Mach mit, mach’s nach, mach’s besser.

Solidarisch arbeiten heute. Ein Buch zum Versuch
Sebastian Gerhardt. Lunapark21 – Heft 24

Je länger eine Krise dauert, um so eher wollen Menschen auch wieder etwas Positives lesen. Denn die trotzige Freude über die Schwierigkeiten der Reichen und Mächtigen findet ihr Ende, wenn die Leute in den Blick kommen, denen diese Schwierigkeiten ihr Leben kaputt machen. So beginnt die Suche nach den positiven Beispielen, die ein Stück weit der herrschenden Wirtschaftsordnung etwas entgegensetzen. Allerdings geht es immer noch um Wirtschaft, um Arbeit und um Geld.

Geld? Ja, Geld ist nicht immer schlecht. In diesem Fall waren es 35000 Schweizer Franken, die am Beginn eines Projektes standen, das schließlich zu einem Buch geführt hat: Wirtschaft zum Glück. Solidarisch arbeiten heute, weltweit. Die Herausgeber sind Bettina Dyttrich und Pit Wuhrer (Rotpunktverlag 2012). Die Schweizer Wochenzeitung WOZ hatte den Betrag 2008 bei der Auflösung des nachhaltigen Wirtschaftsverbandes WIV erhalten. Auf dieser Grundlage war es möglich, nach Cleveland oder Ahmedabad zu reisen, Berichte von den Philippinen oder aus Nicaragua mitzubringen. In das Buch sind 26 Reportagen aufgenommen worden, sieben davon zu Projekten außerhalb Europas. Keine Beiträge finden sich zu Afrika und Lateinamerika. Dafür aber ein Text von Ulrich Heyden zum selbstverwalteten Wohnen in Plattenbauten des südrussischen Astrachan: Nicht nur ferne Kontinente können überraschen.

Das Buch hat seine Stärke in der dichten Beschreibung sehr verschiedener Versuche, inmitten des modernen Kapitalismus andere Möglichkeiten sozialer Reproduktion zu entwickeln. Widersprüche und Rückschläge werden nicht ausgespart: Planung ist harte Arbeit, Selbstverwaltung nicht immer vergnügungssteuerpflichtig und die Verbindung von sachlichen und persönlichen Konflikten zuweilen so eng, dass ein bisschen Entfremdung wünschenswert wird.

Grob nach Branchen gegliedert finden sich Beiträge zum selbstorganisierten Arbeiten in Landwirtschaft, Industrie und Dienstleistungen. Entsprechend den höheren Anfangsinvestitionen gibt es nur wenige Beispiele für Projekte in der Industrie. Zwar äußert Pit Wuhrer die Erwartung, mit „den neuen dezentralen Kommunikations- und Organisationsformen“ werde sich das ändern. Doch die Hardware für diese neuen Hoffnungen wird nach wie vor in Weltmarktfabriken produziert, die – egal ob im Silicon Valley oder im Pearl River Delta – von rigider Arbeitsteilung, tiefer Spaltung der Belegschaften und traditioneller Ausbeutung gekennzeichnet sind.

In diesem Kernbereich moderner Produktion Veränderungen durchzusetzen, ist besonders voraussetzungsreich. Kein Zufall ist es daher, dass die angeführten großen europäischen Beispiele – die Genossenschaft Mondragon aus dem Baskenland im spanischen Staat und die Genossenschaften in der italienischen Reggio Emilia – sich aus dem Erbe revolutionärer Bewegungen zwischen Stadt und Land entwickelten. Der baskische Priester José María Arizmendiarrieta hatte im Spanischen Bürgerkrieg auf Seiten der Republik gestanden. 1943 gründete er das Polytechnikum, das zum Ausgangspunkt von Mondragon wurde. Und am Beginn der Genossenschaften in der Reggio Emilia standen Partisanen, die nach dem Sieg über den Faschismus eine neue Perspektive suchten. Doch auch politische Erfahrungen, kulturelles und soziales Kapital helfen nicht immer weiter: Im Oktober 2013 musste der industrielle Kern von Mondragon, der Haushaltsgerätehersteller Fagor, Gläubigerschutz beantragen. Schulden in Höhe von 1,1 Milliarden Euro sollen umstrukturiert werden. 5600 Arbeitsplätze sind in Gefahr. Die Produktion und der Einsatz von technischen Hausgeräten gehörten zum Kern des „Fordismus“ genannten Akkumulationsmodells. Mit dem Ende dieses Modells gerieten auch die Hersteller in die Krise, egal ob sie wie Bauknecht kapitalistisch oder wie Fagor genossenschaftlich organisiert sind. Angesichts der ökonomischen, sozialen und ökologischen Krisen des modernen Kapitals mehren sich die Forderungen nach einem grundlegenden Wandel. Im Buch skizziert Vandana Shiva die Perspektive einer nachhaltigen Wirtschaft auf der Grundlage einer regionalen, arbeitsintensiven Landwirtschaft. Komplementär zu diesen Einschätzungen der Kernphysikerin beschreibt die nikaraguanische Kaffeebäuerin Anna Maria Gonzalez die Veränderung ihres Lebens durch die Genossenschaft: „Hier habe ich gelernt, was es heißt, organisiert zu sein. Und ich habe gelernt, keine schwitzenden Hände mehr zu bekommen, wenn mich jemand anspricht. Im Gegenteil, ich glaube, ich rede heute zu viel.“

www.woz.ch/d/wirtschaft-zum-glueck

Sebastian Gerhardt weiß als Vorstand der Stiftung Haus der Demokratie und Menschenrechte in Berlin, was es heißt, selbstorganisierte Projekte über einen längeren Zeitraum zusammenzuhalten.

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