Organisieren im prekären Sektor

Boombranche Sicherheit mit unsicheren Jobs

Die Sicherheitsbranche boomt. Dazu führte unter anderem die Übernahme öffentlicher Aufgaben wie Flugsicherheit und der Schutz militärischer Liegenschaften. Die meist uniformierten Mitarbeiter wachen auf Großveranstaltungen und Dorffesten, bei Konzerten und Fußballspielen, im Nahverkehr, an Bahnhöfen, in Krankenhäusern, Jobcentern, Ämtern, Flüchtlingsheimen und als Türsteher vor Clubs. Eher unauffällig verrichten sie ihre Arbeit als Kaufhausdetektive und beim Objektschutz – dazu gehören z.B. Atomkraftwerke. 260.000 Beschäftigte zählt die Branche heute – Anfang der 1990er Jahre waren es weniger als 70.000.

Viele der großen Dienstleister haben in Nordrhein-Westfalen ihren Sitz: Kötter zum Beispiel, Stölting, Klüh, WIS. Anfang der 90er Jahren waren knapp 1000 Unternehmen in der Branche tätig – mittlerweile bieten in Deutschland mehr als 6000 Firmen einschlägige Dienstleistungen an. Der Konkurrenzdruck wächst.

Im Brennpunkt: Flüchtlingsunterkünfte

Die Einrichtung der Flüchtlingsunterkünfte hat zum jüngsten Schub in der Branche geführt, so Harald Olschok, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbandes der Deutschen Sicherheitswirtschaft (BDSW), dem größten Arbeitgeberverband der Branche. „Unser Umsatz ging 2015, 2016 um 40 Prozent nach oben, zeitweise waren bis zu 10 Prozent aller privaten Sicherheitskräfte in den Flüchtlingsunterkünften beschäftigt“. Der Trend setzte sich auch im Folgejahr fort.

Aber seitdem hat die Branche auch ein Imageproblem: Einige Sicherheitskräfte, die eigentlich die Bewohner der Massenunterkünfte vor Angriffen schützen sollten, entpuppten sich als rechte Schläger und Sadisten. Die Bilder von misshandelten Asylbewerbern in einer Unterkunft in Burbach sorgten 2014 international für Empörung. Als der Fall bekannt wurde, habe man sofort gehandelt, so der Hautgeschäftsführer.

Der BDSW stand dabei im engen Kontakt mit dem zuständigen NRW-Innenminister, der am 1.Oktober 2014 einen Acht-Punkte-Plan für Flüchtlingsunterkünfte veröffentlichte, u.a. mit den Festlegungen: Überprüfung sämtlicher Mitarbeiter durch Polizei und Verfassungsschutz, Durchführung einer Sachkundeprüfung der Mitarbeiter, tarifliche Entlohnung, kein Einsatz von Subunternehmen. Und: Bedingung für einen Auftrag ist die Mitgliedschaft der Sicherheitsfirma im BDSW.

Aber auch im Folgejahr konnten die Unternehmen des Arbeitgeberverbandes nicht alle Kriterien des Acht-Punkte-Plans erfüllen, gesteht der Hauptgeschäftsführer, „Wir mussten in kurzer Zeit sehr viele Menschen einstellen, auch ohne entsprechende Überprüfung, Einweisung und Ausbildung“, so Olschok. Dabei sind die Mindestvoraussetzungen für die Ausbildung äußerst bescheiden: Um die Sachkundeprüfung nach Paragraph 34a der Gewerbeordnung bei der Industrie- und Handelskammer ablegen zu können, genügen zehn Tage Unterricht. Kenntnisse über andere Kulturen und Deeskalationstechniken werden dort nicht vermittelt.

Berufsqualifikation: Schwarze Kleidung?

Der verdi-Gewerkschaftssekretär Andreas Rech, zuständig in der Dienstleistungsgewerkschaft für die Wach-und Sicherheitsbranche in NRW, betrachtet die im 8-Punkte Plan vorgeschriebene Mitgliedschaft im Arbeitgeberverband nicht als Gütesiegel für ein Sicherheitsunternehmen, eher als Geschäftsmodell.

„Deswegen sind viele Aufträge an BDSW Unternehmen gegangen“, so Rech, „aber die hatten die Leute nicht, auch das größte Unternehmen findet nicht auf einen Schlag hundert qualifizierte Mitarbeiter“. Über Facebook hätten diverse Unternehmen Stellen ausgeschrieben. „Da wurde nicht nach Qualifikation gefragt, da wurde nicht einmal gefragt, ob die Leute schon im Sicherheitsgewerbe tätig sind, einzig und allein: Bringt schwarze Kleidung mit“. Viele der BDSW-Unternehmen hätten auf Subunternehmer zurückgegriffen. „In der Branche herrschte Goldgräberstimmung, da haben unzählige Glücksritter und Kleinkriminelle ein eigenes Gewerbe angemeldet.“

Regelmäßig organisiert Rech im Essener Gewerkschaftshaus Treffen mit Betriebsräten – und mit Beschäftigten, die einen Betriebsrat gründen wollen. Viele gibt es in der Branche noch nicht. Die schlechten Arbeitsbedingungen trotz offiziell gültigem Tarifvertrag sind immer wieder Thema. Und der Prozessauftakt im November 2018 zu den Vorfällen in Burbach hat vor allem die teilweise kritischen Verhältnisse in der Security-Branche wieder zum Thema gemacht.

