Begriffliche und sonstige Verwirrungen

Bemerkungen zu dem Aufsatz „Endlose Akkumulation“ von Jason W. Moore in Lunapark21 Nr. 32

Aus: Lunapark21 – Heft 33

Dass die kapitalistische Produktionsweise Ressourcen verschwendet, die Umwelt vergiftet, das Klima verändert und damit unsere Lebensgrundlagen untergräbt, gehört heute zum Alltagsbewusstsein vieler Menschen. Auch wenn im ersten sozialistischen Experiment in einem Drittel der Erde die Umwelt oft schlimmer beschädigt wurde als im kapitalistischen Teil und der durch dieses Experiment geprägte Marxismus nicht selten von ökologischer Blindheit geprägt war, so hat sich der Marxismus doch zwischenzeitlich den Fragen der Ökologie, der natürlichen Grundlagen der kapitalistischen Wirtschaftsweise, also den Naturverhältnissen geöffnet. Die Bedeutung der Geschlechterverhältnisse hingegen wird bis heute von vielen Marxistinnen und Marxisten systematisch unterschätzt. Noch 2008 veröffentlichte die Marx-Engels-Stiftung ein Buch mit dem Titel „Konturen eines zukunftsfähigen Marxismus“, in dem unter zwölf Männern weder Frauen einen Beitrag leisten durften, noch zum Thema der Geschlechterverhältnisse geschrieben wurde. Da ist es erfreulich, wenn jemand versucht, „marxistische, ökosozialistische und feministische Ansätze zu einer Synthese zu bringen“, wie es im Vorspann zu dem Artikel von Jason W. Moore „Endlose Akkumulation? – Die nicht bezahlten Quellen des kapitalistischen Reichtums“ in Lunapark21 Nr. 32 heißt. Man könnte also eine spannende Lektüre erwarten.

Doch schon die ersten beiden Sätze sind verstörend. „Jede Zivilisation muss entscheiden, was wertvoll ist und was wertlos. Marxisten sprechen hier meist vom ‚Wertgesetz‘“. Sollte der Autor vom marxistischen Wertgesetz keine Ahnung haben? Merkt er nicht, dass er einen Begriff von ‚Wert‘ benutzt, der von dem Marx‘schen verschieden ist? Das Marx‘sche Wertgesetz handelt vom Wert der Waren. Dieser entsteht in dem objektiven Prozess der kapitalistischen Warenproduktion durch die Arbeit, unabhängig davon, ob das die Zivilisation entscheidet, ob sie es weiß oder nicht. „Dann sei der ‚Wert‘ kein Begriff, der sich ohne weiteres auf die Tagespolitik beziehen oder auf die Geschichte des Kapitalismus anwenden ließe“. Auf was sonst als auf den Kapitalismus ließen sich ‚Wert‘ oder das ‚Wertgesetz‘ anwenden?

Wer marxistische, ökosozialistische und feministische Ansätze zu einer Synthese bringen möchte, sollte von allen Dreien wenigstens eine Ahnung haben. Vom marxistischen Ansatz, das deutet sich hier an, versteht Moore aber nicht viel.

Weiter geht es zum Ökosozialismus. Da will Moore zuallererst das „Credo der Moderne“, die Trennung zwischen Mensch einerseits und Natur andererseits, überdenken. Überdenkt er nun die Trennung oder gar seine angesteuerte Zusammenführung mit dialektischer Methode? Tatsächlich stellt er sie nur fest, aber nicht in ihrer Widersprüchlichkeit.

Den Feminismus führt er ein, indem er erklärt, der Moderne gälten nicht alle Menschen als vollwertig, vor allem nicht die Frauen. Später bezieht er sich noch auf Maria Mies, ohne dass sie ihm so viel „wert“ wäre, sie zu zitieren oder auf ihre Theorien näher einzugehen. Maria Mies ist keine Marxistin, die marxistischen Feministinnen aber, die nicht nur zu den Geschlechterverhältnissen geforscht und geschrieben haben, sondern auch das kapitalistische Naturverhältnis kritisiert haben – die Unterwerfung der Frauen und der Natur entspringt den gleichen patriarchalen Ideologien – sind ihm keine Erwähnung wert. Schließlich findet Moore, für den Kapitalismus sei die wesentliche Unterscheidung sowieso nicht die zwischen Menschheit und Natur, sondern diejenige zwischen „zwei Sphären mit fließenden Grenzen – der Sphäre der Ausbeutung (…) durch Lohnarbeit und der Sphäre der Aneignung“.

