„Die Zukunft fängt bei Dir an“ – Was bedeutet Degrowth oder Postwachstum für Wen?

Die Begriffe Degrowth oder Postwachstum sind in aller Munde. Was bedeuten sie?

„Unter Degrowth oder Postwachstum verstehen wir eine Wirtschaftsweise und Gesellschaftsform, die das Wohlergehen aller zum Ziel hat und die ökologischen Lebensgrundlagen erhält. Dafür ist eine grundlegende Veränderung unserer Lebenswelt und ein umfassender kultureller Wandel notwendig“, so steht es auf der website von  www.degrowth.de unter der Überschrift: „Was bedeutet Degrowth für dich?“. Das drängt die Frage auf: Wer wird hier angesprochen, und wer soll oder muss was zum kulturellen Wandel beitragen. „Weniger ist mehr!“, „nachhaltiger Leben!“ sind ebenfalls Slogans, die Konjunktur haben. Die Notwendigkeit von „umweltverträglicheren Lebensstilen inklusive eines deutlich reduzierten Niveaus an materiellem Konsum“ (Reinhard Loske) wird als politische Herausforderung erster Ordnung angesehen. Was bedeuten das für meine Kreuzberger Nachbarn, die von Hartz-IV leben müssen und deren Miete immer teurer wird, so dass sie sie schließlich nicht mehr bezahlen können?

Die Grenzen des Wachstums

Ein Blick zurück in die 1970er Jahre zeigt, dass der Begriff „Postwachstum“ nicht neu ist. Auch wenn „Wachstumskritiker“ oft den Eindruck erwecken, als hätten sie den Begriff und die Theorie erfunden, war es der Bericht des Club of Rome, der 1972 unter dem Titel „Die Grenzen des Wachstums“ viel Staub aufwirbelte und dazu beitrug, dass die Ökologiefrage breit diskutiert wurde. Aus dem Bericht geht klar hervor: Wenn die Zunahme der Weltbevölkerung, der Industrialisierung, der Umweltverschmutzung, der Nahrungsmittelproduktion und der Ausbeutung von natürlichen Rohstoffen unverändert anhält, werden die absoluten Wachstumsgrenzen auf der Erde im Laufe der nächsten hundert Jahre erreicht. Jede/r konnte also schon seit den 1970er Jahren wissen, dass ein grundlegender Wandel in der Umweltpolitik wie auch in der Wirtschaftspolitik notwendig wird. Dennoch geschah, außer einer gewissen Nachhaltigkeitsrhetorik, nichts. Die Gewerkschaften standen den neuen Aufgaben, die sich durch ökologische Ansprüche und den daraus resultierenden Problemen ergaben, damals noch relativ defensiv gegenüber. Vereinzelten Ansätzen eines Konzeptes gewerkschaftlicher Arbeitspolitik zur offensiven und gestalterischen Einflussnahme auf die Forderung, die ökologische Umwelt nicht weiter zu zerstören, standen die Ansätze radikaler Kritik der Wachstumsgegner an der abhängigen Erwerbsarbeit, insbesondere in den großen Industrien gegenüber. Diese Kritik war eine der Gründungsmotivationen für alternativ-ökonomische Betriebsformen mit weitgehend selbstbestimmten Arbeitsformen. Sie führte dazu, dass die AkteurInnen selbst darauf Einfluss nehmen wollten, was unter welchen Bedingungen und mit welchen Materialen hergestellt wird. Die Notwendigkeit von nachhaltigem Wirtschaften, ökologischer Ökonomie, nachhaltiger Entwicklung, Sustainability, nachhaltigem Management, nachhaltigem Konsum, sozial-ökologischer Forschung etc. wurden immer breiter diskutiert.

Publizistische Werke wie „Der stumme Frühling“ von Rachel Carson (1962), „Die Grenzen des Wachstums“ vom Ehepaar Meadows (1972), „Das Ende der Vorsehung“ von Carl Amery (1972), „Ein Planet wird geplündert“ von Herbert Gruhl (1974), „Haben oder Sein“ von Erich Fromm (1976) und „Die Alternative“ von Rudolf Bahro (1977) lesen sich heute wie Gründungsdokument der Postwachstumsbewegung, falls sie noch gelesen werden. Denn jede Strömung und jede Generation, ist davon überzeugt, dass sie das Rad neu erfunden hat. So behaupten TheoretikerInnen mit verschiedenen, zum Teil konträren Ansätzen gleichermaßen, sie alleine hätten den einzigen richtigen ganzheitlichen Gesellschaftsentwurf für ein Leben in einer Postwachstumsgesellschaft ohne Ausbeutung und Naturzerstörung und zudem eine sanfte Umleitung auf Wege hin zur Verwirklichung gefunden. Immer neue Begriffe werden erfunden. Oft sind sie nur alter Wein in neuen Schläuchen. Und was das „gute Leben“ beinhaltet, wird bei den theoretischen Konzepten meist nicht näher ausgeführt.

