Wo Pläne wohnen: Eisenhüttenstadt

… zwischen industriellem Erbe, demografischer Halbierung und der Logistik europäischer Migrationspolitik

Es gibt ja diese zwei Lager in der Wohnungsfrage: Neubau ist nötig vs. Wirtschaften im Bestand. Der zweite Ansatz setzt voraus, dass Menschen Wohnungen bewohnen können, die längst existieren. Wir leben heute mit den Entscheidungen von vor mehreren Jahrzehnten, und es stimmt ja: Wohnungen stehen leer. Aber Lebensentscheidungen sind mehr als Wohnentscheidungen. Umfeld, Broterwerb, und für die Verwöhnten unter uns: politisches Klima. Die Liste ließe sich fortsetzen. Passen die Pläne der Vergangenheit und ihre Ergebnisse zur Gegenwart? Soweit wir wissen, war Planwirtschaft nie einfach. Jedenfalls gibt es im entvölkerten Osten der Republik weiterhin mehr Platz als Bedarf.

Marketing-Gags sprechen sich herum in einer vernetzten Welt. Wer zuerst auf die Idee kam, Wohnen auf Probe anzubieten, ist nicht überliefert. Aber Probewohnen im Osten – zuletzt hat das Eisenhüttenstadt angeboten. Der Clou: Es ging um lediglich zwei möblierte Wohnungen, die die Stadt für die Aktion bereitgestellt hat.

An die 1700 Bewerbungen gingen ein. Die Berichterstattung über das Kuriosum war erfolgreich, wie es scheint: Zum Zeitpunkt der Erstellung dieses Artikel weist eine einschlägige Immobilienplattform für Eisenhüttenstadt lediglich sieben Mietangebote aus. Zum Vergleich: Für Berlin sind es über 7000. Dafür sind in Eisenhüttenstadt die Preise noch normal: Für um die 70 Quadratmeter zirka 450 Euro kalt, für um die 60 Quadratmeter etwa 370 Euro kalt. Kein einziges Berliner Plattform-Angebot kann da mithalten. Das Probewohnen erzählt aber mehr über Eisenhüttenstadt, als man auf den ersten Blick sieht. Denn kaum eine Stadt in Deutschland zeigt so deutlich, dass Planung nie aufhört.

Utopie auf dem Reißbrett

Der Name Eisenhüttenstadt verweist auf den Grund der Existenz: das integrierte Hüttenwerk, um das die Stadt geplant und gebaut wurde. Nur am Anfang war etwas – genauer: jemand – anderes noch wichtiger. Stalinstadt hieß der Ort ab Beginn der 1950er Jahre für einige Zeit. Nach dem soundsovielten Parteitag der KPdSU ziemte sich die Namensgebung 1961 nicht mehr, und das Ortseingangsschild wurde angepasst.

Eisenhüttenstadt gilt gern als die erste deutsche Planstadt nach 1945. Die Realität war wie immer komplizierter als die Zusammenfassung. Der Wohnungsbau zum EKO, dem Eisenhüttenkombinat Ost, begann 1951. Zu diesem Zeitpunkt lag noch kein Gesamtplan für die Stadtentwicklung vor. Als der Plan dann kam, war der bereits fertige Wohnkomplex I nachträglich mit einzupassen. Schwer vorhersehbar auch die Konjunktur, wann welche Architektur als spießig oder modern gilt. Oder ab wann der motorisierte Individualverkehr eine echte Rolle spielt und gegenüber Fußgänger:innen und Radfahrer:innen auf einmal zu priorisieren ist. Und auch wenn ein Plan vor der Ausführung existiert, kommt man nicht immer ohne Improvisation aus. »Das Leben produziert jeden Tag Aufgaben, von denen man gestern noch nichts wusste«, meint Herbert Härtel, von 1958 bis 1968 Chefarchitekt für die Planstadt, im Architekturführer Eisenhüttenstadt – und berichtet: »Im IV. Wohnkomplex. Das war auch so eine abenteuerliche Geschichte. Die Straße der Republik war eigentlich die erste Straße, in der die Häuser auf Fernwärme ausgelegt waren. Furchtbar stolz waren wir da. Aber das Heizkraftwerk nördlich des späteren VI. Wohnkomplexes stand noch nicht.« Die Lösung? »Es wurden zwei Lokomotiven von der Reichsbahn gekauft. Eine stand an der Kreuzung Karl-Marx-Straße/Straße der Republik und produzierte die Wärme. Die andere wurde rechts vom Theater positioniert. Das war das Spannende in diesen Jahren, dass man von einem Provisorium ins andere taumelte.« Soweit er existierte, war der ursprüngliche Plan, mit vier mehr oder weniger unabhängigen aber verbundenen Wohnkomplexen bis Anfang der 1960er Jahre Unterbringung für 25.000 bis 30.000 Menschen zu ermöglichen. Eine Stadt sollte es sein, die den »sozialistischen Menschen« nicht nur beherbergen, sondern hervorbringen sollte. Eine große Rolle spielte deshalb von Anfang an neben dem Wohnungsbau auch die soziale und kulturelle Infrastruktur.

