Das LenkMal in Stuttgart

Die Monstrosität von Stuttgart 21 auf den Sockel gehoben

Obgleich die Skulptur „Schwäbischer Laokoon“ von Peter Lenk erst seit dem 27. Oktober im Zentrum der baden-württembergischen Landeshauptstadt steht, zeichnen sich bereits zwei Dinge ab: Zum einen kann man jetzt Tag für Tag beobachten, wie Hunderte Personen das Werk bestaunen und versuchen, einzelne Figuren zu erkennen: „Da ganz oben – sitzt da nicht der Jesuitenschüler Heiner Geissler und guckt wie ein scheinheiliger Pfaff?“ Oder: „Die mit den Schweizer-Garde-Hosen: Könnte das nicht Frau Schavan sein, die zum Ausgleich für den verlorenen, da erschwindelten Doktortitel den Botschafterin-Posten im Vatikan erhielt?“ Und dann auch: „Das passt doch! Wie die Friederike dem Ex-Ministerpräsidenten Günther Oettinger im Genick sitzt und ihn reitet!“

Zum anderen zeichnet sich in Stuttgarts opportunistischer Kulturszene ein Wettrennen ab, wer sich am schnellsten an den neuen CDU-OB Nopper schleimt und fordert: „Der Lenk muss weg!“.

Der Bildhauer

Peter Lenk wurde einer größeren Öffentlichkeit in den 1990er Jahren durch die Statue „Imperia“ bekannt. Wer sich mit dem Schiff, von Meersburg kommend, der Stadt Konstanz nähert – und die Schiffsreise ist dringend zu empfehlen –, den begrüßt die zehn Meter hohe Skulptur an der Hafeneinfahrt. Es handelt sich um die Darstellung einer Kurtisane, die in der einen Hand ein Schrumpel-Päpstlein und in der anderen einen Hutzel-Kaiser hält. Sie erinnert an das Konzil in Konstanz 1414 bis 1418, einen Höhepunkt der mittelalterlichen Amtskirche mit vielen öffentlichen Damen und der öffentlichen Verbrennung des arglos angereisten böhmischen Reformators Jan Hus, grellbunt beschrieben von Honoré de Balzac in seinen „Tolldreisten Geschichten“. Lenk hat die geniale Statue 1993 in einer Nacht-und-Nebel-Aktion – ohne Genehmigung – auf der Hafenmauer platzieren lassen. Trotz massiver Proteste der Obrigkeit und eines sich betroffen fühlend en Bischofs ist die Statue längst zum Wahrzeichen der Stadt Konstanz geworden, in jedem Jahr von Hunderttausenden Touristinnen und Touristen bewundert. Inzwischen gibt es ein Dutzend Städte mit – oft hochpolitischen – Lenk‘schen Werken, darunter die „Global Players“ in Ludwigshafen am Bodensee oder „Das Narrenschiff“ in Bodman.

Was lag da näher als ein Werk, das das größte Infrastruktur-Projekt und den breiten zivilgesellschaftlichen Widerstand gegen dasselbe zum Thema hat? Seit Mitte 2018 arbeitet Lenk an einem Kunstwerk zu Stuttgart 21. Im Januar 2019 initiierte ich eine Spendensammlung zur Finanzierung des Projekts. Mehr als tausend Spenderinnen und Spender haben bislang knapp 150.000 Euro überwiesen. Die durchschnittliche Höhe je Spende liegt bei 125 Euro. Und, sehr wichtig: Nur ein Drittel der Spenden kommen aus Stuttgart und der Region. Ein weiteres Drittel aus dem übrigen Baden-Württemberg. Bei rund einem Drittel liegt der Wohnsitz außerhalb Baden-Württembergs.

Denn eines war ja klar: Die Oberen in Baden-Württemberg und in Stuttgart, die in den Positionen Ministerpräsident, Landesverkehrsminister und Stuttgarter Oberbürgermeister der Partei Die Grünen angehören, würden ein solches LenkMal mit der landestypischen Begründung „Mer gäbet nix“ ablehnen. Vor einem Jahrzehnt als S21-Kritiker in diese Ämter gewählt, sind sie inzwischen mit daran beteiligt, das stadtzerstörerische und den Bahnverkehr einengende Projekt umzusetzen.

