Stagnation mit tektonischen Verschiebungen

Die Global 500 im Jahr 2013
Winfried Wolf. Lunapark21 – Heft 27

Seit ein paar Wochen liegt die Statistik über die „Glogal 500“ für das Bilanzjahr 2013 wieder vor. Das US-Blatt Fortune veröffentlicht dieses umfangreiche statistische Werk seit zwanzig Jahren jeweils im Sommer, dann mit den Zahlen für das vorausgegangene Jahr – das aktuelle Heft datiert auf den 21. Juli 2014. Ich wertete in Lunapark21 mehrfach diese Statistik aus. Aus den Zahlen lassen sich oft interessante Schlüsse ziehen, zu denen man bei einem oberflächlichen Blick eher nicht gelangt, zumal sich das US-Wirtschaftsblatt seit zwei Jahren jeglicher eigener Analyse und Kommentierung enthält – selbst die Zuordnung der Konzerne zu Weltbranchen wurde eingestellt.

Auch wenn es inzwischen interessante Untersuchungen gibt, wonach die Weltmacht der Konzerne sich nochmals konzentrierter darstellt als bei den Global 500, so präsentiert sich in den Global 500-Konzernen doch im Wesentlichen die Weltmacht des globalen Kapitals. Diese 500 größten Unternehmen aus allen Wirtschaftsbereichen – also aus Industrie, Einzelhandel, Großhandel, Banken, Versicherungen und dem Dienstleistungsbereich – zählten Ende des vergangenen Jahres 65223979 Beschäftigte. Diese „personengenaue“ Angabe ist zweifellos trügerisch. Und die Art der Arbeitsplätze beim US-Einzelhandelskonzern Wal Mart (mit 2,2 Millionen Beschäftigten) oder dem taiwanesischen IT-Konzern Hon Hai Precision Industry, besser als Foxconn bekannt (mit 1,1 Millionen Jobs) dürften von anderer Qualität sein als diejenigen bei Daimler in Deutschland oder bei Renault in Frankreich. Wobei, das zeigten jüngst Recherchen, die Leiharbeitsjobs bei Daimler ebenfalls von ausgesprochen mieser Qualität sind (siehe LP21 Heft 26, S. 30). Doch die Vorstellung, dass nur 500 Unternehmen über ein Heer von gut 65 Millionen Beschäftigten kommandieren, ist beeindruckend. „Kommandieren“ meint, dass deren Ware Arbeitskraft ausgebeutet und zur Quelle von riesigen Profiten wird.

Hier gibt es eine erste Besonderheit bei der 2013er Global 500-Liste: Der Umsatz der Global 500 wurde 2013 gegenüber dem Vorjahr um 2,5 Prozent auf 31 Billionen US-Dollar (oder auf 31000 Milliarden Dollar) gesteigert. Das ist ein eher geringer Anstieg; unter Berücksichtigung der Inflation kann von Stagnation gesprochen werden. Gleichzeitig aber schnellten die (ausgewiesenen) Profite um sage und schreibe 27 Prozent nach oben – von 1,54 Billionen US-Dollar 2012 auf 1,96 Billionen (oder knapp 2000 Milliarden) Dollar im vergangenen Jahr. Derart dramatische Gewinnanstiege gibt es gewöhnlich nur nach Krisen, in denen es zuvor einen Einbruch bei den Profiten gab.

Massive Veränderungen in der regionalen Verteilung
Die Lunapark21-Tabelle zeichnet vor allem die langfristigen geographischen Veränderungen in der Gruppe der Global 500 nach. Erkennbar sind die folgenden sechs Trends:

Erstens: Es gibt einen unaufhaltsamen Rückgang des Gewichts der US-amerikanischen Konzerne. Deren Anteil an den Global 500 betrug 1999 noch 36,9 Prozent. 2013 waren es nur noch 27,6 Prozent. Der Rückgang des gesamten Nordamerika-Blocks NAFTA mit USA, Kanada und Mexiko, verläuft dann etwas abgeschwächt, wobei dies ausschließlich auf die gegenläufige Entwicklung beim NAFTA-Staat Mexiko zurückzuführen ist (NAFTA-Entwicklung: 1999: 38,3% / 2013: 29,3%).