Theorie hat einen hohen Stellenwert

Theorie hat bei den Modellen für eine Postwachstumsgesellschaft, wie sie heute diskutiert wird, einen sehr großen Stellenwert bekommen. Dadurch wird das politische Handeln oder die konkreten Bewegungen und Projekte zum ressourcensparenden Wirtschaften oftmals an sehr hohen Maßstäben gemessen. Die Konsequenzen sind u.a. ausbleibende Erfahrungen durch Lernen in der Praxis und Schwierigkeiten bei der Gewinnung von AktivistInnen und MitstreiterInnen.  Auch ein arbeitsteiliges Vorgehen von TheoretikerInnen, die meist in besseren Positionen sitzen als die  Bewegungsaktiven, erscheint problematisch. Dass sich dadurch Oligarchien, Hierarchien und Abhängigkeiten ergeben, kann kaum übersehen werden. In den 1970er Jahren war die Theorie für viele AktivistInnen die noch nicht verwirklichte Praxis. Heute scheinen Theorien eher zum Prüfstein der politischen Praxis geworden zu sein. Die Anbindung an die real besehenden Bewegungen spielt bei TheoretikerInnen ohnehin keine große Rolle. In der wachstumskritischen Debatte kommen vielfältige Akteure zusammen:  Umweltverbände und -verwaltung, Kirchen, attac, Feministinnen, Entwicklungshilfe-Organisationen, neoliberale, konservative, auch linke und rechte Sozialwissenschaften sowie Teile aller etablierten Parteien. Hier nur zwei Beispiele:

Hybris – die überforderte Gesellschaft

Der konservative Vordenker zur „Zukunft der Arbeit“ sowie einstiger politischer Weggefährte des CDU-Politikers Kurt Biedenkopf, Meinhard Miegel zeichnet in seinem Buch von 2014 das düstere Bild einer Gesellschaft, die sich übernommen hat und erschöpft ist. Miegel ist in der Postwachstumsszene für den bürgerlichen Mainstream zuständig; und nicht nur er alleine. Als Vorstandsvorsitzender des „Denkwerk Zukunft“ setzt er sich für „Wohlstand ohne Wachstum ein. Wie soll das gehen? „Immer weiter, immer höher, immer schneller“, das hätte die Menschen in eine Sackgasse geführt. Ihm geht es um die Zumutung eines sinnentleerten Weiterrennens um jeden Preis. Es geht ihm um das Ganze einer Ordnung, „die systematisch auf Überforderung angelegt ist“. Das gilt sowohl für ihre Beanspruchung von Mensch und Erde als auch für die Anforderungen, die Menschen erfüllen müssen, um sich halbwegs in ihr zurechtzufinden. „Wir, die wir in den früh industrialisierten Ländern leben, sind materiell wohlhabend. Es ist doch nicht so, dass wir am Hungertuch nagen und uns nur wohlfühlen, wenn der materielle Wohlstand jedes Jahr steigt“, sagt Miegel, aber wer ist WIR? Die Tragik belegt er mit aktuellen Zahlen des Allensbach-Instituts für Meinungsforschung. Danach wissen 75 Prozent der Bürger, dass sie zu viel verbrauchen, sie wollen sich einschränken (72 Prozent), wollen weniger Strom konsumieren (76 Prozent), sparsamer heizen (61 Prozent), regional einkaufen (60 Prozent). Und doch zerstören die BürgerInnen mehr, als sie aufbauen. Die Kluft zwischen Absicht und Wirklichkeit wird nach Miegels Analyse immer größer.

Befreiung vom Überfluss

Niko Peach, Gastprofessor an der Uni Oldenburg und „nebenbei“ Unternehmensberater in Sachen Umweltschutz sowie Autor von „Befreiung vom Überfluss“ (2012), wird von seinen Anhängern als „wohl einer der bekanntesten und glaubwürdigsten Vordenker der Postwachstumsökonomie“ bezeichnet .

