Aus faschistischer Hand zurückerobert

Ein Kinderspielplatz in Athen öffnet wieder

Ich schreibe für Lunapark, aber meine Gedanken kreisen um einen einfachen Kinderspielplatz. Ich spreche von einer Spielstätte, die sich auf einem Platz vor einer großen Kirche im Athener Zentrum befindet, dem Platz des Heiligen Panteleimon. Dieser Platz trägt seit geraumer Zeit eine schwere Symbolik für das, was sich in der griechischen Hauptstadt ereignet. Auf diesem Platz hat die nazistische Verbrecherorganisation Goldene Morgenröte im Zeitraum 2008 bis 2013 ihre demonstrativsten Taten vollbracht. Taten, die mit rassistischen Parolen und der verbalen Einschüchterung der Immigranten begannen und bis zu Mordanschlägen gegen sie und die Brandanschlägen auf ihre Moscheen in den Kellern nahliegender Großhäuser eskalierten.

Die Goldene Morgenröte hatte den gesamten Bezirk zur „national befreiten Zone“ verwandelt. Und, um ihre Vorherrschaft zu unterstreichen, hatte sie den Spielplatz geschlossen, damit die Migrantinnen und Migranten keinen Platz für ihre Kinder haben. Die lokale Polizeistation hat nicht nur nicht darauf reagiert, sondern sie hatte sich, wie es sich später erwies, mit der nazistischen Organisation durchaus verständigt; sie setzte deren Mitglieder sogar als Informanten und als Vollstrecker von Schmutzarbeit ein.

Der Grund, warum die Goldene Morgenröte ihr Gesetz der nackten Gewalt in dieser Gegend durchsetzen konnte, war, dass es ihr mit Hilfe der Massenmedien, namentlich der Fernsehstationen, gelungen war, die lokalen Probleme (Degradierung des Wohnbezirks , Armut, Drogen, Kriminalität, Müllberge) als Ergebnis des massenhaften Zustroms von Immigranten erscheinen zu lassen. Das Gegenteil ist aber der Fall: Erst nachdem die soziale Herabstufung dieser Bezirke und der Sturz der Mietpreise stattgefunden hatten, haben die Geflüchteten dort Zuflucht gesucht. Das Zentrum von Athen erfuhr seine Abwertung nicht von den Immigranten. Die Degradierung war vielmehr das Werk jener Einwohner, die es vor Jahren in Richtung der „edlen“ Nord- und Südbezirke verlassen hatten. Das Gegenbeispiel zu Athen ist Paris, wo die Immigranten sich auf die äußeren Bezirke der Hauptstadt beschränken. Aber hat dies die heftige soziale Explosion von 2005 und die Gewalt, die mit ihr in vielen französischen Städten einherging, verhindern können? In Griechenland jedenfalls fiel die rassistische Propaganda nach dem Ausbruch der Wirtschaftskrise und dem Einsturz des politischen Systems auf fruchtbaren Boden. Die Suche nach einem Sündenbock für das Leid des Landes konzentrierte sich auf die Immigration. Das war die leichte Lösung.

Schon am Anfang der neunziger Jahre, als eine große Zahl von Immigrantinnen und Immigranten aus den Balkannachbarländer – namentlich aus Albanien – nach Griechenland kamen und deren Arbeitspotential unter halblegalen Bedingungen für schwere Arbeiten in jener Zeit des wirtschaftlichen Aufschwungs eingesetzt wurde, hatte sich eine kulturelle Basis für weit verbreitete xenophobe Einstellungen in der griechischen Bevölkerung gebildet. Hinter der Xenophobie versteckte sich aber das kollektive Schuldbewusstsein, hervorgerufen aus dem massenhaften Subproletariat von Ausländern, das unter den Bedingungen des Raubbaus ihrer Arbeitskraft leben musste. Die gesellschaftliche Segregation wurde auch zu einer rassistischen. Dennoch hat die Krise die griechische Gesellschaft zu einer neuen Selbsterkenntnis geführt. Damit ist sie mit dem massenhaften Zustrom von Geflüchteten – vor allem aus Syrien – durch Menschlichkeit und Verständnis fertig geworden. Die rassistischen Stimmen wurden isoliert.

Aber auch die Situation auf dem Platz ist heute ganz anders. Der Spielstätte ist wieder geöffnet. Die griechischen Kinder spielen zusammen mit den ausländischen Kindern, während die Bevölkerung dieses Bezirks – ImmigrantInnen, Flüchtlinge und GriechInnen –sich friedlich und freundlich denselben Raum teilen.

Die Gemeinde hat inzwischen mit der völligen Sanierung des Platzes begonnen. Die Goldene Morgenröte ist verschwunden. Deren Mitglieder wagen es nicht mehr, auf dem Platz des Heiligen Panteleimon zu erscheinen.

Was ist seit 2013 passiert? Nachdem am 18. September 2013 der antifaschistische Hip-Hop-Musiker Pavlos Fyssas von einem Stoßtrupp der Goldenen Morgenröte ermordet worden war, war eine gewaltige antifaschistische Bewegung entstanden. Gleichzeitig wurde die Führungsmannschaft der Goldenen Morgenröte wegen Anführung einer verbrecherischen Organisation angeklagt und gerichtlich verfolgt.

Vorige Woche habe ich mir in einem Kino, in der Nähe dieses Platzes, den Film von Fatih Akin „Aus dem Nichts“ angesehen, der von der Verbindung der Goldenen Morgenröte zu einer deutschen nazistischen Verbrecherorganisation vom Typ NSU berichtet. Vor einigen Jahren noch wäre die Vorführung eines derartigen Filmes in dieser Gegend schwierig gewesen. Jetzt strömte die gesamte Nachbarschaft ins Kino, um sich den Film anzusehen.

Aber was noch wichtiger ist: Beim Austritt aus dem Kino erklärten sich die Zuschauer bereit, die Parolen zu löschen, welche die Nazis an die Wände der Schulen in der Nähe des Platzes geschmiert hatten. Die Bewohner also haben die demokratische Kontrolle ihres Stadtviertels übernommen.

Der Kinderspielplatz vom Heiligen Panteleimon wird nicht mehr geschlossen.

Dimitris Psarras lebt in Athen. Er ist Redakteur der Zeitung der Redakteure (EFSYN). Siehe z.B. Lunapark21, Heft 30, Editorial.

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