Fischen war immer schon geschlechtsspezifisch organisiert. Die Geschlechterarrangements hier muten wie ein Lehrstück klassischer Stereotypen an: normative Männlichkeits- und Weiblichkeitsmuster allerorten.

Frauen gelten als fingerfertig, geduldig, geeignet für die „soft skills“ und die haushaltsnahen Arbeitsweisen. Zugeschrieben wird ihnen auch die Eignung für die körperlich als leicht eingestuften Tätigkeiten – das schlug sich in der Bewertung bzw. Entlohnung nieder: In der BRD gab es bis ca. 1975 sog. Leichtlohngruppen für gewerbliche Frauenjobs, die mit bis rund 40 Prozent weniger entlohnt wurden als die typischen Lohngruppen für Männerjobs. Männer gelten im gewerblichen Bereich gemeinhin als diejenigen, welche die als körperlich schwer eingestuften Tätigkeiten ausüben, in den Lohntarifen bezeichnet mit Verantwortung oder Bedienen von Fahrzeugen und Maschinen. Und es begründet die Lohndifferenz der Frauen- und Männerjobs bis heute.

Der Zählebigkeit solch industriegesellschaftlicher Geschlechterkonstruktion liegt bekanntlich eine strukturelle und kulturell-symbolische Verknüpfung von Männlichkeit mit Erwerbsarbeit zugrunde. Dem „strong male breadwinner“-Modell – der Mann bringt die Brötchen heim – steht dem weiblichen Pendant einer „Verfügbarkeits-Kultur“ von Teilzeitjob oder Doppelschicht zur Seite: ein Zuständigsein für familiäre bzw. Reproduktions-Arbeit. Solche Arrangements sorgten viele Generationen dafür, dass alles beim Alten blieb: So gibt es in der Fischindustrie, wie auch in anderen Branchen, ein „petrified system of gendered labour“ im Sinne der Historikerin Maria Grever – ein versteinertes System geschlechtsspezifischer Arbeit.[5] Zur schlechten Entlohnung kam geringes Ansehen: Die Arbeit galt als anrüchig und zu Beginn des Wirtschaftswunders wurden gerade hier Arbeitskräfte knapp. So begann die hamburgische Fischbranche bereits 1961 Gastarbeiter und Gastarbeiterinnen anzuwerben. Migranten und Migrantinnen aus den Mittelmeerländern nahmen die Arbeit auf, die nach den Worten eines Betriebsrats „Deutsche nicht mehr machen wollten“.[6]

Beispiel 2: Die Saisonarbeiterinnen beim manuellen Kaffeesortieren. Die Kaffeeverleserinnen bildeten die „weibliche Speerspitze“ beim großen Norddeutschen Hafenarbeiter-Streik im Jahr 1896. Erreichen konnten sie, zumindest für eine Saison, höhere Löhne, eine Aufhebung der Strafgelder für Singen und Reden am Arbeitsplatz sowie ein Verbot des Säckeschleppens.

Beispiel 3: Zu den verdrängten Seiten der Hafengeschichte gehört die Zwangsarbeit weiblicher KZ-Häftlinge. Eine von ihnen ist Lucille Eichengreen aus der jüdischen Kaufmannsfamilie Landau. Als 18-jährige wurde sie mit Schwester und Eltern ins KZ Lodz verschleppt. Nach der Selektion musste sie 1944 im Hafen ihrer Heimatstadt Bombentrümmer beseitigen. Als einzige ihrer Familie hat Lucille Landau überlebt und emigrierte in die USA. Eine Station der FrauenFreiluftGalerie ist ihr und den 500 KZ-Frauen vom Dessauer Ufer gewidmet. Das Bild wurde zum 50. Gedenktag am 8. Mai 1995 von ihr persönlich eingeweiht.

Eine stadteigene Wand war zuvor versagt worden. Man hatte Bedenken, die Bildthematik könne Mieter abschrecken. Die benachbarte Lawaetz Stiftung ersparte der Stadt die Blamage und stellte eine Wand zur Verfügung.[7]

Ein weiteres Bild thematisiert eine Novität der Arbeitswelt Hafen: Erst 2006 waren in Hamburg Frauen für den Job an Containerbrücken der HHLA zugelassen, ausgebildet als Fachkraft für Hafenlogistik. Im operativen Bereich am Kai arbeiten seit 2010 zehn Frauen, vormals war dieser Bereich exklusiv Männern vorbehalten.[8] Irritierenderweise sind die im Blaumann dargestellten Frauenfiguren mit sexistischen Schmierereien übel zugerichtet.

