Klima-Kaiser Deutschland: nackt

10% reiche Haushalte emittieren mehr Treibhausgase als die ärmsten 40% Haushalte

Die Warnungen der Wissenschaftler werden immer eindringlicher. Es bleibt kaum noch Zeit, um einen gefährlichen Klimawandel zu verhindern. Dass dies geschehen muss, hat die Weltgemeinschaft bereits 1992 in der UN-Klimarahmenkonvention verabredet (197 Mitglieder). Doch geschehen ist seit dem trotz jährlicher Konferenzen sehr, sehr wenig. Daher müsste es jetzt ganz schnell gehen. Bis 2030 müssen die Emissionen der Treibhausgase halbiert, bis 2045 auf Null reduziert sein.

Doch davon sind viele Länder – fast alle, außer den ärmsten, die bisher nichts zum Problem beigetragen haben, aber unter den Folgen am schwersten werden leiden müssen – noch Lichtjahre entfernt. Auch Deutschland, das Land mit dem Saubermann-Image, in dem seit fast 30 Jahren vollmundige Regierungsrhetorik einen Plan und konsequentes Handeln vortäuscht. Eine kleine Kostprobe gefällig? „Die weltweite Umweltkrise ist zugleich eine Entwicklungskrise in allen Ländern der Welt; sie ist Folge einer Lebens- und Wirtschaftsweise gegen die Natur.“ So klang Angela Merkel im Mai 1992 in Bonn auf dem 2. Umweltforum der CDU.

Schöne Worte. Worte die folgenlos blieben. Im Sommer 1990 hatte die westdeutsche Regierung, geleitet seinerzeit schon von Merkels politischem Ziehvater Helmut Kohl, beschlossen, die Treibhausgasemissionen bis 2005 um 25 Prozent gegenüber dem Basisjahr 1990 zu senken. Erreicht wurden allerdings nur rund 20 Prozent und beim mit Abstand wichtigsten Treibhausgas, dem Kohlendioxid, betrug die Minderung sogar lediglich 17,7 Prozent. Dazwischen lagen übrigens auch sieben Jahre, in denen die als Umwelt- und Friedenspartei angetretenen Grünen in der Regierung saßen. Auf beiden Gebieten haben die arrivierten Ex-Ökos kläglich versagt.

Davon abgesehen hatte außerdem seinerzeit im Sommer 1990 das Bundeskabinett das erwähnte Versprechen natürlich nur für die alte BRD, das heißt, für die zehn westlichen Bundesländer, abgeben können. Der größere Teil der bis 2005 erreichten Reduzierung der Treibhausgase fand jedoch im Osten statt – und dort vor allem als Ergebnis des dort erfolgten industriellen Kahlschlags.

Und seitdem? Seit fast einem Jahrzehnt herrscht Stillstand. Erreicht und etwas übertroffen wurden Kohls 25 Prozent erstmals 2009 mit 27,4 Prozent. Daran hatte allerdings die schwere nordatlantische Wirtschaftskrise 2007ff einen erheblichen Anteil. In den Jahren danach schossen die Emissionen noch einmal etwas hoch, um sich in den letzten Jahren auf dem Niveau von 2009 einzupendeln.

Seinerzeit wurden knapp 780 Millionen Tonnen Kohlendioxid (CO2) ausgestoßen. Zusammengenommen machten alle Treibhausgase 908 Millionen Tonnen CO²-Äquivalente aus. (Methan, Lachgas und einige andere Gase werden hinsichtlich ihrer Wirksamkeit in CO² umgerechnet.) Acht Jahre später waren es 2017 rund 800 Millionen Tonnen CO² und insgesamt 905 Millionen Tonnen CO²-Äquivalente (alle Zahlen nach Angaben des Umweltbundesamtes). Mit anderen Worten: Der Trend ist flach, auch wenn es 2018 aufgrund hoher Energiepreise und sehr milder Witterung einen zeitweisen, aber keineswegs nachhaltigen Rückgang gegeben haben dürfte.

Klassenfrage

Ging es zuvor schon viel zu langsam voran, so herrscht nun seit fast einem Jahrzehnt Stillstand, und das auf sehr hohem Niveau. Pro Kopf und Jahr werden in Deutschland rund 9,8 Tonnen CO² emittiert, wobei weder die übrigen Treibhausgase eingerechnet sind, noch die nicht unerheblichen Emissionen, die durch im Inland konsumierte Güter im Ausland entstehen. Deutschland exportiert zwar im großen Umfang Industriewaren, verursacht also auch Emissionen für andere Nationen. Dennoch läuft dieser Effekt netto aus deutscher Sicht auf eine Verlagerung von Emissionen ins Ausland hinaus: 2014 waren es nach Angaben des Global Carbon Projects, eines internationalen Wissenschaftler-Konsortiums, gut 100 Millionen Tonnen CO².

Damit erhöhen sich die effektiven Pro-Kopfemissionen eines Durchschnittsdeutschen auf elf Tonnen CO² im Jahr. Doch den Durchschnittsdeutschen gibt es eigentlich nicht, wie jeder Minijobber, Hartzer oder Aufstocker weiß, wenn er schöne Statistiken über das hierzulande übliche Durchschnittseinkommen liest. Auch die Frage der Emissionen ist eine Klassenfrage, wie 2015 eine Studie von Oxfam (Extreme Carbon Inequality – Why the Paris climate deal must put the poorest, lowest emitting and most vulnerable people first) deutlich machte.

