Renditen
Studium und Einkommen
Kulturwirtschaft
Ein neuer Niedriglohnsektor
Studiengebühren
Beiträge oder Steuern?
Die Klassen-Universität
Über die Logik der Privatisierung der Hochschulausbildung
Zu teuer
Egalität im Bildungswesen ist eine kostensparende Ressource
Brotlose Kunst
Ökonomie und Geisteswissenschaften
Ware Wissenschaft
Brain Drain und internationale Arbeitsteilung
Black Box „Wissensgesellschaft“
Über den angeblichen Zusammenhang von Bildung und Beschäftigung
Lehrstellen-Arbeitslosigkeit
Wie viel nützt eine Ausbildungs-Abgabe?
Humankapital
Breiten- und/oder Spitzenförderung in der Wissenschaft?
Studium und Einkommen
Inzwischen kann man in der Presse Berechnungen über die Rendite eines Studiums lesen. Hierbei sind zunächst die Kosten festzustellen: entgangenes Einkommen während der Uni-Jahre, Studiengebühren. Mit ihnen wird das Einkommen verglichen, das nach einer akademischen Ausbildung durchschnittlich erzielt wird.
Am unteren Ende stehen die Geisteswissenschaften. Hier ergibt sich häufig nicht eine Rendite, sondern Verlust. Dies scheint der Tatsache zu widersprechen, daß die „Kulturwirtschaft“ ein wachsendes Segment ist. Es läßt sich aber erklären: die Zahl derer, die hier ihr Brot verdienen, steigt schneller als der Umsatz. Die Vermutung, die Geringfügigkeit der Einkommen erkläre sich daraus, daß Geisteswissenschaftler das Sekundäre betreiben, nichts produzieren oder gar schlicht zu wenig können, beruht auf dem Irrtum, Leistung lohne immer. Hier kann auf Leidensgenossen verwiesen werden: Musiker, Schriftsteller, Schauspieler. Um deren Berufe auszuüben, muß man eine Menge Fertigkeiten haben. Aber die Rendite für diese Menschengruppe ist ganz niedrig.
Viel mehr verdienen Ärztinnen und Ärzte, Ingenieurinnen und Ingenieure sowie Naturwissenschaftler(innen). Aber sie werden getoppt von Absolvent(inn)en der Jurisprudenz und der Wirtschaftswissenschaften, insbesondere der Betriebswirtschaftslehre.
Jetzt klärt sich das Bild: Medizin, Ingenieur- und Naturwissenschaften haben einen engen Bezug zur materiellen Produktion und Reproduktion, sagen wir es ein bisschen verengt: zur Arbeit. Deren Ergebnisse werden anschließend klassenspezifisch verteilt. Die Aneignung durch die Eigentümer der Arbeitsmittel organisieren dafür Ausgebildete, vornehmlich Juristen und Betriebswirte.
Wie passt zu diesem Befund eine gerade jetzt veröffentlichte Kritik der EU-Kommission: in der Europäischen Union werde zur wenig für Wissenschaft und Bildung getan? Nur bei der Produktion von Ingenieur(inn)en und Naturwissenschaftler(inne) werde genug getan. Soll hier etwa mehr Geisteswissenschaft angemahnt werden? Nein. Sondern: es gebe zu viele Schulabbrecher. Das verursacht Kosten und senkt die gesamtgesellschaftliche Rendite.
Ein neuer Niedriglohnsektor
2007 ist das „Jahr der Geisteswissenschaften“. Das merkt man vor allem daran, daß in den Feuilletons mehr über sie geschrieben wird. Im Dezember befand der „Spiegel“ in einer Titelgeschichte, eine fünfunddreißigjährige Skandinavistin, die sich als Journalistin für Zeilenhonorar durchs Leben schlägt, gehöre zum Lumpenproletariat. Sie habe „am Leben vorbei“ studiert. Gemeint war: am Markt.
In der „Welt“ machte sich Konrad Adam über das Jahr der Geisteswissenschaften lustig:
„Geld erhält, was Geld verspricht. Das passt auf die Natur-, die Lebens- und die Ingenieurswissenschaften; auf Geisteswissenschaften passt es aber schlecht, sie gucken deshalb in die Röhre.“
Dagegen verweist „Die Zeit“ auf ein neues Marktsegment: die „Kulturwirtschaft“. Das läßt sich studieren und für den Lebensunterhalt verwerten: „Natürlich kann man, was Geistes- und Kulturwissenschaftler tun, auch in Zahlen ausdrücken. Zum Beispiel erzeugt allein die Kulturwirtschaft – also Galerien, Agenturen, Verlage, Theater et cetera – in Deutschland jährlich eine Wertschöpfung von 35 Milliarden Euro, womit sich dieser volkswirtschaftliche Sektor knapp vor der Software-Industrie und knapp hinter der Energiewirtschaft einreiht. In den USA sind mittlerweile 30 Prozent aller Beschäftigten in den sogenannten creative industries tätig – worunter Medien, Kunst, Bildung, Wissenschaft, Informationstechnologie und Management zählen.“ Man muß also nicht unbedingt Diplom-Immobilienwirt(in) werden, Diplomkulturwirt(in) (ein Studiengang u.a. in Passau) tut es auch.