Die FrauenFreiluftGalerie bildet eine kulturelle „Perlenkette“ eigener Art. Sie legt zwischen die seit den 1990er Jahren errichteten, teils megaloman wirkenden Neubauten der Dienstleistung, Büroarbeit und der Touristik eine Spur visueller NachDenkMale: Erinnerungsspuren der entschwindenden oder unsichtbaren Geschichte weiblicher Hafenarbeit werden verknüpft mit aktuellen Perspektiven von heute hier beschäftigten Frauen. Reflektion wird zu Bildcollagen verdichtet, ist Intervention, Gesprächsanlass, ein besonderes Memento. Als republikweit einzige Open Air Galerie zu hafenbezogenen Frauenberufen gehört sie mittlerweile zum „weiblichen Profil“ Hamburger Kultur und knüpft an die Philosophie der mexikanischen Wandbildbewegung muralismo an als eine Kunst im öffentlichen Raum des 20. Jahrhunderts.

Die Neue Frauenbewegung hatte sich ja aufgemacht, Frauenhistorie in die Geschichte einzuschreiben. Hier wird sie der Stadtgeschichte eingemalt.

Elisabeth von Dücker ist promovierte Kunsthistorikerin und war bis 2007 am Altonaer Museum und Museum der Arbeit in Hamburg tätig, Ihr Buch SEXARBEIT. Prostitution – Lebenswelten und Mythen wurde als „Schönstes Deutsches Buch 2006“ der Stiftung Buchkunst ausgezeichnet. Sie ist freiberuflich als Autorin und u. a. als Kuratorin des Open Air-Projekts FrauenFreiluftGalerie Hamburg tätig sowie ehrenamtlich in der Hamburger Geschichtswerkstatt Ottensen.
www.frauenfreiluftgalerie.de

Anmerkungen:

[1] Nach den Anschlägen vom 11. September 2001 kam es auch im Hamburger Hafen zu neuen Vorschriften zum Schutz der internationalen Seeschifffahrt im ISPS-Code (International Ship and Port Facility Security Code), um den unkontrollierten Zugang von Personen zu Hafenanlagen und auf Schiffe zu verhindern. Sie sind seit 1. Juli 2004 in Kraft.

[2] Bis Anfang 2010 gehörte die Sozialwissenschaftlerin Emilija Mitrovic zum Leitungsteam.

[3] Der Anteil der dort beschäftigten Frauen lag 2012 bei 13,9 Prozent. Der Frauenanteil unter den Auszubildenden lag 2012 bei 26 Prozent. Im Führungskräfte-Nachwuchsprogramm lag der Anteil der Teilnehmerinnen bei rund 30 Prozent. (Angaben Pressereferat HHLA, Dez. 2013).

[4] Wolfgang Kersten, Meike Schröder (Hg.): Qualifizierung in der Logistik. Anforderungen am Standort Hamburg, Hamburg 2012, S. 26. Die Studie führt für 2010 folgende Zahlen zur Geschlechterstruktur im Logistikberuf auf: Metropolregion Hamburg: 82,3 Prozent männlich, 17,7 Prozent weiblich (S. 12).

[5] Maria Grever in: Museumsblatt. Mitteilungen aus dem Museumswesen Baden-Württembergs, hrsg. von der Landesstelle f. Museumsbetreuung Baden-Württembergs, Heft 34, April 2003, S. 5-7.

[6] Elisabeth von Dücker: „Wir haben immer nach Essig gestunken, aber was soll´s, man musste ja Geld verdienen“. Arbeitsbedingungen Hamburger Fischarbeiterinnen, in: „nicht nur Galionsfigur. Frauen berichten von ihrer Arbeit im Hamburger Hafen“, hrsg. v. Arbeitskreis Frauen und Museum der Arbeit Hamburg, 1989, S. 101.

[7] Die Stiftung fördert Projekte, die Wohn-, Arbeits- und Ausbildungsplätze für sozial benachteiligte Menschen schaffen. Die Wand gehört zum Gebäude der Manufaktur des Daniel Lawaetz, der hier 1802 einen „Tempel der Thätigkeit“ errichten ließ für die erwerbslose, auch viele Frauen umfassende Pauperbevölkerung [verarmter Teil der Bevölkerung].

[8] Die letzte Kranfahrerin in Hamburgs Hafen, Ida Gellert, war Interviewpartnerin im Rahmen der Recherchen für das Frauenwandbild von 1989. Als in Rostock ausgebildeter Kranfahrerin hatte die Deutsche Werft ihr die Arbeitsaufnahme nicht einfach gemacht, sie war dann aber 1959 wegen ihrer hohen Qualifikation und aus Personalmangel eingestellt worden. Siehe auch: Film „nicht nur Galionsfigur“ von mpz, Ulrike Gay, Sabine von Kessel, Elisabeth von Dücker, 1991 (erhältlich: Medienpädagogik Zentrum Hamburg e. V. Nr. 1-0563 www.mpz-hamburg.de).

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