„… weil ich Ihr Verleger bin und bleiben möchte“

Vor 200 Jahren geboren – Otto Meissner, Verleger des „Kapital“ und „Hamburg und seine Bauten“

Am 28. Juli 1819 wurde in Quedlinburg Otto Carl Meissner geboren, ohne den wichtige ökonomische und politische Theorien nicht veröffentlicht worden wären. Vor allem gilt dies für Das Kapital von Karl Marx. Meissner bezeichnete sich selbst als Verleger von Marx, der nach dem Ersten Band des Kapital noch dessen zweite verbesserte Auflage 1873 besorgen und nach dem Tod von Marx 1883 mit Friedrich Engels den zweiten und dritten Band drucken lassen konnte.

Auch die wichtigste politische Schrift von Karl Marx nach dem Kommunistischen Manifest, Der Achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte machte Meissner 1869 der europäischen Öffentlichkeit zugänglich – der Text war 1852 nur in Amerika erschienen.

Wer war dieser Verleger, der mehr als 60 Jahre in der größten deutschen Hafenstadt als Verlagsbuchhändler wirkte und 1860 den Hamburg-Altonaer Buchhändler-Verein mit gründete?

Otto Meissner (1819-1902), ein Jahr jünger als Marx, gehörte zu den Verlegern, die fortwährend mit der Zensur zu kämpfen hatten und sich als organisierende und politische Verleger und Buchhändler verstanden.

Er hatte 1835-1842 bei dem kulturell und politisch wichtigen Musikalienhändler Wilhelm Heinrichshofen in Magdeburg sein Handwerk gelernt und war mit 22 Jahren nach Hamburg gekommen, um Julius Campe (1792-1867) im Verlag Hoffmann & Campe zu helfen. Nach dem Hamburger Brand vom 5. Mai 1842 hatte der preußische König überraschend das Verbot aufgehoben, das wegen der Veröffentlichung des Lieds der Deutschen von Hoffmann von Fallersleben die gesamte Produktion von Hoffmann & Campe untersagte.

Otto Meissner wurde zur rechten Hand des Verlegers, der ein ausgesprochen politisch-literarisches Programm pflegte. Dies war möglich, weil in der Handelsstadt Hamburg die Kaufleute und Bürger an Informationen über die Welt interessiert waren und deren Veränderung verstehen wollten. Zugleich gab es hier erste Arbeiterorganisationen, darunter die größte Gruppe des Bundes der Gerechten auf dem Kontinent. Diese Anhänger von Wilhelm Weitling, die das Geld abschaffen und die Produktion auf handwerklichen Austausch beschränken wollten, organisierten sich auf eine neue, besondere Weise. Weitling hatte Bildungsvereine vorgeschlagen, in denen sich Arbeiter und Arbeiterinnen trotz des Verbots jeglicher unabhängiger Organisation austauschen und der Bund der Gerechten Anhänger gewinnen konnten. So gründete 1844, im Jahr des Aufstands der Schlesischen Weber, Georg Schirges, Redakteur bei Hoffmann & Campe, für den Telegraph für Deutschland einen Bildungsverein für Arbeiter in Hamburg, der unter dem Schirm der Patriotischen Gesellschaft allabendlich Mitglieder zu Ausbildung und Diskussion zusammenführte. Die Stiftungsfeste des Vereins besuchten über 1.000 Menschen – von weniger als 200.000 Einwohnern Hamburgs.

Marx suchte Campe im Mai 1845 in seinem Laden am Rathausmarkt auf, um bei ihm eine Polemik zu veröffentlichen – was der Verleger ablehnte. Aber es entstanden dauerhafte Verbindungen mit dem Kommunistischen Korrespondenzbüro in Brüssel von Marx und Engels.

Im „Geschäftslocal des Bildungsvereins“ in der ABC-Straße diskutierten die Mitglieder des Bundes der Gerechten im Herbst 1847, ob Grundlage des Bundes das Programm werden sollte, das im März 1848 in London als „Manifest der Kommunistischen Partei“ gedruckt wurde. Die Mehrheit des Bundes in Hamburg lehnte dies ab und blieb auf dem Standpunkt der Handwerkerkommunisten. Schirges aber wurde Kommunist und gründete mit seinem Verlagskollegen Meissner im Sommer 1848 den Verlag Schirges & Meissner zu dem ersten Zweck, die Protokolle der Gewerbekongresse zu veröffentlichen. Das waren Handwerkerversammlungen, bei der die Zunft-Meister den Fehler begingen, den Gesellen das Reden zu verbieten – daraufhin zogen die Gesellen aus und gründeten eigene Vereine, also Arbeiterorganisationen, die nicht mehr mit den Meistern und Unternehmern zusammenwirkten.

Der Gründer des Bildungsvereins Schirges war nach 1850 für die Schutzzollpartei in Frankfurt a.M. tätig. Der in Hamburg zurückgebliebene Meissner veröffentlichte in den folgenden Jahrzehnten viele Bücher, die sich mit der Frage der Bildung eines Nationalstaats befassten, dessen Verfassung und ob Zollschutz oder Freihandel die angemessene Form seiner Wirtschaftspolitik sei. Marx wollte diese Frage nicht von den materiellen Wirkungen für das Bürgertum aus behandeln, das von Zöllen profitieren konnte, sondern von dem Gesichtspunkt, ob Freihandel durch die Härte der Konkurrenz der Organisierung und Bewusstseinsbildung der Arbeiterklasse dienen könnte.

