Das Schattenkabinett aus Gütersloh: Der Bertelsmann Verlag

Aus Lunapark21 – Heft 19

Aus einer Steindruckerei ging 1835 der Verlag C. Bertelsmann hervor, der seine ersten Gewinne mit dem Druck von Gesangbüchern und Notenblättern machte. Über hundert Jahre lang folgte die Publikationsstrategie des protestantisch ausgerichteten Verlags der Nachfrage nach volkstümlich-religiösen Erbauungsschriften, evangelischer Missionsliteratur und theologisch-wissenschaftlichen Abhandlungen. Schullese- und Gesangbücher kamen bald dazu. Die in hohen Auflagen vertrieben Bücher, Traktate und Sammlungen christlicher Lieder spendeten ihren Käufern Trost und sorgten bei Bertelsmann für einen ordentlichen Profit.

Zum Bertelsmann-Konzern, dem größten europäischen Medienkonzern, gehören heute der Gruner + Jahr Zeitschriftenverlag (u.a. stern) , die Verlagsgruppe Random House, die Direct Group Bertelsmann (unter anderem Bertelsmann Club) und die arvato AG. Dazu noch die Sender der RTL-Group. Der Mega-Konzern teilt sich zusammen mit einer Handvoll anderer Medienimperien (z.B. Rupert Murdochs News Corporation, TimeWarner Disney) das globale Mediengeschäft. Darüber stülpt sich die 1977 von Reinhard Mohn gegründete Bertelsmann-Stiftung.

Souffleur deutscher Politik

Bertelsmann ist in mannigfacher Art und Weise bei politischen Entscheidungen – zum Beispiel auch im Bildungsbereich – beteiligt. In den konservativ regierten Bundesländern hat der Konzern deren Hochschulpolitik geradezu bestimmt. Damit aber nicht genug. Mal richtete Bertelsmann dem Bundespräsidenten Köhler ein Forum Demographie aus, mal nimmt sie den abgehalfterten Politker Oswalt Metzger auf ihre Sponsorenliste, um unter anderem mit ihm in Sachen Demographie-Panikmache die Lufthoheit über den Stammtischen zu erringen.

Zu Beginn der Regierung Schröder bestimmte Bertelsmann beim Bündnis für Arbeit nicht unerheblich und an der Agenda 2010 entscheidend mit. Der Medienkonzern sponsert und unterstützt auch inhaltlich die Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft. Die Bertelsmann-Stiftung genießt weithin den guten Ruf als demokratische, mit viel Geld ausgestattete Einrichtung zur Förderung der Demokratie und der politischen „Modernisierung“ des Staates. Das aber ist Bertelsmann beileibe nicht. Zweifel an der demokratischen und sachlichen Qualität der Stiftung gibt es nicht ohne Grund: Die Bertelsmann-Stiftung gehört zu den größten Denkfabriken in diesem Land und ist wohl der wirkmächtigste Souffleur der deutschen Politik Sie „berät“ nicht nur die weitgehend orientierungslose Kaste, sie mischt sich auch aktiv auf allen Ebenen von Regierungspolitik bis zur Kommune und zu Netzwerken von Einzeleinrichtungen ein. Dabei versucht Bertelsmann, wesentliche Bereiche der Gesellschaft nach betriebswirtschaftlichen Grundsätzen und mit Hilfe managerialer Motivationstechniken zu “optimieren” und den privatwirtschaftlichen Profitinteressen unterzuordnen.

Stiftung ist gemeinnützig

Bertelsmann betätigt sich oft als Stichwortgeber der Politik und organisiert die zu deren Umsetzung notwendigen politischen Entscheidungsprozesse meist unter Ausschluss der Öffentlichkeit und ohne echte Prüfung von Alternativen. Die Politik hat dann der von der Stiftung selbst produzierten und massenhaft publizierten „Sachzwanglogik“ scheinbar alternativlos zu folgen. Der Konzern verfolgt geschäftliche Eigeninteressen auf fast allen gesellschaftlichen Feldern (z.B. auch Medien, öffentliche Verwaltung etc.), auf denen die Stiftung politikberatend tätig ist. Kein Wunder also, wenn die Stiftung oft auch als Türöffner für neue lukrative Geschäfte des Konzerns fungiert, gehören ihr doch knapp 80 Prozent des Konzerns. So erklärt sich wahrscheinlich auch, dass seitens der Stiftung noch nie der Vorschlag an die Politik gemacht wurde, z.B. die Unternehmenssteuern zu erhöhen, um damit der immer größer werdenden sozialen Schieflage hierzulande Herr zu werden.

Beim Abriss der Sozialsysteme – siehe Hartz IV, die Legitimierung und Abwicklung von undemokratischen, destruktiven Privatisierungen öffentlichen Eigentums – , bei Entscheidungen zur Gesundheits- und Sicherheitspolitik, aber auch am European Table of Industrials bis hinauf in die Verhandlungen der Welthandelsorganisation hat die Stiftung die Strippen mit in der Hand.

