Durchaus Pioniergeist

Welche Gründe gab es für das Abkommen zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der Türkei 1961?

Ein Gespräch über das Anwerbeabkommen der BRD mit der Türkei vor 60 Jahren

Kutlu Yurtseven: Das erste Anwerbeabkommen hatte die Bundesrepublik 1955 mit Italien geschlossen, beide Länder waren Mitglied der Montanunion, dem Vorläufer der Europäischen Gemeinschaft.

Peter Bach: Ausgerechnet Deutschland, das im Zweiten Weltkrieg halb Europa in Schutt und Asche gelegt hatte, sammelte wieder ausländische Arbeitskräfte ein. Fünf Millionen deutsche Soldaten waren im Krieg gefallen, junge Männer, die den Kern einer neuen „Armee“ von Industriearbeitern hätten stellen können. Dann wurde 1961 die Mauer gebaut. Damit wurde der Zuzug von jährlich Hundertausenden Arbeitskräften abgeschnitten.

Drittens: Mit der Wiederbewaffnung der BRD ab 1956 wurden 260.000 junge Männer für die Bundeswehr gebraucht.

Wie war die politische Lage in der Türkei?

Kutlu: Die Türkei war mit Deutschland seit dem Kaiserreich eng verbunden. 1960 putschte das Militär. Danach wollten viele, eher linke Menschen die Türkei verlassen.

Kutlu, deine Eltern kamen 1968 in die Bundesrepublik. Kannst du ihre Situation als „Gastarbeiter“ schildern?

Kutlu: Es kamen Menschen aus sehr unterschiedlichen Motiven: Ärztinnen und Ärzte, politische Flüchtlinge, Menschen „vom Feld“. Es kam aber auch jemand wie mein Vater. Der hatte in der Türkei Arbeit und hat sich mit meiner Mutter wegen der Liebe entschieden, fortzugehen und gemeinsam neu anzufangen. Viele junge Frauen aus der Türkei sind damals nach Deutschland gegangen, um einer Zwangsheirat zu entgehen.

Peter: Eine türkisch-stämmige Frau erzählte: „Ich habe meinem Mann gesagt, ich gehe vor und hole dich nach – ich habe ihn nie nachgeholt.“

Kutlu: Auch Männer wollten aus den dörflichen Strukturen ausbrechen, nicht dort heiraten und das Leben führen müssen, wie ihre Väter es vorgesehen hatten. Für viele war das der Versuch eines Neuanfangs – man kann durchaus von Pioniergeist sprechen.

Die Arbeitsbedingungen waren hart?

Kutlu: Ich möchte nicht wissen, wie viele Menschen in die Öfen der Schwerindustrie-Konzerne gefallen sind. Viele der Migrierten kamen vom Land und hatten keinerlei Erfahrung mit industrieller Arbeit. In der Anfangszeit haben die keinerlei Einweisung in die Arbeit bekommen.

Ich wusste schon als Kind, unter welchen Bedingungen mein Vater unser Einkommen erarbeitete. Als Zwölfjähriger habe ich die Fertigung bei Ford gesehen. Da gab es schon die ersten Roboter, aber es war unerträglich heiß, und es flogen Metall-Splitter umher. Meine Mutter hat meinem Vater regelmäßig solche Splitter aus der Haut gezogen.

Wie wurden die Menschen ausgewählt, die die Reise „ins gelobte Land“ antreten durften?

Kutlu: Die Menschen mussten medizinische und psychologische Untersuchungen über sich ergehen lassen. Es sollten nur kerngesunde und möglichst duldsame Menschen ankommen. Sie mussten sich vor den Ärzten und Krankenschwestern nackt ausziehen. Wie auf dem Viehmarkt, Gruppen von Menschen, entkleidet, die wie am Fließband untersucht wurden.

Mein Vater fasst das so: „Die brauchten gesunde Menschen, um sie kaputt wieder zurückzuschicken.“

Muss man die Anwerbung von sogenannten Gastarbeiterinnen und Gastarbeitern im Kontext mit dem nationalsozialistischen Zwangsarbeiter-Regime sehen?

Peter: Ich sehe da ein starkes Element von Kontinuität. Ich habe in den späten 1970er Jahren bei Dielektra in Köln-Porz gearbeitet.1 Neben der Halle 90 auf dem Werksgelände lag die Baracke, in der während der NS-Zeit Zwangsarbeiter interniert waren. Die griechischen Kollegen erzählten, dass sie als „Gastarbeiter“ anfangs in diesen Baracken untergebracht wurden.

Die „Gastarbeiter“ kamen in den ersten Jahren nach den Anwerbeabkommen mit dem Zug nach Deutschland. Die Züge kamen „zum Entladen“ auf denselben Gleisen an wie zuvor die Zwangsarbeiter. Sie wurden zwar nicht in Viehwaggons befördert, aber in alten Dritter und Vierter Klasse Waggons. Sie stiegen aus, mussten sich in Reih und Glied aufstellen und sich dann in Gruppen zu 25 Personen nochmals medizinisch untersuchen lassen.