In den Folgejahren verlegte Meissner in seiner Buchhandlung in der Kleinen Johannisstr. 2 republikanische, sozialistische und andere fortschrittliche Schriftsteller verschiedener Richtungen, auch solche, die Marx bekämpfte. Die wichtigste Wochenzeitung der Arbeiterverbrüderung, Das Jahrhundert, Zeitschrift für Politik und Gesellschaft, nach ihrem Verbot 1859 deren Nachfolger, die Demokratischen Studien, vereinigte die wichtigsten fortschrittlichen und sozialistischen Autoren der Zeit, u.a. Moses Hess, Arnold Ruge, Pierre-Joseph Proudhon, Ferdinand Lassalle, Jacob und Wilhelm Grimm, Harriet Beecher-Stowe und Ralph Waldo Emerson.

Zehn Jahre nach der gescheiterten Revolution von 1848, die auch in Hamburg die autokratische Stadtregierung von Grundbesitzern und Kaufleuten nicht hatte ersetzen können, organisierte Meissner mit einer der größten Kundgebungen des 19. Jahrhunderts für politische Freiheit und eine Republik mit einer von allen Bürgern gewählten Regierung, die Schillerfeiern zum 100. Geburtstag des Dichters. Friedrich Schillers Forderungen nach Gedankenfreiheit, Pressefreiheit und Republik trugen am 13. November 1859 mehr als 10.000 Teilnehmer des Festzuges unter schwarz-rot-goldenen Fahnen durch Hamburg, unter zahlreichen Arbeitern von Handwerk und Industrie, Turnern und Angehörigen des Hamburger Bürgermilitärs auch fast 1.000 Mitglieder des Arbeiterbildungsvereins.

Der Protest gegen die undemokratische Verfassung hatte teilweise Erfolg, weil der Hamburger Senat sich angesichts der Wirtschaftskrise von 1857 als unfähig erwiesen hatte. Wenige Tage nach der Schillerfeier wurde die „Erbgesessene Bürgerschaft“ durch ein Parlament ersetzt, das nicht nur Grundbesitzer, sondern erstmals auch Geldbesitzer wählen konnten. So wissen wir über die Vermögensverhältnisse der Hamburger Bürger in den 1860er Jahren besser Bescheid als über die heutigen – weil das Wahlrecht davon abhing und die Zahlen veröffentlicht wurden – im Verlag Otto Meissner.

Karl Marx war mit Otto Meissner, den er bei seinen Aufenthalten 1845 und 1849 getroffen haben wird, wieder in Kontakt gekommen, weil der Verleger 1865 Friedrich Engels‘ Broschüre Die preußische Militärfrage und die Deutsche Arbeiterpartei herausgeben wollte. Als aufgrund des Vertrages von 1865 endlich zwei Jahre später wenigsten der erste der geplanten drei Bände des Kapital­ erschien, hatte sich eine Hoffnung von Engels zerschlagen: Das Hamburger Bürgermilitär, 1814 in den sogenannten Befreiungskriegen gegen Frankreich entstanden, das 1848 seine Offiziere gewählt hatte, wurde nach den Siegen Preußens gegen Dänemark und Österreich aufgelöst und durch ein stehendes Heer ersetzt: das 76. Preußische Infanterieregiment, in dem adlige Offiziere Bauernsöhne befehligten.

Otto Meissner war zu dieser Zeit bereits von einem Verleger für Minderheiten zum führenden fortschrittlichen Verleger aufgestiegen, der den Umbau der Staatsverwaltung einer ungeheuer wachsenden Stadt vorantrieb: In seiner Buchhandlung am Rathausmarkt gab es die ersten Lese- und Schreibfibeln für die entstehenden Volksschulen, Darstellungen zur Stadtentwicklung wie „Hamburg und seine Bauten“, Veröffentlichungen zum Militär, Statistiken für die Staatsverwaltung und politische Bücher von Feuerbach über Proudhon bis Marx. Als er die zweite Auflage des Kapital vorbereitete, weil das Buch des durch seine Haltung zur Pariser Kommune bekannten Bürgerschrecks Marx ausverkauft war, tat er dies als Mitglied der Hamburgischen Bürgerschaft. Er war 1871 bis 1876 Mitglied dieses keineswegs demokratischen, sondern von höchstens 5 Prozent der Hamburger Einwohner gewählten Parlaments, um mit dem Architekten Martin Haller eine besondere Bauform des Rathauses durchzusetzen: 1897 wurde das Hamburger Rathaus fertig, tatsächlich ein offener Neo-Renaissance-Bau, keine Burg, sondern ein Dogenpalast, in dem sich Regierung, Senat und Parlament bzw. Bürgerschaft räumlich gleichberechtigt gegenüberstanden.

Über Karl Marx und seinen Verleger in Hamburg informiert in der Stadt nur eine von privater Hand angebrachte Tafel am Standort des ehemaligen Verlagsgebäudes, aber es gibt kein offizielles Erinnern an diese euphorische Phase des Hamburger Bürgertums.

Jürgen Bönig veröffentlichte 2017 beim VSA: Verlag Karl Marx in Hamburg, Der Produktionsprozess des „Kapital“, das mehr zur Rolle des Verlegers verrät.

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