Hat Konrad Adam das nicht bedacht? Schon vorher schrieb er in seinem „Welt“-Artikel über die Geisteswissenschaften: „Sie waren das Ergebnis, nicht die Ursache für die Suche nach Sinn, haben den Zeitgeist abgebildet, aber nicht eigentlich geprägt oder geschaffen. Sie lebten von der Überzeugung, dass man über seine Herkunft Bescheid wissen muss, um seine Zukunft gestalten zu können; und diese Überzeugung hat sich verloren. “
Er hat – ein Konservativer – den Markt für Kulturwirtinnen und Kulturwirte vergessen.
Beiträge oder Steuern?
Für Studiengebühren wird folgendes Argument vorgebracht:
Wer eine Hochschule besucht, erhält eine staatliche Dienstleistung, für die zu bezahlen ist. Dies gelte umso mehr, wenn nach dem Examen ein Einkommen erzielt wird, das auf der wissenschaftlichen Ausbildung beruht. Akademiker verdienen laut Statistik durchschnittlich mehr als andere und sind auch seltener arbeitslos.
Ungerecht seien Studiengebühren dann nicht, wenn sie nachgelagert und einkommensabhängig erhoben werden. Auch wer arm ist, kann sich immatrikulieren. Das Studium kostet nämlich zunächst nichts, sondern erst später, wenn man verdient. Mit den Zahlungen, die dann zu leisten sind, wird die folgende Studierenden-Generation ausgehalten. Es ist also im Grunde eine Art Umlageverfahren wie bei der bisherigen gesetzlichen Rente ja auch.
Sollen die Kosten gedeckt werden, müssen die Gebühren hoch sein. Es sind ja auch die Investitionen für die Gebäude, Geräte und Verwaltung der Hochschulen zu bezahlen. Zu einer Belastung für die Studierenden wird das dann nicht, wenn sie erst nach Aufnahme ihrer Beschäftigung herangezogen werden. Auch wer sich für eine brotlose Wissenschaft entschieden hat, muß sich nicht ängstigen. Da die Studiengebühren einkommensabhängig sind, geht man in diesem Fall frei aus.
Wie wird es heute gemacht? Genau so.
Das Erst-Studium ist zumindest dann frei, wenn es in der Regelzeit absolviert wird. Wer nach dem Examen verdient, zahlt Steuern. Diese werden unter anderem für die Hochschulfinanzierung ausgegeben. Arbeitslose Intellektuelle entrichten keine Einkommensteuer, sie haben ihr Studium also im doppelten Sinn umsonst gehabt.
Das jetzige System gilt als ungerecht, weil auch Nichtakademiker für anderer Leute Ausbildung mitbezahlen müssen. Sofern der erfolgreiche Besuch einer Universität ein besseres Einkommen verschafft, wäre Abhilfe geschaffen, wenn letzteres hoch besteuert würde. Das wäre aber dann schon wieder dasselbe wie eine nachgelagerte Studiengebühr.
Es gibt in der Bundesrepublik zwar eine Progressivsteuer, aber ihre Kurve ist nicht sehr steil. Stiege sie bei den höheren Einkommen stärker an, würde sie automatisch Studierte mit hohem Einkommen stärker belasten. Subventionierung durch Nichtakademiker träfe nur diejenigen, die ohne Universitätsbesuch auf die höheren Ränge gelangten. Das sind nicht sehr viele. Einige von ihnen haben dennoch Vorteile von der Wissenschaft: nämlich von den Kenntnissen ihres akademisch ausgebildeten Personals. Oder sie nutzen auf andere Art Know How, das auf Universitäten erzeugt wurde.
Die heutige Steuerpolitik geht in die umgekehrte Richtung: erstens grundsätzliche Senkung und zweitens Abflachung der Progression. Falls es stimmt, daß Akademiker im Schnitt besser verdienen, gehen sie dann in höherem Maße frei aus. Die Rückzahlung ihrer Studien-Kosten per Steuer erfolgt nur unzureichend.
Hier haben wir wahrscheinlich auch den Hauptgrund der gegenwärtigen Unerfinanzierung der Hochschulen. Sie erfolgte durch Steuern, aber es gab zwei Fehler:
- Erstens waren die Einnahmen so proportioniert, daß es ohnehin nicht reichte.
- Zweitens wurden die Ausgaben nicht in genügendem Maße in die Hochschulen gelenkt, sondern anderswohin.
Die projektierten Steuerreformen sollen die Einnahmen der Öffentlichen Hände senken. Außerdem werden die Staatsausgaben gekürzt, und zwar auch für die Universitäten. Die beiden Fehler werden also nicht beseitigt, sondern vergrößert.
Studiengebühren eignen sich zwar nicht zur Behebung des Problems, sie können aber davon ablenken.
Über die Logik der Privatisierung der Hochschulausbildung
Die Diskussion über Studiengebühren wird bislang nahezu ausschließlich fiskalisch oder moralisch geführt. Das trägt nicht weit. Sinnvoller wäre ihre politisch-ökonomische Erörterung. Sie soll im folgenden versucht werden.
Zwei Vorwände: Leere Kassen und Gerechtigkeit
Wenden wir uns zunächst aber noch einmal – zum Abgewöhnen – dem fiskalisch-moralischen Diskurs zu.