Ein besonders eklatanter Fall ereignete sich in Bochum: Monatelang erhielten knapp 120 Beschäftigte überhaupt keinen Lohn mehr. „Die Stadt Bochum hatte Aufträge an ein Mitgliedsunternehmen des BDSW vergeben, die Rheinischen Sicherheitsdienste, die wiederum haben den Auftrag komplett an ein Subunternehmen weitergegeben und dieses Subunternehmen hat weitere Unternehmen unter Vertrag genommen“, beschreibt Rech die verworrene Lage. Das war zwei Jahre, nachdem der Acht-Punkte-Plan in Kraft getreten war, der die Auftragsweitergabe an Subunternehmen untersagt und eine Entlohnung nach Tarif vorschreibt. Verdi intervenierte. Es kam zu Verhandlungen vor dem Arbeitsgericht. Die Beschäftigten gingen leer aus. Das Gericht war nicht in der Lage nachzuweisen, „wer denn jetzt der Arbeitgeber von diesen Beschäftigten ist“, so Rech.

Das Prinzip, „Aufträge an Land ziehen und dann an Subunternehmer weitergeben“, hat Methode, nicht nur in Flüchtlingsunterkünften und in Bochum, sondern auch bei Großveranstaltungen wie dem Münchner Oktoberfest.

Die geringe Wertschätzung sei typisch für die Branche, sagt Andreas Rech. Der Ver.di-Sekretär hat selbst viele Jahre im Sicherheitsdienst gearbeitet, unter anderem am Flughafen Düsseldorf. Angefangen hat er Mitte der 90er Jahre als Kaufhausdetektiv, damals studierte er politische Wissenschaften.

Heute ist er verantwortlich für den Bereich „Allgemeine Bewachung“, dort sind die meisten beschäftigt. Zwei andere verdi-Kollegen sind spezialisiert auf „Geld und Wert“ und auf „Luftfahrt“.

Gemeinsam sind sie zuständig für mehr als 50.000 Arbeitnehmer in NRW. Noch schwieriger als an Flughäfen und bei den Geldtransporten ist es im Bereich Allgemeine Bewachung, mit den Beschäftigten überhaupt in Kontakt zu kommen. „Wir reden ja nicht über große Betriebe, wo 600 oder 1000 Beschäftigte in einem großen Gebäude sind, wo wir reingehen, uns mit einem Betriebsrat treffen können, auf Betriebsversammlungen erscheinen oder wo wir uns auch mal vors Werkstor stellen können, um Flugblätter zu verteilen“, erklärt Rech. Die Wachdienste zeichneten sich dadurch aus, „dass du selten mehr als zwei oder vier Leute an einem Einsatzort findest“.

Deshalb hat Rech 2014 das Netzwerk Wach- und Sicherheitsdienste NRW, kurz WASI, aufgebaut. Es ist vor allem eine Internet- und Facebookseite, über die sich Beschäftigte informieren, Kontakt mit Andreas Rech aufnehmen und ihm ihre Probleme am Arbeitsplatz schildern.

Häufig steht der Tariflohn von 10-17 Euro, je nach Tätigkeit, nur auf dem Papier. Das lässt sich leicht aus den Verrechnungssätzen erkennen, die manchmal bei Rech auf dem Schreibtisch landen. „Wenn ein Subunternehmer angeheuert wird und dem wird ein Verrechnungssatz von 12 Euro pro Arbeitsstunde angeboten, bleibt für die Beschäftigten kein Tariflohn mehr übrig“, so der Gewerkschafter.

Auch mal 240 Arbeitsstunden im Monat

Unterbezahlte Überstunden, Lohnentzug bei Krankheit, zu niedrige tarifliche Einstufung – solche Beschwerden stapeln sich bei Rech, seit er die Internetseite eingerichtet hat. Wasi-NRW ist Beschwerdestelle, Kontaktbörse und Plattform, um neue Mitglieder zu gewinnen. Die Zugriffszahlen auf die Wasi-Seiten nähern sich der Millionengrenze. Mehrmals die Woche ist Rech in NRW unterwegs, trifft Belegschaften, unterstützt Betriebsräte oder streitet in Tarifverhandlungen. Drei- bis viermal im Jahr lädt Rech auch Betriebsräte und engagierte Mitarbeiter zum Netzwerktreffen ins Essener Gewerkschaftshaus ein.