Grüne als Exekutoren des CDU-Projekts

Nachdem im September 2020 das Kunstwerk – ein nackter „Schwäbischer Laokoon“, unverkennbar den baden-württembergischen Ministerpräsidenten Kretschmann darstellend, über dem sich Dutzende Figuren der Nomenklatur tummeln, die für Stuttgart 21 mitverantwortlich sind (darunter Mappus, Rommel, Geißler, Mehdorn), – weitgehend vollendet war, befanden sich die Oberen in Land und Stadt in Erklärungsnot. Sollten sie es ablehnen, das Werk in Stuttgart selbst zur Schau zu stellen, und sich damit bundesweit dem Gespött preisgeben? Oder sollten sie unter Verweis auf die Freiheit von Kunst grünes Licht signalisieren? Sie entschieden sich für einen Zwischenweg: Lenk darf seinen „Schwäbischen Laokoon“ zwar vor dem Stadtpalais platzieren. Das – insgesamt rund zehn Meter hohe Werk – wird jedoch zusammen mit zwei anderen Kunstwerken, darunter der Plastik des letzten württembergischen Königs, präsentiert. Seltsamerweise interessiert sich d as Publikum ausschließlich für die Lenk´sche Skulptur.

Die beiden Platzhirsche Stuttgarter Zeitung und Stuttgarter Nachrichten und der swr versuchten zunächst, die Angelegenheit mit Verweis auf „Satire darf (fast) alles“ zu bagatellisieren. Doch bald war klar, dass sich das Werk so nicht einfrieden läßt. Das Infrastrukturprojekt S21 entwickelt sich – ausgerechnet 2020 besonders erkennbar – zu einem Desaster. Vor wenigen Wochen wurde ein Prüfbericht des Bundesrechnungshofs publik, in dem wörtlich zu lesen ist: Das Bundesministerium für Verkehr „hält das Projekt S21 nicht mehr für verkehrsbedeutsam“. Zehn und mehr Milliarden Euro an Steuergeldern für ein „nicht bedeutsames“ Verkehrsprojekt? Sodann gab es eine Reihe Medienberichte anlässlich von „Zehn Jahre Schwarzer Donnerstag“ (am 30. September 2010 gab es den brutalen Polizeiangriff auf friedlich demonstrierende Jugendliche im Stuttgarter Schlossgarten) und zu „Zehn Jahre (manipulative) Geißler-S21-Schlichtung“.

Vor diesem Hintergrund ist zu sehen, dass bereits wenige Wochen nach der Aufstellung der Skulptur in der Stuttgarter Zeitung und in der Schwäbischen Zeitung Artikel erschienen nach dem Motto „Ist das Kunst? Oder kann das weg?“ Autorin ist in beiden Fällen Adrienne Braun. Die Beiträge enthalten eine Unwahrheit und eine fragwürdige Kunst-Definition. Braun behauptet: „Seinen Schwäbischen Laokoon würde Lenk gern der Stadt Stuttgart verkaufen.“ Das ist frei erfunden. Sie behauptete auch, Lenk verlange für die Skulptur von der Stadt Stuttgart 500.000 Euro. Die Stuttgarter Zeitung musste das dann dementieren.

Peter Lenk und wir von der Kampagne lenk-in-stuttgart.de wollen erreichen, dass die Skulptur auch nach der aktuellen Ausstellung, die bis Ende März 2021 terminiert ist, in Stuttgart bleibt. Es gab seitens Peter Lenk nie einen Vorstoß, das Kunstwerk „verkaufen“ zu wollen.

Die Autorin stellt sodann die Frage: „Aber ist das überhaupt Kunst?“ Ihre Definition von Kunst: „Die Karikatur ist eine journalistische Form, die auf aktuelle Ereignisse reagiert und dabei tendenziös sein darf […] Das ist genau der Unterschied zu Bildender Kunst […] Kunst spießt eben nicht das Aktuelle und Konkrete auf, sondern versucht, einen Schritt zurückzutreten, um größere Zusammenhänge sichtbar zu machen.“ Danach ist Picassos Werk „Guernica“, das sich gegen den damals aktuellen Vorgang der Bombardierung der baskischen Stadt durch die Kampfflugzeuge der NS-Legion Condor richtet, keine Kunst. Danach sind die „desastres de la guerra“ von Francisco de Goya keine Kunst. Diese richteten sich gegen die konkreten Gräueltaten der napoleonischen Armee in Spanien. Wobei bereits die Unterscheidung zwischen „Bildender Kunst“ und „Karikatur“ fragwürdig ist. Die Arbeiten eines John Heartfield (man denke an die Darstellung des Hitler-Grußes, bei der die aufgehaltene Hand Hitlers das Geld der Industriellen und Bankiers, die Hitler an die Macht brachten, entgegennimmt) sind natürlich ebenfalls Kunst, obgleich sie zugleich eine (künstlerische) Karikatur sind.