Er geht davon aus, daß die öffentlichen Kassen leer seien, weshalb der Staat nicht mehr so viel für die Universitäten tun könne wie bisher. Diese müssten deshalb mehr als bisher für sich selbst sorgen: durch Einwerben von Drittmitteln und durch Studiengebühren. Und wenn finanzkräftige Anleger Lust haben, eine Privat-Universität zu gründen, solle man sie ebenfalls nicht hindern.
Hier halten wir erst einmal ein und fragen, weshalb denn die öffentlichen Kassen leer sind.
Antwort: Es ist neoliberale Absicht. Die Lehre vom Schlanken Staat geht davon aus, daß der Reichtum der Gesellschaft in privater Hand zu verbleiben habe. Deshalb müssten die Steuern gesenkt werden, und das hat die rotgrüne Regierung ja fleißig getan. Wo weniger eingenommen wird, müssen Schulden gemacht und/oder die Ausgaben gekürzt werden, darunter auch die Aufwendungen für die Hochschulen. Allerdings sind die Öffentlichen Hände hier nicht durchgehend knauserig. Sie subventionieren nämlich die Privathochschulen. Nehmen wir zum Beispiel die Universität Witten-Herdecke. Als sie gegründet wurde, galt dies als Pioniertat hochherziger Anthroposophen, die den Staat nicht brauchen. Nachdem das Unternehmen in die Nahe der Pleite geraten war, hielt es gern die Hand auf, um sich mit öffentlichen Mitteln sanieren zu lassen. Oder denken wir an die Berufsakademie in Mannheim. Dorthin schicken Unternehmen ihren Nachwuchs, um sie zu Betriebswirten ausbilden zu lassen. Die Finanzierung erfolgt durch den Staat. VW hält sich eine Auto-Universität. Die wird von den Steuern abgesetzt, also vom Fiskus subventioniert.
Auf diese Erwägungen hört man in den Universitäten zuweilen die folgende Antwort:
Das sei ja alles nicht sehr schön, aber auch nicht zu ändern. Also müsse man in dem vorgegebenen Rahmen zurechtkommen, und da seien Studiengebühren sinnvoll.
Außerdem seien sie gerecht. Hochschulabsolvent(inn)en seien nämlich seltener von Arbeitslosigkeit betroffen als andere Leute, und sie verdienten im Schnitt mehr. Deshalb sollten sie für ihre Ausbildung, die ihnen solche Vorteile verschaffe, auch bezahlen.
Hiergegen ist einzuwenden, daß der gleiche Effekt durch eine Besteuerung erzielt werden kann, die die Besserverdienenden (zu denen Akademiker ja in überdurchschnittlichem Maß gehören) stärker heranzieht als bisher. Gerecht wäre das auch dadurch, daß nicht nur die Studierten abgeschöpft werden, sondern auch ihre Arbeitgeber, die sich deren wissenschaftlichen Kenntnisse und Fertigkeiten zunutze machen. Ein geeignetes zusätzliches Instrument wäre hier die Erhöhung der Unternehmens- und die Wiedereinführung der Vermögenssteuer.
Zum Gerechtigkeitsdiskurs gehört auch der Hinweis, daß für Kindergärten ja ebenfalls Gebühren erhoben werden. Da sei es nicht einsichtig, weshalb Studierende davon befreit sein sollten.
Dies ist tatsächlich ungerecht. Die solcherart geforderte Gleichheit ließe sich aber auch dadurch herstellen, daß die Kindergartengebühren ebenfalls aufgehoben werden.
Letztes Argument: Bezahlstudium sei dann akzeptabel, wenn das Geld in die Hochschulen fließt, die dann etwas Sinnvolles daraus machen.
Die Finanzminister der Länder sehen das oft anders. Mit den Gebühren, die jetzt schon Langzeitstudierende zahlen müssen, stopfen sie ihre Haushaltslöcher.
Aber wenn das Geld tatsächlich in den Hochschulen bliebe – wäre dann nicht alles gut?
Damit kommen wir zum zweiten Teil unserer Überlegungen.
Wissenschafts-Kapitalismus
Vor längerer Zeit veröffentlichte der Chefredakteur der „Wirtschaftswoche“, Baron, folgenden Vorschlag:
Man solle Universitäten als profitable Unternehmen konzipieren. In den USA gebe es das ja auch, da hätten einige Hochschulen Milliarden-Etats. Diese füllen sie mit der Einwerbung von Drittmitteln für Auftragsforschung und mit Studiengebühren.
Der Vorschlag passt zur neueren Gesetzgebung in mehreren Bundesländern, die es den Öffentlichen Händen untersagt, auf dem Markt Güter und Dienstleistungen anzubieten, wenn diese auch von Privatunternehmen verkauft werden können. In Hessen ist man gerade dabei, dies im Hochschulbereich anzuwenden. Die Klinika von Gießen und Marburg sollen an private Betreiber verkauft werden.
Unschwer läßt sich vorstellen, daß dies auch mit den anderen Fachbereichen geschehen kann, wenn sie denn Abnehmer finden. Als sinnvoll betriebene Wissenschaft gilt dann nur noch, was sich bezahlt macht. Universitäten konkurrieren um finanzkräftige Studienbewerber(innen). Auch wenn diese nicht talentiert sind, werden sie genommen: falls sie nämlich genug Geld mitbringen. Arme Hochbegabte werden damit nicht unbedingt ausgeschlossen. Sie können Stipendien erhalten, die aus den Studiengebühren und Drittmitteln abgezweigt werden. Damit steigen sie in eine Klasse auf, die ihnen bisher verschlossen war.
