Maschinen für Rosinen

Die andere Seite der “Berlin-Blockade”

Im vorigen Monat wurde in Deutschland und besonders in Berlin mit großem Aufwand der siebzigste Jahrestag des Endes der sogenannten Berlin-Blockade gefeiert. Für die heute wieder über ganz Deutschland Herrschenden wahrlich ein Anlass zu freudiger Erinnerung, denn damit ging „die erste Schlacht des Kalten Krieges” (Egon Bahr) für die Sowjetunion verloren. In der Feierlaune wurden allerdings wesentliche Vorgänge entweder gänzlich ignoriert oder völlig verzerrt dargestellt. Hier ist einiges nachzutragen und richtigzustellen.

Das beginnt schon mit der Bezeichnung „Berlin-Blockade“, denn Berlin war zu jener Zeit gar nicht blockiert. Was vom 24. Juni 1948 bis zum 12. Mai 1949 blockiert war, das waren die Land- und Wasserverbindungen zwischen Westberlin und den westlichen Besatzungszonen. Die Bewohner Westberlins konnten sich in der Vier-Sektoren-Stadt frei bewegen, und bei Fahrten ins Berliner Umland unterlagen sie denselben Ausweiskontrollen wie die Bewohner Ostberlins; sie konnten im Osten arbeiten und sich mit Lebensmitteln versorgen, wurden wenig später sogar eingeladen, das zu tun. Alle Berliner konnten sich völlig frei in der Viersektorenstadt bewegen; viele von ihnen wohnten in der einen Stadthälfte und arbeiteten in der andern. Schon eine sehr merkwürdige Blockade.

Der “Blockade” vorausgegangen war zunächst die von den Westalliierten schon lange vorher ins Auge gefasste Währungsreform in den westlichen Besatzungszonen; ihre Durchführung, der Umtausch von Reichsmark (RM) in Deutsche Mark (DM) im Verhältnis von 10:1, wurde der Bevölkerung durch die dortigen Militärgouverneure am 18. Juni bekannt gegeben, zugleich dem Chef der Sowjetischen Militäradministration (SMAD), Marschall Sokolowski, mitgeteilt, es sei nicht beabsichtigt, die neue Währung auch in den Westsektoren Berlins einzuführen. Um den massenhaften Zufluss der wertlos gewordenen Reichsmark in die Sowjetische Besatzungszone zu verhindern, ordnete Sokolowski am 22. Juni an, hier ebenfalls eine Währungsreform durchzuführen, allerdings auch in ganz Berlin (in Groß-Berlin). Im Gegenzug verordneten die westlichen Stadtkommandanten am 24. Juni den Bewohnern Westberlins mit einem B-Stempel versehene DM-Scheine, die sogenannte Bären-Mark. Erst daraufhin sperrte die SMAD die Land- und Wasserverbindungen zwischen Westberlin und den westlichen Besatzungszonen. Wollten die Westalliierten ihren Einfluss in Westberlin nicht verlieren, mussten sie aktiv werden und versuchen, dessen Bewohner auf dem Luftwege zu versorgen, also eine “Luftbrücke” installieren.

Die monatelange Versorgung der Bevölkerung einer Halbstadt mit über zwei Millionen Einwohnern auf dem Luftwege war zweifellos eine logistische Meisterleistung. Zusammengenommen landeten pro Tag auf den drei Westberliner Flughäfen Tempelhof, Gatow und Tegel (nach dreimonatiger Bauzeit im Dezember 1948 eröffnet) in Spitzenzeiten bis zu 1400 Flugzeuge, also faktisch tags wie nachts eine Maschine pro Minute. Mit den Flugzeugen wurden nicht nur Lebensmittel und Kohlen zur Versorgung der Bevölkerung transportiert. Geradezu spektakulär war der Wiederaufbau des in Spandau gelegenen Kraftwerks West (später Kraftwerk Reuter) “aus der Luft”, für den ab April 1949 über 140 0 Tonnen an zerlegter Kraftwerksausrüstung sowie diverse Baumaterialien eingeflogen wurden.

Die Sowjetunion hatte sich bei ihrem Vorgehen gegen die Politik der Westalliierten vollkommen verkalkuliert und das Gegenteil des Beabsichtigten erreicht, insbesondere hinsichtlich der politisch-ideologischen Langzeitwirkung, sorgten doch die “Rosinenbomber” dafür, dass die meisten Einwohner Westberlins in den Westalliierten ihre Retter vor “den” Russen und vor “der” kommunistischen Gefahr sahen, sodass die “Frontstadt” Westberlin über vierzig Jahre als “Stachel im Fleisch der DDR”, als “Insel im roten Meer” erhalten blieb.

Die Sowjetunion hob am 12. Mai die Sperrung der Land- und Wasserwege wieder auf, und der Jubel auf westlicher Seite war groß. Seither wird alle zehn Jahre wieder und wieder das “Ende der Berlin-Blockade” zelebriert und dabei ausführlich erzählt, was auf den Flügen nach Westberlin alles transportiert worden ist. Aber was auf dem Rückweg ausgeflogen worden ist, davon ist merkwürdigerweise nie die Rede. Sind die Flugzeuge leer zurückgeflogen?

