Flaschenpost – unzeitgemäße Kommunikation?

Über eine Obsession und eine Ausstellung des Lunapark21-Gestalters Joachim Römer

Gerd Michalek in Lunapark21 – Heft 30

Warum kritzeln Menschen Botschaften auf einen Zettel, um sie per Flasche in den Fluss zu werfen? Man könnte doch blitzschnell eine E-Mail senden! Antworten auf die Frage sucht der Gestalter von Lunapark21, Joachim Römer, seit 1998. Damals fand der Kölner Graphiker und Künstler am Rhein seine erste Flaschenpost bei ausgedehnten Uferspaziergängen. Sozusagen als „Beifang“ zu anderem Treibgut, das er künstlerisch verwertete. Mittlerweile sind ihr gut 1400 Flaschenposten gefolgt.

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Flaschenpost_Heft30_Seite_66

04/13-19 | Fundort: rechtsrheinisch · Niederkassel-Mondorf | Text, Computerausdruck, 1. Seite: Einweg | Du stellst etwas her | Du kaufst es Dir ab | Du kannst es nicht brauchen | Du willst es nicht haben | Du schmeisst es weg | Du sammelst es wieder auf | Du machst es kaputt | Du sortierst die Scherben | Du stellst es her | Du kaufst dich Dir ab | Du kannst dich nicht brauchen | Du willst dich nicht haben | Du schmeißt dich weg | Du sammelst dich wieder auf | Du machst dich kaputt | Du sortierst dein Leben | (…) gestempelt: Jun 26 2003 bitte an: Name und Adresse des Absenders Das finden von Flaschenpostflaschen verpflichtet zu nichz. Rükksendungen aller Art sind möglich. Brieftauben, telepathische Sendungen, Postkarten und andere Kommunikazionstechniken bitte immer mit Adressangabe und Antwortmöglichkeit. | 2. Seite: Telekommunikation: Wir leben in einer Zeyt der unterschiedlichsten Telekommunikationssysteme. Briefe sind durch Tele-Fax sekundenschnell verschikkt; mit Mobiltelephonen ist jeder immer und überall erreichbar; im Internet kann man aus einer Fülle von Kontaktangeboten auswählen. Doch trotz dieser vielen scheinbar direkten Kontaktmöglichkeiten leben immer mehr Menschen in Isolation. Jeder vierte Lohnabhängige lebt allein, ohne Fräundes- und Bekanntenkreis, ohne echte Begegnungen ausserhalb von Arbeyzplatz oder Supermarkt. (…) | Umweltschutz: Leere Flaschen sind ein schützenswerter Teil unserer Umwelt. Das duale System fordert von uns – ohne uns eine Gegenleistung anzubieten – die Herausgabe der leeren Flaschen, um sie zu zerstören und unter hohem Energieaufwandt näue Flaschen daraus zu gestalten. Der Umgang mit einer Umwelt ist immer auch symptomatisch fyr den Umgang mit einer Inwelt. Leere Gefühle, auf die es keine Eigentumsrechte gibt, werden weggeworfen, kleingehexelt und aus den Scherben näue, scheinbar ebenso anwendbare Gefühle zusammengeschustert. Leere Flaschen dem dualen System vorzuenthalten und als Mittel zur Telekommunikation zu verwenden ist der erste Schritt zu einer intakten Inwelt…