Dort versammelt sich jahrzehntelange Erfahrung. Fast alle kamen als Quereinsteiger in die Branche: aus dem Handwerk, aus dem Einzelhandel, auch ehemalige Akademiker sind dabei. 12 Stunden-Schichten sind die Regel, 240 Arbeitsstunden im Monat keine Seltenheit. Dazu verlangt der Arbeitgeber häufig permanente Rufbereitschaft. „Ich habe schon 320 Stunden bei mir auf dem Schreibtisch gehabt zur Bearbeitung“, so Rech. Die Anfahrtszeiten zählen nicht dazu – und die sind ein beliebtes Mittel, um unliebsame Mitarbeiter zu „erziehen“, berichtet ein Betriebsrat. „Wenn ich jetzt aus dem nördlichen Ruhrgebiet komme, ist es ein Unterschied, ob ich im Essener Norden eingesetzt werde oder in Velbert, das bedeutet für mich 40 Minuten mehr Fahrt, für eine Strecke. Und wenn ich dann eine 12-Stunden-Schicht habe kann man sich überlegen, was an Freizeit bleibt.“

Die meisten Mitarbeiter der allgemeinen Wachdienste sind nicht in der Gewerkschaft. Viele kommen aus prekären Verhältnissen und sind dankbar für einen sozialversicherungspflichtigen Job. Sie lassen sich leicht unter Druck setzen – obwohl es in der Branche mehr als 10.000 offene Stellen gibt.

Viel Erpressungspotential bieten auch befristete Arbeitsverhältnisse, die bei Neueinstellungen in der Sicherheitsbranche die Regel sind. Die Sicherheitsbranche ist damit Vorreiter für einen allgemeinen Trend, der 2017 mit mehr als drei Millionen befristeter Arbeitsstellen bundesweit einen Höchststand erreichte. Befristung bedeutet ein Leben in permanenter Unsicherheit, erzählt ein Betriebsrat auf dem WaSi-Treffen: „Wird der Job verlängert oder nicht? Wo findest du eine neue Stelle? Musst du umziehen? Was ist mit der Familie? Mit den Freunden? Reicht das Geld dann noch für Miete und Kredite?“ Er habe Kontakt zu vielen Kolleg*innen, „die wechseln alle ein, zwei Jahre das Unternehmen, das zieht sich quer durch die ganze Branche“, so Rech.

Andreas Rech, aber auch seine Kollegen in Hessen, die ebenfalls ein Wach-und Sicherheitsnetzwerk aufgebaut haben, wollen diesen Missständen zu Leibe rücken. Die langsam, aber stetig steigenden Mitgliedschaften aus der Sicherheitsbranche in der Gewerkschaft zeugen von ihrem Erfolg. „Redakteure gesucht“, heißt es auf der WaSi-NRW-Seite. Der Hauptgeschäftsführer des BDSW, Olschok, hat sich daraufhin gemeldet und wollte im März 2018 eine Presseerklärung seines Verbandes dort veröffentlicht sehen, dass die Sicherheitsbranche in NRW nach der jüngsten Tarifrunde nicht mehr zum Niedriglohnsektor zähle. WaSi NRW kam der Bitte nach – natürlich nicht ohne darauf hinzuweisen, dass dies nicht der Verdienst von Olschok sei, der bisherige Tarifforderungen immer wieder als „Untergang“ für die Branche bezeichnet habe. Die aktuelle Lohnsteigerung sei der Gewerkschaft zu verdanken und immer noch weit von einer angemessenen Bezahlung entfernt.

Informationen siehe: http://wasi-nrw.de und http://wasi-hessen.de

Verstörender Job-Boom

Es gibt kaum einen anderen Wirtschaftssektor in Deutschland, der schneller wächst als die in diesem Beitrag von Gerhard Klas beschriebene Sicherheitsbranche. Zu einer solchen „Industrie“ zählten in den 1950er bis 1980er Jahre in Westdeutschland nur wenige Tausend Personen. Zur „Wendezeit“ 1990/91 waren es rund 50.000. 1995 dann 75.000. Aktuell sind es sagenhafte 260.000 Beschäftigte. Tendenz weiter steigend.

Natürlich gibt es Sonderfaktoren, die zu diesem Wachstum beitrugen – so die wachsende Zahl der Flüchtlinge und deren Unterbringung in (oft wenig menschenwürdigen) Unterkünften, die wiederum bewacht werden. Doch das Wachstum dieser Branche findet überall im „modernen“ Kapitalismus statt – auch in Ländern ohne oder mit wenigen Flüchtlingen. Offensichtlich boomt hier ein unproduktiver Sektor.

Einen vergleichbaren Trend gibt es bei den ebenso (volkswirtschaftlich) unproduktiven Steuerberatern und bei Rechtsanwälten. 1965 gab es in Westdeutschland 24.500 Steuerberater; zur Wendezeit waren es 45.400. 1995 52.750 – bis 2018 war deren Zahl auf 86.674 angestiegen. Im Fall der Rechtsanwälte sieht die Entwicklung aus wie folgt: Mitte der 1960er Jahre waren es knapp 20.000. zur Wendezeit 60.000. Mitte der 1990er Jahre 75.000. Und 2018 … 164.600.

Zum Vergleich: Die Autoindustrie beschäftigte vor drei Jahrzehnten knapp 800.000 Menschen. Sie beschäftigte heute ebenso viele: 820.000.

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