„Deutschland hat seine Klimaschutzziele doch noch geschafft“

quartalslüge II/MMXXI

In den vergangenen Jahren gab es des Öfteren selbstkritische Töne bei den für Umweltpolitik Verantwortlichen. Allzu deutlich war die Stagnation der CO2-Emissionen in einigen Wirtschaftsbereichen. Im Verkehrsbereich gab es zwischen 2014 und 2017 sogar einen Anstieg der Emissionen. Doch dann, im Frühjahr 2021, schien die Welt wieder in Ordnung. „Die Treibhausgasemissionen liegen 2020 im Vergleich zu 1990 um 40,8 Prozent niedriger.“ Und: „Deutschland hat sein Klimaschutzziel doch noch geschafft.“ So lauteten die Schlagzeilen im März.1

Wobei, das sei korrekt hinzugefügt: Die deutsche Bundesumweltministerin Svenja Schulze (SPD) und das Umweltbundesamt betonten, dass bei den besonders deutlichen CO2-Rückgängen im Corona-Jahr 2020 „die Pandemie-Maßnahmen eine wichtige Rolle spielten“.

Doch es bleibt der Tenor: Deutschland ist wieder auf dem grünen Pfad. Die vielfache Kritik aus früheren Jahren, wonach das Etikett „Musterknabe Deutschland in Sachen Umweltpolitik“ längst zerkratzt und verbeult sei, scheint vergessen.2

Es ist eben doch so: Die Behauptung einer deutlichen Verringerung an CO2-Emission aufgrund einer engagierten Klimapolitik ist zum größten Teil falsch. Es waren überwiegend äußere Faktoren und ungewollte Ereignisse, die die beschriebene CO2-Reduktion herbeiführten. Vor allem kommt die Bezugnahme auf das Jahr 1990 einer Rosstäuscherei gleich. Doch im Einzelnen.

Gesamtemissionen kumulativ: Die Kurve in der oberen Grafik fällt von 1249 Millionen Tonnen CO2 auf 739 Millionen Tonnen 2020 stark ab – insgesamt um 510 Millionen Tonnen oder um 40,8 Prozent. Einen ersten massiven Rückgang gab es im Zeitraum 1990 bis 1995 von 1249 auf 1121 Millionen Tonnen. In absoluten Zahlen war dies ein Rückgang um 128 Millionen Tonnen; prozentual um gut 10 Prozent. Das lässt sich jedoch fast komplett auf die Deindustrialisierung der DDR zurückführen. Wirksame Maßnahmen zur CO2-Reduktion gab es damals nicht. Und die Autoflotte wuchs damals sogar stark (siehe unten). Einen zweiten erheblichen Einbruch um 69 Millionen Tonnen oder sieben Prozent gab es zwischen 2007 und 2009 in Folge der Weltwirtschafts- und Finanzkrise. Ab 2016 machen sich die erneuerbaren Energien bemerkbar. Der beschleunigte Rückgang 2020 um 8,7 Prozent ist, wie erwähnt, den Corona-Restriktionen geschuldet.

Doch sehen wir uns die Entwicklung der einzelnen Sektoren an, die für die Treibhausgasemissionen relevant sind.

Energiesektor: Hier hatten wir 1995 bis 2013 mehr oder weniger eine Stagnation. Der leichte Anstieg 2011 dürfte auf das Abschalten erster AKW bei gleichzeitigem Hochfahren von Braunkohleverstromung zurückzuführen sein. Ab 2013 machen sich die Erneuerbaren positiv bemerkbar. Da dürfte es 2022/2023 einen Bremseffekt geben, wenn alle AKW abgeschaltet werden und wenn der aktuelle Atomstromanteil von derzeit noch zwölf Prozent nicht in Gänze von einem entsprechenden Hochfahren der Erneuerbaren kompensiert werden kann.

Industriesektor: Zwischen 1999 und 2019 herrschte weitgehend Stagnation. Ein wirksamer Wille zur CO2-Einsparung scheint hier nicht vorzuliegen.