Jedenfalls ist er einer der militantesten Wachstumskritiker. In seinen Vorträgen betont er die Notwendigkeit, weniger zu konsumieren und kommt dabei auf sein Sakko zu sprechen. „Das habe ich auf dem Flohmarkt gekauft und von einer Änderungsschneiderei anpassen lassen.“  So kann er die Entrümpelung des Lebens vom „Wohlstandsschrott“ glaubwürdig als ultimativen Freiheitsgewinn anpreisen, schreibt „die Zeit“ in einem Artikel von 2012. Peach macht eine Generalabrechnung mit dem herrschenden, auf stetigem Wachstum basierenden Wirtschafts- und Gesellschaftssystem, mit dem globalen Wohlstandsmodell, mit dem alltäglichen Leben in Deutschland. Es sei ein System, das nur auf einer Plünderung der Natur beruhe und mit der sich abzeichnenden Verknappung wichtiger Ressourcen an sein Ende komme. Peach sei ein Wissenschaftler, der einen klaren Praxisbezug hat, heißt es in Interviews mit ihm. Deshalb macht er auch konkrete Vorschläge. Den Menschen empfiehlt er, wieder mehr Gemüse im Schrebergarten oder selbst „in seinem eigenen Garten“ anzubauen und das Dach ihres Hauses selbst zu reparieren sowie Dinge gemeinsam zu nutzen.  Man leiht sich was vom Nachbarn, man repariert, man produziert „Wer seinen eigenen Garten bewirtschaftet, die Nutzungsdauer seiner Textilien durch eigene Reparaturleistungen steigert oder seine Kinder selbst betreut, statt eine Ganztagsbetreuung zu konsumieren, nutzt keine sozialen Beziehungen, wohl aber Zeit und handwerkliches Können.“, ist ein viel zitierter Satz von Niko Peach.

12,5 Millionen arme Menschen in Deutschland hat der paritätische Wohlfahrtsverband in seiner neuesten Studie gezählt. „Die Befreiung vom Überfluss“ ist nicht ihr Problem. Den Armen empfehlen WIR (?) Suppenküchen, Tafeln mit aussortierten Lebensmitteln, foodsharing, geteilte Autos, Kleidertauschbörden, Umschneidereien, Reparaturläden und vieles mehr. Viele Arme können sich schon heute keine warme Wohnung leisten, geschweige denn ein eigenes Dach, einen Computer um das alles zu nutzen oder ein Auto um das zu teilen.  Dass Kinder – egal aus welcher Schicht sie kommen – soziale Beziehungen mit anderen Kindern wollen und brauchen, wird heute kaum mehr bestritten. Deshalb brauchen wir mehr Kindergärten und –krippen und nicht mehr Hausfrauenmütter.

Es ist wichtig, Produkte mit anderen zu teilen und Flugreisen und Einwegpackungen zu vermeiden. Meist sind es Menschen, die mehr als ihr Auskommen haben, die predigen, dass andere weniger verbrauchen sollen, dass „Wir“ uns einschränken sollen. Wer ist eigentlich wir? Und warum ist die Angst so groß, dass „alle anderen“ unseren Lebensstil imitieren wollen (z.B. China oder Afrika)?

Fazit:

Das sind nur zwei Beispiele, es gibt viele und verschiedene PostwachstumsvertreterInnen. Sie können nicht über einen Kamm geschoren werden. Viele Vorschläge sind wichtig, manche sind auch schon lange propagiert und vielfach praktiziert. „Wir“ brauchen viel mehr Gemeinschaftsgärten und Gemeinschafts- oder Genossenschaftsbetriebe und –wohnungen.

Die Einschränkung auf das Lokale und Regionale alleine schneidet auch Solidarisierungsmöglichkeiten und wichtige Widerstandspotentiale ab. „WIR müssen den Widerstand selbst organisieren“, sagte gestern ein Redner bei der Demo gegen Zwangsräumungen und Sanierungen und gegen die Isolierung von Geflüchteten. Das immer weitere Auseinanderklaffen der Schere zwischen Arm und Reich ist nur durch eine grundlegende Umverteilung vor allem des  Reichtums zu erreichen.

Gisela Notz ist Redakteurin bei Lunapark21. Im nächsten Heft (Nr. 35), das am 28.9.2016 erscheint, schreibt sie zu digitalen Revolution in der Reproduktionsarbeit.

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