Aufbruch der Frauen – ausgebremst

70 Jahre Tag der Befreiung. (Wieder)Aufbau nach dem Zweiten Weltkrieg

Gisela Notz in Lunapark21 – Heft 30

Anlässlich des 70. Jahrestages nach Kriegsende häuften sich die Ausstellungen, Veranstaltungen und Gedenkfeiern. Die Bilanz des Zweiten Weltkrieges ist erschütternd: Über 60 Millionen Menschen starben, mehr als sechs Millionen europäische Juden, zehntausende Sinti und Roma, Menschen mit Behinderung, politisch Andersdenkende und Homosexuelle waren verfolgt und getötet worden. 17 Millionen Menschen waren verschollen, weite Teile Europas zerstört.

Geschlechtsspezifische Aspekte werden in den Arbeiten über die Nachkriegsgeschichte, die ja weitgehend von Frauen geprägt war, weitestgehend vernachlässigt. Für viele Frauen war der Krieg im Mai 1945 nicht wirklich zu Ende. Ihre Hoffnung, mit dem Ende der NS-Zeit sei auch die Barbarei beendet, erwies sich als Illusion. Nun erlebten sie Vergewaltigungen und Plünderungen durch Soldaten der Besatzungsmächte.

Schon aufgrund ihrer Überzahl von mehr als sieben Millionen waren es vor allem Frauen, die am wirtschaftlichen und politischen Aufbau Deutschlands beteiligt waren. Sie leisteten in Landwirtschaft, Handwerk und Industrie „Männerarbeit“ und übernahmen auch den größten Teil der Überlebensarbeit. 2,5 Millionen waren Kriegerwitwen mit Kindern. Die Ideologisierung der bürgerlichen Kleinfamilie als nach wie vor einzige erstrebenswerte Lebensform verhinderte damals wie heute den offensiven Umgang mit anderen Formen des Zusammenlebens.

1945 waren in Deutschland 45 Prozent der Wohnungen nicht mehr zu benutzen. 75 Millionen Kubikmeter Schutt bedeckten allein Berlin. Frauen machten sich daran, die Trümmer des Krieges wegzuräumen. Ein Teil übernahm diese Aufgabe freiwillig, andere arbeiteten zu Niedriglöhnen, wieder andere wurden durch ein Gesetz (Verordnung über den Einsatz von Frauen auf Bauten) des Alliierten Kontrollrates vom 10. Juli 1946 zu Zwangsarbeit verpflichtet. Allein in der ehemaligen Reichshauptstadt arbeiteten rund 60000 „Hilfsarbeiterinnen im Baugewerbe“. Teilweise mussten auch schwer belastete Nazis beim Trümmerräumen mithelfen. In den westlichen Besatzungszonen wurden sie allerdings bald darauf ‚entnazifiziert‘. Im September 1945 wurde in einigen Regionen Deutschlands eine leicht veränderte Version des „Pflichtjahres“ für Frauen wieder eingeführt, diesmal als „land- und hauswirtschaftlicher Einsatz der weiblichen Jugend“. Gewerkschafterinnen wehrten sich vor allem mit dem Hinweis auf die Anknüpfung an nationalsozialistische Arbeitspolitik vergeblich gegen dieses Pflichtjahr.

Überparteiliche Frauenausschüsse
In allen vier Besatzungszonen kam es ab Mai 1945 zu einem bedeutsamen frauenpolitischen Aufbruch. In mehr als 5000 überparteilichen und überkonfessionellen Frauenausschüssen schlossen sich Frauen aus verschiedenen sozialen Schichten und weltanschaulichen Richtungen zusammen. Sie versuchten durch vielfältige Aktivitäten die Not der Nachkriegszeit zu lindern, beschränkten sich aber nicht nur auf „frauenpolitische“ Bereiche, sondern protestierten auch gegen die katastrophale Ernährungs- und Wohnungslage, setzten sich für den Neuaufbau einer friedlichen, demokratischen Gesellschaft mit politischer und wirtschaftlicher Gleichberechtigung ein, forderten die Streichung des Abtreibungs-Paragrafen 218, die Mitwirkung von Frauen in der öffentlichen Verwaltung, gleiches Recht auf Erwerbsarbeit und Entlohnung in allen Berufen, auch in solchen, die noch den Männern vorbehalten waren, sowie eine demokratische Schulreform und die Vergesellschaftung der Schlüsselindustrien. Manche verfolgten ausdrücklich das Programm, „Kampfgemeinschaften gegen den Faschismus“ zu sein. „Nie wieder Krieg, nie wieder Faschismus!“ waren ihre Parolen. Damit wurden über- und außerparteiliche Strukturen geschaffen, die es aktiven Frauen ermöglichten, aus den traditionellen weiblichen Rollen in Haus und Familie herauszutreten. Viele der aktiven Frauen waren bis dahin auf Kinder und Familie fixiert und nicht gesellschaftspolitisch aktiv.

Damit sie lernten, sich antifaschistisch und demokratisch für den Aufbau von Wirtschaft und Gesellschaft zu engagieren, vermittelten die Ausschüsse – teilweise unterstützt durch die Militärregierungen – mit Hilfe einer speziell an die Frauen gerichteten und auf ihre Bedürfnisse zugeschnittenen politischen Bildungsarbeit staatsbürgerliche Kenntnisse.

