Reproduktionsmedizin als Geschäft

Antje Asmus. Lunapark21 – Heft 27

Neuere Entwicklungen in den Technologien der Reproduktionsmedizin und ihren rechtlichen Regulierungen bieten Frauen und Männern mit unerfüllten Kinderwünschen zunehmend Möglichkeiten, ihre physischen Grenzen zu überschreiten. Ob künstliche Befruchtung innerhalb oder außerhalb der Gebärmutter, Samenspende, Eizellspende, Einfrieren von Eizellen bis hin zu Leihmutterschaft oder vorgeburtlichen diagnostischen Verfahren – die Fortpflanzung wird dabei als gestaltbar angesehen.

In diesem Zusammenhang stellen sich neben unerlässlichen ethischen Fragen auch die nach den Auswirkungen der Trennung von Zeugung, Schwangerschaft und Geburt auf die Autonomie und Lebenswirklichkeit von Frauen. Haben wir es mit einem Zugewinn an Freiheit im Sinne eines emanzipativen Fortschritts zu tun oder vielmehr mit neuen gesellschaftlichen Zwängen zum (richtigen) Kind? Wird Kinderlosigkeit mehr denn je zum Makel eines Frauenlebens? Zum anderen geht es um die Diskussion der Vermarktungsprozesse von Reproduktionstechniken als medizinische Dienstleistungen unter kapitalistischen Vorzeichen.

Schwangerschaft als Projekt
Die These, dass Frauen ab 35 Jahren nur selten noch auf natürlichem Wege schwanger werden können, wird stetig erneuert und nahezu in jedem Kontext von Fertilität, sei es in der Medizin oder beispielsweise in der familienpolitischen Demografiedebatte erwähnt. Junge Frauen in entsprechendem Alter fühlen sich in diesem Klima massiv unter Druck gesetzt. Und zunehmend sind es auch junge Männer, die vor der mit einem Kind verbundenen Verantwortung und Belastung zurückschrecken und ihre Entscheidung für ein Kind aufschieben.

Die angeblich dramatisch sinkende Fertilität ab 35 Jahren wird von neueren Studien widerlegt. Der Reproduktionsmediziner Georg Griesinger weist nach, dass bei durchschnittlicher sexueller Aktivität 70 bis 80 von 100 Frauen dieser Altersgruppe auf natürlichem Wege schwanger werden. Bei den anderen ist der Partner steril. Diese Erkenntnisse kommen im Mainstream nicht an, stattdessen wird Kinderlosigkeit als zu lösendes Problem von Frauen Ende 30 überbetont. Ein Leben ohne Kind wird als hedonistisch abgewertet und im Kontext des in Teilen solidarischen Sozialversicherungssystems als unverantwortlich abgestempelt. Ganz zu schweigen von der „Verweigerung neuen Humankapitals“.

Generatives Verhalten dringend erbeten
Auch sonst emanzipierte Frauen leiden unter der gesellschaftlich weit verbreiteten Ansicht, dass eine Frau nur dann eine richtige Frau ist, wenn sie Mutter wird. Kaum jemand kann sich wirklich vorstellen, dass Kinderlosigkeit als biografische Option frei gewählt wird. Bei medizinischen Beratungen werden in der Regel keine positiven Bilder von einem kinderlosen Leben vermittelt. Mit zunehmender Etablierung von Reproduktionstechnologien wird die freie Entscheidung gegen (eigene) Kinder zu einem aktiven Akt des Widerstandes, den es zu rechtfertigen gilt.

Auf der anderen Seite kann die Befreiung von der eigenen Biologie, sprich die Herbeiführung einer Schwangerschaft nach dem 35. Geburtstag z.B. mittels einer anonymen Samenspende durchaus als Freiheitsgewinn für Frauen erachtet werden. Warum sollte ihnen der technologische Fortschritt nicht als Chance und Erweiterung ihrer individuellen biographischen Optionen zu mehr Selbstbestimmung verhelfen? Wenn eine alleinstehende (gut situierte) Frau heute ein Kind bekommen möchte, kann sie sich ihren Kinderwunsch erfüllen, ohne mit einem Mann Kontakt gehabt zu haben. Weder Unterhalts- noch Sorgerechtsstreitigkeiten erwarten die Mutter, dafür die schwierigen Rahmenbedingungen des Alleinerziehens. Ob frau das in Kauf nimmt, sollte sie frei entscheiden können.

Richtige Kinder und richtige Eltern: Ökonomie und Selektion
Wurde die Fortpflanzungstechnik einst für (Ehe)Paare entwickelt, die auf natürlichem Wege kein Kind zeugen können, treten heute auch andere Gruppen, die nicht im biologischen Sinne unfruchtbar sind, auf dem Markt in Erscheinung. Dazu gehören Alleinstehende, gleichgeschlechtliche Paare oder Frauen im Alter von über 35 Jahren, weil sie um Hilfe bitten, aber auch, weil sie als attraktive Zielgruppe adressiert werden. Die Nachfrage steigt, auch über nationale Grenzen hinweg.

