Mehr als Technik oder Verzicht

Für eine »ökommunistische« Alternative zu Degrowth und »Luxus«-Kommunismus

Interview mit dem argentinischen Marxisten Esteban Zercatante

In seinem neuen Buch nimmt Esteban Mercatante den Kapitalismus als Grundübel einer multidimensionalen ökologischen Krise ins Visier.1 Zugleich geht er mit aktuellen ökologischen Strömungen wie Degrowth und Öko-Modernismus ins Gericht und argumentiert für eine öko-kommunistische Strategie. Die stellt die arbeitende Klasse in den Mittelpunkt, sowohl als Trägerin ihrer eigenen Befreiung als auch einer qualitativen Neugestaltung des gesellschaftlichen Verhältnisses zur Natur als dem einzigen Weg, eine Katastrophe zu verhindern.

Das Buch ist bisher nur auf Spanisch verfügbar. Dem englischsprachigen Links – International Journal of Socialist Renewal gab Mercatante ein Interview, das wir auszugsweise in deutscher Übersetzung dokumentieren.

In Anbetracht der bestehenden Fülle von Literatur zu Marxismus, Ökologie und Klimakrise – was hat Dich bewogen, dieses Buch zu schreiben?

Mein Buch will zu einer Diskussion beitragen, die ich für grundlegend halte: Wie können wir aus einer ökologischen Perspektive eine revolutionäre Strategie entwickeln, die auf einer kommunistischen Vision basiert? Dabei soll es sowohl um die Befreiung der Menschheit von Ausbeutung gehen als auch um die Wiederherstellung eines ausbalancierten Umgangs zwischen Gesellschaft und Natur.

Umweltaktivist:innen konzentrieren sich oft auf den Klimawandel. Du aber stellst diesen Aspekt in den größeren Zusammenhang einer multidimensionalen ökologischen Krise und siehst deren Ursache in der ›DNA des Kapitalismus‹.

Viele der Verfechter eines grünen Kapitalismus fokussieren sich auf ein Teilproblem, zumeist den Klimawandel. Sie versuchen, ein Problem zu lösen, schaffen oder verstärken dabei aber weitere. So ist zum Beispiel für die Produktion von Speicherbatterien im Zuge der Energiewende der Abbau von Mineralien wie Lithium im großen Stil erforderlich. Das bedeutet einen Anstieg von Rohstoffförderung, mit hohem Wasserverbrauch und tiefen Eingriffen in Ökosysteme.

Unter der Logik des Kapitals finden ökologische Folgen keine Berücksichtigung in der Geschäftskalkulation. Die klassische Wirtschaftstheorie behandelt sie als ›Externalitäten‹, als etwas, das nicht zu den eigentlichen Produktionskosten gehört. Kapitalistische Staaten haben versucht, dies durch Umweltpolitik zu korrigieren: mit Steuern, Bußgeldern oder Emissionszertifikaten. Aber das ändert nichts am Grundverhältnis von Kapital und Natur. Solche Maßnahmen sorgen lediglich dafür, dass Firmen für Umweltschäden zahlen müssen. Nichts trägt hier zur Wiederherstellung intakter Ökosysteme bei.

Kapital setzt auf kurzfristigen Profit. Selbst dann, wenn damit auf längere Sicht schwerwiegende Konsequenzen einhergehen. Natürliche Stoffwechselprozesse sind komplex. Die Anstrengungen des Kapitals, diese Prozesse zu unterwerfen, werden unvorhersehbare Folgen haben. Deren Ausmaß steigt proportional zum Aufwand der Unterwerfung von Natur.

Hat der wachsende Einfluss der extremen Rechten auf nationaler oder internationaler Ebene mehr zur Leugnung ökologischer Krisen beigetragen? Wie ordnest du das Aufkommen öko-faschistischer Tendenzen innerhalb der extremen Rechten ein?

Zweifellos gewinnen mit dem Anstieg von Rechtsextremismus auch die Stimmen der Leugner an Gewicht. Sie lehnen das Pariser Abkommen und die Agenda 2030 ab und wollen sich von den internationalen Klimakonferenzen abkoppeln. Aber auch in der Gruppe der Leugner gibt es Spannungen und Zersplitterung. Bis vor kurzem waren Trump und Elon Musk Verbündete. Jetzt liegen sie sich in den Haaren. Trump war immer Leugner. Musk baut Elektroautos. Wie es aussieht, wird ihr Zusammenstoß zu Einschnitten in der Finanzierung von Elektrofahrzeugen und verbundenen Technologien führen. Wir haben oft beobachten können, dass die extreme Rechte mit ihrer starken Gruppe von Leugnern ihre Ideen nicht in kohärente Politik übersetzen konnte. In jedem Einzelfall müssen wir schauen, welche verschiedenen Allianzen geschmiedet, welche Zugeständnisse ans Großkapital gemacht werden. Wichtig auch: Multilaterale Foren, ebenso wie der unternehmerische ›grüne Kapitalismus‹, gewinnen para doxerweise an Legitimität, weil sie von den Leugnern attackiert werden.