Klar ist natürlich, daß solcherart finanzierte Universitäten nur einer kleinen Schicht etwas nützen: sie sind Unternehmen mit einem kapitalistischen Eigeninteresse und verkaufen wissenschaftliche Dienstleistungen an andere Betriebe sowie Privatpersonen. Der Staat bleibt als Auftrags- und Subventionsgeber mit im Geschäft. Das Ergebnis ist ein wissenschaftlich-industrieller Komplex, den die Mehrheit der Bevölkerung nur in dem Maße interessiert, als sie ihrerseits zahlungskräftig genug ist, um als seine Kundschaft aufzutreten.
Dieses Modell ist von eindrucksvoller Geschlossenheit. Tatsächlich ist ja nicht einzusehen, weshalb ausgerechnet im totalitären Neoliberalismus Universitäten marktfreie Inseln bleiben sollten.
Egalität im Bildungswesen ist eine kostensparende Ressource
In den PISA-Untersuchungen schneiden die skandinavischen Staaten und das baltische Finnland immer besser ab als Deutschland. Ihre Bildungssysteme sind egalitär und gut finanziert. Warum werden sie in der Bundesrepublik nicht übernommen?
Antwort: Es ist zu teuer, und jetzt ist es zu spät, das wohlfeiler zu haben.
Die Bildungssysteme dieser nordischen Staaten sind über hundert Jahre alt. Für sie wird zwar von jeher viel Geld ausgegeben, aber es sind keine dramatischen Steigerungen, die den Staatsetat überfordern würden, erforderlich.
Die Egalität ist dort nämlich eine kostensparende Ressource. Da vom Kindergarten an die Heranwachsenden gefördert werden, gibt es kaum sozial verursachte Leistungsdiskrepanzen zwischen ihnen, also sind keine Kompensationsmaßnahmen nötig, um annähernde Gleichheit herzustellen. Gewiß gibt es Begabungsunterschiede, da sie aber nicht durch die Differenzen in der finanziellen Ausstattung aufgrund der Herkunft noch verschärft werden, gibt es für die Eltern besonders leistungsstarker Kinder keinen Anlaß, diese aus der Gemeinschaftsschule herauszunehmen und auf Spezialinstitute zu schicken.
Wenn Deutschland hier aufholen wollte, reichte es jetzt nicht mehr, das dreigliedrige Schulsystem aufzugeben. Zugleich wären kompensatorische Maßnahmen nötig, um die schon bestehenden Unterschiede nach oben hin auszugleichen. In den Schulen, die von Migrantenkindern besucht werden, müssten die Anstrengungen besonders groß sein. Da die Zuwanderung in den skandinavischen Staaten und Finnland geringer ist, sind diese Zusatzausgaben dort nicht nötig. Rassisten sollten sich über dieses Argument nicht zu früh freuen: Die Arbeitsmigration hat das Sozialprodukt in der Bundesrepublik seit 1955 enorm in die Höhe getrieben. Man hat diesen Zuwachs aber anderweitig verfrühstückt, anstatt mit ihm ein egalitäres Bildungssystem aufzubauen.
Weil man das damals versäumt hat, sind die Löcher heute so tief, daß es wirklich enorm teuer würde, sie auszugleichen. Deshalb werden insbesondere die Finanzminister den Fortbestand der gegenwärtigen Ungleichheit vorziehen. Wenn oben Spitzenleistungen gebraucht werden, hilft man sich mit selektiver Förderung, und für den größeren Rest unten wird man etwas mehr Polizei brauchen.
Mag sein, daß sich das rechnet.
Die gegenwärtige Diskussion über das Kindergeld könnte Anlaß sein, sich über den Umfang einer Aufgabe klar zu werden, die durch den bisherigen Verlauf eher verdeckt als wirklich besprochen wurde.
Wenn gefordert wird, weniger Geld in die Privathaushalte fließen zu lassen und es stattdessen in die Vorschulerziehung zu stecken – wäre das nicht ein Schritt auf einem Weg, den die skandinavischen Staaten und das baltische Finnland schon lange gegangen sind? Ihre Bildungssysteme sind gut finanziert. Warum wurden sie in der Bundesrepublik bisher nicht übernommen?
Antwort: Es ist zu teuer, und jetzt ist es zu spät, das wohlfeiler zu haben.
Die Bildungssysteme dieser nordischen Staaten sind über hundert Jahre alt. Für sie wird zwar von jeher viel Geld ausgegeben, aber es sind keine dramatischen Steigerungen, die den Staatsetat überfordern würden, erforderlich.
Die Egalität ist dort nämlich eine kostensparende Ressource. Da vom Kindergarten an die Heranwachsenden gefördert werden, gibt es kaum sozial verursachte Leistungsdiskrepanzen zwischen ihnen, also sind keine Kompensationsmaßnahmen nötig, um annähernde Gleichheit herzustellen. Gewiß gibt es Begabungsunterschiede, da sie aber nicht durch die Differenzen in der finanziellen Ausstattung aufgrund der Herkunft noch verschärft werden, haben die Eltern besonders leistungsstarker Kinder keinen Anlaß, diese aus der Gemeinschaftsschule herauszunehmen und auf Spezialinstitute zu schicken.
