„Ich fühle mich enorm fidel in diesem generaldownbreak…“

Dies schrieb Engels aus Manchester an Marx im November 1857. Er meinte damit die belebenden Auswirkungen der 1857 von Amerika ausgehenden Krise auf die politischen Perspektiven – nach 1848 schien erstmals wieder eine Revolution möglich. Marx in London begann fieberhaft Daten zu sammeln über die schon 1850 vorausgesagte nächste Krise. Er wollte unbedingt seine Krisentheorie veröffentlichen, bevor der große Kladderadatsch Chancen auf einen Umsturz eröffnete. Aber nicht nur Marx und Engels lernten aus dieser Krise, sondern auch das Bürgertum.

Im Gegensatz zu früheren Krisen, die durch Unterproduktion, durch Mangel an Gütern zu Hunger und Elend führten, nahm die erste internationale Überproduktionskrise im August 1857 ihren Ausgang in Amerika, weil die Getreideernte zu gut ausgefallen war und deshalb Getreide billiger angeboten wurde. Der Fall der Preise von Getreide stürzte alle die in den Abgrund, die auf steigende Preise und Kurse von Bergbau-, Eisenbahn-, Bank- und Dampfschifffahrts-Aktien spekuliert und ihre Käufe durch Ziehen von Wechseln finanziert hatten. Diese Zahlungsverpflichtungen platzten bei sinkenden Preisen und Kursen. Die Ohio Life Insurance Company in New York stellte am 24. August 1857 ihre Zahlungen ein und setzte die Abwärtsspirale der Krise in Gang.

Im Herbst 1857 sprang die Krise durch zurückgehende Einkäufe in Europa nach England und Frankreich über. Dann folgte Hamburg, das den Handel zwischen England und dem Kontinent, besonders Skandinavien, vermittelte, und in dem die Schaffung von Geld durch Ausgabe von Wechseln ein besonders großes Ausmaß angenommen hatte.

„Die ganze Geschichte in Hamburg beruht auf der großartigsten Wechselreiterei, die je gesehen worden. Zwischen Hamburg, London, Kopenhagen und Stockholm ist dies am tollsten getrieben worden.“, wie Engels an Marx am 7. Dezember 1857 meldete (MEW 29, S.219f)

Im November 1857 gerieten die Hamburger Kaufleute angesichts sinkender Warenpreise in Panik. Ihre Selbstorganisation, die Commerzdeputation, drängte Senat und Bürgerschaft zur Gründung einer Auffangkasse, den Garantie-Disconto-Verein, der Wechsel gegen Zins annehmen sollte. Auf Antrag konnten Handelshäuser, die vor dem Zusammenbruch standen, sich unter die Administration dieser Kasse stellen. Der Ankauf von Wechseln gegen Papieranleihen durch diesen Verein reichte aber nicht aus, um den Bankrott der Handelshäuser zu verhindern.

In dramatischen Auftritten drängten die Kaufleute Senat und Bürgerschaft zum Eingreifen – auf einmal riefen die Kaufleute, die bisher Staatseingriffe strikt abgelehnt hatten, nach dem Staat, während die Stadtregierung, die „Selbstheilungskräfte der Wirtschaft“ wirken lassen wollte.

Der Senat richtete erst nach langem Zögern eine Staats-Diskontokasse ein, die durch Stadtvermögen und Aktien der Hamburg-Bergedorfer Bahn abgesichert werden sollte.

Aber auch diese Absicherung schien gefährdet – die Kaufleute hatten zwar zahlreiche Wechsel in Verwahrung, die sie aber nicht nutzen konnten, weil sie sofort geplatzt wären. Oder, wie Engels am 7. Dezember 1857 jubelte: „In Hamburg sieht es großartig aus […] So komplett und klassisch ist noch nie ein Panic gewesen wie jetzt in Hamburg. Alles ist wertlos, absolut wertlos außer Silber und Gold…“

Zur Abwendung der Bankrotte suchte Hamburg Silber zu leihen – bei Preußen, das ablehnte, und dann bei der österreichischen Regierung – 10 Millionen Mark Banco an Silber trafen am Mitte Dezember 1857 in Hamburg ein. Damit kaufte die Stadt bis Ende Juni 1858 Wechsel im Wert von 3 Millionen Mark Banco, natürlich gegen einen gewissen Zins, und bewahrte die führenden Hamburger Handelshäuser durch eine Anleihe von 10 Millionen Mark Banco in Staatspapieren vor dem Bankrott. Von den 5.000 Hamburger Firmen fallierten 129 Firmen, vor allem die kleineren, während die großen Handelshäuser auf Kosten der kleinen saniert wurden.

Die Maßnahmen wirkten – wie insgesamt die ungleichzeitige Entwicklung der Krise weltweit dazu beitrug, den Sturz in die Krise abzumildern und in eine langsam sich erholende Konjunktur übergehen zu lassen.

Hamburg konnte das Silber Mitte 1858 an die österreichische Regierung zurückgeben. Allerdings hatte die Rettung der entscheidenden Handelshäuser, die mit den Wechseln Geld geschöpft hatten, die die Spekulation ankurbelten, Hamburg 200.000 Mark Banco gekostet – und auf einmal war es wieder so wie vor der Krise: Die Kaufmannschaft lehnte die Übernahme dieser Zinskosten ab und Senat und Bürgerschaft beließen es dabei – man war übereinander verstimmt und ließ die Steuern und Abgaben zahlenden Bürger die Rechnung begleichen.

Jürgen Bönig, Autor von: Karl Marx in Hamburg. Der Produktionsprozess des „Kapital“ (Hamburg, VSA, 2017, 185 Seiten).

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