Die Trennung von Mensch und Natur also doch nicht das heilige Credo? Wozu der Aufwand? In diesem Satz steckt dann bereits die nächste Mine. Die Sphäre der Ausbeutung und die Sphäre der Aneignung seien (wenn auch mit fließenden Grenzen) getrennt. Wie glaubt Moore denn, dass Ausbeutung funktioniere, wenn nicht durch die Aneignung des Arbeitsprodukts? Wie soll die Aneignung der Natur möglich sein ohne Arbeit? Selbst die Ausstellung eines Landtitels wird von einem Lohnsklaven erledigt und nicht von dem Kapitalisten selber. Ohne Arbeitssklaverei, meist in Form von Lohnarbeit, kann sich kein Kapitalist auch nur ein Körnchen Gold aneignen, keine Kohle, kein Öl, kein Gas, keine Mineralien und kein Land, kein Weizen und kein Soja. Und die Kolonien wären ihm gänzlich wertlos, ohne Menschen darin, die er ausbeuten kann. Vielleicht hat er Rosa Luxemburg und deren Werk „Ursprüngliche Akkumulation“ im Hinterkopf, in der die Eingliederung der Arbeitsprodukte vorkapitalistischer Produktionsprozesse in den kapitalistischen Wirtschaftskreislauf, das heißt deren kapitalistische Aneignung, untersucht wird? Doch auch Aneignung außerhalb des kapitalistischen Produktionsprozesses geht nur mittels menschlicher Arbeit. Das Kapital ist ganz uninteressiert an der Natur und an Naturprozessen, nimmt diese nur wahr, sofern es sich um Rohstoffe und Energieträger handelt und kommt an Rohstoffe und Energieträger nur heran, wenn es entweder selber Lohnarbeiter einsetzt oder Arbeitsprodukte von Menschen billig ersteht oder stiehlt.

Nach dem ersten Viertel des Aufsatzes wird deutlich: Moore kennt sich mit marxistischen Kategorien nicht aus, gleichwohl wirft er mit den Begrifflichkeiten um sich, darauf vertrauend, dass der Marxismus nur noch von Wenigen verstanden wird.

Es geht dann weiter mit derart grandiosen Sätzen wie: „Sowohl Ausbeutung als auch Aneignung zielen auf unbezahlte Arbeitsenergie“. Was aber bedeutet hier Arbeitsenergie? Er sagt uns: Sie kann in Form von Arbeitskraft (er meint wahrscheinlich die eines Menschen) genutzt werden und in Form von Arbeit eines Flusses, eines Wasserfalls oder eines Waldes! Der Wasserfall arbeitet also? Und der Fluss auch? Und der Wald? Sicher kann man z.B. die Energie eines Wasserfalls in elektrische Energie und die Bioenergie zur Wärmeproduktion umwandeln. Aber das geht nur vermittels menschlicher Arbeit. In der Arbeit gestaltet der Mensch seinen Stoffwechsel mit der Natur, so sagen es uns Marx und Engels. Außerhalb von Klassengesellschaften ist es ganz selbstverständlich, dass die Natur den Menschen umsonst zur Verfügung steht. In Klassengesellschaften, im Kapitalismus beispielsweise, schließen die Ausbeuter die Ausgebeuteten von der Nutzung der Natur aus. Sie bedienen sich der so von den Produktionsmitteln Getrennten als Lohnarbeiter im Prozess der Produktion unter ständigem Input von Natur. Für die nun nur die Kapitalisten nicht bezahlen.

Ein ganz aktuelles Beispiel ist die Wasserwirtschaft. In der Frühphase des Kapitalismus wurden den Menschen die Wasserrechte enteignet, sie mussten Wasser kaufen, Brunnen durften nicht mehr benutzt werden, wenn kein Rechtstitel vorlag. Heute werden die Wasserwerke in öffentlichem Eigentum an Private verschleudert. Was leistet das Wasser? Es löscht den Durst der Menschen und füllt die Taschen der Konzerne? Das Wasser persönlich?

Nun ist schon ein Drittel des Aufsatzes geschrieben und gelesen und außer Allgemeinplätzen, die teilweise auch noch Verhältnisse falsch wiedergeben, ist nichts herausgekommen. Einen ganzen Abschnitt widmet Moore nun der Diskussion von „Energie, Arbeit, Kraft und Arbeitsenergie“. Sein Ausgangspunkt (schon wieder einer!) sei „Richard Whites treffende Beschreibung von Energie, als dem Vermögen, Arbeit zu verrichten“. Oh heilige Einfalt! Und wie treffend! Energie, als Vermögen, Arbeit zu verrichten, ist die physikalische Definition. Sie stammt sicher nicht von White. Und dann wirft Moore mit den physikalischen Begriffen um sich, vertauscht sie, benutzt auch sie gänzlich willkürlich. So ist Arbeit dasselbe wie Kraft, wenn sie (die Arbeit oder die Kraft?) auf einen Körper ausgeübt wird. Und Arbeitsenergie wird geleistet von einem Fluss? Meint er vielleicht die ‚Leistung‘? Sie entstehe auch durch organisches Leben, durch Photosynthese, durch die Jagd auf Beute oder die Geburt von Nachkommen. Die Arbeitsenergie? Die Leistung? Himmel hilf!