Demnach kommen in Deutschland die oberen zehn Prozent der Bevölkerung auf rund 19 Tonnen CO² pro Kopf und Jahr, die untere Hälfte dagegen nur auf etwas weniger als fünf. Das ist zwar immer noch zu viel, aber es macht deutlich, dass die manchmal penetranten Appelle „Wir müssen alle unsere Lebensstil ändern“ in der Sache viel zu unscharf sind und die wohlhabenden Eliten viel zu sehr schonen. In der Summe emittieren die reichsten zehn Prozent der deutschen Haushalte etwas mehr Treibhausgase als die ärmsten 40 Prozent. Dabei wohnen diese oft noch in schlecht isolierten Mietwohnungen, in denen ihnen mit veralteter, stromfressender Ausstattung Energiekosten und damit auch Emissionen aufgezwungen werden, auf deren Höhe sie nur sehr bedingt Einfluss haben.

Die angezogene Handbremse

Eines hat sich in den letzten 20 Jahren aber immerhin getan. Die großen Energiekonzerne wie RWE und Eon waren dumm genug, die eigene Propaganda zu glauben. Noch in den 1990er Jahren verkündeten sie, die erneuerbaren Energieträger würden bestenfalls einige wenige Prozentpunkte zur Stromversorgung beitragen können (zum Vergleich: 2018 waren es ca. 40 Prozent.). Daher schenkten sie dem Erneuerbare-Energien-Gesetz zu wenig Beachtung, das erstmals im Jahre 2000 in Kraft trat.

Hätten sie dessen durchschlagenden Erfolg erahnt, hätten sie sicherlich Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt, um es zu verhindern. Mit den garantierten Einspeisevergütungen setzte ein Boom ein, der Deutschland für einige Jahre zum Zentrum der internationalen Solarindustrie machte. Die Entwicklung eines Massenmarktes führte dazu, dass Solaranlagen, die vor einem Jahrzehnt noch sündhaft teuer waren, inzwischen in vielen Ländern billiger Strom liefern können als Kohlekraftwerke.

Die Anlagen eignen sich außerdem ideal für kleine Lösungen fernab teurer Netze und verbreiten sich daher inzwischen immer schneller – auch in Südasien und Afrika. Im nächsten Jahrzehnt wird damit die Menschheit endlich vollständig elektrifiziert sein, was einen viel größeren Sprung in der wirtschaftlichen Entwicklung bedeutet, als sich hierzulande vermutlich die meisten vorstellen können.

In Deutschland haben die alten Konzerne hingegen die Zeit verschlafen. Es gibt einige späte Versuche, auf den Zug aufzuspringen. Insbesondere in den Offshore-Windparks in Nord- und Ostsee sind RWE & Co. aktiv. Aber im Wesentlichen führt der technologische Umbruch dazu, dass sie mehr und mehr Marktanteile an neue Akteure verlieren.

Daher haben die verschiedenen Merkel-Regierungen seit 2010 nicht nur die Handbremse angezogen, sondern treten zusätzlich von Jahr zu Jahr fester auf das Bremspedal. Zuerst wurde der Solarboom 2012 abgewürgt. Der Ausbau ging seitdem eher schleichend weiter. Erst 2018 nahm er mit rund drei Gigawatt neuer Leistung wieder etwas Fahrt auf. Doch prompt sollen weitere Änderungen am EEG die Errichtung neuer Solaranlagen zusätzlich erschweren.

Hinzu kommt, dass es 2018 erstmalig seit langem einen Einbruch beim Ausbau der Windenergie gab. Die Umstellung auf ein bürokratisches und die Menge beschränkendes zentrales Ausschreibungsverfahren beginnt sich bemerkbar zu machen. In den Herstellerbetrieben laufen bereits die ersten Entlassungswellen. Industriefreundliche Politik gibt es mit Union und SPD eben nur für die alten Konzerne.

Für diese war 2018 kein Aufwand zu groß, als es galt Klimaschützer aus dem Hambacher Forst herauszuprügeln und die Bahn für den weiteren Abbau von Braunkohle freizumachen. Doch diese Auseinandersetzung ist trotz des gewaltigen Polizeiaufgebots noch lange nicht ausgestanden. Die Kohle ist ins Visier einer neuen Klimaschutzbewegung geraten, und die nächsten Jahre werden geprägt vom Kampf um die möglichst schnelle Stilllegung aller Kohlekraftwerke sein.

Daneben müssen aber auch rasch Alternativen zum Verbrennungsmotor und zu einem ausufernden Straßenverkehr durchgesetzt werden, denn dessen Emissionen machen inzwischen wieder rund 20 Prozent des Klimaproblems in Deutschland aus. Der Elektromotor ist wichtig, aber nur ein Teil der Antwort. Da viele andere Probleme wie Energie- und Ressourcenverbrauch weiter bestehen, geht es vor allem darum, Bus, Metro und Bahn auszubauen. Immerhin wächst der ÖPNV seit einigen Jahren wieder, aber es muss viel, viel schneller gehen.


Wolfgang Pomrehn schreibt als freier Journalist für telepolis.de, junge Welt und andere über Energiepolitik, Klimawandel und manches mehr. Irgendwann hat er einmal in seiner Heimatstadt Kiel Geschichte, Meteorologie und Geophysik studiert.

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