Schlafwandler?!

Die Europawahlen und der Erste Weltkrieg
Thomas Kuczynski. Lunapark21 – Heft 25

Der australische Historiker Christopher Clark hat in einem voluminösen Band von fast 900 Seiten nachzuweisen versucht, dass die europäischen Nationen wie die Schlafwandler in den Ersten Weltkrieg gezogen sind. Sicherlich, dass der Krieg sich über fast fünf Jahre hinziehen und Abermillionen Opfer kosten würde, das hatten sich die herrschenden Klassen in Europa anders vorgestellt, eher an einen Herbstspaziergang gedacht, von dem die Soldaten (sofern sie denn überlebten!) „spätestens zu Weihnachten“ nach Hause zurückgekehrt sein würden.

Ebenso wenig hatten sie damit gerechnet, dass der europäische Krieg durch den Eintritt der USA eine Wende nehmen, dadurch zum Weltkrieg mutieren und die USA als eine weltpolitische Macht etablieren würde – gar nicht zu reden von dem furchtbaren „Betriebsunfall“ der Oktoberrevolution in Russland.
Clark interessiert sich nach eigenem Bekunden weniger für die Frage nach dem Warum und mehr für die nach dem Wie. Ihn interessiert, wie man in das Desaster „hineinschlitterte“ und nicht warum. Das ist bei einem solch umfangreichen Wälzer schon erstaunlich, denn Ursachenforschung ist im Grunde das eigentliche Handwerk des Historikers. Die Suche nach dem Wie führt ihn aber mit „schlafwandlerischer“ Sicherheit dazu, die wahren Schuldigen an dem Desaster zu benennen, die Serben und die Russen. Und da er sich nicht scheut, ganz explizit eine Linie von Sarajewo bis Srebrenica zu ziehen, „fühlt man Absicht, und man ist verstimmt“, dies zumindest; dasselbe gilt für die das Buch durchziehende Russophobie, der selbst Putins Russland mit seinen Ärgernissen keinen Anlass bietet.

Dass der Krieg schon seit Langem im Anzug war und, wie Rosa Luxemburg 1915 schrieb, seit 1905 fünfmal um ein Haar hätte ausbrechen können (Werke, Bd. 5, S. 106), davon findet sich kein Wort. Ebenso wenig ein solcher, relativ nüchterner Rückblick wie der des Sozialdemokraten Wladimir Woytinsky: „Die Widersprüche des Kapitalismus haben sich noch rascher entwickelt als die Kräfte des Proletariats. Der Kampf … um die Märkte, um den ‚Platz an der Sonne‘, um die Weltherrschaft, hatte jene Schärfe erlangt, wo die Kanonen schließlich zu sprechen begannen. Die herrschenden Klassen haben einen Versuch unternommen, alle strittigen Probleme auf ihre Weise, mit Hilfe ihrer Methoden zu lösen. Die Rechnung für dieses Unternehmen mussten die Völker bezahlen.“[*] Statt die objektiven Ursachen des Krieges in den objektiven Widersprüchen der kapitalistischen Produktionsweise und ihren damaligen Erscheinungsformen zu untersuchen und aufzufinden, werden auch von Clark weiterhin temporäre Anlässe gesucht und schuldige Subjekte gefunden. Dass er dabei interessante Beobachtungen macht und gefällig zu formulieren versteht, sei nicht verschwiegen.
Als aus dem Krieg zu ziehende Lehre forderte der Erzrealist Lenin: „Man muss den Leuten die reale Situation erklären, wie groß das Geheimnis ist, in dem der Krieg geboren wird, und wie hilflos die gewöhnliche Organisation der Arbeiter, auch wenn sie sich als revolutionäre Organisation bezeichnet, angesichts eines tatsächlich heraufziehenden Krieges ist. … Man muss insbesondere die Bedeutung des Umstands erklären, dass die ‚Vaterlandsverteidigung‘ zu einer unvermeidlichen Frage wird, die die gewaltige Mehrheit der Werktätigen unvermeidlich zugunsten ihrer Bourgeoisie entscheiden wird.“ (Werke, Bd. 33, S. 433/34.)