Verkehrssektor: Hier sieht es besonders traurig aus. Nach der Wende gab es die massenhafte Motorisierung im Osten. Ab dem Jahr 1999 kam es zu einer gewissen Reduktion der Emissionen. Doch ab 2013/14 erfolgt stiegen zusammen mit der SUV-Welle die CO2-Emissionen wieder an. Dem Einbruch 2020 sollte man, da strikt Corona-bedingt, nicht trauen; bereits 2021 dürfte diese Delle wieder ausgeglichen werden.

Gebäudesektor: Hier gibt es ab 1995 einen stetigen, aber eher mäßigen Rückgang der CO2-Emissionen. Sicherlich auch, weil Gebäudedämmung, verbesserte Heiztechnik (Brennwertkessel) und ergänzende Maßnahmen ein gutes Geschäft für die Bauwirtschaft darstellten. Beim Verkehr sieht das leider nicht so aus; weniger Autos, kleinere Autos, weniger PS – das sind wohl keine Anreize, wenigsten nicht für Leute mit BWL-Studium.3

Landwirtschaft: Auf der ganzen Linie leider so gut wie nichts! Ist die Zunahme des Ökolandbaus in Deutschland so schwach, dass man keinen Einfluss erkennen kann?

Militär: Über die nicht unerheblichen CO2-Mengen unseres völlig überflüssigen Militärs schweigt sich das Umweltbundesamt aus. Lediglich bei den Gebäudeemissionen werden „Militärgebäude“, also Kasernen, berücksichtigt. Man will ja korrekt sein. Das Kriegsgerät ist jedoch nicht zu vernachlässigen. Immerhin schluckt so ein Panzer rund 500 Liter Treibstoff auf 100 Kilometer. Ein Kampfflugzeug verbraucht bei einem 30-Minuten-Einsatz gut 1000 Liter. Wer auch nur im Geringsten beim Klimaschutz glaubhaft sein will, muss ohne Wenn und Aber abrüsten. Und zwar zu 100 Prozent!

Gesamtbilanz4: Das Klimaschutzziel für Deutschland wurde zunächst – bewusst – falsch definiert, indem als Bezugsgröße das Jahr 1990 gewählt wurde. Das gilt natürlich auch für entsprechende Zielvorgaben der EU, wenn diese ebenfalls 1990 als Basisjahr wählt. Schließlich kam es in ganz Osteuropa zu einem radikalen Deindustrialisierungsprozess. Zurück zu Deutschland: Rechnet man die Folgen des Abbaus der industriellen Kapazitäten Ostdeutschlands heraus und nimmt nur den Zeitraum 1995 bis 2020, dann gab es einen bescheidenen 28-Prozent-CO2-Rückgang in einem Vierteljahrhundert.

Notwendig ist sodann, die Effekte der Krisenjahre 2008/09 herauszurechnen. Schließlich war dies aus Sicht der Verantwortlichen ein Betriebsunfall. Damit reduziert sich der auf Klimapolitik zurückzuführende Rückgang der CO2-Emissionen der vergangenen 25 Jahre auf gut 20 Prozent oder auf rund 1,5 Prozent pro Jahr. Das ist ein ausgesprochen blamables Ergebnis.

Wobei die Bunderegierung und die Parteien CDU/CSU, SPD, FDP und AfD in den Wochen vor der Bundestagswahl tönen, man werde alles dafür einsetzen, um 2021 und 2022 hohe Wachstumsraten zu erzielen. Im Klartext: Man will alle Kräfte bündeln, um die CO2-Emissionen wieder zu steigern.

Anmerkungen:
1 Hier nach einem Bericht der Deutschen Welle am 16. März 2021.
2 Die folgenden Ausführungen zu dieser Quartalslüge stammen weitgehend von dem Lunapark21- Leser, Emmo Frey. Die Grafik wurde komplett aus dessen Zusendung übernommen. Siehe dazu auch das Editorial auf Seite 3.
3 An dieser Stelle schrieb E.F. ergänzend: „Es wäre reizvoll, in diesem Bereich den Einfluss verschiedener
Maßnahmen wie Wärmeschutzverordnungen (später Energieeinsparungsverordnungen genannt),
Verkaufsmengen der Dämmstoffindustrie, Einführung der Brennwerttechnik oder der Wärmepumpen
zu untersuchen“.
4 Die Gesamtbilanz dann als Text der LP21-Redaktion – aber durchaus wohl im Sinne von Emmo Frey.

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