Wenn Deutschland hier aufholen wollte, reichte es jetzt nicht mehr, das dreigliedrige Schulsystem aufzugeben und ein bisschen Kindergeld umzulenken. Zugleich wären kompensatorische Maßnahmen nötig, um die schon bestehenden Unterschiede nach oben hin auszugleichen. In den Schulen, die von Migrantenkindern besucht werden, müssten die Anstrengungen besonders groß sein. Rassisten sollten sich über dieses Argument nicht zu früh freuen: Die Arbeitsmigration hat das Sozialprodukt in der Bundesrepublik seit 1955 enorm in die Höhe getrieben. Man hat diesen Zuwachs aber anderweitig verfrühstückt, anstatt mit ihm ein egalitäres Bildungssystem aufzubauen.
Weil man das damals versäumt hat, sind die Löcher heute so tief, daß es wirklich enorm aufwendig würde, sie auszugleichen. Deshalb werden insbesondere die Finanzminister den Fortbestand der gegenwärtigen Ungleichheit vorziehen. Der Vorschlag, das Kindergeld zu kürzen, geht schon wieder in diese Richtung. Da es einkommens-unabhängig ist, macht es einen höheren Anteil an einem kleinen Familienbudget aus als an einem großen. Insofern hat es sogar eine – minimale– Umverteilungskomponente. Der Steuerfreibetrag für Eltern dagegen begünstigt die Besserverdienenden.
Ökonomie und Geisteswissenschaften
Die Finanzkrise der Universitäten ist in eine Teilkrise. Sie trifft die Geisteswissenschaften und diejenigen Sozialwissenschaften, die sich geisteswissenschaftlicher Methoden bedienen, nicht die technischen und die meisten naturwissenschaftlichen Disziplinen und die verschiedenen Betriebswirtschaftslehren. Denen hilft der unmittelbare Tansfer zu den Unternehmen. Die kapitalistischen Think Tanks müssen sich um all dies nicht mehr sehr kümmern. Ihre Ressourcen können sie deshalb auf ausgewählte Bereiche der Geistes- und Sozialwissenschaften zwecks Organisation von Hegemonie konzentrieren. Das kostet nicht viel. Als Grenzfall erscheint die Medizin insofern, als die Universitätskliniken von der Finanznot der gesetzlichen Krankenkassen betroffen sind. Ihre mit der Pharma- und Geräteindustrie verbundene angewandte Forschung steht ähnlich gut da wie die Ingenieurdisziplinen.
Die gegenwärtige Unterfinanzierung der Geistes- und der geisteswissenschaftlich betriebenen Sozialwissenschaften in der Breite folgt demselben Nutzenkalkül, dem sich ihre einstige Förderung im neunzehnten Jahrhundert und in der ersten Hälfte des zwanzigsten verdankt. Muttersprachliche Philologie und Geschichte standen im Dienst von Nationwerdung oder (wo diese schon erfolgt war) nationaler Selbstbehauptung, später auch im imperialistischen Kontext, der zum Beispiel die Völkerkunde und Teile der Anthropologie begünstigte. Altsprachliche Bildung und Philosophie bezweckte Distinktion einer mittelbürgerlichen Schicht nach unten und oben. Sie waren letztlich einer – im Vergleich zu heute – schmalen Schicht vorbehalten, die über Schulgeld und Studiengebühren für Abgrenzung sorgte.
Die Zwecke, denen Geistes- und geisteswissenschaftliche Sozialwissenschaften bis Mitte des 20. Jahrhunderts dienten, sind heute teilweise entfallen. Mit der gebührenfreien Öffnung von Gymnasien und Universitäten verloren sie ihre Distinktionsfunktion und verursachten zugleich Kosten, die nun als Luxusaufwendungen erscheinen.
Vom Schicksal der sogenannten kritischen Wissenschaften ist ohnehin zu schweigen, da keiner herrschenden Klasse zuzumuten ist, daß sie für das aufkommt, was sie in Frage stellt.
Brain Drain und internationale Arbeitsteilung
Immer wieder wird behauptet, einfache Handarbeit sei inzwischen so teuer geworden, daß sie in andere Länder vergeben werden müsse.
Kürzlich kam eine neue Meldung: auch die Industrie-Forschung wandere aus. In Schwellen- und Entwicklungsländern fänden sich genügend viele Naturwissenschaftler und Ingenieure, um für einen Bruchteil des in der Bundesrepublik Üblichen die gewünschten Leistungen zu erbringen.
Sollen jetzt auch die Gehälter von Physikern und Chemikern gedrückt werden? Ein anderer Weg wäre die Verbesserung des Schulunterrichts in Mathematik und in den naturwissenschaftlichen Fächern.
Betriebswirte werden fragen: Wozu der Aufwand? Wenn ein Unternehmen sich Know How im Ausland besorgen kann, rechnet es sich nicht, die Steuern zu erhöhen, um die Schulen zu verbessern.