Ausschüsse waren ein Dorn im Auge der Parteien
Die Ausschüsse bestanden noch nicht lange, da wurden die Frauen mit Appellen konfrontiert, wonach ihr Platz alleine in den neu oder wieder gegründeten Parteien sei. Schließlich ging es darum, Parteimitglieder unter den noch wenig organisierten Frauen zu werben oder zumindest Wählerinnenstimmen zu gewinnen. Besonders die SPD-Führung machte sich große Gedanken um die über- und außerparteilichen Strukturen. Obwohl etliche SPD-Frauen sich sowohl in den überparteilichen Frauenausschüssen als auch am (Wieder)aufbau der SPD und manche auch gleichzeitig bei den Gewerkschaften und der Arbeiterwohlfahrt beteiligten, wurde durch Funktionsträger immer wieder vor der Zusammenarbeit mit bürgerlichen Frauen, die schließlich andere Interessen als Sozialistinnen hätten, gewarnt. Im Juni 1947 warnte der Parteivorsitzende Kurt Schumacher vor derartigen „Sonderorganisationen“, in denen „Madames“ tätig seien, die „politisch nicht so ohne weiteres formbar“ seien, um für die Parteiarbeit nützlich zu sein. Mit „Madames“ waren offensichtlich die bürgerlichen Frauen gemeint. Im Zeichen des Kalten Krieges ging es jedoch zunehmend auch um die Mitarbeit von Kommunistinnen, mit denen sich die Sozialdemokratinnen ebenfalls nicht an einen Tisch setzen sollten, auch dann nicht, wenn es, wie bei Aufrufen zu Friedenskundgebungen, um die gemeinsame Zielsetzung der Erhaltung des Friedens ging: „Wir bitten Euch dringend, unsere Genossinnen darauf hinzuweisen, dass sie sich auch durch noch so schön getarnte Friedenskundgebungen nicht für kommunistische Propaganda missbrauchen lassen“. So und ähnlich lauteten die Appelle in verschiedenen Mitglieder-Rundschreiben, obwohl auch Sozialdemokratinnen die Parole: „Nie wieder Krieg“ ganz oben auf ihre Agenda geschrieben hatten. Damit folgten sie den politischen Richtlinien aus dem Büro des Parteivorsitzenden Kurt Schumacher, der bereits bei seiner Rede am 6. Mai 1945 eine Zusammenarbeit mit Kommunistinnen ausgeschlossen hatte. Sozialdemokraten trenne von Kommunisten, so Schumacher, „nicht eine Verschiedenheit in der Radikalität, sondern ein anderer Blickwinkel in der Betrachtung der politischen Welt“.

Bei der ersten interzonalen Frauenkonferenz im Mai 1947 in Bad Boll diskutierten rund 240 Vertreterinnen von 42 überparteilichen und überkonfessionellen Frauenausschüssen über Perspektiven, Organisationsformen und Ziele ihrer Arbeit und einen Zusammenschluss aller Frauenverbände der Westzonen auf überparteilicher und überkonfessioneller Basis. Daraus wurde zunächst nichts. Erst im Oktober 1949, einige Monate nach dem Zusammenschluss der drei Westzonen zur Bundesrepublik, vereinigten sich, gefördert durch die westlichen Besatzungsmächte, die überparteilichen Frauenverbände zu einem ersten bundesweiten Zusammenschluss, dem Deutschen Frauenring (DFR). Theanolte Bähnisch, die einzige anwesende SPD-Frau, wurde Vorsitzende des Frauenrings. Sie vertrat die Meinung, dass die Majorität der Frauen alleine gelassen würde, wenn man ausschließlich auf Agitation für Parteiarbeit setze. Frauen der Ostzone hatten bereits am 8. März 1947 den Demokratischen Frauenbund Deutschlands (DFD) gegründet. In der BRD wurde er am 10. April 1957 im Zuge des KPD-Verbots verboten. Laut Beschluss des Parteivorstandes der SPD von 1948 war eine gleichzeitige Mitgliedschaft und Mitarbeit im DFD und in der SPD schon vor dem KPD-Verbot ausgeschlossen. In dem Beschluss heißt es: „Die Mitgliedschaft im Deutschen Demokratischen Frauenbund sowie die Anwesenheit (!) auf Kongressen, die vom Deutschen Demokratischen Frauenbund einberufen sind, ist unvereinbar mit der Mitgliedschaft in der SPD“. Das war ein eindeutiger Unvereinbarkeitsbeschluss.

Mit dem Wiederaufbau der Parteien und der Rekonstruktion der hierarchisch organisierten Wirtschaft verschwanden die Frauenausschüsse. Die SPD warb weiter um die Gunst der Frauen, denn Frauen hatten ohne Zweifel durch die Vielzahl ihrer Stimmen ein gewisses politisches Übergewicht. Allerdings saßen in den meisten Macht- und Entscheidungspositionen, wie in den anderen Parteien auch, schon wieder Männer.

Gisela Notz, lebt und arbeitet in Berlin zu historischen und aktuellen Frauen- und Geschlechterthemen und zur alternativen Ökonomie.

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