Die Ambivalenz der Krise

Vor 100 Jahren: Gründerkrise von 1873 und Große Depression
Thomas Kuczynski. Lunapark21 – Heft 23

In unserem Verständnis ist der Terminus Krise zumeist negativ besetzt. In seiner ursprünglichen Bedeutung aber benannte das griechische krisis eine Entscheidungs-, eine kritische Situation (wie noch heute in der Medizin), deren Ausgang durchaus ungewiss. Dies ist ein für alle großen Krisen des Kapitalismus zutreffendes Charakteristikum, insbesondere auch für die Krise von 1873, die als Gründerkrise in die Geschichte eingegangen ist.

Ihr schloss sich nicht nur eine Phase verlangsamten Wirtschaftswachstums an, die sogenannte Große Depression, die bis Mitte der 1890er Jahre andauerte, sondern sie bildete zugleich den Ausgangspunkt für wesentliche Veränderungen innerhalb der kapitalistischen Produktionsweise, die später als Übergang zum Imperialismus bezeichnet wurden. Im Unterschied zu den großen Krisen des 20. Jahrhunderts verlief sie unter relativ friedlichen Bedingungen, und daher ist sie ein besonders gut geeignetes Objekt, um Wege zu betrachten, die damals im Kampf gegen die Depression beschritten wurden.

England, immer noch „Werkstatt der Welt“, wurde mit der akuten Überproduktion zunächst fertig, indem es für seine Waren neue Märkte suchte und sie in seinen Kolonien auch fand. Dieser Weg war Deutschland verschlossen, denn erstens hatte es kaum Kolonien und zweitens kaum exportfähige Waren; noch 1877 beschrieb der deutsche Ingenieur Franz Reuleaux seinen Eindruck von der Weltausstellung in Philadelphia mit den Worten: „Deutschlands Industrie hat das Grundprinzip billig und schlecht“.

Frankreich nutzte seinen traditionell (seit 1830) starken finanzkapitalistischen Sektor und intensivierte den Kapitalexport, wobei es sich im Unterschied zu England auf Europa konzentrierte, vor allem auf Russland; das kapitalschwache Deutschland hatte diese Möglichkeit nicht. Zugleich wurde erst in dieser Zeit das große französische Kolonialreich aufgebaut, und obwohl Deutschland in den 1880er Jahren selber kolonialpolitisch aktiv wurde, sah der deutsche Reichskanzler Bismarck in den viel intensiveren (und auch erfolgreicheren) Bestrebungen Frankreichs eine willkommene „Ablenkung“ von Europa, während umgekehrt der damalige Ministerpräsident Freycinet deutschen Vertretern intern versicherte, dass, wenn Deutschland Frankreich in Ägypten gegen England unterstütze, „Frankreich Elsass und Lothringen vergessen würde, da man dem Volk dafür den Erhalt Ägyptens ins Treffen führen könnte“. (Dass Deutschland bei der „Aufteilung der Welt“ zu spät kam, war also nicht zuletzt Ergebnis eigener strategischer Überlegung.)

Warnmarke: „Made in Germany“
Die USA waren von Krise und Depression am wenigsten betroffen, denn sie waren noch immer ein Industrieland im Auf- und Ausbau, dessen innerer Markt eine enorme Ausdehnungsfähigkeit besaß, die durch den wachsenden Einwandererstrom aus Europa noch verstärkt wurde. Dieser Strom wurde auch und gerade von deutschen Auswanderern gespeist, die ihr Auskommen in der „neuen Welt“ suchten. Hinzu kam noch ein zweites Moment, welches jedoch in Deutschland eine viel größere Rolle spielen sollte – der technische Fortschritt.

In der Tat verwandelte sich das von England ursprünglich als Warnmarke eingeführte „Made in Germany“ binnen einer Generation in eine Weltmarke, wurde vom Makelzeichen zum Markenzeichen. Die entscheidende Ursache hierfür war, dass das deutsche Kapital mangels anderer Möglichkeiten neue Wege der Krisenüberwindung beschreiten und, im Unterschied zum englischen, nach neuen Produkten und Produktionsverfahren suchen musste. Insbesondere die neuen, naturwissenschaftlich fundierten Industrien (Chemie-, Elektro- und moderne Stahlindustrie) nahmen deshalb einen ungeheuren Aufschwung. Gerade sie aber waren zugleich jene Industriezweige, in denen sich die damals weitgehend neuartigen Organisationsformen kapitalistischer Produktion etablierten: Kartelle, Syndikate, Trusts, mit einem Wort: die Monopole. Ursprünglich angesichts des enormen Preisverfalls als „Fallschirme für Krisenzeiten“ (Lujo Brentano) gedacht, bildeten sie angesichts des enormen Kapitalbedarfs der neuen Industrien ein hervorragend geeignetes Instrument zur Konzentration und Zentralisation des Kapitals. In gewissem Sinne war es also gerade ihre Mittelmäßigkeit, die die deutsche Industrie in die Lage versetzte, sich mit einem Sprung an die Spitze der europäischen zu setzen, denn sie hatte zu Beginn der Großen Depression weder den damaligen Weltstand erreicht, noch war ihr Stand „geradezu mittelalterlich“, sondern eben mittelmäßig („billig und schlecht“).

