Fleisch macht hungrig

Durch steigenden Fleischkonsum bedingte globalisierte Futtermittelproduktionm raubt den Menschen in vielen Ländern die Ernährungsgrundlage. Deutschland mischt dabei kräftig mit.
Rainer Balcerowiak.Lunapark21 – Heft 21

Ein Fleischskandal jagt den nächsten. Im März suchten Lebensmittellabore noch europaweit nach Fertiggerichten, denen ohne entsprechende Deklaration Pferdefleisch beigemischt wurde. Dieses ist wohlschmeckend und, sofern nicht mit Medikamenten belastet, uneingeschränkt für den menschlichen Verzehr geeignet. Die aktuellen Vorfälle sind nicht zu vergleichen mit dioxinbelasteten Hühnern, überlagertem Gammelfleisch oder den beträchtlichen Antibiotika-Rückständen bei fast allen Nutztieren. Dennoch wirft die offensichtlich systematische Beimengung von Pferdefleisch ein Schlaglicht auf einen weitgehend deregulierten globalen Markt, der Fälschern und Betrügern unzählige profitable Möglichkeiten bietet.

Denn die Herkunft von Fleisch braucht in verarbeiteten Produkten nicht angegeben werden. Schlacht- und Verarbeitungsbetriebe und Großhändler greifen daher gerne zu, wenn plötzlich Unmengen Pferdefleisch aus Rumänien und Spanien auf dem „grauen Markt“ für wenig Geld erhältlich sind. Wer den gnadenlosen Kampf um die billigsten Produkte nicht mitmacht, muss sich entweder erfolgreich im – vermeintlich oder tatsächlich – gehobenen Segment bewegen oder Nachteile gegenüber Konkurrenten, die billiger anbieten, in Kauf nehmen. Nicht nur, aber ganz besonders in Deutschland.

Steigender Fleischkonsum galt stets als Indikator für wachsenden Wohlstand. Die 60 Kilogramm Fleisch und Wurstwaren, die jeder Deutsche mittlerweile durchschnittlich pro Jahr verzehrt, sind aber kein Ergebnis gestiegener Masseneinkommen. Vielmehr ist Fleisch in Deutschland so billig wie nie. Doch Brathähnchen für 1,99 Euro und Schweineschnitzel für 2,99 pro Kilo aus dem Supermarkt kommen sowohl uns als auch unzähligen Menschen in den ärmeren Teilen der Welt teuer zu stehen. Wir zahlen für milliardenschwere EU-Subventionen an die Fleischindustrie sowie für, durch Großmastanlagen und minderwertiges Fleisch verursachte, Umwelt- und Gesundheitsschäden. Und vielen „Dritte-Welt-Staaten“ wird durch unseren immensen Importbedarf an pflanzlichen Futtermitteln die Ernährungsgrundlage geraubt.

Der Charakter der Fleischproduktion hat sich in den vergangenen fünfzig Jahren grundlegend geändert, wie der im Januar von der Heinrich-Böll-Stiftung und dem Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) veröffentlichte „Fleischatlas“ beschreibt. In Europa wurde noch in den 1960er Jahren ein großer Teil der Tiere in mittleren bis kleinen Herden gehalten, Futtermittel wie Heu und Getreide stammten überwiegend aus eigenem oder wenigstens heimischem Anbau. Für die Tierhaltung wurden Flächen genutzt, die nicht für den Ackerbau geeignet waren. Heute, so heißt es in der Studie, gehöre „die Fleischproduktion zu den profitabelsten Zweigen der Landwirtschaft und trägt 40 Prozent zum Gesamtwert der weltweiten Agrarproduktion bei, in den Industrieländern sogar mehr als die Hälfte.“ Eingegliedert in globale Produktionsketten, werden die Tiere eher in Fabriken als in Bauernhöfen gehalten und liefern riesige Mengen Fleisch für die globale Mittel- und Oberschicht. Neben den klassischen Agrarländern Brasilien, China und Argentinien befinden sich unter den großen Fleischproduzenten fast ausschließlich Industriestaaten.

Die Industrialisierung der Fleischproduktion basiert auf verschiedenen Grundlagen. Zum einen begann seit den 80er Jahren des vergangenen Jahrhunderts die weitgehende Liberalisierung der Agrarmärkte. Hinzu kamen neue Technologien in der Tierzucht, der Tierhaltung, der Schlachtung, der Kühlung und im Transport, sowie der zunehmende Einsatz von synthetischen Düngemitteln und Pestiziden beim Anbau von Futtermitteln.

Weltweit werden mittlerweile ein Drittel der landwirtschaftlichen Flächen für den Futtermittelanbau genutzt. Millionen von Kleinbauern wurden in den vergangenen Jahren von ihrem Land verdrängt, um großflächigen Sojaanbau zu ermöglichen. Sie verlieren auf diese Weise ihre Nahrungs- und Existenzgrundlage. Zudem führt die fortschreitende Rodung des Regenwaldes wegen des Futtermittelanbaus in den betroffenen Regionen zu dramatischer Wasserknappheit: Über alle Produktionsstufen verteilt werden für die Herstellung eines Kilos Fleisch über 15000 Liter Wasser verbraucht. Der exzessive Einsatz von Düngemitteln und Herbiziden beim Anbau gentechnisch veränderter Sojabohnen in Monokulturen beschleunigt außerdem die Verkarstung der Flächen und verseucht das Grundwasser.

