Der Preis des billigen Fleischs

Spannender Polit-Krimi von Wolfgang Schorlau
Kathrin Hedtke. Lunapark21 – Heft 25

Ausgerüstet mit Nachtsichtgerät und Infrarotkamera stapfen Jakob und seine Freunde nachts durch die Pampa. Ihr Ziel: Eine Putenmastanlage. Doch als die Tierschützer den Stall betreten, fällt die Tür hinter ihnen ins Schloss. Die Jugendlichen sitzen in der Falle. Will ihnen jemand einen Schreck einjagen? Was führt die Rockerbande auf dem Hof im Schilde? So langsam dämmert den Schülern, dass sie sich in Lebensgefahr befinden. Doch da hat Privatdetektiv Georg Dengler schon mit der Suche nach seinem Sohn und dessen Freunden Laura, Cem und Simon begonnen.

In seinem siebten Fall deckt der Ermittler die perfiden Methoden der Fleischindustrie auf. In seinem aktuellen Krimi „Am zwölften Tag“ zeigt Wolfang Schorlau eindringlich, welche Opfer die Gier nach billigem Fleisch fordert. Der Stuttgarter Autor thematisiert sowohl die Misshandlung der Tiere als auch die Ausbeutung osteuropäischer Arbeiter. Es gelingt ihm wieder, ein politisches Thema in einen spannenden Roman zu verpacken – und Fakten scheinbar nebenbei zu vermitteln. Wolfgang Schorlau ist bekannt für seine gründlichen Recherchen. So auch diesmal. Sein Fazit: „Die Fleischindustrie kennt keinen Respekt vor den Tieren und keinen Respekt vor den Menschen.“

Während der Ermittlungen wird Georg Dengler bewusst, wie wenig er über seinen Sohn wusste: So ist Jakob nicht nur Veganer geworden, sondern hat sich auch einer Gruppe radikaler Tierschützer angeschlossen. Auf seinem Computer entdeckt der Vater mehrere Filme, die mit versteckter Kamera aufgenommen wurden. Ein Video zeigt Kälber, die von einem Lkw getrieben werden. Sie können kaum laufen, wanken, stürzen, brechen zusammen. Jakob erklärt aus dem Off, warum diese Tiere so krank sind: „Diese Kälber wurden seit Wochen mit Futter ohne Eisengehalt ernährt.“ Der Grund: Eisen bildet rote Blutkörperchen, die das Fleisch rot färben. „Und diese armen Tiere sollen teures weißes Fleisch liefern.“ In einem anderen Clip ist zu sehen, wie Puten in einer Mastanlage dicht gedrängt in ihren Exkrementen versinken, wie sie auf toten Artgenossen rumpicken und ihnen schließlich am Fließband teilweise noch am lebendigen Leib die Köpfe abgeschnitten werden.
Brutal wird in der Fleischindustrie auch mit den Arbeitern umgegangen. Kimi und seine rumänischen Landsleute schuften hart für einen Hungerlohn. Doch seit zwei Monaten haben sie nicht einmal diesen bekommen. Wer aufmuckt, wird blutig geprügelt. Kimi will nach Hause, aber dafür braucht er das Geld. Deshalb will er sich holen, was ihm zusteht – und begibt sich in große Gefahr.

Wie das System der Ausbeutung funktioniert, machen die Monologe des Fleischbarons Carsten Osterhannes deutlich. „Wo früher fünfzehn Fachkräfte standen, stehen heute sechzig ahnungslose Ostarbeiter. Die schneiden rechte Augen aus, zwölf Stunden am Tag. Die zwacken den linken Fuß ab, die entfernen die Borsten an der Brühanlage, zwölf, fünfzehn Stunden am Tag.“ Die Arbeiter kosten so gut wie nichts. Werkverträge machen es möglich. Dadurch sei ein „Niedriglohnparadies“ mitten in Deutschland geschaffen worden, erklärt Osterhannes. Zwielichtige Subunternehmer wittern das schnelle Geld. „Normalerweise schmuggeln sie die Nutten nach Frankfurt, Berlin und Hannover. Jetzt haben sie durch uns einen neuen Vertriebszweig entdeckt: Arbeitskräfte für die Fleischindustrie.“

Dabei gehen sie buchstäblich über Leichen. Die Suche nach Jakob und seinen Freunden wird zum Wettlauf gegen die Zeit. Wer mit dem Krimi begonnen hat, will ihn nicht mehr aus der Hand legen. Einziger Nachteil: Wer gerne Fleisch isst, könnte künftig den Appetit auf ein paniertes Schnitzel oder einen Salat mit Putenbruststreifen verlieren. Auch Wolfgang Schorlau schreibt im Nachwort: „Seit ich mich mit den Methoden der Fleischindustrie beschäftige, mache ich einen großen Bogen um jede Fleischtheke und jede Tiefkühltruhe im Supermarkt.“

Wolfgang Schorlau: Am zwölften Tag. Denglers siebter Fall. KiWi-Verlag 2013.

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