Die Kunst-Kritik der Autorin mündet in das folgende interessante Politikverständnis: „Statt […] zu einer differenzierten Analyse zu motivieren, zeigt Peter Lenk die Verantwortlichen als Witzfiguren. Damit bestätigt er das schlechte Image, das Mächtige in der Bevölkerung oft haben. Vorurteile werden also nicht kritisch hinterfragt, sondern sogar bestätigt.“

Ist die entscheidende Frage nicht: Welche konkrete Politik hat Peter Lenks Skulptur und Kunst zum Thema? Es geht um eine S21-Politik, bei der zehn und mehr Milliarden Euro an Steuergeldern dafür ausgegeben werden, dass ein funktionierender Bahnhof in den Untergrund verlegt und dessen Kapazität um gut 30 Prozent reduziert wird. Es geht darum, dass am 30. September 2010 – dargestellt auf einem großen, dem Stadtpalais zugewandten Relief – auf Befehl des damaligen Ministerpräsidenten und des damaligen Polizeipräsidenten eine friedliche Demonstration mit exzessivem Einsatz von Pfefferspray und Wasserwerfern angegriffen wurde, sodass es am Ende mehrere Dutzend Schwerverletzte und zumindest einen Erblindeten gab. Wenn es nach der Autorin geht, darf derlei in Kunst nicht aufgegriffen werden, weil damit „Vorurteile bestätigt“ werden. Hier wird Ursache und Wirkung verwechselt. Es sind die dargestellten Politiker, die Vorurteile in der Bevölkerung über „d ie Politik“ bestätigen.

Am Ende kommt Adrienne Braun zur Hauptsache: „Die Stadt Stuttgart sollte sich also sehr genau überlegen, ob sie eine solche gebaute Karikatur tatsächlich dauerhaft an einem so prominenten Platz zeigen will.“

Tatsache ist: Die Skulptur „Schwäbischer Laokoon“ zeigt genau die Wirkung, die wir uns erhofft hatten. Sie stößt Tag für Tag auf ein enormes Publikumsinteresse. In den Worten von Frau Braun selbst: „Wann immer man vorbeischaut, finden sich in Stuttgart Menschentrauben vor der neuen Skulptur von Peter Lenk.“ Die Behauptung, das sei „nicht Kunst“ und die Forderung, dass Lenks Skulptur keinen dauerhaften Platz in Stuttgart finden soll, unterstreicht schlicht das Hauptziel dieses Beitrags: Eine Kunst, die von der Bevölkerung angenommen wird und die konkrete zu kritisierende Vorgänge im Stadtgeschehen aufgreift, ist nicht gewollt. Diese Haltung, wonach Kunst vor allem den Herrschenden schmeicheln soll und wonach für kritische Kunst gilt „Das kann dann weg“ hat in unserem Land eine üble Tradition.

Reisender, kommst du nach S

Stuttgart ist eine Reise wert. Es gibt aktuell mindestens drei Sehenswürdigkeiten, die man sich dort nicht entgehen lassen sollte: Erstens, nach dem Aussteigen aus dem ICE, einige tiefe Einblicke in die Art und Weise, wie hier seit einem Jahrzehnt das stadt- und bahnhofzerstörerische Werk vorangetrieben wird – nebst Blick in die gigantische Grube mit den riesigen „Kelchstützen“ (inzwischen als „Urinale“ identifiziert), auf denen später einmal der Deckel des Tiefbahnhofs ruhen soll, sodann ein Gang durch die seit einem Jahr weitgehend entkernte Haupthalle des „eigentlich“ unter Denkmalschutz stehenden Bahnhofsgebäudes, des „Bonatz-Baus“, in dem noch 2021 ein Vier-Sterne-Hotel errichtet werden soll. Als Großinvestor mit dabei: der Schweinepriester Tönnies. Zweitens – 15 Minuten Fußweg vom Hauptbahnhof entfernt – das besagte LenkMal am Stadtpalais. Und drittens das seit zehn Jahren Tag und Nacht – rund um die Uhr – besetzte Mahnwachen-Zelt gegenüber vom Hauptbahnhof – als lebendige Einrichtung, die, zusammen mit den an jedem Montag um 18 Uhr stattfindenden Montags-Demos, den zivilgesellschaftlichen Widerstand gegen Stuttgart 21 dokumentiert.

Infos: Website: www.lenk-in-stuttgart.de. Dort sind auch die zitierten Artikel von A. Braun dokumentiert. Spendenkonto: BFS e.V., IBAN DE04 1605 0000 3527 0018 66. Wer mindestens 75 Euro spendet, bekommt – wenn gewünscht – entweder Peter Lenks Bildband „Skulpturen: Bilder. Briefe, Kommentare“ oder das Buch von Winfried Wolf „abgrundtief + bodenlos. Stuttgart 21, sein absehbares Scheitern und die Kultur des Widerstands“ zugesandt. Jeweils mit Widmung des Autors.

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