Angesichts der weltweiten Ernährungskrisen ist die fast exklusive Verwendung von Soja als Viehfutter eine unfassbare Verschwendung eiweißreicher Nahrung. Zur Erzeugung einer Kalorie Fleisch werden 11 bis 17 Kalorien aus pflanzlichen Futtermitteln benötigt. Der ebenfalls in Konkurrenz zur Nahrungsmittelproduktion stehende Anbau von Energiepflanzen zur „Biosprit“-Erzeugung trägt auch zum Hunger bei, aber in viel geringerem Maße.

Die Futtermittel landen zu großen Teilen in den reichen Industriestaaten und aufstrebenden Schwellenländern. Die EU ist nach China der weltweit größte Sojaimporteur. Ohne diese Einfuhren könnte die Fleischproduktion in Europa nicht in der bisherigen Größenordnung aufrechterhalten werden.

Deutschland spielt dabei eine wichtige Rolle: 60 Kilogramm Fleisch werden durchschnittlich pro Kopf und Jahr verbraucht. Hinzu kommen 30 kg, die in den Abfall wandern – auf Schlachthöfen, im Handel oder in den Haushalten. Im Laufe seines Lebens isst jeder Deutsche demnach 1094 Tiere, davon vier Rinder, vier Schafe, zwölf Gänse, 37 Enten, 46 Schweine, 46 Puten und 945 Hühner. Wobei es Sinn macht, eine geschlechtsspezifische Differenz zu erwähnen: In Deutschland verzehren Männer pro Tag oder Jahr ziemlich genau das doppelte Gewicht an Fleisch und Wurstwaren wie Frauen.

Im übrigen gehört Deutschland mittlerweile zu den führenden Fleischexportnationen. 2011 führten deutsche Unternehmen 422000 Tonnen Rind-, 2,4 Millionen Tonnen Schweine- und 393000 Tonnen Geflügelfleisch in über 100 Länder der Erde aus, nicht selten mit katastrophalen Folgen für örtliche Erzeuger, die angesichts der subventionierten Fleischschwemme ihre eigenen Produkte nicht mehr verkaufen können. Allerdings liegt die Einfuhr von Fleisch auf ähnlich hohem Niveau, was ein Ausdruck der absurden internationalen Warenströme ist.

Hoher Fleischkonsum in den Industrie- und Schwellenländern schädigt global die Umwelt und fördert Hunger und Armut. Große Agrarkonzerne und deren politische Lobbyisten sind dabei die treibenden Kräfte. Doch auch die Verbraucher haben eine gewisse Verantwortung. Jeder Mensch sollte materiell in die Lage versetzt werden, sich ausreichend und ausgewogen zu ernähren. Künstlich niedrig gehaltene Fleischpreise sind aber keine soziale Errungenschaft. Art- und umweltgerecht sowie – global gesehen – sozialverträglich produziertes Fleisch ist ein hochwertiges Nahrungsmittel, das seinen Preis haben muss. Qualitativ gute Lebensmittel können nur produziert werden, wenn die Erzeuger kostendeckende Erlöse dafür erhalten. Auch umfassenden Verbraucherschutz und Qualitätskontrolle gibt es nicht zum Nulltarif. Jeder Konsument hat das Recht, dass alle Fleischwaren, ob frisch oder in Fertigprodukten, nachvollziehbar deklariert sind und festgelegten Qualitätsstandards entsprechen. Die umfassende Durchsetzung dieser Prämissen würde allerdings bedeuten, dass bestimmte Billigangebote nicht mehr realisierbar wären. Die Konsequenz wäre, weniger, dafür aber besseres Fleisch zu konsumieren. Was spricht dagegen? Einiges. In erster Linie natürlich die Interessen jener Agrokonzerne, die rund um die expandierende Fleischproduktion eine äusserst profitable Wertschöpfungskette entwickelt haben. Die beginnt mit der Bodenspekulation, setzt sich über genmanipuliertes Saatgut für Futtermittel und deren „Schutz“ durch Pestizide fort und endet mit der industriellen Massentierhaltung und dem Verkauf der daraus resultierenden Produkte. Die Nutzung vorhandenen Ackerlandes für die eigentliche Nahrungsmittelproduktion wäre demgegenüber extrem „unwirtschaftlich“. Und in den Fleisch produzierenden Ländern sorgt eine mächtige Lobby für ein reibungsloses Marktgeschehen.

Aktuell sorgt sie dafür, dass der ursprüngliche Entwurf der EU- Kommission für eine Reform der Agrarsubventionen Stück für Stück im Reißwolf landet. Der sah vor, dass Betriebe ökologische Standards einhalten müssten, um Direktzahlungen zu erhalten. Auch die geforderte Eigenquote beim Futtermittelanbau für Fleischproduzenten ist längst vom Tisch. Das ist der eigentliche und permanente Fleischskandal. So betrachtet, ist die undeklarierte Verwendung von Pferdefleisch nun wirklich ein Randproblem.

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