Vierzig Jahre Diagnose: Der erste Bericht an den Club of Rome und seine Folgen

Aus: LunaPark21 – Heft 18

Dass in einem endlichen System wie der Erde auch die Ressourcen endlich sind, also begrenzt, folglich auch jedes quantitative Wachstum früher oder später an Grenzen stößt, sollte eigentlich, im Jahre 1972 christlicher Zeitrechnung ausgesprochen, keine weltbildstürzende Erkenntnis sein, erst recht keine weltstürzende. Aber wie so häufig: Das eine ist, einen für wahr gehaltenen Grundsatz hinzunehmen oder anzuerkennen, das andere, ihn vorgerechnet und, mit weitreichenden und eigenes Verhalten treffenden Schlussfolgerungen versehen, vor Augen geführt zu bekommen.

Gewiss, weltstürzende Folgen hatte der 1972 veröffentlichte (erste) Bericht an den Club of Rome über die Grenzen des Wachstums nicht, ebensowenig die ihm bis zum heutigen Tage nachfolgenden. [1] Aber das Weltbild vieler, die bis dahin keinen Gedanken an mögliche Grenzen des Wachstums verschwendet hatten, haben diese Berichte umgestürzt oder zumindest nachhaltig verändert. Das ist, angesichts der gegenwärtigen Weltlage und ihrer zukünftigen Aussichten, nicht sehr viel, aber es ist auch nicht ganz wenig; seit den Zeiten der Renaissance hat es keine revolutionäre Veränderung mehr gegeben, deren Notwendigkeit nicht zuvor – zuweilen lange zuvor – gedacht und ausgesprochen worden ist, deren Realisierung ihre ersten Propagandisten zumeist nicht mehr erlebt haben.

Dass ein solcher „Umsturz im Weltbild der Ökonomie“ nicht auf ungeteilte Zustimmung stoßen konnte, versteht sich von selbst, wobei die damaligen Kritiker aus allen ideologischen Lagern kamen. An erster Stelle sind hier die Wachstumsfetischisten zu nennen, für die eine funktionierende Ökonomie ohne (grenzenloses) Wachstum (insbesondere der Profite) nicht zu denken ist oder nur als Phase trister, schnell zu überwindender Stagnation; sie sind nach wie vor nicht ausgestorben und nehmen gerade in der gegenwärtigen Wirtschaftskrise mit ihrem undifferenzierten Ruf nach Konjunktur- und Wachstumsförderung verstärkt Einfluss auf die Wirtschaftspolitik in den USA und Westeuropa. Zweitens Wirtschaftstheoretiker insbesondere in den einst sozialistischen Ländern Osteuropas, die den Bericht rein ideologisch, als Reflex der damaligen Wirtschaftskrise, interpretierten, seinen Verfassern vorwarfen, dass sie die Grenzen ökonomischen Wachstums, auf die das Kapital stoße, in allgemeine „natürliche“ Grenzen verwandelten, und demzufolge derartige Grenzen für die sozialistisch-kommunistische Produktionsweise prinzipiell in Abrede stellten. Drittens Ökonomen aus der sogenannten Dritten Welt, die in diesen Überlegungen – teilweise durchaus zu Recht – den Versuch sahen, den Reichtum im Norden auf Kosten der Armut im Süden zu erhalten.

Alte nicht gelöste Probleme plus neue schwer lösbare

Die im ersten Bericht diagnostizierten Grenzen des Wachstums bezogen sich vor allem auf das Problem, eine rasant wachsende Weltbevölkerung ausreichend mit Nahrungsmitteln, Rohstoffen und Energie zu versorgen. Keines dieser Probleme ist heute gelöst, und neue, damals noch gar nicht als solche erkannte, sind hinzugekommen: Klimawandel, Überfischung der Weltmeere, Abholzung der Regenwälder und viele andere. Das Jubiläum gibt also wahrlich keinen Anlass zum Jubeln, jedoch Gelegenheit, darüber nachzudenken, warum diese Berichte zwar einerseits medial in mancher Hinsicht wirkungsvoll, aber andrerseits ökonomisch in nahezu jeder Hinsicht wirkungslos waren.

Die Hauptursache für diesen eklatanten Widerspruch liegt in der nahezu unumschränkten Weltherrschaft des fiktiven Kapitals, der, wie Marx in Band III des Kapitals formulierte, „papiernen Duplikate des wirklichen Kapitals“ (MEW 25: 494). Ihr Ausgangspunkt war die systemische Überakkumulationskrise von 1973 ff. Während die meisten linken und anderen Ökonomen in der Regel den Ausgangspunkt für die aktuelle Krise inden diversen Blasen, die sich seit 2001 ff herausbildeten, sehen, halte ich es für überzeugender als Ausgangspunkt die Krise 1973 ff zu nehmen. Im Unterschied zu ihren Vorgängern von 1825, 1873 und 1929, bewirkte sie nicht, dass in der Welt des wirklichen, des Realkapitals, nach neuen Anlagesphären gesucht wurde, es wurden vielmehr fiktive Anlagen getätigt, und diese fiktiven Kapitale, die Schuldverschreibungen, Staatsobligationen, Finanzderivate usw., warfen zwar ganz ungeheuerliche Profite ab, reduzierten aber in gleichem Maße die Möglichkeiten der Anlage von neuem Realkapital. Gerade dies jedoch wäre nötig gewesen, um die in den diversen Berichten an den Club of Rome völlig richtig angesprochenen globalen Probleme Schritt für Schritt einer Lösung zuzuführen.