Parallel zum Erstarken öko-faschistischer Positionen sehen wir auch eine zunehmende Verbreitung apokalyptischer Visionen. In einigen Teilen der Linken glaubt man, dass der Umwelt-Katastrophismus Menschen mobilisieren wird.

Die Vorstellung eines bevorstehenden Zusammenbruchs kann ganz unterschiedliche Formen annehmen. Eine Variante ist die Neuauflage eines mechanistischen Katastrophismus, den bestimmte Strömungen der antikapitalistischen Linken jeder Krise zuschreiben, ob ökonomisch oder ökologisch.

Eine andere Strömung vertritt die Auffassung, dass eine Form von Gesellschaft, die dermaßen abhängig von fossilen Energieträgern ist, unmöglich aufrechterhalten werden kann. Ihrer Meinung nach wird die Erschöpfung der Ressourcen eine Reduktion gesellschaftlicher Nachfrage erzwingen. Diese Denke steht oft in Verbindung mit einer Version der Degrowth-Idee: nicht als wünschenswerter politischer Kurs, sondern als unvermeidlich auferlegte Realität.

Schließlich kann die Idee vom Zusammenbruch auch die Form einer allgemeinen Gefühlsstruktur annehmen. Verstärkt durch die häufigeren Klimakatastrophen entsteht die Vorstellung, dass wir bereits unaufhaltsam in Richtung Katastrophe unterwegs sind. Dieses Herangehen führt weniger zu systemkritischer Mobilisierung als viel mehr zu lähmendem Pessimismus. Egal ob als Ergebnis von mechanistischem Denken oder Pessimismus: Die Vorstellung von totalem Zusammenbruch ist ein Hindernis für Aktion. Wir müssen stattdessen aktiv werden und gegen die drohende Katastrophe kämpfen.

Du schreibst: »Verschiedene Strömungen innerhalb der kritischen Ökologie und des Ökosozialismus geben sehr verschiedene Antworten darauf, was die zentralen Bezugspunkte für die Organisation post-kapitalistischer Gesellschaften sein sollten.« Was sind hier die Hauptströmungen?

Grob gesagt lassen sich diese Strömungen heute zwischen Befürworter:innen der Degrowth-Bewegung und Anhänger:innen eines Ökomodernismus einordnen.

Degrowth richtet seinen Fokus auf das wirtschaftliche Wachstum, das als zentrale Ursache der multidimensionalen ökologischen Krise gesehen wird. Viel Raum wird der ›Ideologie des Wachstums‹ gewidmet: wie das Bruttoinlandsprodukt (BIP) zur unanfechtbaren Messgröße wirtschaftlichen Erfolgs wurde und wie alle wirtschaftspolitischen Maßnahmen seit den 1930er Jahren auf kontinuierliches Wachstum ausgerichtet sind. Degrowth-Vertreter:innen betonen, dass höheres BIP pro Kopf ab einem gewissen Punkt nicht automatisch zu einem besseren Leben führt, dass zwischen beide Größen also genau kein Gleichheitszeichen gehört. 

Wir müssen berücksichtigen, dass diese Autoren aus ihrer Perspektive in den reichen Ländern schreiben und denken. Wenn wir von Industriestaaten reden, macht ihr Argument Sinn, dass wir es heute mit Überkonsumption zu tun haben, dass der Rohstoffabbau die Regenerationsfähigkeit des Planeten bei weitem überschreitet.

Die Diskussion tendiert oft dahin, den Konsum statt die eigentliche Produktion in Frage zu stellen. Unabsichtlich verschleiert man damit die systemischen Ursachen des Problems. Außerdem wird die Arbeiterklasse in den reichen Ländern als Teilnehmer in dieser ›imperialen Lebensweise‹ betrachtet – oder jedenfalls nicht ausdrücklich davon ausgeschlossen. Dabei zeigen verschiedene Indikatoren, wie sehr sich ihr Lebensstandard in den letzten Jahrzehnten aufgrund von Privatisierung und Globalisierung verschlechtert hat. In den Perspektiven von Degrowth kommt das nicht wirklich vor.