Dasselbe traf auf die jetzt so wichtig gewordenen Natur- und Technikwissenschaften zu. Anders als die praktischen Engländer waren die Deutschen in den vorangegangenen Jahrzehnten mehr an einer theoretischen Fundierung der technischen Anwendungen interessiert gewesen; anders als in dem zumindest bis 1850 die Naturwissenschaftsentwicklung dominierenden Frankreich war man in Deutschland mehr an einer praktischen Anwendung der theoretischen Erkenntnisse interessiert gewesen. Das Resultat dieser doppelten Mittelmäßigkeit war allerdings die gerade für Deutschland charakteristische Herausbildung der technischen Wissenschaften und der ihnen verbundenen technischen Hochschulen. Das naturwissenschaftliche Denken in Frankreich war viel zu rein geworden und in dieser Reinheit viel zu erfolgreich gewesen, um dem Zwang praktischer Ausrichtung zu unterliegen; das technische Denken in England war viel zu praktisch geworden und in dieser Praxis viel zu erfolgreich gewesen, um dem Zwang theoretischer Durchdringung zu unterliegen. Der damals auch in Deutschland hart umkämpfte Stand der technischen Hochschulen war insofern ein prekärer, als sie den Einen – traditionellen Ingenieuren und Unternehmern – viel zu theoretisch und den Anderen – Naturwissenschaftlern und Mathematikern – viel zu praktisch orientiert waren. Diese allseitige Kritik hat sich allerdings im Nachhinein als höchst förderlich für die Entwicklung sowohl der technischen Wissenschaften als auch der technischen Hochschulen erwiesen, und gerade die Leute, „die es niemandem recht machen konnten“, lagen ganz richtig, auch wenn sie selbst es vielleicht mehr ahnten als beweisen konnten.

Mittelmaß – Top-Position – Crash
Zugespitzt formuliert ergibt sich also für die Zeit der Großen Depression folgende Konstellation für Deutschland: In den die alte Struktur bestimmenden Zweigen war der Stand seiner Industrie mittelmäßig, die kurzfristigen Entwicklungsbedingungen waren viel schlechter als die seiner Konkurrenten, und Vorteile hatte es gerade auf jenen Gebieten, die bis dahin nicht die wesentlichen waren.

Ein Beispiel für die Verschränkung all dieser Prozesse beschrieb der Journalist Helmut Wickel in seinem 1932 publizierten Buch I.-G. Deutschland, worin es heißt, „dass die chemische Industrie zu einer Bedrohung der Industrien und Staaten (wurde), deren Machtstellung auf der Beherrschung der großen Rohstoffgebiete der Erde beruht. So ist es ganz natürlich, dass sie ihre höchste Entwicklung in Deutschland fand, das bei der Aufteilung der Kolonien zu spät gekommen war und das sich in der chemischen Industrie eine neue, eigenartige und unbegrenzt ausdehnungsfähige Kolonie schuf.“

Der Großen Depression folgte eine zwanzig Jahre währende Aufschwungsperiode, in der die deutsche Industrie weitgehend unangefochten an der Spitze Europas stand. England dagegen verharrte im Grunde weiter in der Depression und auch Frankreich geriet immer weiter ins Hintertreffen. Die einst erfolgreichen Vorreiter waren zu Verlierern geworden. Dies stand Deutschland erst noch bevor, und zwar in einer ungeahnten Dimension, nämlich in Gestalt des Ersten Weltkriegs, den es in völliger Selbstüberschätzung, insbesondere seiner wirtschaftlichen Potenzen, vom Zaun brach. Auch dies gehörte zu den Ergebnissen eines zwanzig Jahre zuvor so erfolgreich gewesenen Krisenmanagements.

Thomas Kuczynski lebt und arbeitet in Berlin. Sein Beitrag zur „Geschichte und Ökonomie“ erscheint regelmäßig seit Heft 1 von Lunapark21 im Frühjahr 2008.

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