Die DB versucht den Nachtzug doch noch ganz zu töten

Seit gut einem Jahr betreibt die Deutsche Bahn AG (DB AG) nun keine Nachtzüge mehr, nachdem sie das Segment schon vorher viele Jahre lang mehr als stiefmütterlich behandelt und immer mehr Linien stillgelegt hatte. Auf vielen Strecken in die Nachbarländer gibt es seitdem keine guten Verbindungen mit der Bahn mehr, der Markt für Reisen um die 1000 Kilometer wird ganz dem um ein vielfaches klimaschädlicheren Luftverkehr überlassen. Mit dem Ausstieg der DB AG hatten die Österreichischen Bundesbahnen (ÖBB) einen Teil der noch verbliebenen Strecken und Züge übernommen, haben das Angebot seitdem sogar schon wieder etwas ausgeweitet und denken über die Wieder-Inbetriebnahme weiterer Linien nach.

Die ÖBB sind mit dem wirtschaftlichen Ergebnis der Nachtzüge, die sie seitdem unter der Marke „NightJet“ betreiben, offensichtlich hochzufrieden. Damit strafen sie die DB AG Lügen, die jahrelang erst behauptet hatte, dass es keinen Markt mehr für Nachtzüge gebe und die Züge nicht mehr gebucht würden. Nachdem dies als Lüge entlarvt war und die DB AG zugeben musste, dass die Buchungszahlen sich sogar bis zur Abschaffung der Züge und trotz des kontinuierlich abnehmenden Service nach oben entwickelten[1], hielt sie dennoch an dem schon damals genauso umstrittenen Argument fest, dass die Züge extrem unwirtschaftlich seien. Dass die ÖBB auch dieses Argument nun mit wehenden Fahnen widerlegen, muss der DB AG natürlich ein Dorn im Auge sein.

In solchen Fällen hat die deutsche Staatsbahn ihr ganz eigenes Vorgehen, nämlich Sabotage im Hintergrund. Am Anfang beschworen DB AG und ÖBB die gute Zusammenarbeit und die DB AG schmückte sich ein bisschen mit den fremden Federn des „NightJet“, den sie ja angeblich mit unterstütze, nur dass die Österreicher ihn eben „günstiger produzieren“ könnten. Zu dieser Zusammenarbeit gehörte auch die gegenseitige Tarifanerkennung. Das bedeutet, dass man durchgehende Tickets für den „NightJet“ und die Zubringerzüge innerhalb Deutschlands buchen konnte – denn oft halten die Nachtzüge ja nicht genau dort, wo man herkommt oder hinwill. Die deutschen BahnCards wurden für Rabatte in den „NightJets“ anerkannt, und mit den durchgehenden Tickets galten natürlich auch die durchgehenden Fahrgastrechte: Ist der „NightJet“ verspätet, können die Fahrgäste ggf. andere Anschlusszüge verwenden und bekommen bei größeren Verspätungen eine Rückerstattung – und ebenso bei umgekehrten Anschlüssen.

Mit all dem ist ab Juni nun Schluss: Dann läuft die Übergangsregelung aus, und offensichtlich gibt es keine Nachfolgeregelung. Es heißt, die beiden Bahnen hätten sich nicht einigen können. Konkret wollte die DB AG die ÖBB wohl nicht an den Einnahmen für die BahnCards beteiligen – womit es durchaus verständlich ist, dass die ÖBB dann auch keine entsprechenden Rabatte gewähren können. Ähnliche Konflikte gibt es übrigens auch zwischen der DB AG und den Nahverkehrsverbünden, die ebenso wenig an den Einnahmen der BahnCards beteiligt werden und daher oft keine entsprechenden Rabatte gewähren.

Sind das nur Hakeleien zwischen zwei Bahnunternehmen? Mitnichten! Denn die Bundesregierung selbst steht in der Pflicht, für kundenfreundliche Regelungen zur Nutzung der Züge zu sorgen – so hat es der Bundestag einhellig im Sommer 2017 beschlossen.[2] Und als Vertreterin des Bundes, der immerhin 100%-Eigentümer der DB AG ist, hat die Regierung eigentlich auch alle Möglichkeiten genau dies durchzusetzen und der DB AG klare Vorgaben zu machen. Was sie nun tatsächlich plant, hat die Linksfraktion im Bundestag durch eine Kleine Anfrage wissen wollen. Und die Antwort ist erstaunlich klar: „Die Bundesregierung plant keine derartigen Maßnahmen.“[3] Im Klartext bedeutet das: Der Beschluss des Bundestages interessiert uns nicht, der freie Markt wird es schon richten.

Das Ergebnis dieser Art von freiem Markt ist aber der beschriebene Mangel an Kooperation. Die kundenfeindlichen Regelungen sind nicht nur höchst ärgerlich für die Fahrgäste, sondern können auch dazu führen, dass die ÖBB-„NightJets“ immer schlechter gebucht werden und dann letztlich doch wieder vom Markt verschwinden. Und das wäre der DB AG am Ende vermutlich ganz Recht. Dann könnte sie nämlich sagen: Auch die ÖBB haben es nicht geschafft mit den Nachtzügen, wir hatten also doch Recht. Und der Wegfall der letzten echten Nachtzüge würde ihr zudem noch einmal einen Schub an Fahrgästen für ihre nächtlich verkehrenden ICs und ICEs bringen, in denen man auf vielen Strecken ohne Schlaf über Nacht reisen kann. Damit wäre der Verlust an Reisekultur dann endgültig perfekt.

[1] Siehe Protokoll des Bundestags-Ausschusses für Verkehr und digitale Infrastruktur 18/26 vom 14.1.2015, Anhörung zu den Nachtzügen.
[2] Siehe Bundestags-Drucksache 18/12363: http://dip21.bundestag.de/dip21/btd/18/123/1812363.pdf
[3] Siehe Antwort der Bundesregierung auf die Kleine Anfrage der Linksfraktio, Drucksache 19/500: http://dip21.bundestag.de/dip21/btd/19/005/1900500.pdf

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