Das Bertelsmann-Institut CAP seinerseits trägt mit seinen Vorschlägen zur weiteren, verstärkten Militarisierung bei und liefert mit kriegerischen Denkschablonen die Legitimation von außereuropäischen Einsätzen deutschen Militärs. Demokratisches Denken ist diesem Elite-Netzwerk fremd, seine Denkschablonen sind mit denen der Militärs voll kompatibel. Die Bertelsmann-Stiftung und das Centrum für angewandte Politikforschung mit nahezu 400 Mitarbeitern sind dem kleinen wissenschaftlichen Dienst des Bundestags und allen anderen öffentlichen Instituten weit überlegen

Die Finanzmittel für ihre überaus umtriebigen Aktivitäten ergattert sich die Stiftung durch den Status der Gemeinnützigkeit. Dies erlaubt es ihr, die Millionengewinne des Bertelsmann-Konzerns der Steuer zu entziehen. Daher ist es an der Zeit, dass öffentlich diskutiert wird, ob der Bertelsmann-Stiftung nicht der Status der Gemeinnützigkeit aberkannt werden muss.

„Du bist Deutschland“

Mit diesem Slogan initiierte Gunter Thielen, der ehemalige Vorstandsvorsitzende der Bertelsmann AG, die größte deutsche Social-Marketing-Kampagne. Sie lief deutschlandweit vom 26. September 2005 bis zum 31. Januar 2006. Damit sollten die von Depressionen und Zukunftsängsten geschüttelten Deutschen wieder auf gute Laune und Volksgemeinschaft gestimmt werden. Herzstück der Kampagne war ein zweiminütiger TV-Spot, der auf fast allen großen Fernsehsendern gezeigt wurde. Dazu kamen Großanzeigen in den Printmedien, Flugblätter usw.

Weniger bekannt ist die Verstrickung des größten europäischen Medienkonzerns in die Machenschaften des Nationalsozialismus. Der Bertelsmann Verlag unterhielt enge Beziehungen zur NSDAP und besonders zum Propaganda-Ministerium und nutzte diese Beziehungen, um mit den Nazis lukrative Geschäfte zu machen. Schon 1933 erschien im Verlag „Sterilisation und Euthanasie“ – eine Rechtfertigungsschrift für das spätere NS-Erbgesundheitsgesetz. Der Bertelsmann Verlag avancierte nach und nach zum Kriegsgewinnler, vor allem auch im Geschäft mit Kriegspropaganda. Mit 19 Millionen gedruckten Exemplaren wurde Bertelsmann zum größten Buchproduzenten für die Wehrmacht mit Titeln wie „Deutsche Tanks fahren in die Hölle“; „Wir knacken einen Geleitzug“; „Der Berg des Blutes“; „Sturm auf den Annaberg“; „Ein Stoßtrupp dringt in Warschau ein“. Sie waren Teil einer gut ausgebauten Produktlinie. 1940 erreichte z.B. „Mit Bomben und MGs über Polen“ eine Auflage von 10000 Exemplaren, „Wir funken für Franco“ gab es 1941 bereits in 8. Auflage. Der Verlag, stets um Aktualität bemüht, fuhr mit den Büchern exorbitant hohe Kriegsgewinne ein. Bertelsmann druckte darüber hinaus über ein Dutzend Romanschmöcker.

Der Verlag profitierte auch von der von der Deutschen Wehrmacht gemachten Okkupation. Er erkannte und nutzte die Möglichkeit zur Auftragsverlagerung ins Ausland, nach Belgien, Lettland, Litauen, Österreich, Rumänien und in die Tschechoslowakei. Dennoch hatte Bertelsmann im Dritten Reich noch nicht den politischen Einfluss, den der Konzern heute hat.

Manfred Dietenberger war knapp zwei Jahrzehnte lang DGB-Vorsitzender in Waldshut. Er lebt und arbeitet dort als freier Autor.

Wenn der Geist zum Eigentum wird. Internet und Urheberrecht

Aus Lunapark21 – Heft 19

„Mein Kopf gehört mir“: So dümmlich lautete die Parole eines Aufrufs im Handelsblatt im April dieses Jahres, unter den einige deutsche „Denker, Tüftler und Dichter“ aus der Heerschar der „1 Million Kreativen“ ihre Unterschrift setzten. Es war nur eines von vielen öffentlichen Pamphleten dieses ersten Halbjahres 2012 an die Adresse der „Raubkopierer“, mit denen ihrem Treiben Einhalt geboten worden sollte.

Die Anleihe des Spruchs aus der Bewegung für den legalen Schwangerschaftsabbruch passierte wohl nicht zufällig. Im Propagandakrieg zwischen den Piraten und ihren Anhängern aus der Netzgeneration und den Urhebern und ihren Rechteverwertern setzen letztere immer mehr darauf,

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Die bedrohten Alternativen. Gleichgeschaltete Medien in der Finanzkrise

Aus Lunapark21 – Heft 19

Mehr denn je erhält man den Eindruck gleichgeschalteter (bürgerlicher) Massenmedien. Gerade in der aktuellen (europäischen) Finanzkrise schallt uns – teilweise wortgleich – die Alternativlosigkeit ihrer Interpretation als Schuldenkrise sowie die der entsprechend auf Spardiktate eingestellten wirtschaftspolitischen Maßnahmen entgegen.