Zweitens: Der Abstieg Japans ist nochmals deutlich dramatischer als derjenige der US-Konzerne. Dieser begann bereits Anfang der 1990er Jahre, was in der Tabelle nicht mehr abgebildet wird. Zwischen 1999 und 2013 hat sich der Anteil der japanischen Konzerne in der Global-500-Gruppe nochmals von 23,1 Prozent auf 9,9 Prozent mehr als halbiert. (Gegenüber 1992 gab es ein Eindampfen auf ein Drittel).

Drittens: Die Konzerne mit Sitz in Europa mussten ebenfalls Federn lassen. Das gilt für alle Konzerne in Westeuropa, zusammengefasst unter „Westeuropa (Kern)“. Auch die deutschen Global 500-Konzerne sind von dieser Tendenz betroffen. 1999 gab es noch 37 deutsche Global-500-Konzerne mit einem Anteil von 9,6 Prozent am gesamten Umsatz. 2013 waren es nur noch 28 oder neun weniger. Der Anteil schnurrte auf 6,6 Prozent zusammen. Ähnlich sieht es bei den Konzernen aus Frankreich und Großbritannien aus. (Dass die italienischen Global-500-Konzerne ihren Anteil halten konnten, liegt an deren spezifischer Zusammensetzung: von den neun italienischen Global-500-Konzernen gehören zwei zum Öl-Energie-Geschäft, zwei zur Versicherungsbranche und zwei zum Bankensektor).

Eine leicht gegenläufige Bewegung gibt es bei den Konzernen mit Sitz in Mittel- und Osteuropa, weswegen der Anteil von „Rest-Europa“ in der gesamten Gruppe sich leicht erhöhte. Insgesamt gab es 1999 in der Global-500-Gruppe noch 161 Konzerne mit Sitz in Europa, die einen Anteil von einem Drittel des Gesamtumsatzes auf sich vereinten (33,1%). 2013 waren es nur noch 144 Unternehmen, deren Anteil auf 30,4 Prozent gesunken ist.

Viertens: Die geschilderten drei Teilbewegungen münden darin, dass die Weltmacht der klassischen westlichen Konzerne aus Nordamerika, Japan und Europa erodiert. 1999 gab es unter den 500 mächtigsten Unternehmen der Welt noch 468 aus diesen imperialistischen Regionen, die damals noch 95,2 Prozent des gesamten Umsatzes der Global 500 auf sich vereinen konnten. Die verbleibenden 5 Prozent blieben dem riesigen Rest der Welt (siehe die Zeile „Westliche Industriestaaten“). 2013 sind es nur noch 350 Großunternehmen mit Sitz in Nordamerika, Japan oder Europa. Deren Anteil sank von besagten 95,1 Prozent auf 70,9 Prozent. Allein im Jahresverlauf 2012 auf 2013 ging die Zahl dieser Konzerne um 5 (von 372 auf 367) zurück.

Fünftens: Eine Reihe Schwellenländer – auch als emerging markets bezeichnet – hat ihren Anteil in der Gruppe der Global 500 massiv ausbauen können. Das trifft auf Länder wie Brasilien, Russland und Indien zu. Von diesen drei Ländern gab es 1999 erst sechs Konzerne in der Global-500-Gruppe; 2013 waren es bereits 23. Der addierte Anteil dieser Konzerne am gesamten Global-500-Umsatz stieg von 0,7 Prozent 1999 auf 4,5 Prozent. Eine besondere Dynamik weist dabei die Gruppe auf, die hier einigermaßen populistisch als „asiatische Tigerstaaten“ zusammengefasst wurde. Es handelt sich dabei um die Staaten Indonesien, Malaysia, Singapur, Thailand, Taiwan und Südkorea. Trotz der massiven Krise, die es in dieser Region 1998/99 gab, was damals zu erheblichen Einbrüchen und Umstrukturierungen führte, erlebte diese Gruppe einen neuerlichen Aufstieg. 1999 gab es in der Global 500-Gruppe 14 Konzerne aus dieser Staatengruppe, die auf einen Anteil von 2,1 Prozent kamen. 2013 tummelten sich hier bereits 28 Tigerstaaten-Konzerne, die 5 Prozent des Global-500-Unsatzes auf sich vereinten.