Zwar mussten nun auch die in Westberlin produzierten Waren auf dem Luftwege in die Westzonen geliefert werden, aber die Produktion der Westberliner Industriebetriebe sank von Mai 1948 bis Juli 1949 um die Hälfte. Hinzu kam: Im selben Zeitraum stieg die Zahl der stillgelegten Betriebe auf (knapp) das Dreifache, ebenso die Zahl der Kurzarbeitenden, die Arbeitslosigkeit sogar auf mehr als das Vierfache.[1] Was hätte man in dieser von sinkender Wirtschaftskraft und angespannter Versorgung geprägten, also überaus schwierigen Situation aus der Stadt schaffen sollen?

Auf der Gegenseite, in der SED-Zeitung “Neues Deutschland”, wurde zu dieser Frage schon am 1. Juli 1948 behauptet, “der ganze Rummel um die Luftbrücke” diene allein dazu, die “Ausplünderung Berlins” “mit einer angeblichen ‘Hilfsaktion’ zu erklären und zu tarnen”, und sie lüftete ihrer Meinung nach am 9. Juli das “Geheimnis vom Tempelhofer Feld”, dass man nämlich “mehr aus Berlin herausfliegt, als nach Berlin hineinkommt! (…) Es werden Möbel und Wertgegenstände jener Berliner Politiker verladen, denen der Boden unter den Füßen schon heiß zu werden beginnt!” Letzteres war natürlich Wunschdenken und überdies schlecht geschätzt: Wie viele Reichtümer sollten denn ein paar tausend Gutbetuchte zu Hause gehortet haben, dass deren Versendung die Versorgungslieferungen an zwei Millionen Menschen mehr als aufwogen?

So ganz falsch aber war das Schlagwort “Ausplünderung” gar nicht gewählt, denn es wurde in der Tat wesentlich mehr aus- als eingeflogen: Im November 1948 war das tägliche Verhältnis von Einflug zu Ausflug, jeweils gemessen in tausend Tonnen, 17,6 zu 37, im Dezember stieg es auf 32 zu 64.[2] Es wurde also doppelt so viel aus- wie eingeflogen. Nur wurden auf den Rückflügen nicht die in reichen Privathaushalten befindlichen “Rosinen” abtransportiert, sondern vor allem die in den noch intakten Produktionsanlagen vorhandenen. Letztere konnten dann, ihres Maschinenparks entblößt, stillgelegt werden, wobei aber der Firmensitz als solcher zunächst erhalten blieb. Auf diese Weise verbrachte das Kapital sein Eigentum an Produktionsanlagen in die sicheren Westzonen, ohne deshalb sein Eigentum an Grund und Boden in Westberlin aufgeben zu müssen. Zwar war Kapitalflucht laut Beschluss des Alliiertem Kontrollrats verboten, aber das interessierte die Westalliierten zu diesem Zeitpunkt schon nicht mehr; sie waren vielmehr daran interessiert, dass sich in ihren Besatzungszonen ein “einheitliches Wirtschaftsgebiet” entwickele, das als Ausgangsbasis der später zu gründenden Bundesrepublik dienen konnte.

Was aus Westberlin werden würde, ob der Brückenkopf tatsächlich zu halten sein würde, das war zu Beginn der “Blockade” keineswegs sicher, und deshalb begannen die hier situierten Firmen mit den Verlagerungen in den sicheren Westen; sie wurden jedoch vornehm mit dem unverfänglichen Terminus “Gründung von Zweigwerken” umschrieben. In einer offiziellen westdeutschen Schrift heißt es dazu: „Der Rückgang der ökonomischen Bedeutung der Stadt [Westberlin] hielt bis in die Endphase der deutschen Teilung an.“[3] In Westberlin folgte also, im Unterschied zu Ostberlin, auf die Zerstörungen während des Krieges und die Demontagen in den ersten Nachkriegsjahren eine dritte Etappe der Deindustrialisierung. Sehr heldenhaft war das Verhalten der dafür verantwortlichen Firmeneigentümer zwar nicht, aber sehr zweckmäßig. Es zeigte die Gültigkeit der neunzig Jahre zuvor formulierten und später, weil von Marx im <I>Kapital-Band 1<I> zitiert, zum geflügelten Wort gewordenen Feststellung: “Kapital flieht Tumult und Streit und ist ängstlicher Natur.”

Die Folgen dieser Kapitalflucht hatte allein der westdeutsche Steuerzahler zu tragen, jedenfalls bis 1990, denn die Westberliner Industrie konnte und sollte sich von diesem Aderlass nie wieder erholen. Solange das “rote Meer” existierte, wurde die darin befindliche Insel Westberlin von Westdeutschland alimentiert.

Thomas Kuczynski lebt und arbeitet in Berlin

Anmerkungen:

[1] Vgl. Volker Koop: Kein Kampf um Berlin? Deutsche Politik zur Zeit der Berlin-Blockade 1948/1949. Bonn 1998, S. 462ff.

[2] Vgl. Grischa Meyer: Rosinen aus Berlin. In: Lettre International. Europas Kulturzeitung, Nr. 96 (2012), S. 46ff.

[3] Berliner Wirtschaft: Nach Teilung und Transformation auf Wachstumskurs? In: Zeitschrift für amtliche Statistik Berlin Brandenburg, Heft 2/2002, S. 43.

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