Zwei Fünftel des Aufsatzes sind geschrieben und gelesen bis Moore uns mit teilt, seinen Begriff der Aneignung gebrauche er anders als Marx, „für den Aneignen Ausbeutung durch Lohnarbeit bedeutete“. Nein, lieber Herr Moore, für Marx bedeutet ‚aneignen‘ nicht das Gleiche wie ‚Ausbeutung durch Lohnarbeit‘. Marx machte sich viel ‚Arbeit‘ damit, die kapitalistische Warenproduktion zu durchschauen und zu beschreiben; hätte er sich mit Ihrer Definition zufriedengegeben, wäre er schnell fertig gewesen und seine ‚Erkenntnis‘ wäre ohne Folgen geblieben. Der seine Arbeitskraft verkaufende Lohnarbeiter produziert ein Produkt, das sich der Kapitalist aneignet. Es ist mehr Wert als die Kosten, die in es eingeflossen sind. Dieser Mehrwert ist der Knackpunkt. Er verwandelt sich in Profit, falls die Ware ihren Todessprung auf den Markt überlebt.

Zum Ende des Abschnitts „Bezahlte und unbezahlte Arbeit: ein Unverhältnis“ kommt er zu dem Schluss: „So betrachtet wird Wert von Menschen im Verbund mit dem Rest der Natur produziert. Wert auf diese Art zu begreifen, bedeutet, die Aneignung von billiger Natur und Ausbeutung der Ware Arbeitskraft in ihrer Verbundenheit zu betrachten“. Und das wäre eine Neuigkeit für den Marxismus? Soviel Aufwand, und den Kapitalismus dann aber doch nicht richtig verstehen! Der Berg kreißte und gebar eine Maus. (Ganz abgesehen davon, dass die Natur nun plötzlich billig ist, statt kostenlos.)

Mehr als die Hälfte des Artikels liegt nun hinter uns und Moore kommt zu Schlussfolgerungen. Er will einige Rätsel in der Dynamik des Kapitalismus lösen. Er kommt auf die „Dialektik von bezahlter und unbezahlter Arbeit“ zu sprechen, die nach einer überproportionalen Ausdehnung der Aneignung im Verhältnis zur Ausbeutung verlange. Er erläutert diese Aussage nicht näher, weist aber darauf hin, dass er den Beitrag unbezahlter Arbeit und des Rests (?) der Natur (Ökosozialleistungen?) zur Akkumulation meint. „Quantitative Berechnungen der unbezahlten Arbeit – die überwiegend von Frauen geleistet wird [der Feminismus muss nochmal vorkommen, wenn man eine Synthese anstrebt] – liegen zwischen 70 und 80 Prozent des globalen Sozialprodukts, die der Ökosystemleistungen zwischen 70 und 250 Prozent.“ Diese Aussage würde in einem Unireferat unweigerlich zu einer fünf führen.

Es ist so: Er hat da was im Hinterkopf. 70 bis 80 Prozent… Ja, Mister Moore, das sind Zahlen der UNO. Aber nicht 70 bis 80 Prozent des Weltsozialprodukts. Das wäre ein Hammer, da wären die Frauen in der Subsistenzwirtschaft produktiver als die Industrie. Nein, es handelt sich dabei um die gesellschaftlich notwendige Arbeit, davon leisten Frauen 70 bis 80 Prozent. Aber sie produzieren dabei einen geringen Anteil des Weltsozialprodukts, weil sie die weniger produktiven Arbeiten leisten und auch deshalb, weil ihre Arbeit nur unvollständig eingeht in dieses. Und die Ökosystemleistungen sollen dann sogar zweieinhalbmal so hoch sein wie das Weltsozialprodukt? Zusammen mit den Frauen – gar nicht auszudenken! Das Kapital produzierte nur noch im Promillebereich, wenn diese Zahlen stimmten. Nein, sie stimmen nicht, sie sind absurd.

Zum Ende des Artikels führt Moore noch den Begriff „abstrakte soziale Natur“ ein, die offenbar durch Wissensformen, die durch „Praktiken der Vermessung, Quantifizierung und Definition der Natur“ zum Zweck der Kapitalakkumulation entstehe. Das könnte spannend sein. Ein solch widersprüchlicher Begriff bedürfte der dialektischen Bestimmung und Auslotung. Darauf warten wir allerdings vergebens.

Christel Buchinger, „ursprünglich aus der Pfalz, lebend im Saarland, aufständisch von Kindes Beinen an, linke, sozialistische Feministin, auf der Suche nach einem Ausweg aus dem Kapitalismus und dem Patriarchat, mitwirkend an der Veränderung der gesellschaftlichen Verhältnisse zu einer menschlichen, heiteren beschwingten Gesellschaft, in der es keine Herrschaft des Geldes über alle gesellschaftlichen Bereiche und keine Herrschaft eines Menschen über einen anderen gibt.“

Der vorliegende Beitrag bezieht sich auf: „Endlose Akkumulation?“ Die nicht bezahlten Quellen des kapitalistischen Reichtums. Artikel von Jason W. Moore in Lunapark21 – Heft 32

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