›Degrowther‹ stellen Wirtschaftswachstum als Selbstzweck in Frage – und stellen sich damit gegen einen grundlegenden Aspekt des Kapitalismus. Es ist aber sehr schwierig, diese negative Idee in eine positive Alternative zu übersetzen. Die verschiedenen Degrowth-Strömungen unterscheiden sich auch darin, wie sie Alternativen sehen.

Ungeachtet der Differenzen haben all diese Visionen eines gemeinsam: Sie fokussieren auf ein Minimal- oder Sofort-Programm als Anforderung an den Staat. Sie beinhalten einige interessante Punkte, auf die wir uns sicher einigen könnten, wie etwa die Verkürzung des Arbeitstags. Aber es fehlt die Verbindung zu einer Perspektive des Übergangs, eine Strategie zur Überwindung des Kapitalismus.

Fast diametral im Gegensatz zu diesen Positionen steht der Ökomodernismus. Aus dessen Perspektive liegt die Antwort auf die ökologische Krise in einer Beschleunigung technologischer Entwicklung. Die zentrale Diagnose lautet: Im Kapitalismus kann Innovation unmöglich ihr volles Potenzial entfalten, weil sie schwer in profitable Geschäftsmodelle übersetzbar ist. Ein Paradebeispiel für diese Sichtweise ist Aaron Bastanis Buch ›Voll automatisierter Luxuskommunismus‹2. Der Autor geht davon aus, dass vollautomatische Produktionsprozesse möglich sind, wenn es nur gelingt, technischen Fortschritt von den Beschränkungen kapitalistischer Produktionsbeziehungen zu befreien.

Ökomodernismus richtet sich gegen die Idee, den Verbrauch zu reduzieren. Ganz im Gegenteil argumentieren die Vertreter: Wir müssen weiter nach Wachstum streben, ja vielleicht sogar nach noch schnellerem Wachstum. Die Probleme, die der Kapitalismus produziert, werden auf schlichte Planungsfehler reduziert. Ökomodernismus geht davon aus, dass der Konsum, der mit solchen Produktionsweisen einhergeht, auch über den Kapitalismus hinaus bestehen wird. Technologie wird zum Fetisch und bekommt die Aura von Neutralität. Dabei werden doch alle Innovationen, wird aller Fortschritt von Klasseninteressen geprägt.

Es gibt zwar unbestreitbare Effizienzgewinne im Bereich materieller Auswirkungen. Aber Statistiken lassen oft die Tatsache außen vor, dass gerade Industrienationen wegen der Veränderungen in der globalen Arbeitsteilung wesentlich von materiellen Prozessen außerhalb ihrer Staatsgrenzen abhängen. Dass sie also abhängig sind von Industrieprozessen in Entwicklungsländern, wobei diese Prozesse von multinationalen Konzernen kontrolliert werden, die wiederum in imperialistischen Ländern ihren offiziellen Sitz haben. Es geht also weniger um eine Entkopplung. Sondern es geht um ein Offshoring von Produktionsprozessen in Drittstaaten, um das Outsourcing von Umweltschäden.

Schließlich denken Ökomodernist:innen eher an die Abschaffung von Arbeit als an deren Transformation. Die Arbeiterklasse fehlt als handelndes Subjekt; ihr Beitrag zur eigenen Emanzipation oder zur Schaffung eines anderen Stoffwechsels zwischen Gesellschaft und Natur wird ignoriert. Ihre Hoffnung: Postkapitalismus, in dem Planung möglich wird und Konsummuster der Reichen ›demokratisiert‹ auf die Gesellschaft übertragen werden.

Da diese Muster innerhalb der planetaren Grenzen unmöglich auf die gesamte Menschheit ausgeweitet werden können, verwundert die Ausweitung auf intergalaktische Lösungsvorschläge für Umweltprobleme auf dieser Erde nicht. Übrig bleiben Vorschläge wie der von Bastani für einen Luxus-Kommunismus im Stil der Weltraumfantasien von Elon Musk oder Jeff Bezos.

Gegen diese Strömungen argumentierst Du für eine „ökommunistische“ Perspektive. Was meinst Du damit? Und wie unterscheidet sich Ökommunismus von Ökosozialismus?

