Krisenverschiebungen. Wieso das Krisenbündel 2007ff. bloß die Krise 1973ff. fortsetzt

Aus Lunapark21 – Heft 19

In der Geschichte des Kapitalismus gab es vier besonders bedeutsame zyklische Krisen: Die von 1825, mit der die (kapitalistische) Industrie nach Marx‘ Worten „aus ihrem Kindheitsalter heraus(trat)“, die von 1873, mit der der Übergang zum Imperialismus begann, die von 1929, die den staatsmonopolistischen Kapitalismus fest etablierte, und die von 1973, die gemeinhin als Krise des Fordismus bezeichnet wird.

Das Charakteristikum dieser großen Krisen ist, dass sie keine normalen zyklischen Überproduktionskrisen sind, sondern das kapitalistische System als Ganzes ergreifen, nicht nur dessen Produktion, sondern auch dessen Regulation, also dessen gesamte Betriebsweise. Dass sie in der Geschichte des Kapitalismus, nach den Jahreszahlen zu urteilen, alle fünfzig Jahre aufgetreten sind, hat dazu geführt, auch sie als Ausdruck einer zyklischen Bewegung zu interpretieren und das Phänomen nach einem russisch-sowjetischen Ökonomen als Kondratieff-Zyklus zu bezeichnen.

In der Tat haben sie aber mehr Ähnlichkeit mit dem, was, ursprünglich von der Biologie herkommend, in der Industrieforschung als Lebenszyklus von Produkten und Verfahren bezeichnet wird. Ein instruktives Beispiel hierfür bietet die kapitalistische Entwicklung der Verkehrsinfrastruktur eines Landes. In England begann sie um 1750 mit dem Ausbau der Wasserwege (Kanäle und Kanalisierung von Flüssen), nach 1830 folgten die Schienenwege (Eisenbahnen), nach 1900 die Straßenwege (Autostraßen) und nach 1950 die Luftwege für Flugzeuge. Hier zeigte sich, dass Verkehrsinfrastrukturen nicht nur nicht mehr ausreichten, sondern deren weiterer Ausbau für die vorhandenen Kapitalverwertungsbedürfnisse nicht mehr zureichend war. Insofern wäre es vielleicht angemessener, nicht den strengen Begriff der Zyklizität zu verwenden, sondern den etwas weicheren der Periodizität.

Die Einführung grundlegender Neuerungen (Innovationen) und deren Ausbreitung (Diffusion) ist zumeist eine risikovolle Angelegenheit. Gemäß dem alten Sprichwort „Not macht erfinderisch“ findet sie daher in aller Regel zu Zeiten schlechter werdender Kapitalverwertungsbedingungen statt, im Ergebnis umfassender, großer und tiefer Krisen, in denen sich die vorangegangene strukturelle Überakkumulation offenbarte, und die wiederum konnte nur auf dem Wege massenhafter Kapitalvernichtung abgebaut werden. Während sie im 19. Jahrhundert auf rein-ökonomische, sozusagen ganz friedliche Weise stattfand, trat im 20. Jahrhundert die politisch induzierte Kapitalvernichtung hinzu.

Die Krise von 1913 hätte wahrscheinlich das Zeug dazu gehabt, sich zur nächsten großen Strukturkrise auszuwachsen, wurde aber durch den Ersten Weltkrieg um volle 16 Jahre verschoben, denn die fällige große Kapitalvernichtung fand mit militärischen Mitteln statt, und Europa benötigte etwa zehn Jahre, um das alte Produktionsniveau wieder zu erreichen. Andererseits fand die alte Betriebsweise in den damals sogenannten neokapitalistischen Ländern Lateinamerikas neue Absatzmärkte, was den Ausbruch der Krise weiter hinausschob. Was seit Gramsci und de Man unter dem Namen Fordismus firmierte, breitete sich, von den USA ausgehend, als Standardisierung und Rationalisierung der Produktion aus; dort glaubte man sogar, das Zeitalter der ewigen Prosperität sei angebrochen. Was dann jedoch ausbrach, war die Weltwirtschaftskrise. Den Fordismus als Betriebsweise durchzusetzen, bedurfte es allerdings noch jener ungeheuren Kapitalvernichtung, die dann im Zweiten Weltkrieg stattfand; dessen Modellfall, die Autoindustrie, erreichte in den USA ihren Vorkrisenhöhepunkt von 1929 erst wieder 1948/49. Zugleich hatten die „Selbstheilungskräfte des Marktes“ in der Krise vollständig versagt, und es musste zu massiven Staatsinterventionen übergegangen, also ein Umbau des gesamten Regulationssystems vorgenommen werden, der als keynesianische Wende in die Geschichte einging.