Die Menschen hier im Stadtteil Mülheim haben während der NS-Zeit jeden Tag beobachtet, wie die Zwangsarbeiter von den Lagern in Mülheim Nord durch die Mülheimer Freiheit2 zu den KHD-Werken3 geführt wurden. Das war ein Bild der Normalität, dass massenhaft Arbeiter, die anders aussahen und angeblich „weit unter uns standen“, durch die Straßen zu den Werkstoren gingen – mit dem Unterschied, die „Gastarbeiter“ wurden nicht von Bewaffneten eskortiert. Während des Fordstreiks 1974 schlug mir von deutschen Kollegen entgegen: „Die sind zum Arbeiten hier, nicht zum Streiken“. Wie kommt ein Mensch zu solcher Haltung? Das ist für mich nur erklärlich aus der Vorgeschichte der Zwangsarbeit.

Kutlu: Den italienischen Arbeitsmigrierten folgten die spanischen und portugiesischen, als nächstes die griechischen und dann die türkischen – ein Jahr später noch die Marokkaner und danach die Jugoslawen. Italien war im Zweiten Weltkrieg mit Deutschland verbündet, Spanien und Portugal auch. Griechenland hat zwar extrem unter der deutschen Besatzung gelitten, aber die Rechten waren in Griechenland stark – nach dem Putsch von 1967 kamen die Migrantinnen und Migranten aus einem von rechtsradikalen Offizieren beherrschten Land.

Die türkische Geschichte während der NS-Zeit ist wenig erforscht. Bekannt ist, dass jüdische Menschen von hier dorthin flüchteten. Kaum bekannt ist aber das Schicksal von über 3000 Jüdinnen und Juden mit türkischem Pass, die im Deutschen Reich lebten. Die Nazis fragten die türkische Regierung: „Sind das türkische Staatsbürger und wollt ihr die zurückhaben?“ Die Regierung hat nein gesagt, und diese Menschen damit der Vernichtung preisgegeben.

Was war auf türkischer Seite das Interesse an der Arbeitsmigration?

Kutlu: Die Herkunftsländer erhielten pro Arbeitskraft eine Prämie. So kamen Devisen ins Land und man wurde auch noch politisch unbequeme Menschen los. Wenn es in den 70er und 80er Jahren die Almanyes – die Türkinnen und Türken in Deutschland – nicht gegeben hätte, wäre die Wirtschaft in der Türkei zusammengebrochen. Die Rücküberweisungen der „Gastarbeiter“ waren für die Türkei existenziell. Und die haben ja nicht nur Geld überwiesen, die haben dort auch Urlaub gemacht und auch noch ihre deutschen Kollegen eingeladen, mitzukommen – die erste Generation deutscher Türkeiurlauber.

Hat der Tourismus die Solidarität in den westdeutschen Betrieben befördert?

Kutlu: Unter den deutschen Kolleginnen und Kollegen gab es Leute wie Peter, die das würdigten, viele aber haben Sonne, Essen und Gastfreundschaft in der Türkei genossen, danach jedoch war „der Türke“ wieder der Kanacke.

War es lukrativer, billige Arbeitskräfte aus dem Ausland zu holen, als in die Modernisierung der Produktionsanlagen zu investieren?

Peter: Für Ford trifft das auf jedem Fall zu. Ford war damals technologisch veraltet. Es war billiger, 12.000 Menschen einzusetzen, als in eine Modernisierung der Produktion zu investieren. Lange gab es noch die Gruben, in denen die Menschen an den über ihnen geführten Bändern arbeiteten. Das ständige Überkopf-Arbeiten verhärtet die obere Muskulatur, die sich dann entzündet.

Kutlu: Mein Vater ist Schweißer geworden, weil er in der Grube nicht mehr arbeiten konnte. Meine Mutter setzte ihm jeden zweiten Abend diese Schröpfgläser auf den Nacken, um die Durchblutung zu fördern und die Schmerzen zu lindern.

Es hält sich ja die Mär, die „Gastarbeiter“ hätten sich mit dem hier Verdienten in ihrer Herkunftsheimat kleine Paläste aufgebaut. Gleichzeitig habe die erste Generation ständig auf gepackten Koffern gelebt.

