Gebrauchsanweisung

Die hier gesammelten Texte sind Kommentare zur jeweils aktuellen Wirtschaftspolitik seit 2003 mit dem Anspruch, wirtschaftstheoretische Ansichten zu überprüfen. Sie erschienen im „Forum Wissenschaft“, im „Freitag“, in der „Frankfurter Rundschau“, in „Jungle World“ und „Konkret“. Der Kommentar zum Lohnabschluß bei Opel wurde vom Hessischen Rundfunk gesendet. Anderes wurde zwar aus jeweils aktuellem Anlass geschrieben, aber nicht zur Veröffentlichung angeboten.
Die Kombination aus Tagespolitik und Grundsätzlichem könnte die Lektüre erschweren. Oft ist der Anlass wohl so lange vorbei, dass er nicht mehr erkennbar ist. In wenigen Fällen habe ich den aktuellen Bezug gestrichen, meist blieb er. Die Leserinnen und Leser werden in den letzteren Fällen selbst beurteilen, ob sie noch etwas mit dem Schnee von gestern anfangen können.

Georg Fülberth

 

aktuell

Seziertisch 147

Aktuell aus Lunapark21 Heft 9 (Frühjahr 2010)

CD des Monats

Ein Dieb, Hehler oder Erpresser hat den deutschen Behörden für einen Millionenbetrag eine CD angeboten, auf der die Namen von reichen deutschen Steuerhinterziehern und der Beweis für ihr Delikt zu finden sind.
Die Juristen streiten: Eigentumsdelikt gegen Steuerhinterziehung.

Heribert Prantl von der „Süddeutschen Zeitung“ weist nach, dass die Nebenwirkungen des Angebots größer sein könnten als der unmittelbare Ertrag des Deals: Wer sich vor seiner Enttarnung selbst anzeigt, muss zwar nachzahlen und einen Hinterziehungszins entrichten, bleibt aber straflos. Es könnte sein, dass sich viele Delinquenten sicherheitshalber jetzt melden, obwohl sie auf der CD gar nicht verzeichnet sind. Der Algorithmus, der von ihnen jetzt angewandt wird, stammt aus der Versicherungsmathematik, und da kennen sich zumindest ihre Steuerberater ohnehin aus: Wer sich jetzt nicht meldet, kann entweder alles, was er beiseite geschafft hat, behalten oder mehr als das verlieren: Die verschobene Summe ist weg, hinzu kommt eine hohe Geldstrafe, im Extremfall wohl sogar (wenngleich unwahrscheinlich) der Knast. Damit sind wir aber auf einem alt vertrauten Gelände: im Casino-Kapitalismus. Beim Umgang mit der Justiz geht es hier zu wie an der Börse. Es wird wohl überdies noch Haupt- und Nebengeschäfte geben. Der CD-Anbieter könnte sich, bevor er die Scheibe ausliefert, die eine oder andere Löschung teuer bezahlen lassen.

Nationalistische Nebengeräusche sind zu vernachlässigen, aber durchaus hörbar. In der Schweiz drohte die mittlerweile stärkste Partei damit, dass die Adressen von deutschen Politikern herausgegeben werden könnten, die in diesem Land schwarze Konten unterhielten. Das chauvinistische und populistische Ressentiment – nämlich gegen die „Schwoba“ (= Deutschen) und irgendwie auch die da oben – enthält ein Stück wirtschaftspolitische Rationalität. Es gilt den Bankplatz Schweiz zu verteidigen. Schrecken die Deutschen zurück, ist er wieder sicher. Die Affäre könnte letzten Endes nach rechts losgehen, und zwar im populistischen und zugleich im marktradikalen Sinn.

Populistisch: die Reichen seien Verbrecher und irgendwie steckten auch die Politiker mit ihnen unter derselben Decke – zumindest diejenigen, die vor dem Kauf der CD gewarnt haben. Dass die Kanzlerin
sich für den Handel entschied, rettet sie nicht unbedingt vor dem Stammtisch- Vorurteil, welches befindet: sie habe sich eben dem Volksempfinden beugen müssen.

Marktradikal: Guido Westerwelle erklärte, die Sache sei nicht gut. Er wagt sich vielleicht deshalb halb aus der Deckung, weil hier ein Argument für seine flat-tax- Ideologie herausspringen könne. Wenn die Menschen zu wenig Brutto vom Netto erhielten, dann neigten sie eben dazu, Steuern zu hinterziehen. Also müssten diese gesenkt werden. Permissivität schützt vor Straffälligkeit.

Hilflos ist der Vorschlag, es müssten Schlupflöcher verstopft werden. Dies wäre u.a. der Job von Steuerfahndern. Sie unterstehen Finanzministern, deren Parteischatzmeister Schmier- und Schwarzgeld kassiert und auf Liechtensteiner Konten verschoben haben. Effiziente Beamte wurden in Hessen mit der Behauptung zwangspensioniert, sie seien Psychopathen. Über die Schließung von Schlupflöchern durch Gesetzgebung braucht man sich danach überhaupt keine Gedanken mehr zu machen.

Radikale Keynesianer könnten eine internationale, ja globale Steuerharmonisierung mit scharfer Progression fordern. Die schützt überhaupt nicht vor Hinterziehung. Betrug ist auch auf jedem Binnenmarkt möglich. Tatsächlich wird die Verfolgung von so genannten Steuersündern sogar von einem Bundesland zum anderen verschiedenartig gehandhabt.

Das Spektakel um die CD lenkt von der wichtigsten Frage ab, nämlich: Wie sind denn die riesigen Reichtümer entstanden, die vor dem Fiskus versteckt werden? Die Steuerhinterziehung ist ihre Folge, nicht ihre Ursache. Vorangegangen aber sind Profitmaximierung und Akkumulation des Kapitals, Ausbeutung der Arbeitskraft. Wer diese abschafft, nimmt sich unter den gegenwärtigen Machtverhältnissen vielleicht zu viel vor und könnte sich nach erfolgter Tat neue, andere Probleme einhandeln. Von Steuerhinterziehung könnte dann aber nicht mehr die Rede sein.
Doch wen interessiert das?