Sorgearbeit ist weiblich

Gisela Notz. Lunapark21 – Heft 22

In den für Frauen besonders relevanten Beschäftigungsfeldern der sozialen, personenbezogenen und öffentlichen Dienste sowie bei den Sorgearbeiten, den sogenannten Care-Arbeiten, gibt es erhebliches Wachstumspotential. Würden nicht immer neue Arbeitsmöglichkeiten „erfunden“, die prekär oder gar nicht bezahlt sind, könnte die existenzsichernde Ausgestaltung in diesen Bereichen zu einem höheren Beitrags- und Steueraufkommen beitragen und gleichzeitig ausreichende Rentenansprüche gewährleisten.

Stattdessen werden Tätigkeiten im Sorge- und Pflegebereich, die staatlichen Kürzungen zum Opfer fallen, „freiwilliger“ Arbeit übergeben. Das Interesse am „Zukunftsmodell häusliche Sorge und Pflege“ – speist sich vor allem daraus, dass es die kostengünstigste Variante ist.

Nicht nur Kinder kosten Karriere
Die zunehmende „Erwerbsneigung“ von Frauen – im Osten ungebrochen, im Westen sich verstärkend – , wird vor allem deshalb kritisch gesehen, weil nicht mehr einfach davon ausgegangen werden kann, dass Haus- und Sorgearbeiten, Kindererziehung und Pflegearbeiten für Alte, Hilfsbedürftige, Behinderte und Kranke unentgeltlich durch Hausfrauen (als Ehefrauen, Mütter, Töchter oder Schwiegertöchter) geleistet werden. Das führt nicht selten zu Konflikten.

Selbst wenn viele Frauen gerne Kinder und Angehörige zu Hause versorgen und pflegen, ist es unumstritten, dass die meisten dennoch berufstätig sein wollen. Immerhin haben wir es mit der am besten ausgebildeten Frauengeneration aller Zeiten zu tun. Auch wäre es eine auf die Dauer teure Irrationalität, einer ganzen Frauengeneration gleichwertige Bildungschancen einzuräumen und sie hochqualifiziert weit überwiegend in sorgenden und pflegenden Bereichen – für die sie meist gar nicht qualifiziert sind – unbezahlt beschäftigen zu wollen.

662685 Kinder wurden laut Statischem Bundesamt im Jahr 2011 geboren. 95 Prozent der Mütter aber nur 27,3 Prozent der Väter nahmen das Elterngeld und damit die Elternzeit in Anspruch. Es sind die Väter, die bejubelt werden, denn ihre Zahl hat sich vervielfacht, doch die wenigsten bleiben der Arbeit für längere Zeit fern. Mehr als drei von vier Vätern bleiben maximal zwei Monate zu Hause, nur 7 Prozent ein ganzes Jahr. So lange blieben neun von zehn Müttern zu Hause, und das obwohl ihr Elterngeldanspruch mit 868 Euro durchschnittlich um ein Drittel niedriger lag als der Väter, die Elterngeld bezogen.

70 Prozent der pflegebedürftigen Menschen in Deutschland werden im häuslichen Umfeld versorgt. Das entspricht dem Wunsch der meisten Menschen, die so lange wie möglich in ihren eigenen vier Wänden und im familiären Umfeld bleiben wollen, zumal Alternativen zur häuslichen Pflege quantitativ wie qualitativ unzureichend und oft nicht bezahlbar sind.

Immer wieder wird berichtet, dass Seniorinnen und Senioren, die gepflegt werden müssen, sich mit Händen und Füßen wehren, wenn sie in die professionelle Pflege überstellt werden sollen. Daraus wird geschlossen, dass Zuwendung und Herzenswärme nur zu Hause verabreicht werden kann. Das ist freilich ein Irrtum. Unbezahlte Pflegearbeit ist – ebenso wie andere Formen nicht marktvermittelter Versorgungsarbeiten – nicht deshalb humaner, weil sie unbezahlt geleistet wird. Pflegearbeit ist eine komplexe Arbeit mit großen Belastungen.