Dabei spielt in dieser Gruppe Südkorea eine deutlich herausragende Rolle (wenn wir die Tabelle nicht allzu langfristig angelegt hätten, müsste diese entsprechend neu strukturiert werden): Dieses Land bringt es inzwischen auf 17 Global-500-Konzerne und einen addierten Umsatz von 916,7 Milliarden US-Dollar (in der Tabelle nicht getrennt aufgeführt). Das entspricht bereits 60 Prozent des addierten Umsatzes dieser Staatengruppe (von 1540 Mrd. US-Dollar). Am Maßstab „Position unter den Global 500“ gemessen ist Südkorea deutlich größer als die Schweiz oder Italien und doppelt so mächtig wie Russland oder Brasilien.

Sechstens: Der Aufstieg der chinesischen Konzerne in der Global 500-Gruppe ist sicher das wichtigste Ergebnis überhaupt. Dabei handelt es sich einerseits um einen kontinuierlichen Prozess. 1999 gab es erst zehn chinesische Global-500-Konzerne, die auf einen Anteil von 1,6 Prozent kamen. 2013 waren es 95 Großunternehmen, die nun einen Anteil von 18,8 Prozent haben. Es handelt sich um eine Steigerung um das Zwölffache. Andererseits lässt sich feststellen, dass sich die Dynamik des chinesischen Aufstiegs mit der Krise 2007/2008 beschleunigte. Im letzten Jahr vor der Krise, 2007, gab es erst 29 chinesische Global-500-Unternehmen, deren addierter Umsatz von 1,144 Billionen US-Dollar 4,8 Prozent des gesamten Global-500-Umsatzes (von 23618 Mrd US-Dollar) entsprach (nicht in der Tabelle enthalten). Danach erfolgte nochmals eine Verdreifachung dieses Anteils und vor allem ein enormer Anstieg der Umsatz- und Profitmasse, die diese chinesischen Global-500-Konzerne inzwischen auf sich vereinen.

China wiederholt die westliche Kapitalstruktur
Untersucht man nun die stoffliche Seite der Global-500-Konzerne, so ergibt sich zunächst das klassische Bild, das in dieser Zeitschrift seit 2008 mehrfach beschrieben wurde. Das die Liste anführende „schmutzige erste Dutzend“ Großkonzerne ist beherrscht von Öl-Auto. In dieser führenden Gruppe befinden sich sieben Ölkonzerne aus den USA, China, Großbritannien und Frankreich, ein großer Energiekonzern aus China (State Grid) und zwei Autokonzerne.[1] Die Gruppe Öl-Auto ergänzt um Luftfahrt bringt es auf knapp ein Drittel des Gesamtumsatzes der Global 500 (was hier nicht weiter ausgeführt werden soll, da dies in früheren LP21-Heften dargelegt wurde).

Uns interessiert hier, welchen Weg die chinesischen Großunternehmen gehen. Inwieweit es hier einen „besonderen Weg“ gibt oder ob die Struktur, die sich diesbezüglich im westlichen Kapital seit den 1970er Jahren herausgebildet hat, neu reproduziert wird.

Tatsächlich weist die Zusammensetzung der chinesischen Großkonzerne deutliche Parallelen zu derjenigen aller übrigen weltweit größten Unternehmen auf. Unter den 95 chinesischen Global-500-Unternehmen zählen 13 direkt zum Sektor Öl, Auto und Flugzeugbau. Wobei die zwei größten chinesischen Konzerne überhaupt – Sinopec Group und China National Petroleum – reine Ölkonzerne sind.[2] Der addierte Umsatz dieser 13 chinesischen Öl-Auto-Flugzeugbau-Konzerne hat laut Fortune im vergangenen Jahr ein Volumen von – umgerechnet – 1508 Milliarden US-Dollar. Das entspricht bereits 25,8 Prozent des gesamten Umsatzes aller chinesischen Konzerne unter den Global 500.[3] Darüber hinaus gibt es in der Gruppe chinesischer Global-500-Konzerne fast ebenso viele mächtige Energiekonzerne (wie State Grid, China Southern Power Grid, Shandong Energy Group oder China Huaneng Group), bei denen es zweifellos Querverbindungen zu den Ölkonzernen gibt. Dies blieb hier jedoch unberücksichtigt.