Auch nach diesem Kalkül soll in die Bildungs-Infrastruktur investiert werden, aber nicht durch Ausweitung, sondern durch Konzentration. Gezielte Förderung von Elite-Universitäten und –instituten kann diese für den besten wissenschaftlichen Nachwuchs aus aller Welt attraktiv machen. Ihre Grundausbildung erhalten diese Hochbegabten in ihren Heimatländern.
Universitäten in der Bundesrepublik selbst sind nach diesen Vorstellungen nicht überflüssig. Sie kosten allerdings weniger als heute. Mehr noch: Werden sie als Unternehmen geführt, können sie sogar Gewinne erwirtschaften, und dies auf zwei Wegen.
Durch Studiengebühren erzielen sie Einnahmen. Wer diese nicht bezahlen kann, muß besonders talentiert sein und bekommt ein Stipendium. Dieses wird teils von den Studiengebühren, teils vom Staat oder durch Drittmittel von Sponsoren finanziert. Diese Mäzene können wir zugleich als die Abnehmer hochwertiger Forschungsergebnisse der Universitäten vorstellen.
Naturwissenschaft und Technik haben viel mit Arbeit zu tun. Es gibt andere, sogar lukrativere Tätigkeiten. Wer sie wahrnimmt, ist mit der Verteilung des gesellschaftlichen Reichtums beschäftigt, arbeitet den Machtapparaten zu und wirkt durch Interpretation der Gesellschaft daran mit, daß Herrschaft vernünftig erscheint und dynamisch optimiert wird. Man kann da sogar Geistes- und Sozialwissenschaftler gebrauchen.
Ein solches Modell stellt eine in sich stimmige Marktwirtschaft für Wissenschaft und Forschung dar. Zugleich liegt hierin seine Schwäche: Es ist hermetisch. Seine Akteure sind finanzkräftige Auftraggeber, politische Eliten, kapitalistisch verwert- oder zumindest neutralisierbare Professoren und Studierende, insgesamt also eine Minderheit. Unklar bleibt, welchen Beitrag ein solches Arrangement zur Verbesserung der Arbeits- und Lebensbedingungen der Mehrheit – national oder global – zu erbringen vermag.
Über den angeblichen Zusammenhang von Bildung und Beschäftigung
Häufig ist zu hören, durch kräftige Investitionen in Bildung und Forschung könne Wachstum und Beschäftigung gefördert werden. Ziel sei die „Wissensgesellschaft“.
Daran ist folgendes zutreffend:
Alle Menschen sollten die gleiche Möglichkeit haben, ihr Wissen auf hohem Niveau zu bereichern und ihre intellektuellen Fähigkeiten zu entwickeln. Das ist eine normative Forderung, die im übrigen auch in Artikel zwei des Grundgesetze eingeschlossen ist: freie Entfaltung dessen, was dort etwas unklar als „Persönlichkeit“ bezeichnet wird.
Unbestritten ist überdies, daß die Ergebnisse von Wissenschaft, Technik und Medizin das Leben der Menschen verlängern, erleichtern und bereichern können.
Mit mehr Beschäftigung hat das alles aber zunächst nichts zu tun, zumindest nicht im Selbstlauf. Prozessinnovation (= Steigerung der Produktivität) kann Jobs kosten, wenn nicht zugleich die Arbeitszeit gesenkt wird. (Wird sie verlängert, weist dies auf Defizite an ökonomischem oder technologischem Wissen hin.) Durchsetzung neuer Produkte schafft Arbeitsplätze und beseitigt zugleich Stellen in den herkömmlichen Industrien. Beides kennzeichnete den Durchbruch der Informationstechnologie in den achtziger und neunziger Jahren.
Richtig ist, daß Investitionen für Forschung und Bildung Jobs in diesen Bereichen selbst schaffen und daß die Einkommen, die dort erzielt werden, weitere Nachfrage erzeugen. Ein solcher Effekt könnte allerdings auch in anderen Branchen – Gesundheitswesen, Rüstung, Unterhaltung – erzielt werden.
Wer besser ausgebildet ist, hat einen Wettbewerbsvorteil auf dem Arbeitsmarkt. Das heißt aber auch: er (oder sie) kann andere überholen, die den begehrten Job dann eben nicht bekommen. Sind beide gleich gut und bleibt das Angebot an Arbeitsplätzen unverändert, gibt es einen Gewinner und einen Verlierer.
Viele Erfindungen haben in der Geschichte jahrzehnte-, ja auch einmal ein Jahrhundert lang brach gelegen, weil die Gesellschaft noch nicht reif für sie war. Es fehlte die Nachfrage.
Es wird behauptet, eine hochentwickelte Wissensgesellschaft sei ein guter Standort im internationalen Wettbewerb. Das sagt – für sich genommen – wiederum nichts über die Arbeitsplätze aus. Es kann nämlich auch bedeuten: Forcierung des Exports bei Vernachlässigung der Binnen-Nachfrage, Braindrain durch Anwerbung höchstqualifizierter Arbeitskräfte aus anderen Ländern und gleichzeitige Kürzung von Ausgaben für die Massen-Ausbildung. Die USA haben die leistungsfähigsten Labors und einige Hochschulen, die weltweit die Qualifiziertesten anziehen. Zugleich gibt es dort ein starkes Bildungsgefälle, und die Arbeitsmarktdaten dieses Landes – sie sollen hier nicht weiter kommentiert werden – sind das Ergebnis von Wirtschafts-, nicht von Wissenschaftspolitik.
