Lieferservice für den Weltmarkt

Der Hafen Guangzhou im chinesischen Perlfluss-Delta
Sebastian Gerhardt. Lunapark21 – Heft 24

China macht Schlagzeilen. Während die chinesische Führung im Rahmen des 12. Fünfjahresplans eine wirtschaftliche Umorientierung auf den Binnenmarkt propagiert, tritt sie mit der Markierung einer Luftverteidigungszone über dem Ostchinesischen Meer zugleich kräftig nach außen auf. Was aber heißt das? Intensiv spekuliert wird über die Motive der Eliten im Land der Mitte. Der Hafen von Guangzhou ist ein Ort, an dem Drinnen und Draußen des großen Landes aufeinander treffen. Es ist der größte Hafen Südchinas. Ein guter Ausgangspunkt für einen Vergleich zwischen Anspruch und realer Entwicklung.

Guangzhou ist die Hauptstadt der Provinz Guangdong. Guangdong ist die Provinz der Sonderwirtschaftzonen an der Grenze zu Hong Kong. Hier trat Deng Xiaoping im Frühjahr 1992 für „mutigere“ Reformen ein. Hier befindet sich im Pearl River Delta das wohl jüngste industrielle Zentrum der Weltwirtschaft. Wo noch vor 30 Jahren Felder waren, befinden sich heute Millionenstädte und moderne Industriekomplexe. Und von den Häfen der Provinz werden nicht nur die hier produzierten Waren verschifft. Keine Weltgegend hat einen so intensiven Außenhandel aufzuweisen wie das Delta des Perlflusses, in dem es schon lange keine Perlen mehr gibt. Um dem Bedarf zu genügen, wurde 2004 in Nansha ein neuer Tiefwasserhafen in Betrieb genommen. Bis Hamburg dauert es von dort auf direktem Wege durch den Suezkanal knapp 14 Tage.

Gemessen am Containerumschlag – dem entscheidenden Parameter in der globalisierten, arbeitsteiligen Weltwirtschaft – liegt Guangzhou auf Platz sieben der Weltrangliste: 14,3 Millionen Standardcontainer (TEU) im Jahr 2011.[*] Zum Vergleich: Hamburg brachte es auf 9, Bremen mit Bremerhaven auf knapp 6 Millionen. Auf die beiden größten US-Containerhäfen Los Angeles und Long Beach entfielen nur 14 Millionen Standardcontainer. Wohlgemerkt: zusammen. Der größte Containerhafen in der Provinz Guangdong ist Shenzen – mit 22,6 Millionen TEU. Wirtschaftlich zählt auch noch das benachbarte Hongkong zum Ballungsgebiet. Im dortigen Hafen wurden 24,4 Millionen TEU umgeschlagen. Etwa ein Drittel aller chinesischen Exporte verlässt das Land durch die Häfen des „Greater Pearl River Delta“.

Am Beginn des Booms stand der spezifisch chinesische Weg zum Kapitalismus. In kurzer Zeit legten sich Firmen aus Hongkong, später auch aus Taiwan Produktionsstätten in den benachbarten Sonderwirtschaftzonen des chinesischen Festlands zu. Rasch traten neben einfache Produktionen der Textil- und Bekleidungsindustrie technische Haushaltsgeräte und – zunehmend – die Mikroelektronik. Heute leben in der Provinz Guangdong über 104 Millionen Menschen, davon aber nur 85 Millionen mit dauerhafter Aufenthaltserlaubnis: Nicht alle Einwohner erhalten dort, wo sie arbeiten, alle Rechte. Die innerchinesische Arbeitsmigration ist einer der Faktoren, die in den letzten 25 Jahren den industriellen Aufstieg kostengünstig befördert haben. Dabei entstanden Strukturen, die mittelfristig kaum haltbar sind: 2006 hatte Shenzen bei 9 Millionen Einwohnern etwa 4-5 Millionen Industriebeschäftigte.

Mit etwa 30 Millionen Industriebeschäftigten ist die Provinz Guangdong eines der größten industriellen Ballungsgebiete weltweit. Seit den neunziger Jahren entwickelte sich in Guangdong eines der Zentren der Elektronikproduktion. 2009 stellten Industriesoziologen ihre Studie über die globale Arbeit in der IT-Industrie unter den Titel „Von Silicon Valley nach Shenzen“. Angesprochen wurden damit auch einige Herrschaftstechniken, die auf beiden Seiten des Pazifik Anwendung finden. An erster Stelle steht die Spaltung der Belegschaften: Was unter der Sonne Kaliforniens „bloody fordism“ genannt wird, bezeichnen die Forscher in China als „desorganisierten Despotismus“ – wobei „desorganisiert“ leider nicht bedeutet, dass sich so nicht auch „Wettbewerbsfähigkeit“ herstellen lässt. Der Außenhandel der Provinz Guangdong wird von der regionalen Statistik auf 913,4 Milliarden US-Dollar beziffert, darunter die Exporte allein auf 532 Milliarden Dollar.

