[lexikon] Dargebote, Rohstoffe, Abstoffe

Aus: LunaPark21 – Heft 18

„Die Arbeit ist die Quelle alles Reichtums und aller Kultur“.

So steht es im Gothaer Programm der Sozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands von 1875, und hiergegen opponierte Marx: „Die Arbeit ist nicht die Quelle alles Reichtums. Die Natur ist ebenso sehr die Quelle der Gebrauchswerte (und aus solchen besteht doch wohl der sachliche Reichtum!) als die Arbeit, die selbst nur die Äußerung einer Naturkraft ist, der menschlichen Arbeitskraft. Jene Phrase findet sich in allen Kinderfibeln und ist insofern richtig, als unterstellt wird, dass die Arbeit mit den dazugehörigen Gegenständen und Mitteln vorgeht. Ein sozialistisches Programm darf aber solchen bürgerlichen Redensarten nicht erlauben, die Bedingungen zu verschweigen, die ihnen allein einen Sinn geben. Nur soweit der Mensch sich von vornherein als Eigentümer zur Natur, der ersten Quelle aller Arbeitsmittel und –gegenstände, verhält, sie als ihm gehörig behandelt, wird seine Arbeit Quelle von Gebrauchswerten, also auch von Reichtum. Die Bürger haben sehr gute Gründe, der Arbeit übernatürliche Schöpfungskraft anzudichten; denn grade aus der Naturbedingtheit der Arbeit folgt, dass der Mensch, der kein andres Eigentum besitzt als seine Arbeitskraft, in allen Gesellschafts- und Kulturzuständen der Sklave der andern Menschen sein muss, die sich zu Eigentümern der gegenständlichen Arbeitsbedingungen gemacht haben. Er kann nur mit ihrer Erlaubnis arbeiten, also nur mit ihrer Erlaubnis leben.“ (MEW 19: 15. Hervorhebungen: Marx).

Hier finden sich Begriffe aus dem „Kapital“, nämlich „Arbeitsmittel“ (Werkzeuge, Maschinen) und „Arbeitsgegenstände“. Unter Letzteren werden Zwischenprodukte und Rohstoffe verstanden. Alle diese Produktionsvoraussetzungen führt Marx auf die Natur zurück, wie auch die Arbeitskraft, die selbst eine „Naturkraft“ sei.

Die Gesamtheit dieser vorgefundenen Voraussetzungen menschlichen Lebens und Handelns bezeichnete der US-amerikanische Wahrnehmungspsychologe James J. Gibson (1904 – 1979) als „Dargebote“ (affordances). Rohstoffe sind nur ein Teil von ihnen, von ihnen kann erst gesprochen werden, sobald produziert wird, also seit dem Neolithikum. Von da an werden aus den „Dargeboten“ Gegenstände ausgesondert, mit denen sich etwas herstellen lässt. Im Kapitalismus gehen sie in die beiden Formen des Kapitals – variables und konstantes – ein. Einige Rohstoffe werden (systemunabhängig) zur Ernährung, Behausung und Kleidung eingesetzt und verarbeitet (z.B. Pflanzen, Steine, Holz, Lehm), andere für die Erzeugung von Produktionsmitteln (auch hier wieder Steine, Holz und Fasern, außerdem Metalle).

Mit der Ersten Industriellen Revolution gewannen insbesondere die montanen und fossilen Rohstoffe an Bedeutung. Beide sind nur teilweise mit einander identisch. Kohle und Metalle werden in Bergwerken gefördert. Erstere ist zugleich eine fossile Ressource, die der Energiegewinnung dient, ebenso wie das Petroleum.

Die Fundorte der fossilen und montanen Rohstoffe sind territorial fixiert. Wer sie beherrscht, erwirbt damit ökonomische Macht. Dies sind keineswegs immer diejenigen Staaten, in denen die Förderstätten sich befinden. Ihr Rohstoff-Reichtum kann für sie zum Nachteil werden: wenn militärisch und ökonomisch überlegene Nationen sie erobern oder zumindest indirekt kolonisieren. Selbst falls sie ihre Souveränität bewahren, können ihre Rohstoffe zum Entwicklungshemmnis für sie werden: wenn sie sich nur auf diese stützen und keine eigene verarbeitende Industrie aufbauen: sie werden dann zu letztlich stagnierenden Renten-Ökonomien.

Rohstoffe sind in der bisherigen Geschichte des Kapitalismus immer wieder auch die Ursache für die Gewaltförmigkeit von Politik gewesen: Kriege wurden und werden um sie geführt, sei es um den Besitz ihrer Fördergebiete, sei es um den Zugang zu diesen. Wenn die Atlantik-Charta von 1941 oder die Verteidigungspolitischen Richtlinien der Bundesrepublik die Sicherung freier Märkte als Ziel der Politik (einschließlich des Einsatzes von Militär) propagieren, dann gilt dies letztlich der Brechung geografisch bedingter „natürlicher“ Monopole, die dem Handel notfalls gewaltsam geöffnet werden müssen.

Zum Gebrauchswert der Rohstoffe tritt ihr Symbolwert. Im Gold maß sich (mit Unterbrechungen) bis 1973 der gesellschaftliche Reichtum. Rohstoffe aller Art – Kaffee, Rohöl, die verschiedensten Metalle – werden nicht in ihrer materiellen Funktion, sondern spekulativ an den Terminbörsen gehandelt. Reale Gegenstände – nicht nur Immobilien, sondern auch Montanprodukte – dienen bei drohender Inflation als Anlagen zwecks Vermögens-Sicherung.

Verknappung von Rohstoffen – absehbar von Petroleum – verschärft einerseits die gewaltförmigen Auseinandersetzungen um die verbleibenden Mengen sowie den Raubbau der Förderungsmethoden, führt andererseits aber zur Suche nach Ersatzlösungen. So genannte nachwachsende Rohstoffe haben oft Verdrängungseffekte: Anbau von Pflanzen für die Gewinnung von Öl für Treibstoff ersetzt die Erzeugung von Nahrungsmitteln. Die Gewinnung von Sonnen- und Windenergie ist auf Anlagen verwiesen, deren Herstellung ebenfalls Rohstoff-Einsatz benötigt, Kernenergie auf Uran. Auch die Ersetzung von Rohstoffen durch Kunststoff muss auf Naturstoffe zurückgreifen – dann eben auf andere als die bisher verwendeten.

Irgendwann werden Rohstoffe nach ihrer Verarbeitung zu Abstoffen, die Boden, Luft und Wasser, mehrheitlich den Allmende-Anteil des Dargebots (die „commons“) belasten.

Nicht bestimmte physikalische oder chemische Eigenschaften machen Materialien zu Rohstoffen, sondern historisch-gesellschaftlich bedingte Produktions-Entscheidungen, deren Destruktionspotential im Kapitalismus höher ist als in allen ihm vorangegangenen Gesellschaften.

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