Anders sieht es aus, wenn man nicht nur an Hochtechnologie und Eliteförderung denkt, sondern an ein Bildungswesen, das – von der Vorschulerziehung an – alle Gesellschaftsmitglieder gut ausstattet. Allerdings müssen diese anschließend auch Arbeit finden, sonst wandern sie ab oder verlieren jede Motivation. Eine solche Bildungspolitik ist langfristig ökonomisch sinnvoll, aber unvereinbar mit dem Versuch, sogenannte Standortvorteile durch Sparen an der Infrastruktur (auch für Schulen und Universitäten) zu erringen. Es handelt sich also um zwei grundverschiedene Strategien, die beide mit demselben Schlagwort: „Wissensgesellschaft“ gekennzeichnet werden.
Soll in Bildung und Forschung möglichst viel investiert werden? Ja. Entstehen dadurch mehr Arbeitsplätze als bisher? Nicht unbedingt, sondern nur dann, wenn zugleich eine wirtschaftspolitische Anstrengung unternommen wird, die Beides zusammenbringt. Was ist nötig, um eine solche Lösung zu finden? Ziemlich viel Wissenschaft.
Zur politischen Ökonomie der Wissenschaftsfinanzierung ??
Seziertisch 30
Lehrstellen-Arbeitslosigkeit
Wie viel nützt eine Ausbildungs-Abgabe?
Die Bundesregierung hat sich vorgenommen, Unternehmen, die nicht ausbilden, mit einer Abgabe zu belegen.
Gehen wir einmal davon aus, es sei keine symbolische Gestikulation zur Besänftigung der eigenen Rest-Klientel. Dann sollte Folgendes bedacht werden:
Der Arbeitsmarkt ist die unabhängige Variable, der Lehrstellenmarkt die abhängige.
Der Idee nach gibt es in der Bundesrepublik das sogenannte Duale System: Staat und gewerbliche Wirtschaft sollen paritätisch die Qualifizierung gewährleisten – betriebliche Praxis plus Berufsschule.
Das Interesse der Industrie an Lehrlingen ist aber aus dem gleichen Grund geschwunden, aus dem sie Jobs abbaut. In der Logik der Kostensenkung soll Arbeitskraft nicht ausgebildet, sondern eingespart werden. Lehrwerkstätten sind keine Profit-Center und geraten bei den häufigen Identitätswechseln von Firmen – Outsourcing, Fusionen, Übernahmen, von Insolvenzen gar nicht erst zu reden – schnell auf die Streich-Liste.
Es ist wie bei anderen paritätischen Regelungen (Finanzierung der Renten-, der Kranken- und der Arbeitslosenversicherung) auch: die Arbeitgeberseite nutzt ihre zur Zeit starke Stellung für einen kostengünstigen Rückzug. Wo früher Lehrstellen waren, gibt es heute oft nur noch Praktikumsplätze.
In der Lücke, die von der gewerblichen Wirtschaft gerissen wird, entsteht einerseits Jugendarbeitslosigkeit, andererseits muß die Öffentliche Hand aushelfen, zum Beispiel durch überbetriebliche Ausbildungszentren.
Beim Handwerk ist es auf den ersten Blick etwas besser. Dort wird noch mehr ausgebildet. Nun hat allerdings die Bundesregierung die Zahl der Gewerke mit Meisterzwang eingeschränkt. Wenn daraufhin neue Betriebe in deren Marktsegment eintreten, werden sie weniger Lehrstellen anbieten. Ohnehin schließen immer wieder Meisterfirmen. Wo die Chancen auf eine künftige Beschäftigung schlecht sind, bleiben auch mal Lehrstellen unbesetzt. Häufiger werden, weil nichts Anderes zu haben ist, Ausbildungsplätze mit wenig Aussicht genommen. Dann entsteht drei Jahre später ein neues Problem.
In der Ausbildung kann wieder einmal die Klassenspaltung besichtigt werden. Wer Abitur hat, kommt zwar nicht immer, aber mehrheitlich aus bürgerlichen Familien. Das Grundgesetz garantiert hier eine besondere Ausbildung: in den Hochschulen. Aus verfassungsrechtlichen Gründen werden Studiengebühren zumindest in den ersten drei Jahren – bis zum Bachelor – nicht flächendeckend eingeführt werden können.
Das heißt: Für die Mittel- und Oberschicht gibt es kein Ausbildungsplatzproblem, für die unteren Einkommensgruppen aber schon.
Gilt irgendwann einmal der numerus clausus an allen Hochschulen und für sämtliche Fächer (Kostensenkung!), ist sozusagen negative Gleichheit hergestellt. Auch Abiturient(inn)en haben dann keine Garantie mehr. Sie werden auf Lehrstellen ausweichen wollen, und die werden somit noch knapper.
Soll die Ausbildungsplatz-Abgabe wirken, müßte sie hoch sein. Es wird dann für die Unternehmen teuer, wenn sie keine Lehrstellen anbieten. Das wird ein schöner Klassenkampf werden.