In einem ökonomisierten Gesundheitssystem werden Ärzte und Ärztinnen zu Anbietern und Patientinnen zu potentiellen Kunden. Das Angebot an privat zu finanzierenden Medizinleistungen wird breiter, der Leistungskatalog gesetzlicher Krankenkassen schmaler. Mit den Wünschen, Hoffnungen und Ängsten werdender Eltern können Geschäfte gemacht werden.

Jedes mögliche Schwangerschaftsrisiko wird zum Anlass genommen, eine medizinische Dienstleistung im Bereich der vorgeburtlichen Diagnostik zu verkaufen. Dazu zählen Ultraschall, Blutuntersuchungen oder invasive Verfahren wie Fruchtwasseruntersuchungen. Im Recht restriktiv geregelt, aber bei erheblicher Vorbelastung der Eltern möglich, ist die Präimplantationsdiagnostik (PID). Dabei werden die Gene des in vitro erzeugten Embryos vor der Einpflanzung in die Gebärmutter untersucht. All diese Verfahren zielen darauf ab, so früh wie möglich festzustellen, in welcher körperlichen Verfassung das Kind ist bzw. sein wird.

Und wer will nicht von Anfang an das Beste für sich und sein gewünschtes Kind? Dieses Angebot führt auch dazu, dass ein Kind mit Beeinträchtigungen zu einem individuellen Versagen der Eltern erklärt wird. „Selbst schuld“, die Eltern hätten es testen lassen können. In den Hintergrund tritt das Recht auf Nichtwissen zugunsten des gesellschaftlichen Anspruchs auf Kontrolle und Perfektion.

Zu einer Wachstumslogik gehört eben eine Anspruchshaltung der Kundinnen, immer das Neueste fehlerfrei zu bekommen. So wird z.B. von Anbietern die In-vitro-Fertilisation (IVF) (Kosten ca. 5000 Euro pro Zyklus) mit dem Argument gepriesen, dass die Schwangerschaftsrate dabei fast genauso hoch sei wie bei „natürlicher Befruchtung“. Kritikerinnen verweisen darauf, dass so Beziehungssexualität mit IVF-Zyklen gleichgesetzt wird, und die physischen und psychischen Belastungen durch die Hormonbehandlung, ungewollte Mehrlingsschwangerschaften sowie Fehlgeburten nicht ausreichend thematisiert werden. Laut pro familia bleiben 50 bis 60 Prozent aller Paare, die diesen Weg gehen, trotz intensiver Behandlung dauerhaft kinderlos. Das Interesse der Ärzte und Anbieter von Medizinprodukten am Gewinn steht der Aufklärung und Beratung über mögliche Risiken und Misserfolge des Einsatzes von Reproduktionstechnologien entgegen.

Aufgrund der Privilegierung von Ehe und „Normalfamilie“ in der bundesdeutschen Praxis können lediglich verheiratete heterosexuelle Paare auf die Kostenübernahme durch die gesetzliche Krankenversicherung für eine begrenzte Anzahl von Versuchen einer künstlichen Befruchtung hoffen. Allen anderen Gruppen steht der internationale Markt zur Verfügung.

Auch das Verbot der Eizellenspende in Deutschland kann umgangen werden, indem die Eizellspende in bzw. aus Ländern wie Spanien oder Rumänien erfolgt. Der dabei stattfindende Geldtransfer wird als Spende oder Aufwandsentschädigung deklariert und damit verschleiert. Jenseits der Frage, ob das gesellschaftlich überhaupt gewünscht oder als legitim erachtet wird: auch das Einfrieren von Eizellen, die Reise zur anonymen Samenspende in Dänemark oder zur Leihmutter in Thailand sind nicht für jeden zu realisieren.

Zwar sind die Kosten im internationalen Vergleich unterschiedlich. Letzten Endes hängt es jedoch vom Einkommen ab, ob einem Menschen die „neue Freiheit“ zur Reproduktion offen steht. Es sind eher wohlhabende Menschen mit heller Hautfarbe, die ein Kind mit ähnlichem Aussehen wünschen und mithilfe von technisch aufwendigen und teuren Verfahren bekommen können. Der Zugang zu vermeintlich emanzipativen Fortschritten in der Reproduktionstechnologie ist immer auch eine Frage von Klasse und Rasse.

In jedem Fall bleibt die Frage offen, ob nun mit assistierter Fortpflanzung, Ei- und Samenspenden oder Gendiagnostik mehr Leid verhindert oder neues Leid produziert wird.

Antje Asmus ist Politologin. Arbeitsschwerpunkte: Geschlechterverhältnisse, Gleichstellung, Familienpolitik und Armut. Kontakt: asmus.antje@gmail.com

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