Im Einklang mit den Bedürfnissen des Stahlwerks kam bald ein fünfter Wohnkomplex hinzu. Bis 1989 sind es sieben geworden, bei einer Bevölkerungszahl von 53.000. Alle Prognosen sagten damals einen Anstieg auf 60.000 Einwohner:innen voraus, keine den Fall der Mauer. Jedenfalls ist Wohnkomplex VIII nicht mehr gebaut worden.

Plankorrektur

Mit fast 3000 Arbeitsplätzen ist das EKO noch immer der größte Arbeitgeber der Stadt. 11.000 Arbeitsplätze waren es in den 1980er Jahren, allein im Werk. Hinzu kamen Baugewerbe, Lebensmittelindustrie, Dienstleistungssektor, Transportgewerbe, Gesundheit, Bildung und Kultur usw. usf. Immerhin konnte das Werk trotz Treuhand erhalten werden. Heute gehört es ArcelorMittal, einem börsennotierten Stahlkonzern mit »über 60 Werken in mehr als zwei Dutzend Staaten«, wie die Firmenwebsite mitteilt. »Smarter steels for people and planet«, heißt es dort ebenfalls. Die Planungen für CO2-freie Stahlproduktion hat das Unternehmen im Sommer 2025 erst einmal eingestellt.

Mit den Arbeitsplätzen verschwanden die Leute. Die Stadt hat sich sozusagen halbiert: Etwa 24.000 Einwohner:innen sind noch da. Die Wohnkomplexe I bis IV stehen unter Denkmalschutz. Die anderen Komplexe wurden, ganz oder in Teilen, großzügig zurückgebaut.

Probewohnen nicht für alle

Und dann hat Eisenhüttenstadt, gleich neben Polen gelegen, noch eine ganz andere Funktion in der Berlin-Brandenburger Wohn- und Raumpolitik: Am Rand der Stadt liegt die Zentrale Aufnahmestelle des Landes Brandenburg (ZAST) und, neu seit März 2025, das sogenannte Dublin-Center für schnellere Abschiebungen, hier nach Polen. Eine abgeschlossene Welt. Fast im wahrsten Sinne des Wortes.

Was man da will, muss man dem Wachpersonal vor Ort mitteilen, Ausweiskontrolle inklusive. Sonst kommt man nicht rein. So schon die Situation bei einem Besuch in der ZAST vor 15 Jahren. Die Lage vor Ort: trist, trostlos. Von draußen kann man kaum verstehen, wie ein »Hallo« zur Waffe werden kann: kein Gruß, eine Drohung, eine Machtansage. Der Name der Betroffenen für diesen Ort: »Eisen«. Tagsüber sieht man viele Kinder im schulpflichtigen Alter.

Der Kontrast zur ursprünglichen Utopie könnte kaum größer sein. Statt eines Ortes zur Formung des sozialistischen Menschen ein Ort zur Isolation von Menschen, die nur auf der Suche nach Zukunft sind. Die ZAST und das Dublin-Center passen nicht trotz, sondern wegen ihrer Härte in die Erzählung – sie markieren den Punkt, an dem die europäische Identität vom Versprechen auf Freiheit in eine Praxis der Ausgrenzung umschlägt.

Die Stadt ist heute ein Scharnier zwischen Bewegungen, die politisch völlig unterschiedlich bewertet werden: Probewohner:innen, die man umwirbt, Geflüchtete in der ZAST, die man kontrolliert, sortiert, verwaltet, überwacht, und schließlich Ostdeutsche nach 1990, von denen viele mit den neuen Freiheiten, Möglichkeiten und Zwängen gen Westen verschwunden sind. Eisenhüttenstadt ist einer der wenigen Orte, an denen sich diese Bewegungen überlagern.

Vielleicht bleibt die eigentliche Frage, wer hier wem ein Zuhause bieten kann – und wer darüber entscheidet.

Lektürehinweis
Martin Maleschka (Hrsg.): Architekturführer Eisenhüttenstadt. DOM- Publishers Berlin, 2023 (3. Aufl.).

Erschienen in: Lunapark21, Heft 67 (Winter 2025/26)