Die Pflegenden und Sorgenden, die die Erziehungsarbeiten und die Pflegearbeiten für alte, kranke und behinderte Menschen leisten sind weit überwiegend Frauen. Angehörigenpflege zieht sich oft über viele Jahre hin, häufig ist es ein 24-Stunden-Einsatz. Viele Pflegende tragen einen großen Teil der Pflegekosten selbst, was für den Staat eine enorme Entlastung bedeutet. Seit Anfang 2012 können sie für zwei Jahre unter Kürzung der Bezüge ihre Arbeitszeit verringern. 2,4 Millionen Menschen erhalten Leistungen aus der Pflegeversicherung. Für eine ausreichende Bezahlung der Pflegenden reicht das nicht.

Kein phasenweiser Prozess
Viele pflegende und sorgende Frauen haben Einschränkungen in ihren beruflichen Entwicklungsmöglichkeiten auszuhalten. Nicht nur die Erziehung und Pflege von Kindern minimieren die Karrierechancen, sondern auch die Pflegeleistungen für Angehörige. Die Vereinbarkeit von Care-Arbeit und Beruf ist so nicht länger ein phasenweiser Prozess, sondern wird nicht selten zum lebenslangen, indem Frauen von einer Pflegesituation in die nächste rutschen. Partnerschaftliche Vorstellungen von Gleichheit werden oft überlagert von gesellschaftlichen Vorstellungen von Männlichkeit und Weiblichkeit, wodurch die Verwirklichung von Gleichberechtigung erheblich erschwert wird. Indem die binäre Ordnung zwischen „dem Männlichen“ und „dem Weiblichen“ unangetastet bleibt und Unterschiede zwischen den Geschlechtern immer wieder betont werden, wird die geschlechtsspezifische Segregation konserviert und verleiht dem „weiblichen Lebenszusammenhang“ neuen Glanz.

Die Arbeitsteilung, die im Bereich der häuslichen Sorge und Pflege stattfindet, ist ebenso Auswirkung für die geschlechtshierarchische Arbeitsteilung wie deren Voraussetzung. Dieser liegt ein Arbeitsverständnis zugrunde, das von einem „Normalarbeitsverhältnis“ ausgeht, in dem Männer einer Erwerbsarbeit nachgehen, während der Arbeitsbereich der Frauen in der Familie und im sozialen oder kulturellen Ehrenamt verortet ist; allenfalls ergänzt durch einen weiblichen „Zuverdienst“. Ein solches Verständnis begünstigt den Ausstieg von Frauen aus der bezahlten Arbeit.

Je länger Frauen die Erziehungs- und Pflegezeiten ausdehnen, desto weniger Chancen haben sie, in eine existenzsichernde befriedigende Berufsarbeit zurückzukehren. Auch die Zuweisung von (oft nicht existenzsichernder) Teilzeitarbeit und anderer prekärer Arbeitsverhältnisse im Niedriglohnbereich, wirkt sich negativ auf die betroffenen Frauen aus, zumal sie auch Frauen betrifft, die keinen „Behinderungen“ durch Sorge- und Pflegeverpflichtungen ausgesetzt sind.

Für die pflegenden Frauen ist die Bereitschaft, die Pflege zu übernehmen, mit großen Einschränkungen im Beruf und im Zusammenleben mit anderen sowie in der persönlichen Lebensgestaltung verbunden. Nicht wenige werden aufgrund der hohen psychischen und physischen Belastung schließlich selbst krank und pflegebedürftig. Im Falle der Hauspflege sind sie aus vielfältigen Gründen überlastet: Mangel an finanziellen Ressourcen, Wohnraumenge, fehlende Qualifikationen, psychische und physische Arbeitsüberlastung. Im Fall der Altenpflege kommen oftmals die Aussichtslosigkeit der Lage der Pflegebedürftigen, die durch die Pflege nicht mehr wesentlich verändert werden kann, geistige Verwirrungen, die die Kommunikation erschweren, der Mangel an Dank oder gar ein andauerndes Nörgeln der Pflegebedürftigen als schwerwiegende Probleme hinzu. Nicht selten führt das zu Vernachlässigungen oder zu Gewaltanwendungen gegenüber Pflege- und Sorgebedürftigen. Kurzum: Es gibt gute Gründe dafür, gute und enge Beziehungen von Familienmitgliedern dadurch zu erhalten, dass man sie nicht überfordert. Die Ideologisierung der Hausversorgung stempelt die Tochter oder Schwiegertochter, die sich dieser Aufgabe – aus welchen Gründen auch immer – entzieht, zur „undankbaren Tochter“. „Undankbare Söhne“ kennt der deutsche Sprachgebrauch in diesem Zusammenhang ebenso wenig wie er „Rabenväter“, sondern nur „Rabenmütter“ kennt, wenn es um die Diskriminierung erwerbstätiger Mütter geht.

