Transkapitalistisches Gottesgnadentum

Hans Jürgen Krysmanski. Lunapark21 – Heft 21

Hätte Lloyd Blankfein, Chief Executive Officer (CEO) und Präsident der amerikanischen Bank Goldman Sachs, nicht 2009 in einem Interview gesagt, seine Firma „is doing God’s work“, machte der obige Titel weniger Sinn. Aber dieser Habitus eines wiedererwachenden Gottesgnadentums findet sich bei vielen Superreichen – auch wenn der amerikanische TV-Komiker Stephen Colbert richtig bemerkt hat, dass Blankfein ja auch eine andere Gottheit, etwa Shiva, den hinduistischen Gott der Zerstörung, gemeint haben könnte.

Immerhin aber findet man sich mit der Welt der Superreichen – 0,001 Prozent (Kern) und 0,1 Prozent (Hilfstruppen) der Weltbevölkerung – in einer Dimension jenseits von Gut und Böse. Das sagen Insider wie der Wall Street Journal-Autor Robert Frank (‚Richistan’) oder die Reuters-Korrespondentin Chrystia Freeland in ihrem gerade erschienenen Buch ‚Plutocrats. The Rise of the New Global Super Rich’ (das im Herbst auch in deutscher Übersetzung herauskommen wird). Einer ihrer Gesprächspartner aus dem Gottesgnadenmilieu habe ihr zugeflüstert, schreibt sie dort, dass er allein für die Aufrechterhaltung seines persönlichen Lebensstils jährlich 100 Millionen Dollar benötige.

Ähnlich prekär steht es um den Begriff des Transkapitalismus. Ist darin eine Utopie verborgen? Wird eine Ära des Transkapitalismus das Kapital so aufheben wie die transnationalen Konzerne das Nationale aufgehoben haben? Handelt es sich also um einen Epochenbegriff, welcher neben der Ausbeutung der Arbeit und der Finanzialisierung des Geldes eine transzendentale Willkürlichkeit der Reichtumsakkumulation erfasst? Manche nennen es das Chaos, aus dem irgendwann irgendetwas Neues entstehen wird. Die Plutokraten selbst schwafeln von einer beginnenden Epoche des „Transhumanismus“ und lassen Derartiges von Elite-Kontaktbörsen wie der „Technology, Entertainment, Design“-Bewegung (TED) oder dem „Aspen-Ideen-Festival“ (AIF) verbreiten.

Aber auf dem Boden der Dialektik des transkapitalistischen Gottesgnadentums erwachsen ganz ohne Frage auch Chancen der Überwindung des Kapitalismus. Zu artikulieren versuchen diesen Ausblick zum Beispiel Michael Hardt und Antonio Negri mit ihrer Tetralogie „Empire: Die neue Weltordnung“, „Multitude: Krieg und Demokratie im Empire“, „Common Wealth: Das Ende des Eigentums“ und „Demokratie: Wofür wir kämpfen“ – auch wenn sie von Mal zu Mal mehr abheben. Nun aber hat sich das Verhältnis zwischen Kapital und Arbeit im stetigen Widerspruch fast bis zur Unkenntlichkeit ausdifferenziert. Es ist, um es einmal zuzuspitzen, auf der Kapitalseite bei Al-Walid ibn Talal Al Saud (dem reichsten Saudi, der mit seinen Luxusyachten das Mittelmeer unsicher macht) und auf der Seite der Arbeit beim Online-Hacker gelandet (der des Tags einem gutbezahlten Software-Job nachgeht und des Nachts die Kommunikationsmatrix dieser Welt ummodelt).

Aber die Ausdifferenzierung des Grundverhältnisses zwischen Kapital und Arbeit endet auch im globalen Gegensatz zwischen obzönstem Reichtum und auf Dauer gestellter Massenarbeitslosigkeit. Dabei hat sich vor allem die Kapitalistenklasse – die Eigentümer der Produktionsmittel, der Produktionsbedingungen, der Überbauten, des Planeten – in einem unglaublichen Maße veruneinheitlicht. In diesem Babylon versucht der immer schon schillernde finanzkapitalistische Geldmachtkomplex im Bündnis mit der Kulturindustrie, seinen Protagonisten eigene Identitäten und Selbstbilder weit jenseits der irdischen Produktionssphäre zu schmieden.

Daher kommen dann diese hilflosen Typologien wie beispielsweise in der (im Detail gut recherchierten) Spiegel-Artikelserie ‚Deutschland, deine Reichen’. „Das Image der deutschen Geldelite wird von drei Reichen-Typen dominiert: den Wohltätern, den bösen Jungs und den Neureichen-Karikaturen.“ Man wendet sich gegen das mediale Bild des Boulevards: glamouröse Süßwarenhersteller und Proll-Pärchen hier, politisch progressive Hamburger Reeder, 68-angehauchte Speditionsgründer und die „Raffzähne, Trickser und Abzocker in der Realwirtschaft“ dort.[1] Aber schließlich vermitteln die Vignetten über die Personen, Familien und Clans der Superreichen selbst im Spiegel den Gesamteindruck, als handele es sich um ein harmloses, teils spießiges, teils irgendwelchen Luxushobbies wie Pferdesport oder Oldtimer-Sammeln frönendes Völkchen.