Krise 2007 = Folge der 1973er Krise

Die Jagd nach dem superschnellen Profit – der heutzutage mittels Mausklick im Zehntausendstel-Sekundentakt zu erzielen ist – verhinderte und verhindert langfristige Kapitalanlage, die schon von der Sache her keinen schnellen Profit abwerfen kann. Und deshalb wurde die Krise von 1973 auch nie in der Wirklichkeit überwunden, sondern nur in der neoliberalen (neomonetaristischen) Fiktion. Das zeigte sich nirgends deutlicher als in den Ländern des real nicht mehr existierenden Sozialismus Osteuropas, wo zwar Märkte, vor allem Finanzmärkte, erobert wurden, aber Realinvestitionen wegen fehlender Profitabilität weitgehend unterblieben.

Die 2007 ausgebrochene Krise war daher keine neue Krise, sondern immer noch die alte (von 1973), nur wurden ihre wirklichen Ursachen mit den Mitteln „finanztechnischer“ Steuerung aus dem Bewusstsein der Allgemeinheit ebenso erfolg- wie folgenreich „wegretuschiert“. Die Hypothekenkrise, die Bankenkrise, die Krise der Staatsfinanzen, sie alle waren und sind nur Ausdruck dessen, dass die angeblich alleinseligmachende Regulierung durch die Finanzmärkte selber in die offen sichtbare Krise geraten und die Zeit des Wegretuschierens vorbei ist.

Die Hauptursache für die fast vollständige Wirkungslosigkeit aller Berichte an den Club of Rome benennt zugleich ihren Hauptmangel, dass in ihnen niemals wirklich untersucht worden ist, was für die Realisierung ihrer „hehren“ Ziele kapitalseitig zu geschehen hat. Die in ihnen formulierten Appelle an Politik und Moral haben so gut wie nichts bewirkt, und Gedanken zu den ökonomischen Regulationsmechanismen nachhaltigen Wirtschaftens, sofern überhaupt geäußert, waren zumeist rein technokratischer oder ganz idealistischer Natur. Der ideologischen Vorherrschaft des Monetarismus wurde also kein realwirtschaftliches Programm entgegengestellt, auch keines auf bürgerlich-kapitalistischer Grundlage.

Ein solches Programm ist aber vonnöten, weil die weltverheerende Herrschaft des Monetarismus in den vergangenen vierzig Jahren die in den Berichten an den Club of Rome aufgezeigten globalen Probleme massiv vergrößert und verschlimmert hat. Sie kann im Rahmen des kapitalistischen Systems aber nur gebrochen werden, wenn an die Stelle der bloßen Umverteilung von fiktivem Kapital die Produktion von realem Kapital tritt, das für die Rettung der allseits bedrohten Biosphäre eingesetzt werden kann, und zwar höchst profitabel; dies allerdings nur langfristig. [2] Die Frage, ob ein derartiges Umsteuern möglich ist, ist eine Frage der Politik und insbesondere der Wirtschaftspolitik, mithin eine Frage, die auch auf dem Boden kapitalistischer Produktionsverhältnisse beantwortet werden kann, selbstredend nicht ohne schärfste politische Auseinandersetzungen innerhalb der bürgerlichen Parteien (die bundesdeutsche Debatte um den Atomausstieg dürfte damit verglichen ein harmloses Geplänkel sein). Der Club of Rome, dem vor allem ausgesuchte Industrielle, Ökonomen und Naturwissenschaftler angehören, aber satzungsgemäß keine hochrangigen Politiker (jedenfalls keine in „Amt und Würden“), könnte diese Auseinandersetzungen eben deshalb höchst aktiv begleiten, allerdings nur, wenn er sich nach vierzig Jahren Diagnose endlich in die hart umkämpften „Niederungen“ der Therapie begibt.

Anmerkungen:

[1] In diesem Jahr: 2052: „Global Forcast for the Next Forty Years“.

[2] Zum Verhältnis von Kapitalverwertung und Naturreproduktion sowie seinen möglichen Perspektiven siehe auch die Betrachtung des Autors in dem März 2012 erschienenen Band No way out? konkret texte 56, S. 156-161.

Thomas Kuczynski lebt und arbeitet in Berlin. Er schreibt in jeder Ausgabe von Lunapark21 einen Beitrag zu „Geschichte & Ökonomie“.

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