Rattenrennen um die Arktis: Militärs und Konzerne nutzen den Klimawandel, um Ansprüche auf die Ressourcen der Arktis zu erheben

Aus: LunaPark21 – Heft 18

Die Arktis gilt als eine der Regionen, die besonders sensibel auf den Klimawandel reagieren, da die globale Erwärmung nördlich des Polarkreises viel schneller voranschreitet als beispielsweise in den Breitengraden mit gemäßigtem Klima. Zudem befindet sich im Permafrostboden und unter dem Eispanzer des hohen Nordes eine gigantische Klimabombe: Ungeheure Mengen von Methan und weiteren Klimagasen – deren Masse die bisherigen Treibhausgasemissionen im Verlauf des von Menschen gemachten Klimawandels bei Weitem übersteigt – sind in der Region im gefrorenen Zustand gebunden. Bei weiterer Erderwärmung werden diese Klimagase in einem sich selbst verstärkenden Prozess immer schneller freigesetzt. Die Klimawissenschaft sprich inzwischen von einem „Kipppunkt“ des Klimasystems in der Arktis, bei dessen Überschreiten der Klimawandel außerhalb jeder menschlichen Einflussmöglichkeit sich immer weiter verstärken würde. Dieses Desaster deutete sich bereits bei Messungen, die 2009 und 2010 durchgeführt wurden, an, bei denen über Lücken im arktischen Eispanzer eine um 0,5 Prozent höhere Methankonzentration gemessen wurde.

Das kapitalistische System kennt nur eine Antwort auf diese drohende Klimakatastrophe: noch mehr Ausbeutung. Der rapide abschmelzende Eispanzer in der Arktis löste ein Rattenrennen um die in dieser Region befindlichen fossilen Energieträger und Rohstoffe aus, bei dem arktische Anrainerstaaten und internationale Ölkonzerne um die profitabelsten Claims kämpfen und zusehends in Konflikt geraten. Das Abschmelzen des arktischen Eispanzers, das durch die Verbrennung fossiler Energieträger ausgelöst wird, führt somit nur dazu, dass die in der Arktis befindlichen fossilen Energieträger nun verstärkt ausgebeutet werden sollen – um noch mehr Treibhausgase in die Atmosphäre zu befördern.

Und tatsächlich sollen in dieser letzten noch unerschlossenen Terra incognita, um die nun ein Rattenrennen von Militärs und Konzernen einsetzte, reiche Rohstoffvorkommen lagern. Schätzungen zufolge sollen sich an die 13 Prozent der weltweiten unerschlossenen Ölvorkommen und sogar rund ein Drittel der unerschlossenen Erdgaslagerstätten in der Region befinden. Überdies werden in der Arktis große Mengen an Gold und Diamanten vermutet. Angesichts des beständig zunehmenden Energiehungers der globalen kapitalistischen Verwertungsmaschinerie sollen diese letzten unerschlossenen Rohstoffvorkommen möglichst bald ausgebeutet werden.

Dies ist keine Zukunftsmusik. Erste Projekte zur Erschließung der arktischen Ressourcen hat Russland – das Anspruch auf rund ein Drittel des arktischen Territoriums erhebt – bereits in Kooperation mit westlichen Konzernen eingeleitet. An die 3,2 Mrd. US-Dollar will ein aus dem amerikanischen Ölmulti Exxon und dem russischen Konzern Rosneft bestehendes Joint Venture in der arktischen Kara-See investieren, um auf 15 Bohrplattformen die Öllagerstätten anzuzapfen, die auf rund 36 Milliarden Barrel geschätzt werden. Erste Probebohrungen in der Kara-See sollen schon 2014 beginnen. Der stellvertretende russische Ministerpräsident Igor Setschin verglich die technischen und klimatischen Herausforderungen, denen sich die beiden Konzerne bei ihrem gefährlichen Unterfangen gegenübersehen, mit „der bemannten Raumfahrt oder dem Flug zum Mond“.

In der Barentssee wiederum will Rosneft in Kooperation mit dem norwegischen Konzern Statoil die Ölfelder anzapfen. Hier könnten erste Bohrungen ab 2016 vorgenommen werden. Der Anfang Mai bekannt gegebene Deal zwischen dem russischen und norwegischen Energiekonzernen beendete eine Phase territorialer Spannungen zwischen Moskau und Oslo in der Barentsee: Diese Auseinandersetzungen resultieren aus einem langwierigen Konflikt um die Grenzziehung zwischen dem norwegischen Spitzbergen und dem russischen Nowaja Semlja – also genau in der Region, in der nun Rosneft und Statoil gemeinsam Öl fördern wollen. Das Konfliktpotenzial in der Region bleibt aber auch weiterhin hoch. Insgesamt gibt es in der Arktis mittlerweile neun ungelöste Territorialstreitigkeiten.

Die gesamte Region erfährt inzwischen eine Militarisierung, bei der die territorialen Ansprüche der Anrainer mittels verstärkter Militärpräsenz untermauert werden. Im vergangenen März veranstaltete etwa Norwegen unter NATO-Beteiligung das bislang größte arktische Militärmanöver, an dem 16300 Soldaten aus 14 westlichen Ländern teilnahmen, um alle möglichen Konfliktszenarien – vom Terrorangriff bis zum konventionellen Krieg – zu trainieren. In den Monaten zuvor haben bereits die USA, Kanada und Dänemark Militärmanöver in der Region abgehalten. Die russische Führung kündigte hingegen den Aufbau spezieller arktischer Streitkräfte an, die bis 2015 einsatzbereit sein sollen. Laut einer Studie des Konfliktforschungsinstitut Stockholm International Peace Research Institute (SIPRI) ist auch die kanadische Regierung dazu übergegangen, durch einen arktischen Militäraufbau „den Schutz und die Stärkung der arktischen Souveränität Kanadas zu einer Priorität“ der Geopolitik des Landes zu machen. Die SIPRI-Studie kommt zu der Schlussfolgerung, dass Russland, Kanada, Norwegen, Dänemark und die USA in den vergangenen Jahren ihre militärische Präsenz in der Arktis im unterschiedlichen Ausmaß vergrößert, die Militärausrüstung angepasst oder entsprechende Streitkräfte aufgebaut haben. Dieser „Kalte Krieg“ um die Bodenschätze der Arktis könnte somit in Zukunft durchaus heiß werden.

Inzwischen regt sich aber auch Protest gegen dieses gefährliche und ökologisch desaströse Rattenrennen um die Arktis. Nachdem die Obama-Administration 2011 ebenfalls den Startschuss für die Ausbeutung von Energieträgern in der Arktis gab, besetzten Greenpeace-Aktivisten Anfang Mai von dem Ölmulti Shell gecharterte Eisbrecher, die Probebohrungen in den Gewässern nördlich von Alaska vornehmen wollten. Mitte Mai organisierten Umweltschutzaktivisten eine Demonstration vor dem Weißen Haus, um mehr als eine Million Beschwerden gegen die forcierte Ausbeutung der Arktis der US-Regierung zu übergeben. Shell will übrigens bereits im Juli mit ersten Bohrungen in der Arktis beginnen.

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