Notleidende Frauen waren Vorkämpferinnen des landesweiten Generalstreiks von 1918 in der Schweiz

Vor bald hundert Jahren, im November 1918 fand eine der grössten Massenstreikbewegung der Schweiz statt – in die Geschichte eingegangen als landesweiter Generalstreik. Die Tage vom 7. bis 14. November1918 gelten als die schwerste innenpolitische Krise seit der Gründung des Bundesstaates von 1848. Rund eine Viertel Million Arbeiter und Arbeiterinnen folgten dem Aufruf des Oltener Aktionskomitees unter der Führung des Sozialisten Robert Grimm.

In den Fabriken wurden Maschinen, in der Öffentlichkeit Strassenbahnen und Züge lahmgelegt. Das hat die Maschinen- und Textilproduktion sehr getroffen; nicht zu vergessen, dass zu Beginn des 20. Jahrhunderts die Schweiz hochindustrialisiert war. Die zentralen Forderungen des Generalstreiks waren die Einführung des Achtstundentages und bessere Arbeitsbedingungen, das Stimm- und Wahlrecht für Frauen sowie eine Alters- und Invalidenversicherung. Der Achtstundentag wurde bereits wenige Monate nach Streikende umgesetzt. Für die Einführung einer Alters- und Hinterlassenenversicherung (AHV) wurde ein paar Jahre später ein Verfassungsauftrag geschaffen. Bis die AVH aber eingeführt wurde, dauerte es allerdings 30 Jahre – und bis das Stimm- und Wahlrecht für Frauen 1971 Realität wurde, vergingen mehr als 50 Jahre….

Dem Generalstreik vorausgegangen sind die «Kartoffel-Krawalle» der Frauen im Sommer 1916, mitten im Ersten Weltkrieg. Am Markttag vom 1. Juli 1916 versammelten sich morgens um acht Uhr proletarische Frauen vor dem Parlamentsgebäude in Bern, um gegen die ständig steigenden Preise von Grundnahrungsmitteln zu protestieren. Ein Teil von ihnen setzte sich ab, und bestürmte Marktfrauen, die Kartoffeln, Eier und Gemüse zu überhöhten Preisen verkauften. Zum Teil wurden die rebellierenden Frauen handgreiflich und zwangen die Marktfrauen, die Preise zu senken. Leisteten sie Widerstand, wurden sie weggedrängt und die protestierenden Frauen übernahmen den Verkauf; so eine der vielen Marktdemonstrationen des Kriegsjahres 1916. Solche Demonstrationen fanden auch an verschiedenen anderen Orten wie in Zürich, Biel, Thun und Grenchen statt. Die Protestaktionen waren immer auch von Repressionen begleitet. Die Historikerin Regula Pfeifer, die diese Proteste untersuchte, fand heraus, dass meistens die Polizei eingeschritten sei, dass es Beschimpfungen, Handgreiflichkeiten, körperliche Verletzungen und Verhaftungen gab.

Die Proteste richteten sich immer gegen Wucher und Preistreiberei. Mit ihren Aktionen trafen die protestierenden Frauen den Nerv der Zeit. Nicht nur Arbeiterinnen und linke Frauen empörten sich über die Ausnützung der Lebensmittelknappheit; oft schlossen sich bürgerliche Frauen den Protesten an. Die verschiedenen Aktionen zeigten auch Erfolge, wiederholt konnte der Kartoffelpreis am Protesttag gedrückt werden. In Zürich erreichten die Frauen der sozialdemokratischen Partei, dass Höchstpreise für Früchte, Gemüse und Eier festgelegt wurden und beim Volkswirtschaftsdirektor verlangten sie einen Preisplafond von Kartoffeln im ganzen Kanton Zürich aber auch eine Abgabe von Fleisch zu reduzierten Preisen an bedürftige Familien.

Die Not in den Jahren des Ersten Weltkrieges war für viele Familien in der Schweiz gross. Ursachen waren die stetig ansteigende Teuerung wie auch fehlende Einkommen der diensttuenden Männer im Militär. Demzufolge waren die Frauen einer Mehrfachbelastung ausgesetzt. Sie mussten zu Hause für den Lebensunterhalt der Familie sorgen, während die Männer an der Landesgrenze „standen“. Den Lohnverlust des Mannes konnten sie als Fabrikarbeiterinnen kaum ersetzen. Damals – wie übrigens bis heute – haben Frauen in fast allen Bereichen weniger, meistens sehr viel weniger verdient als die Männer. In der Industrie wurde den Frauen rund 55 Prozent des Lohnes eines männlichen Industriearbeiters ausbezahlt; meist war sogar der höchste Frauenlohn geringer als der niedrigste Männerlohn.

Die Notlage und die Entbehrungen, mit denen die Arbeiterfrauen während der Kriegsjahre konfrontiert waren, hat sie politisiert und brachte sie dazu, sich zu organisieren. An Veranstaltungen gegen Krieg und Teuerung gewannen die Arbeiterinnenvereine und Frauengruppen der sozialdemokratischen Partei neue Mitglieder. Eine zentrale Rolle kam der Sozialistin Rosa Bloch-Bollag zu. Politisch versiert, beteiligte sie sich an den «Kartoffel-Krawallen» und sie verstand es, die Arbeiterinnen in den Kriegsjahren zu organisieren. Als Präsidentin der schweizerischen Arbeiterinnenvereine führte sie im Sommer 1918 eine grosse Frauendemonstration in der Stadt Zürich an. Gefordert wurden Massnahmen gegen die Teuerung, Sicherung der Lebensmittelversorgung und Notunterstützung der Wehrmannsfamilien. Und nicht zuletzt war Rosa Bloch-Bollag als einzige Frau Mitglied des Oltener Aktionskomitees, das zum Generalstreik aufrief.

Gegen Ende des Krieges spitzte sich die Situation weiter zu: Die Lebensmittelpreise explodierten, die Wohnungsmieten stiegen an und die Reallöhne sanken bis zu 30 Prozent. Die Not war dermassen gross, dass im Sommer vor dem Generalstreik 700 000 Menschen von den insgesamt knapp vier Millionen Einwohner und Einwohnerinnen auf die Hilfe der öffentlichen Hand angewiesen waren. Der herrschende Bürgerblock und der freisinnig dominierte Bundesrat zeigten wenig Bereitschaft, der unheilvollen Situation entgegenzuwirken. Die Verbitterung unter den Arbeitern und Arbeiterinnen war derart gross, dass es zur Massenstreikbewegung im November 1918 kommen musste.

Sowohl die Arbeiterinnen wie auch die bürgerlichen Frauen hofften damals, für ihren Einsatz während der Kriegsjahre politische Rechte, nicht zuletzt das Stimm- und Wahlrecht für Frauen zu erhalten. Die Hoffnung zerschlug sich schnell, innerhalb weniger Jahre: Während in Deutschland und Österreich das Frauenstimmrecht eingeführt wurde, schmetterten die Schweizer Männer in den sechs kantonalen Abstimmungen zwischen 1919 und 1921 das Frauenstimmrecht ab. Die Arbeiter verwarfen an der Urne das Frauenstimmrecht ebenso wuchtig wie das Bürgertum.

Therese Wüterich ist aktiv in der Redaktion von Lunapark21

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