Fehlender Anerkennung professioneller Pflege
Pflegebedürftige Menschen haben ein Recht auf kompetente, professionelle Pflege, und Frauen haben ein Recht darauf, Geld für ihre Arbeit zu bekommen. Auch wenn der ehemalige CDU-Arbeitsminister Norbert Blüm, der „Vater der Pflegeversicherung“, wiederholt darauf hingewiesen hat, dass jeder pflegen könne, der eine rechte Hand, ein bisschen Geschick und ein warmes Herz habe, sind Pflegeberufe qualifizierte Berufe, die eine Ausbildung erfordern.

Dass professionell geleistete Pflege – ebenso wie viele Arbeiten im Sozial-, Gesundheits- und Erziehungsbereich – nicht hinreichend anerkannt und entlohnt werden, hat viele Gründe. Die Auswirkungen sind eklatant. Selten können professionell Pflegende und Sorgende von dem Ertrag ihrer Arbeit leben, weil existenzsichernde, gut ausgestattete Arbeitsplätzen fehlen. Ein-Euro-Arbeitsgelegenheiten, Bürgerarbeit, Mini-Jobs, Ausbau der Bundesfreiwilligendienste mit Niedrigstlohn und die Glorifizierung von Gratisarbeit (sprich „Ehrenamt“) sind keine Lösungen. Pflege- und Sorgebedürftige brauchen – neben der Versorgung – Zuwendung und tröstende Gespräche. Sie erwarten sie auch von denjenigen, die für ihre Dienste bezahlt werden.

Wenn die Zeit dazu, trotz oder wegen ausgefeilten Qualitätskriterien, fehlt, ist etwas faul an den Standards. Schließlich haben auch viele Krankenschwestern, Kindergärtnerinnen und Altenpflegerinnen ihren Beruf erlernt, weil sie Menschen Zuwendung und Herzenswärme zuteil werden lassen wollen.

Die zentrale Frage scheint deshalb nicht nur zu sein, wie man pflegende Frauen entlasten kann, oder wie man immer längere Auszeiten finanzieren und ausdehnen kann. Die Frage ist auch, ob die meisten Menschen wirklich auch dann zu Hause gepflegt werden wollten, wenn ihnen Alternativen zur Verfügung stünden. Fragt man älter werdende Frauen, so sagen die meisten, sie wollten ihren Kindern „nicht zur Last fallen“.

Dass viele es später dennoch tun, beweist die Alternativlosigkeit und die Tatsache, dass sie die häusliche Pflege durch die Tochter eben nicht frei gewählt haben.

Wir brauchen eine materielle und ideelle Aufwertung der Pflege- und Sorgeberufe, nur so wird die vielzitierte Zivilgesellschaft langfristig den Interessen der Pflege- und Sorgebedürftigen gerecht. Und nur dann könnte auch das Engagement von Angehörigen und „Freiwilligen“ sinnvoll eingesetzt werden.

Gisela Notz lebt und arbeitet als Sozialwissenschaftlerin, Historikerin und Autorin freiberuflich in Berlin. 2012 veröffentlichte sie das Buch „Freiwilligendienste“ für alle. Von der ehrenamtlichen Tätigkeit zur Prekarisierung der „freiwilligen“ Arbeit im AG SPAK-Verlag Neu-Ulm.

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