Österreichs Medien fest in deutscher Hand

Aus Lunapark21 – Heft 19

Ein durchschnittlicher österreichischer Zeitungskiosk unterscheidet sich kaum von seinem deutschen Pendant. Was die Auswahl der Medientitel anlangt, fällt einem gelernten Menschen mit österreichischem Pass gar nicht mehr auf, dass hierzulande die meisten Wochen- und Monatszeitschriften aus deutschen Häusern stammen. Diese machen sich nicht einmal die Mühe, Adaptionen für den österreichischen Markt vorzunehmen. Das hat den Vorteil, dass die interessierte Leserschaft über die deutsche Innenpolitik meistens gut informiert ist.

Dieser Zustand deutscher Medienmacht spiegelt die gesamtwirtschaftliche Lage des Landes wider. Von Rewe über Lufthansa bis Siemens beherrscht deutsches Kapital die unterschiedlichsten Sektoren. Die historische Zäsur zur Etablierung dieses Zustandes findet sich im Jahr 1938, als Hitlers Wehrmacht per „Anschluss“ in Österreich einmarschierte. Deutsche Eigentümer kamen im Gefolge und germanisierten die Besitzverhältnisse und richteten den Außenhandel, der bis zu diesem Zeitpunkt zu etwa gleichen Teilen italienisch, tschechoslowakisch, ungarisch und deutsch orientiert war, entsprechend neu aus. Die Verstaatlichung des „deutschen Eigentums“ nach 1945 hat an der wirtschaftsgeografischen Ausrichtung nichts geändert, ihre Privatisierung während der 1980er Jahre und der Beitritt des Landes zur Europäischen Union 1995 verstärkten den Einfluss deutschen Kapitals. Auch in der Außenhandelsstatistik wird die einseitige Ausrichtung des Landes deutlich: 38 Prozent aller Importe kommen aus Deutschland.

Was nun die heimischen Medienerzeugnisse anbelangt, so dominieren auch hier deutsche Eigentümer. Die „Mediaprint GesmbH & Co KG“, die zu einem wesentlichen Teil der Westdeutschen Allgemeinen (WAZ) gehört, ist bei Tageszeitungen und politischen Wochenblättern marktbeherrschend. Sowohl hinter dem stärksten Boulevardblatt Kronenzeitung mit der sagenhaften Druckauflage von täglich 930000 Exemplaren als auch hinter dem Kurier (205000) – sowie gemeinsam mit Gruner & Jahr“ – hinter den Titeln News, Profil, Format, Trend etc. steht deutsches Kapital. Österreichische (Mit)Eigentümer sind außerhalb der Familien Dichand (Kronenzeitung) und Bronner (Standard) im Umfeld der katholischen Kirche (Styria-Verlagsgruppe) oder bei der konservativen Raiffeisen-Gruppe zu finden.

Die Sozialdemokraten stehen seit der Schließung ihrer traditionsreichen Arbeiter-Zeitung im Jahre 1992 gänzlich ohne Printmedium da. Der Gewerkschaftsbund (ÖGB) verschickt acht Mal jährlich die Hochglanzbroschüre Solidarität, in der kein kritisches Wort über die Arbeit der Genossen Verbreitung findet.

Verblieben sind auf der linken Seite nur eine Reihe auflagenschwacher Blätter, kein einziges davon erscheint als Tages- oder Wochenzeitung mit dem Anspruch, Innen-, Außen- und Kulturpolitik gleichermaßen abzudecken. Aus diesen Printerzeugnissen, die allesamt spezifische thematische Bereiche behandeln, ist an erster Stelle das in Linz erscheinende Werkstatt-Blatt (früher: Guernica) mit einer Auflage von knapp 10000 Stück hervorzuheben. Seine friedenspolitische Ausrichtung wird seit einem Jahr mit Themen aus der Arbeitswelt und manch anderen innen- und außenpolitischen Berichten ergänzt. Während sich das Werkstatt-Blatt weitgehend selbst finanziert, hängt der entwicklungspolitisch interessante Südwind an ministeriellen Geldern. Klassische linke Projekte wie die marxistisch theoretisierenden Grundrisse oder die sich antiimperialistisch verstehende Intifada erreichen nur kleine gesellschaftliche Nischen. Die Fußballzeitschrift Ballesterer will vom Anspruch her jeden Fan als Kunden gewinnen; ihre klare antirassistische Haltung führt immer wieder zu nachahmenden Geschichten in der bürgerlichen Presse.

Anders als in Deutschland oder der Schweiz herrscht auf der linken Seite der österreichischen Presselandschaft Ödnis. Titel vor allem aus Deutschland versuchen, die Leere zu füllen. Während dies für die außenpolitische Berichterstattung mühelos gelingt, fehlt ein konsistenter linker Journalismus, der sich mit österreichischer Innenpolitik auseinandersetzt,.

Hannes Hofbauer arbeitet als Verleger (Promedia-Verlag) in Wien und er ist Mitglied der LP21-Redaktion

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