Da die Meinungsvielfalt dennoch als hohes Gut der Demokratiestaffage nicht aufgegeben werden soll, weil nicht zuletzt auch

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Österreichs Medien fest in deutscher Hand

Aus Lunapark21 – Heft 19

Ein durchschnittlicher österreichischer Zeitungskiosk unterscheidet sich kaum von seinem deutschen Pendant. Was die Auswahl der Medientitel anlangt, fällt einem gelernten Menschen mit österreichischem Pass gar nicht mehr auf, dass hierzulande die meisten Wochen- und Monatszeitschriften aus deutschen Häusern stammen. Diese machen sich nicht einmal die Mühe, Adaptionen für den österreichischen Markt vorzunehmen. Das hat den Vorteil, dass die interessierte Leserschaft über die deutsche Innenpolitik meistens gut informiert ist.

Dieser Zustand deutscher Medienmacht spiegelt die gesamtwirtschaftliche Lage des Landes wider.

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Vielfalt auch bei linken Blättern. Die Medienlandschaft in der Deutschschweiz

Aus Lunapark21 – Heft 19

Im Land der Nummernkonten, Briefkastenfirmen und Fluchtgelder, im Staat des Bankgeheimnisses, der Hochfinanz und Rohstoffhändler (siehe Lunapark 18), in der kleinbürgerlich-bäuerlich geprägten Gesellschaft mit ihrer Allparteienregierung, ihren Vorbehalten und der niedrigen Arbeitslosigkeit – in diesem Gebilde also, wo immer noch viel Milch, Schokolade, Honig und Käse zu fließen scheinen: Kann es da überhaupt eine Linke geben? Und mit ihr auch linke Publikationen?

Die Antwort mag Außenstehende verblüffen. Aber die Schweiz ist

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Schau mir in die Daten, Kleines!

Aus Lunapark21 – Heft 19

Wie immer das genau gemeint war, als Rick, alias Humphrey Bogart, in „Casablanca“ zu Ilsa, alias Ingrid Bergmann, „Schau mir in die Augen, Kleines“ nuschelte: Der Inhalt, der damit transportiert wird, erinnert an Facebook. Es erinnert daran, dass man in einem „Gesichtsbuch“ durchaus abgrundtief Gedanken lesen kann.

Eben: „Schau mir in die Augen, reich mir Deine Daten, Kleines!“ Jedenfalls wissen das

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Der Mensch als Humankapital – Die schöne neue Arbeitswelt

Aus: LunaPark21 – Heft 18

Seit April ist der mehrfach preisgekrönte Dokumentarfilm „Work hard – play hard“ von Carmen Losmann in den Kinos zu sehen. Die deutsche Filmemacherin, die an der Kunsthochschule für Medien in Köln studiert hat, recherchierte vier Jahre über Anspruch und Wirklichkeit moderner Großunternehmen, für die Arbeit und Freizeit ihrer Mitarbeiter immer mehr verschwimmen. „Work hard – play hard“ ist eine Redensart aus der amerikanischen Unternehmenskultur: Arbeite hart – feiere viel. Der Film löste heftige Diskussionen in Medien, blogs und sozialen Netzwerken aus. In LP21 äußert sich Carmen Losmann über ihren Film:

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Eine unheilige Allianz. Hindunationalisten und Big Business

Aus: LunaPark21 – Heft 18

Im Windschatten der Anschläge des 11. September ereignete sich eines der blutigsten Progrome im unabhängigen Indien: Am 28. Februar 2002 gingen im indischen Bundesstaat Gujarat Hindunationalisten mit Brandschatzungen und Vergewaltigungen gegen die muslimische Minderheit vor; der rasende Mob tötete mehr als 2000 Muslime.

Die Empörung der Weltöffentlichkeit hielt sich damals in Grenzen. Narendra Modi, der Ministerpräsident des Bundesstaates, hielt schützend seine Hand über die Täter. Er ist

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Wanderoper Brandenburg: Ein Modell für Kultur in der Provinz?

Aus: LunaPark21 – Heft 17

„Die Zauberflöte“ ist eine der weltweit bekanntesten und am meisten gespielten Opern von Wolfgang Amadeus Mozart. Bereits Kinder fiebern mit, ob Papageno seine Papagena bekommen wird und Tamino seine Pamina. Auch die Musik Mozarts zieht Jung wie Alt in ihren Bann. Vor allem Streicher und Klavier, Flöte und Glockenspiel sind die vertrauten Begleiter des Geschehens auf der Bühne. Eher ungewöhnlich sind da Akkordeon- und Saxophon-Töne und der Klang einer Hammond-Orgel in einer „Zauberflöten“-Inszenierung.

Nicht so in der musikalischen Fassung dieser Mozart-Oper durch die Wanderoper Brandenburg. Ihr Gründer, Intendant und Regisseur Arnold Schrem hat dies gewollt, denn auch seine

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