Es ist wichtig, sich dieser Einsicht zu erinnern, denn nach einem vor zwölf Jahren ausgesprochenen Wort des damaligen Kriegsministers Peter Struck wird „die Sicherheit Deutschlands auch am Hindukusch verteidigt“. Daran hat sich bis heute nichts geändert (so viel zum Erfolg imperialistischer „Befriedungsaktionen“), und inzwischen sind einige weitere Länder in Asien und in Afrika hinzugekommen, wo „die Sicherheit Deutschlands verteidigt“ wird. Auf der Münchner „Sicherheitskonferenz“ meinte der Bundespräsident (Joachim Gauck), Deutschland müsse eine weitaus aktivere Rolle in der globalen Sicherheitspolitik übernehmen als bisher. Alle diese Tatsachen sind bekannt, aber sie werden von der großen Masse der Bevölkerung (der „gewaltigen Mehrheit der Werktätigen“) widerspruchslos hingenommen, geradezu uninteressiert, denn die Kriege finden weit draußen statt, eben in Afrika und Asien. Und dass nun schon am Rande der EU, in der Ukraine und in Bosnien-Herzegowina, nahezu bürgerkriegsähnliche Zustände herrschen, die Kriegsgefahr also näher rückt, auch das wird zumeist verdrängt. In den Vordergrund gerückt werden stattdessen der hinter diesen Konflikten stehende Gegensatz zwischen der angeblich so demokratischen EU und dem „perfiden“ Russland (womit auch etwas zur Aktualität der Clark’schen Darstellung gesagt ist).

In Europa sind nicht wenige Linke der Auffassung, dass es am besten wäre, wenn ihre jeweiligen Länder aus der EU (sowie aus der NATO) austreten würden und zum Sozialstaat im nationalen Rahmen zurückkehren. Es sind „Schlafwandler“ oder Traumtänzer, die sich die angeblich goldenen Zeiten nationalstaatlicher Souveränität zurückwünschen, und gerade in Deutschland hat keiner dieser „national gesinnten“ Linken im Auge, was für eine potentielle Gefahr für den Frieden ein aus EU (und NATO) heraus gelöster „frei schwebender“ Achtzig-Millionen-Koloss Deutschland bedeuten würde, wie rasch die Interessengegensätze mit den europäischen Nachbarn wieder in kriegerische Auseinandersetzungen umschlagen könnten. Auch wer die EU für eine „neoliberale, militaristische und weithin undemokratische Macht“ hält (so die ursprüngliche und später leider verworfene Einschätzung im Programm der Partei DIE LINKE zur Europawahl), kann sich ein solches „frei schwebendes“ Deutschland nicht wünschen. Das hat übrigens nichts mit einem Internationalismus gleich welcher Art zu tun, sondern, so merkwürdig es klingt, mit einem vitalen nationalen Interesse: Deutschland muss zu seiner eigenen Sicherheit eingebunden bleiben in die EU (wie auch in die NATO).

Der ökonomische Integrationsprozess innerhalb der EU ist höchstwahrscheinlich (und zum Glück) so weit fortgeschritten, dass er unumkehrbar geworden ist. Gerade wer die EU für eine „neoliberale, militaristische und weithin undemokratische Macht“ hält, muss daher dafür sein, den neoliberalen Zauber in Europa zu brechen und das wenige, was an Demokratie in ihr existiert, zu verteidigen. Dies geht nicht im nationalstaatlichen Rahmen, und genau deshalb ist dieses „deutsche Europa unter Berliner Diktat“, wie das Sandro Mezzadra und Toni Negri auf EuroNomade formulierten, zu unserem ureigensten Kampffeld geworden. Nicht gegen die EU, sondern in der EU müssen die notwendigen politischen Veränderungen durchgesetzt werden. Nicht die Rückkehr zum „nationalen“ Sozialstaat tut Not, sondern der Auf- und Ausbau einer Sozialunion im Rahmen der EU. Nicht die Abschaffung der „Brüsseler Kommissare“ ist angesagt, sondern deren Kontrolle durch ein Europäisches Parlament, das diesen Namen verdient. Ein solches Parlament könnte auch erste Schritte veranlassen, die zu einer Abkehr von der – keineswegs nur den USA geschuldeten – Aggressionspolitik und einem Abbau der Macht des militärisch-industriellen Komplexes führt.

Voraussetzung dafür wäre nicht nur, an solchen Veränderungen interessierte Abgeordnete zu wählen, sondern erst einmal, Wählerinnen und Wähler an solchen Veränderungen zu interessieren und zu mobilisieren. Das wird jedoch nur Parteien möglich sein, die weder die „Verteidigung Europas“ (in Gestalt der EU) auf ihre Fahnen geschrieben haben, noch den Austritt aus der EU fordern, sondern vielmehr deren Umbau, wohl wissend, dass damit die ökonomische Grundlage der EU, also die Herrschaft des Kapitals, grundsätzlich nicht angetastet werden wird (jedenfalls nicht auf absehbare Zeit). Das macht dieses Vorhaben zwar durchaus schwieriger, aber deshalb nicht aussichtslos.

Thomas Kuczynski lebt und arbeitet in Berlin. Sein Beitrag zur „Geschichte und Ökonomie“ erscheint regelmäßig seit Heft 1 von Lunapark21.


[*] Wl. Woytinsky: Die Vereinigten Staaten von Europa. Berlin 1926, S. 39.

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