Das Ende der „Goldenen Jahre“ nach dem Zweiten Weltkrieg kündete sich 1973 mit dem Zusammenbruch des Systems fester Wechselkurse von Bretton Woods an. Durch die damit vollzogene endgültige Loslösung vom Goldstandard verstärkten sich die schon zuvor vorhandenen inflationären Tendenzen enorm und veranlassten eine Abkehr von der keynesianischen und die Hinwendung zu einer neomonetaristischen Wirtschaftspolitik, die sowohl Inflation als auch Haushaltsdefizite eindämmen sollte. Dazu trug auch der sogenannte Ölschock bei, das sprunghafte Wachstum der Erdölpreise nach 1973, dessen Auswirkungen mit einer noch restriktiveren Preis- und Haushaltspolitik bekämpft wurden. Der Motor der US-Wirtschaft, die Autoindustrie, bis dahin die Leitindustrie des fordistischen Zeitalters, begann zu stottern – die 1972er Produktionszahlen wurden in den folgenden vierzig Jahren selten und nur unwesentlich übertroffen.

Dass es damals nicht zum großen Krach kam, hatte zwei eng miteinander zusammenhängende Ursachen. Den Rüstungswettlauf zwischen den beiden „Supermächten“, der nicht nur die US-Wirtschaft vor dem drohenden Abschwung bewahrte, sondern solchen Ländern wie Japan und der alten Bundesrepublik neue Absatzmärkte eröffnete und sie an die Spitze der Exportnationen katapultierte. Nach dem Ende des Kalten Krieges aber eröffnete sich in Osteuropa ein riesiges Feld, das mit den althergebrachten (fordistischen) Methoden beackert werden konnte; gerade der dortige Aufschwung der Autoindustrie legt Zeugnis davon ab, warum die Krise der alten Betriebweise nicht zum Ausbruch kam. Die nachholende Industrialisierung Chinas wird sie weiter hinausschieben. In den altkapitalistischen Ländern hingegen rettet sich das System in die Regionen fiktiver Kapitalverwertung mittels immer neuer Finanzkreationen, die letztlich dazu geführt haben, dass alle diese Länder auf Grund ihrer Verschuldung Bankrott anmelden müssten. Eine Realakkumulation findet hier faktisch nicht mehr statt.

Daran ändert auch der blendende Aufstieg der IT-Branche nichts (in der Tat blendet er im doppelten Sinne). Dem Statistischen Jahrbuch der USA (Jg. 2011) ist zu entnehmen, dass die Beschäftigtenzahl im Industriezweig „Computer und elektronische Ausrüstungen“ von 1990 = 1,90 Mio. über 2000 = 1,82 Mio. auf 2009 = 1,14 Mio. gesunken ist. Betrug ihr Anteil an der Beschäftigtenzahl der Gesamtindustrie 1990 noch 1,74%, so 20 Jahre später 0,87%, ist also faktisch halbiert worden. Bei der Produktion sieht es etwas (!) besser aus, denn dort stieg ihr Anteil an der Industrieproduktion von 11,5 Prozent im Jahre 2000 auf 11,7 Prozent im Jahre 2008 (neuere Daten stehen nicht zur Verfügung, aber es ist kaum anzunehmen, dass der große Durchbruch gerade in den letzten drei Jahren erfolgt ist). Wird hingegen der Anteil dieses Zweiges an der allseits beliebten, in der Tat aber kaum aussagefähigen Einkommensgröße „Bruttosozialprodukt“ genommen, so ist er um fast ein Drittel gesunken, von 2000 = 1,97% auf 2008 = 1,35%. Gewiss, die IT-Branche ist ein Motor des wissenschaftlich-technischen Fortschritts und wird das auch in Zukunft sein, aber als eine bislang allseits kapitalsparende Technologie ist sie ganz offenbar völlig ungeeignet, einen neuen Schub auf dem Feld der Kapitalakkumulation zu erzeugen.

Die Krise des Fordismus hält also weiter an, einerseits verschoben durch die vollständige Kapitalisierung der real nicht mehr existierenden sozialistischen Länder, andererseits verdeckt durch die Finanzspekulation in den altkapitalistischen Ländern. Ob sie sich dereinst als Endkrise des Kapitalismus erweisen wird, sei dahingestellt, denn alle solche Prognosen sind bislang letztlich ad absurdum geführt worden. Es kann auch sein, dass er sich erneut häutet und als „grüner“ Kapitalismus neuen Ufern entgegenstrebt. Das ist eine Frage der politischen Kräfteverhältnisse, keine der Ökonomie.

Thomas Kuczynski lebt und arbeitet in Berlin. Er verfasst seit Heft 1 von Lunapark21 jeweils einen Beitrag zu „Geschichte und Ökonomie“. (Zu den möglichen Zukunftssichten des Kapitalismus siehe auch den Beitrag des Autors in: No way out? konkret texte 56, S. 156-161.)

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