Oder man riskiert weniger und erhebt nur eine moderate Abgabe. Dann kaufen sich die Betriebe frei, es entstehen keine neuen Lehrstellen (vielleicht sogar weniger), aber gefüllte Sonderkassen. Mit ihnen können ausbildende Firmen gefördert oder überbetriebliche Lehrwerkstätten eingerichtet werden. Das heißt: der Staat reagiert als Lückenbüßer auf Marktversagen – wie bisher ja auch schon. Finden die solcherart Ausgebildeten keinen Job, wird Ursachenverkehrung betrieben: Politikversagen. Es sei am Markt vorbeiproduziert worden.
Wann wird es mehr Ausbildungsplätze geben? Dann, wenn zugleich die Voraussetzung des gegenwärtigen Lehrstellenmangels korrigiert wird: ein Wirtschaftstypus, in dem die Einsparung von Arbeitskraft alleiniges Erfolgskriterium ist.
Breiten- und/oder Spitzenförderung in der Wissenschaft?
Der Bundeskanzler setzt sich für die Schaffung von Spitzenuniversitäten ein. Vorbild sind die USA. In diesem Zusammenhang wird auf den Brain Drain verwiesen: Abwanderung von Spitzenwissenschaftlern in die Vereinigten Staaten.
Zugleich weiß man, daß in diesem so gern aufgesuchten Land große Teile des öffentlichen Bildungswesens unterfinanziert sind, vor allen im Schulbereich.
Wie passt das zusammen?
Die Antwort: Ein Brain Drain in die USA findet nicht nur an der Spitze statt, sondern auch an der Basis. Es ist ein Einwanderungsland. Jahre für Jahr kommen gut ausgebildete Menschen dorthin, nicht nur Wissenschaftler. Sie werden teilweise sogar nach ihrer Qualifikation rekrutiert. Sogenanntes Humankapital fließt aus anderen Ländern in die USA. Investitionen in die Grundausstattung werden so gespart. Sie können in die Spitze umgelenkt werden, und insgesamt ist es immer noch billiger.
In der Bundesrepublik gab es einmal eine ähnliche Situation: bis 1961. Aus der DDR kamen Facharbeiter und Abiturienten. Deshalb mußte zunächst für Schulen nicht viel ausgegeben werden. Nach dem Mauerbau allerdings wurde eine „Bildungskatastrophe“ ausgerufen. Jetzt wurden neue Schulen gebaut, Universitäten gegründet oder besser ausgestattet.
Mitte der siebziger Jahre ging das Geld dafür aus.
Doch nach dem Mauerfall und nach der Öffnung der osteuropäischen Staaten kam eine unerhoffte Abhilfe. Insbesondere mit den deutschsprachigen Aussiedlern aus der ehemaligen Sowjetunion erfolgte ein neuer Brain Drain. Er findet ebenfalls vor allem unten statt, nicht oben: in den Labors und Krankenhäusern arbeiten Akademikerinnen und Akademiker, die ihre Ausbildung in Rußland und anderen Ländern der früheren UdSSR erhalten haben. Viele müssen ihre Laufbahn fast von vorn wieder anfangen. Selbst im Pflegebereich finden sich umgeschulte Medizinerinnen (die natürlich nicht mehr viel hinzulernen müssen).
Hinzukommen die Kinder aus Migrantenfamilien. Sie gingen allerdings schon auf Schulen in der Bundesrepublik und gelten da oft als „Problemfälle“. Der Grund liegt darin, daß hier nicht genügend in ihre Integration und in die – vor allem sprachliche – Kompensation investiert wurde. Wer aber genauer in die Universitäten hineinsieht, merkt: Unter den ambitioniertesten Studierenden sind auffallend viele junge Leute aus der zweiten oder dritten Generation von Gastarbeitern. Sie nutzen eine Chance, so schmal sie auch sein mag, und ihre Motivation ist oft höher als die ihrer Kommilitonen mit älterer deutscher Paßtradition.
Die Osterweiterung der EU wird noch einmal den Brain Drain in das – formelle oder informelle – Kerneuropa erleichtern. Das ist ein volkswirtschaftlicher Glücksfall: (Human-)Kapital wird gebildet, ohne daß vorher groß investiert werden muß. So mag die Idee aufgekommen sein, man könne sich jetzt eine Elite-Universität leisten, und dann sei man schon Amerika.
Die Sache hat also ihre Logik. Es ist anzunehmen, daß das Bildungswesen in der Breite weiterhin finanziell vernachlässigt wird, während zugleich Investitionen in Bereiche getätigt werden, die betriebswirtschaftlich besonders gewünscht sind oder sonst wie etwa hermachen.
Vielleicht sollte man einmal darüber nachdenken, was man mit den Elite-Universitäten eigentlich will. Möchte man von ihnen einen schnelleren Transfer zwischen Wissenschaft und Industrie, sollte man sich den aktuellen Stand einmal ansehen. Man wird feststellen: an Technischen Hochschulen, Medizinischen Fakultäten, aber auch an vielen Fachhochschulen gibt es das schon längst. Harvard, Stanford, Princeton sowie – in Großbritannien – Cambridge und Oxford glänzen nicht durch schnelle Verwertung von Wissen, sondern in der Grundlagenforschung und manchmal sogar brotlos scheinenden Disziplinen.
Was will man also? Sparen mit schäbiger Eleganz.