Kutlu: Es sind viel mehr zurückgegangen als geblieben. Meine Eltern haben die ganze Zeit gespart. Das ist doch ihr Geld. Die haben sich kaputtgearbeitet dafür, haben sehr bescheiden gelebt und auch noch gespart. Irgendwann wurde ihnen klar, ihre Enkelkinder würden in Deutschland leben, und sie beschlossen, wir bleiben hier, und erlaubten sich, weniger enthaltsam zu leben und sich und den Kindern und Enkeln mehr zu gönnen. Viele Migrierte haben ihr Erspartes auch investiert. Im Islam ist die Erhebung von Zinsen eigentlich verboten. Das Geschäftsmodell von teils sehr windigen Unternehmen in der Türkei war, wir geben keine Zinsen auf euer eingezahltes Geld, wir beteiligen euch an der Gewinnausschüttung. Ich weiß nicht, wieviel Geld auf diese Weise verbraten wurde – Milliarden. Ich kenne Leute, die 200.000 Mark nur per Handschlag „investiert“ haben. Da wurden Gewinnmargen von 35 Prozent und mehr versprochen.

Peter: Viele hatten ja die Hoffnung, mit 50 hier aufhören zu können und dann zurück in die Türkei zu gehen. Das war der Traum.

Kutlu: Am Verlust des Ersparten sind viele zerbrochen. Aber auch der Versuch, von dem Ersparten in der Türkei ein Haus zu kaufen, scheiterte häufig. Geschichten vom Übers-Ohr-Hauen der in Deutschland lebenden Arbeitsmigranten kenne ich auch von meinen italienisch- und griechischstämmigen Freunden.

Wir haben uns zum Interview hier in der Keupstraße verabredet. Gegenüber von dort, wo wir jetzt sitzen, zündete der NSU am am 9. Juni 2004 eine Nagelbombe und richtete ein Blutbad an. An manchen der türkischen Restaurants und Konditoreien steht das Gründungsjahr – 1979, 1986, 1993.

Kutlu: Für mich ist die Keupstraße ein Sinnbild der Selbstermächtigung der ersten „Gastarbeiter“-Generation. Die hat zunächst alles für ihre Kinder getan, damit wir zur Schule gehen und studieren können. Dann haben sie angefangen, sich eine Existenz aufzubauen, jenseits der Fabrik. Das bedeutete auch eine Veränderung des Selbstbildes: Wir sind nicht mehr die, die die Drecksarbeit machen, wir besinnen uns auf das, was wir können und wollen.

Viele haben es geschafft. Aber das nutzt ihnen gesellschaftlich wenig. Sie kommen als Ausgebeutete hierher, werden bei der Arbeit geschunden und sozial herabgewürdigt, aber schaffen es da heraus. Und dann kriegen sie zu hören: „Du bist immer noch der Mafioso.“ Du hast dir erlaubt, aufzusteigen und hast es auch noch nach oben geschafft – das geht zu weit.

Der NSU hat keine marginalisierten migrantischen Jugendlichen ermordet. Der NSU hat sich bewusst Gewerbetreibende ausgesucht. Das Zeichen war: Ihr könnt hier Erfolg haben, sicher seid ihr trotzdem nicht. Und sogar euch, als Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber schützt der Staat nicht. Im Gegenteil: Die Behörden ermittelten sieben lange Jahre gegen die Anwohner – sie versuchten, die Opfer zu Tätern zu machen.

Solche Perfidie können sich doch keine fünf Nazis in Jena ausgedacht haben.

Als „Döner-Morde“ bezeichneten die Medien die Anschlagserie. Frag mal einen Deutschen, er soll dir fünf Dinge nennen, die er über Türken weiß – er soll aber nicht Döner oder Kebap sagen…

Das ganze Klima, über lange Zeit, das macht was mit den hier eingewanderten Menschen und auch mit der nächsten Generation, die damit aufwächst.

Kutlu Yurtseven ist in Köln geboren und seit den 90er Jahren Rapper bei der Kölner „Microphone Mafia“, aber auch: Lehrer, Sozialarbeiter, Schauspieler. Er absolvierte Hunderte Konzerte mit der Auschwitz-Überlebenden und Sängerin Esther Bejerano, die im Juli verstarb.

Peter Bach lebt seit 50 Jahren in Köln-Mülheim. Er beteiligte sich am Fordstreik 1974, arbeitete in mehreren Großbetrieben und war Betriebsratsvorsitzender in der Chemie. Er gründete die „Initiative Keupstraße ist überall“ mit.

Das Gespräch für Lunapark21 führte Joachim Römer.

Anmerkungen:

1. Die Dielektra GmbH war ein Leiterplatten Hersteller im Felten & Guilleaume Konzern und ging 1941 aus der „arisierten“ Meirowsky AG hervor.

2. Straße im Kölner Stadtteil Mülheim.

3. KHD – Klöckner-Humboldt-Deutz, 1864 in Köln gegründeter deutscher Motoren-Hersteller. Das Unternehmen wurde unter der Abkürzung KHD zu einem Global Player für Schiffsantriebe und Landmaschinen. Während der NS-Diktatur auf Rüstungsproduktion umgestellt, beuteten die Werke in Köln mehr als 5000 Zwangsarbeitende aus.

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