Wasser statt Mauer. Der Papst, die Migration und Ellis Island

Aus: LunaPark21 – Heft 31

In seiner Rede vor dem US-Kongress ging Papst Franziskus auch auf die weltweiten Fluchtbewegungen ein. Er ist ein erfahrener Prediger. Als Chef der katholischen Kirche weiß er, wie man um die Zustimmung eines Publikums wirbt. Dem Parlament der einzigen Weltmacht schmierte er deshalb Honig ums Maul: „Wir, die Menschen dieses Kontinents, haben keine Angst vor Fremden, denn die meisten von uns sind einst selbst Fremde gewesen. Ich sage dies als Sohn von Immigranten, wissend, dass viele von Euch auch von Immigranten abstammen.“ Ob die gewünschte Wirkung aber eintritt – das steht auf einem anderen Blatt. Werden die durchweg reichen Politprofis Washingtons, oder wenigstens einige ihrer Sponsoren und Wähler, sich nun mit den armen Flüchtlingen verbunden fühlen, die die Grenzen der USA erreichen? Zweifel sind angebracht. Kaum ein Ort macht das deutlicher, als eine Insel vor New York: Ellis Island.

Lange Zeit hatte der wichtigste US-Atlantikhafen keine zentralisierte Erstaufnahmestelle. Nicht in den frühen Jahren, nicht in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Dabei kamen zwischen 1816 und 1850 nicht weniger als 2,6 Millionen Migranten aus Europa in die USA. Die Bevölkerungszahl erreichte schon 1840 mit 17 Millionen die Größe Großbritanniens: Von da an übertraf die vormalige Kolonie das Mutterland. Teil des Bevölkerungswachstums war die Einwanderung. Im Jahrzehnt vor dem US-Bürgerkrieg kamen über den Atlantik so viele Menschen, wie in den 35 Jahren zuvor. 1860 lebten in den USA schon mehr als 31 Millionen Menschen.

Mitten im Einwanderungsschub der 1850er Jahre wurde am 3. August 1855 mit Castle Clinton an der Südspitze Manhattans eine erste Einwanderungszentrale eingerichtet. Die alte Festung war zuvor als Theater genutzt worden und kein idealer Ort für den neuen Zweck: eng, überfüllt. Aber sie lag gleich neben den Kais, an denen die Einwanderschiffe anlegten. In den ersten Jahren konnte die Einrichtung noch genügen, denn die Weltwirtschaftskrise von 1857 und der US-Bürgerkrieg bis zum Frühjahr 1865 schränkten die Zuwanderung ein. Doch dann kamen immer mehr und größere Schiffe – und mit ihnen immer mehr Menschen. Von 1866 bis 1870 mehr als in den zehn Jahren zuvor: fast 1,7 Millionen. Den ersten Höhepunkt erreichte die Immigration aus Europa zwischen 1881 und 1890: etwa 5,3 Millionen. Die meisten erreichten die USA über New York.

Castle Clinton war überfordert. Die Kontrolle wies größere Lücken auf. Manche Einwanderer umgingen die Festung ganz, andere machten sich vor dem Ende der Kontrollen davon. Nicht nur weil ein Feuer Jahre später einen Großteil der Unterlagen vernichtete, weiß heute keiner, wieviele Menschen durch die Festung gegangen sind: 7 Millionen in 35 Jahren? Oder doch 12 Millionen? Auf jeden Fall suchten die Behörden einen neuen Platz für die alte Aufgabe. Sie entschieden sich am Ende für eine Insel, so weit weg, dass sie schon in den Gewässern des benachbarten New Jersey lag: Ellis Island. 1892 war der Umzug abgeschlossen.

Die Insel war nicht ideal, zu klein. Erst größere Aufschüttungen schufen Schritt für Schritt den Platz für Bürokratie, Unterkünfte und ein Krankenhaus. Aber endlich konnten die Beamten eine echte Quarantäne der Neuankömmlinge durchsetzen und Fluchten einfach verhindern: Wer ans Festland wollte, musste schwimmen.

Das erhöhte Kontrollbedürfnis ergab sich nicht nur aus den wachsenden Einwanderzahlen. Es ergab sich auch aus einem Wandel in der Herkunft der Migranten. In den 1880ern nahm der Anteil der Südeuropäer – Menschen aus Italien, Spanien, Portugal – deutlich zu. In den Jahren 1891 bis 1895 entfiel schon fast die Hälfte der europäischen Einwanderung auf diese Herkunftsländer. In der zweiten Hälfte des Jahrzehnts stellten sie die Mehrheit der Immigranten. Um 1900 nahm auch die Einwanderung aus dem Zarenreich zu, darunter von Juden, die vor Diskriminierung und Pogromen flüchteten.

Nicht, dass arme Leute aus Irland, England oder Deutschland von den US-Eliten und Behörden unkritisch gesehen wurden. Die Einschränkung des Wahlrechts, mit denen US-Bundesstaaten nach der „Rekonstruktion“ bis 1869 mögliche demokratische Folgen der Sklavenbefreiung verhindert hatten, richteten sich auch gegen arme Weiße, etwa wenn bestimmte Steuerzahlungen oder Bildungsanforderungen Voraussetzung für die Wählerregistrierung waren. Dass „Bürger“rechte auch besitzlosen Proletariern zugestanden werden konnten, ohne damit gleich den Bestand der Eigentumsordnung zu gefährden – diese Einsicht musste langsam erworben werden. Auf jeden Fall waren Einwanderer aus „germanischen“ Ländern weit eher akzeptiert, als Menschen aus Süd- oder Osteuropa.