Eine deutliche Abweichung von der Struktur der westlichen Global-500-Konzerne besteht dann darin, dass sich unter den chinesischen Global-500-Konzernen auch drei Unternehmen aus dem Bereich Eisenbahnen befinden: China Railway Construction (12/80), China Railway Group (14/86) und China Railway Materials (89/442). Wobei sich längst das westliche Autokapital und das chinesische eng verzahnen. Carl H. Hahn war vor einem Vierteljahrhundert Top-Manager bei VW. Anlässlich eines Besuchs in China äußerte er 1990 in der Großen Halle des Volkes in Peking: „Wir in Deutschland denken langfristig. Ich kann mir vorstellen, dass eines Tages in China mehr Volkswagen gebaut und verkauft werden als bei uns.“[4]

Genau dieses kühne Ziel des VW-Bosses wurde inzwischen verwirklicht. Während in Europa die Zulassungszahlen von Pkw rückläufig sind, während in vielen Städten überlegt wird, wie man von der Dominanz des Autos wegkommen kann, wurde China zum wichtigsten Absatzmarkt der weltweiten Autobranche. VW produziert auch vor Ort, in China, deutlich mehr Autos als in Deutschland selbst. Auch sind die Gewinnmargen in China deutlich höher als in Deutschland. VW ist dabei eng verbunden mit zwei Staatskonzernen, mit denen die Konzernmutter in Wolfsburg zwei getrennte Gemeinschaftsunternehmen (joint ventures) bildete: mit First Automotive Works (FAW) in Changchun und mit Schanghai Automotive Industry (SAIC) in Schanghai.

China rettet derzeit die Autoindustrie des Westens.

Anmerkungen:

[1] Es handelt sich dabei um die folgenden Unternehmen – in Klammern jeweils Umsatz, Land und Rang in der Global-500-Liste: Royal Dutch Shell (460 Mrd. $ / NL / 2); Sinopec Group (457 Mrd. $ / CH / 3); China National Petroleum (432 Mrd. $ / CH / 4); Exxon Mobil (408 Mrd. $ / US / 5); BP (396 Mrd. $ / GB / 6); State Grid (333 Mrd. $ / CH / 7); Volkswagen (262 Mrd. $ / D / 8); Toyota (256 / J / 9); Total (228 / F / 11) und Chevron (220 / US / 12). In diesem Sinn aus dem Rahmen fallen nur Wal-Mart-Stores (476 / US / 1) und der Rohstoffkonzern Glencore (233 Mrd. $ / CH / 10).

[2] Die chinesischen Konzerne in der Global-500-Gruppe sind – in Klammern jeweils als erstes der Rang unter den chinesischen Konzernen und im Fall der zweiten Zahl der Rang in der Global-500-Gruppe: Sinopec Group (1/3); China National Petroleum (2/4); China National Offshore Oil (11/79); SAIC Motor (13/85); China FAW-Group (17/11); Dongfeng Motor Group (18/113); China South Industries Group (30/160); Aviation Industry Corp. of China (31/178); Beijing Automotive Group (40/248); China National Aviation Fuel Group (59/314); Guangzhou Automobile Industry Group (72/366); Shaanxi Yanchang Petroleum Group (88/432) und die Zhejiang Geely Holding Group (92/466).

[3] Der gesamte Umsatz der 95 chinesischen Unternehmen unter den Global 500 beträgt 5839 Milliarden US-Dollar.

[4] „Die Kader der Volksrepublik China sollen vom Fahrrad auf den Golf umsteigen“, in: Ostfriesen-Zeitung vom 23. November 1990.

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