Der Begriff Ökommunismus – Ecomunismo – stammt vom Titel des aktuellen Buchs von Ariel Petrucelli.3 Auf Spanisch kam das fast zeitgleich mit meinem raus. Ich habe den Begriff übernommen, weil er die zentrale Frage hervorhebt, um die sich ökologischer Marxismus oder Ökosozialismus kümmern muss. Statt der Diskussion, ob die Lösungen nun im Weltall oder in der Reduktion des Verbrauchs liegen, müssen wir uns organisieren. Wir brauchen gesellschaftliche Kräfte, die die Kernfrage ökologischer Zerstörung angreifen: den Kapitalismus und die Produktionsverhältnisse, die diese ausbeuterische Gesellschaftsordnung mit sich bringt.

Für viele kritische Öko-Aktivist:innen, sogar manche Ökosozialist:innen, sind die Produktionsverhältnisse eine Art Black Box. Sowohl Ökomodernist:innen als auch Degrowth-Vertreter:innen sprechen darüber, die Länge des Arbeitstags zu reduzieren, wenn auch mit verschiedenen Begründungen. Beide ignorieren aber die vom Kapital ausgebeuteten Protagonisten von Arbeit als Akteure in ihrer eigenen Befreiung und der qualitativen Umgestaltung des gesellschaftlichen Stoffwechsels mit der Natur.

Im Kapitalismus bilden Produktion und Konsum eine differenzierte Einheit, vermittelt durch den Austauschprozess. Gesellschaftliche Bedürfnisse können hier nur als zahlungsfähige Nachfrage ausgedrückt werden und können nur in Form jener Waren in Erscheinung treten, die Kapitalisten zuvor zu produzieren und zu verkaufen beschlossen haben. Eine echte Vermittlung beider Prozesse können wir nur durch eine Vergesellschaftung der Produktionsmittel erreichen. Produktion muss – als erstem Schritt zu irgendeiner Form von Planung – dem Zweck dienen, gesellschaftliche Bedürfnisse zu befriedigen. Damit lässt sich auch die bisherige Polarisierung der Debatte unter Ökosozialist:innen um ›mehr‹ oder ›weniger‹ überwinden.

Eine kollektive Entscheidung über das Was der Produktion unter rationaler Beachtung eines gesunden Mensch-Natur-Verhältnisses heißt nicht, dass wir schwierige Entscheidungen in Bezug auf die vom Kapitalismus hinterlassenen Umweltzerstörungen werden vermeiden können. Nur werden diese Entscheidungen nicht mehr durch die private Macht von Kapital getroffen. Stattdessen werden sie, nach Erlangung der Kontrolle über die Produktionsmittel, bei der produzierenden Klasse als ganzer liegen. Angedachte Lösungen müssten drei Ziele gewährleisten: die vollständige Befriedigung gesellschaftlicher Bedürfnisse, die Demokratisierung der Produktion und die Errichtung eines gesunden Mensch-Natur-Verhältnisses. Darüber hinaus wird uns die ›Enteignung der Enteigner‹ die Wiederherstellung eines anderen Begriffs von Wohlstand ermöglichen. Wir werden mit der Idee brechen können, dass ›Genug für alle‹ die Form von grenzenlosem Konsum annehmen muss,  wie ihn der Kapitalismus zur Absatzsteigerung immer neuer Waren propagiert.

Ich behaupte nicht, dass es eine Patentlösung für die ökologische Katastrophe nach Überwindung des Kapitalismus gibt. Ich schlage lediglich vor, dass wir uns nicht den techno-optimistischen Verheißungen eines ›voll automatisierten Luxus-Kommunismus‹ hingeben müssen. Genauso wenig müssen wir uns den Entbehrungen unterwerfen, wie sie von manchen Degrowth-Ansätzen gefordert werden. Im Gegenteil: Wenn wir die Produktionsmittel vergesellschaften, die sich aktuell in den Händen einer kleinen Minderheit von Ausbeutern befinden, können wir eine Gesellschaft erreichen, die auf der demokratischen Freiheit aller Arbeiter:innen und aller Gemeinschaften beruht und damit planvolle gesellschaftliche Produktion ermöglicht. Auf dieser Grundlage wird es uns möglich sein, beide Ziele zu erreichen: ein ausgeglichenes gesellschaftliches Naturverhältnis herzustellen und gleichzeitig gesellschaftliche Bedürfnisse vollständig zu befriedigen.

Das Interview mit Esteban Mercatante für Links – International Journal of Socialist Renewal führte Federico Fuentes; ins Deutsche übersetzt von Susanne Rohland.

https://links.org.au/ecommunist-alternative-degrowth-and-luxury-communism