Die Vorschriften auf Ellis Island waren strikt, die Prozeduren kurz. Nachdem die erste, hölzerne Bebauung in einem Großbrand 1897 zerstört wurde, traten steinerne Gebäude an ihre Stelle. Gebäude, in die ihr Zweck eingebaut worden war: Eine Treppe von 50 Stufen diente dazu, die Tauglichkeit der Neuankömmlinge zu testen. Auf der benachbarten „Liberty Island“ war 1886 die Freiheitsstatue errichtet worden. In einem Werbegedicht für dieses ideologische Großprojekt schrieb Emma Laus 1883: „Gebt mir eure Müden, eure Armen, / Eure geknechteten Massen, die frei zu atmen begehren, / Den elenden Unrat eurer gedrängten Küsten; / Schickt sie mir, die Heimatlosen, vom Sturme Getriebenen, / Hoch halt‘ ich mein Licht am gold’nen Tore!“ Bei der Errichtung der Statue kamen die Zeilen auf eine Bronzetafel am Sockel. Sie waren nicht wörtlich gemeint. Den „elenden Unrat“ sollten die Beamten vor- oder gleich aussortieren. Und das freie Atmen war zumeist auch auf die Luft enger Behausungen und dreckiger Fabriken begrenzt. Nur die erkennbar Reichen konnten den Kontrollen entgehen und gleich in New York anlanden: Fremd war den Eliten vor allem die Armut, weniger die nationale Herkunft oder Kultur – gerade dann, wenn sie ihre amerikanische Familiengeschichte auf die Ankunft eines Segelschiffes vor ein- oder zweihundert Jahren zurückführen konnten.

Der Höhepunkt des Betriebs auf Ellis Island lag in den Jahren von 1901 bis 1914. Damals kamen fast so viele europäische Einwanderer wie in dem halben Jahrhundert zuvor: Mehr als 13 Millionen. Der erste Weltkrieg und die Angst vor einem Import europäischer Unruhen in den Jahren danach führten zu einem klaren Bruch in der Einwanderungspolitik. 1924 beschloss der US-Kongress ein Quotensystem, welches mit mehrfachen Änderungen Jahrzehnte überdauerte. Die Einwanderung in die USA sollte zurückgehen – und ging zurück. Ellis Island verwandelte sich von einem Aufnahmeort in ein Haft- und Ausweisungszentrum. Mit der Flucht vor Nazideutschland rückte die Insel noch einmal in das Zentrum einer politischen Auseinandersetzung. Dann zogen US-Soldaten, Kapital und Unternehmer in alle Welt. 1954 schloss die US-Regierung die Einrichtung. 1965 wurde die Insel Teil des „Liberty Island National Monument“, seit 1990 präsentiert ein Einwanderungsmuseum die offizielle Geschichte.

Erst in jenen 1990er Jahren erreichte die Einwanderung in die USA in absoluten Zahlen – etwa eine Millionen Menschen pro Jahr – wieder das Niveau der Zeit vor dem ersten Weltkrieg. Relativ gesehen war die Bedeutung der Immigration jedoch deutlich geringer: Denn die Bevölkerung der USA hatte 1900 gerade 75 Millionen betragen, 1910 etwa 92 Millionen. 1990 waren es dagegen 248 Millionen Einwohner.

Die aktuelle Intervention des Papstes zielt nicht zuletzt auf die Menschen dieser neuen Einwanderungswelle, die weitestgehend über die US-Südgrenze aus Lateinamerika kommt. Doch ist fraglich, ob mit der Anknüpfung an die offizielle Erfolgsstory des „Schmelztiegels“ für die heutigen Illegalen etwas zu gewinnen ist. Da wäre eher an die Geschichte der nichteuropäischen Migration zu erinnern, für die auf Ellis Island natürlich kein Platz ist. Etwa an die chinesischen Kulis, die für den Bau der ersten Transkontinentalen Eisenbahn ins Land geholt wurden, aber zum Abschlussfoto 1869 in Promontory Summit in Utah nicht erscheinen sollten. Mit rassistischen Gesetzen wurde in den folgenden Jahren die „gelbe Gefahr“ bekämpft. Und in diesem Kampf standen große Teile der US-Gewerkschaften an der Seite von „fortschrittlichen“ Politikern, die aus Asien den Fortschritt bedroht sahen: ihre „Begeisterung für die Ausgrenzung von Asiaten entsprach der Begeisterung für die gesetzliche Separierung von Afroamerikanern durch ihre Kollegen in den Südstaaten“ – so schrieb 1987 David Montgomery, US-Historiker und Gewerkschafter. Das Versagen angesichts der rassistischen Spaltungen zählte er zu den zentralen Gründen für die Niederlage, den „Fall of the House of Labor“.

Literatur: Wladimir Woytinsky: Die Welt in Zahlen. Erstes Buch. Die Erde/Die Bevölkerung/Der Volksreichtum. Berlin 1925 // David Montgomery: The Fall of the House of Labor. The workplace, the state and American labor activism, 1865-1925. Cambridge 1987

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