Kann aber in der Realität milliardenschweres Eigentum überhaupt noch ‚verpflichten’? Ist dieses transnational an den unterschiedlichsten Orten unseres Planeten angelegte Eigentum überhaupt noch ‚eigentumsfähig’? Stellt sich nicht zumindest die Frage nach einer Deckelung? Sind das noch Kapitalisten, „wo die Vermögen jedes Jahr ohne große Anstrengungen um dreistellige Millionensummen wachsen. Wo Family Offices oder gleich die eigene Bank das Geld verwalten“, wo Clans wie die Quandts, von denen es doch „viele“ in Deutschland gibt, sich „allein aufgrund ihres BMW-Pakets über eine Dividende von 650 Millionen Euro freuen“?

Auch im Spiegel-Report fehlt nicht die Unterwerfungsgeste: „Man sollte die Reichen weniger beschimpfen als beteiligen, zum Mitmachen animieren. Man sollte ihnen erklären, welch wichtige Bedeutung sie haben. Auch welche Verantwortung. Und welche Vorbildfunktion.“[2]

Eine stern-Umfrage bei deutschen Milliardären bezüglich der amerikanischen Initiative ‚The Giving Pledge’ ergibt dann Antworten wie die folgenden. Die Gründer der Pharmafirma Hexal, Andreas und Thomas Strüngmann (ca. 4 Mrd. Euro Vermögen): „In den letzten Jahren haben wir unseren Stiftungen bereits große Summen zur Verfügung gestellt. Wir können heute noch nicht sagen, ob die eingebrachten Geldbeträge die Hälfte oder letztendlich einen noch größeren Teil unseres Vermögens ausmachen werden.“ Brillen-Unternehmer Günther Fielmann (ca. 2 Mrd.): „Steuern zahlen reicht nicht.“ Er selbst unterstütze unter anderem Schulen, Gemeinden und Altenheime. Friede Springer (ca. 2 Mrd.) hat sich „vor längerer Zeit entschieden, mich unter anderem in meiner Stiftung, der Friede Springer Herzstiftung, zu engagieren“. Liz Mohn (ca. 2 Mrd.) unterstützt (abgesehen vom Konstrukt der Bertelsmann-Stiftung) die Deutsche Schlaganfall-Hilfe und eine Kultur- und Musikstiftung. Susanne Klatten (ca. 7,7 Mrd.) lässt mitteilen, gemeinnütziges Engagement sei „Element des unternehmerischen Selbstverständnisses von Susanne Klatten und allen Mitgliedern der Familie Quandt“. Angelika Jahr (Gruner+Jahr; ca. 1 Mrd.): „Ich unterstütze schon seit langem verschiedene gemeinnützige Organisationen und Stiftungen meiner persönlichen Wahl. Das möchte ich auch weiterhin tun, ohne damit an die Öffentlichkeit zu gehen.“[3] Die Unverfrorenheit all dieser Aussagen wird erst nach einigem Nachdenken offenbar.

Schon heute sind die wirklichen, die transkapitalistischen Milliardäre planetarische Nomaden. „Die Reichen der Welt haben Finanzvermögen von 21 bis 32 Billionen Dollar in Steueroasen gebunkert. Das entspricht mehr als dem gesamten Bruttoinlandsprodukt der USA.“ Der Leiter dieser Studie des „Tax Justice Network“, früherer Chefvolkswirt der Unternehmensberatung Mc Kinsey, bezeichnet die dem Fiskus entzogenen Privatvermögen als „großes schwarzes Loch in der Weltwirtschaft“.[4] Und nach einem Bericht von Oxfam reichen die letztjährigen Profite der hundert reichsten Individuen der Welt aus, um das gesamte globale Hungerproblem zu lösen. Die ungeheuren Geldmengen, die an die Spitze der finanziellen Nahrungskette dieser Welt gelangt sind, würden die schlimmsten Auswüchse der Armut um ein Vielfaches ausmerzen können.[5] Das Transnational Institute, ein weltweiter Verbund von Wissenschaftsaktivisten, publiziert interessante interaktive Online-Grafiken: „Wer gehört zum globalen einen Prozent? Welche Unternehmen leiten sie? Auf welche Weise entziehen sie sich der Rechenschaft? Die ökonomischen, sozialen und ökologischen Krisen, denen die Menschheit gegenübersteht, sind kein Unfall, sondern das Resultat der politischen Maßnahmen einer kleinen Konzernelite, die weltweit die ökonomischen und politischen Strategien gekapert hat.“[6]

Aus der Geschichte haben wir gelernt, wie wir mit Gottesgnadentum umgehen müssen. Aber wir wissen noch nicht, was uns im Transkapitalismus erwartet. Insofern hat sogar Benedikt der Sechzehnte mit seinem Abgang ein Zeichen gesetzt.

Hans Jürgen Krysmanski lehrte bis 2001 Soziologie an der Universität Münster. Er ist Mitglied im Wissenschaftlichen Beirat von Attac. Ende 2012 erschien sein neues Buch „0,1% – Das Imperium der Milliardäre“ (278 S., 19,99 Euro, Verlag Westend).

Anmerkungen:

[1] Spiegel 9/2012, S. 72 ff.

[2] Spiegel 12/2012, S. 83 f.

[3] http://www.stern.de/wirtschaft/geld/stern-umfrage-so-wohltaetig-sind-deutschlands-milliardaere-1591933.html (stern, 11. 08. 2010)

[4] http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/studie-zu-steuerflucht-reiche-bunkern-21-bis-32-billionen-im-ausland-a-845747.html (Spiegel-Online, 22.7.2012)

[5] http://www.oxfammexico.org/wp-content/uploads/2013/06/mb-cost-of-inequality-180113-en.pdf

[6] http://www.tni.org/report/state-corporate-power-2012

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