Heute werden in der Provinz Guangdong über 11 Prozent des chinesischen Bruttoinlandsproduktes erwirtschaftet. Und die gesamtchinesische Verteilungsrechnung ergibt, dass von einem Umsteuern zugunsten des Binnenmarktes keine Rede sein kann: Zwar hat sich der Außenhandelsüberschuss in der Krise leicht verringert, aber die Investitionsquote ist nochmals gestiegen: Von gut 40 Prozent noch 2007 auf 55 Prozent 2011: Über die Hälfte der chinesischen Produktion wird investiert. Für den Konsum bleibt da nicht viel übrig: Gerade auf 35 Prozent beziffern die Statistiker die Arbeitseinkommensquote.

Aufgrund der hohen Investitionen wird immer wieder vor einer Überakkumulation gewarnt. Wer die sozialen und ökologischen Folgeschäden der Industrialisierung betrachtet, wird zustimmen. Die sozialen Konflikte in modernen Teilen der Industrie zeigen das Bedürfnis nach Veränderungen. Dennoch ist ein Wandel nicht in Sicht. Seit Beginn der Finanzkrise haben die Investitionen in privaten Unternehmen die Investition in den noch vorhandenen Staatsbetrieben klar übertroffen, nach 2010 sogar abgehängt. Es ist bereits zu bezweifeln, dass die Politbürokratie die strategischen Entscheidungen in den Staatsbetrieben effektiv steuern kann. Eine Investitionslenkung der Privatfirmen hat kaum Chancen.

Es gibt Interessen an der Fortsetzung des gegenwärtigen Wachstumspfades. Die Oberschicht beginnt erst, die Früchte der Ausbeutung einzustreichen. Seit 2000 haben sich ihre Einkommen verfünffacht. Um eine politisch korrekte Begründung ihrer führenden Rolle sind sie nicht verlegen. Nach wie vor kann im nationalen Interesse ein gewaltiger Nachholbedarf geltend gemacht werden. Die günstigsten Berechnungen beziffern den chinesischen Kapitalstock pro Kopf auf gerade mal 13 Prozent des US-Niveaus. Da werden noch Jahrzehnte nachholender Entwicklung nötig sein, bevor auch der Mehrheit ein größerer Anteil an ihren Arbeitsergebnissen gewährt werden kann, ohne den Aufstieg des Vaterlandes zu gefährden.

In Anbetracht vieler ungelöster Probleme suchen die chinesischen Eliten nach Vorbildern und Beispielen für eine Moderierung der anstehenden Konflikte. Studien über das deutsche Betriebsverfassungsgesetz interessieren dabei genauso wie die Erfahrungen der „kleinen Tiger“, der Entwicklungsdiktaturen Taiwan, Südkorea oder Singapur, die über Jahrzehnte durch offene Repression und Kontrolle für ein aus Sicht der Bosse vorbildliches Investitionsklima sorgten. Ob das erklärte Ziel einer harmonischen Entwicklung erreicht wird, hängt aber nicht allein von den offiziellen Plänen ab, denn in jeder Protestbewegung entwickeln sich neue Fähigkeiten von neuen Akteuren.

Historisch gesehen war Guangzhou einer der nur vier Häfen, die von der Qing-Dynastie 1680 für den offiziellen chinesischen Seehandel geöffnet wurden. Es war dies die Reaktion auf den Einbruch der Europäer in die „asiatische Weltwirtschaft“ (Fernand Braudel). Seit 1400 hatte sich dieser Handelsraum von Ostafrika bis Japan entwickelt. Doch dann hatten die europäischen Kolonialmächte sich in deren Angelpunkt – Malakka und Java – festgesetzt. Schritt für Schritt, bei vielen Rückschlägen, breiteten sie ihren Einfluss in den Handelsnetzen mit Geld und Gewalt aus.

Schön wäre es, wenn im 21. Jahrhundert andere Wege zur Konfliktlösung gefunden würden. Doch in keiner anderen Weltgegend wird heute so umfangreich und vielgestaltig konventionell aufgerüstet wie in Südostasien. Zu Lande, zu Wasser und in der Luft. Der Militärbezirk Guangdong umfasst auch die angrenzenden Provinzen bis zur Insel Hainan. Für die jüngst verkündete Luftverteidigungszone nördlich Taiwans ist er nicht zuständig. Aber vielleicht gibt es bald ähnlich militärisch-diplomatische Manöver um die Spratly-Inseln im Südchinesischen Meer.

Literatur: Stefanie Hürtgen/ Boy Lüthje/ Wilhelm Schumm/ Martina Sproll: Von Silicon Valley nach Shenzen. Globale Produktion und Arbeit in der IT-Industrie. Hamburg 2009
Link: http://labournet.de/internationales/cn/arbeitskampf.html
Anmerkung:

[*] Wenn der Gesamtumschlag (Containerschiffe plus Massentransporte wie Öl, flüssige Stoffe, Chemikalien, Stahl und Kohle) betrachtet wird, liegt Guangszhou auf Platz 5, mit 430 Millionen Tonnen im Jahr 2011 knapp hinter Rotterdam, und verweist die regionale Konkurrenz aus Shenzen und Hongkong klar auf die Plätze. Zwar sind nur 20 Prozent der Welthandelsflotte Containerschiffe. Doch 75 Prozent aller international gehandelten Waren werden auf Containerschiffen und in Standardcontainern transportiert. Beim Stückgut – die Massentransporte ausgeklammert – liegt der Containerisierungsgrad inzwischen bei fast 100 Prozent.

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