Krumpendorf (Kärnten, Österreich)

Aus: LunaPark21 – Heft 31

Krumpendorf in Kärnten zeigt, wie der Alltag von Flüchtlingen verbessert werden kann und gleichzeitig der Ort davon profitiert.

Alles begann Anfang Juli. Eine Bewohnerin aus Krumpendorf ging, wie sonst auch, mit ihrem Hund an der Leine am Nordufer des Wörthersees spazieren. Täglich begegneten ihr jetzt auf dieser Runde Menschen aus anderen Ländern. Immer, wenn sie sich näherte, wichen diese zurück. Zwei Wochen lang hat sich die Dame gewundert, bis es ihr dann genug war. Inzwischen hat sich die Situation völlig verändert. Die, die vorher zurückgewichen sind, kommen jetzt auf sie zu und spielen mit ihrem Hund. Fotos davon werden auf Facebook geteilt.

Überhaupt hat sich in Krumpendorf in Kärnten seit Juli vieles geändert. „Sehr viel zum Positiven“, ergänzt Matthias Köchl. Er ist Nationalrats-Abgeordneter und zugleich Referent für Tourismus, Flüchtlinge und Kultur sowie Verantwortlicher für öffentliche Erholungsanlagen in Krumpendorf am Wörthersee. Mit dem Start der Sommerferien wurde in seiner Gemeinde auf dem Areal der Polizeikaserne ein Erstaufnahmezentrum für Asylwerber errichtet. Mit einem Schlag wohnten neben der Wohnbevölkerung mit 3400 Menschen 240 Flüchtlinge. Die einen in ihren Häusern. Die anderen in Zelten.

Ängste & Sorgen

Unsicherheit war zu spüren, Ängste und Sorgen wurden aber auch ausgesprochen. Vor allem die Tourismusbetriebe fürchteten um ihr Geschäft. In einem vom Fremdenverkehr lebenden Ort nicht ganz unwesentlich. Aufgewirbelt durch Berichte in Massenmedien kam es auch zu zwölf Stornierungen. Klingt viel, wenn man die andere Seite der Medaille nicht betrachtet. Und die glänzt in Krumpendorf ordentlich. Denn mit den Flüchtlingen rollte auch eine Welle der Hilfsbereitschaft über den Ort. Mitten drin als Drehscheibe Pfarrer Hans Peter Premur, Harald Grave von „Lust auf Gerechtigkeit“ und Christian Salmhofer vom Klimabündnis in Kärnten. In Krumpendorf gibt es viele sozial engagierte Menschen. Diese gewachsene Szene riss den Großteil der Bevölkerung mit. Das deutlich sichtbare Symbol für eine Willkommenskultur war eine große Leuchtschrift mit der Botschaft „Everybody is welcome“. „Wir wollten von Beginn weg die Trennung zwischen den Flüchtlingen und den Bewohnerinnen und Bewohnern vermeiden“, erklärt die Bürgermeisterin Hilde Gaggl.

Bei allen Aktivitäten stand das Gemeinsame im Vordergrund. Als tägliches Angebot gab es Deutschkurse – durchgeführt von 25 Ehrenamtlichen. Fahrräder wurden gesammelt, der Fußballverein organisierte jede Woche ein Fußballspiel. Die Sonntagsmesse wurde mehrsprachig gehalten.

Rund um das Flüchtlings-Zeltlager entwickelte sich ein aktives Dorfleben. Köchl: „Mein Job ist es, unkompliziert Möglichkeiten zum Treffen zu schaffen. Wir hatten in Krumpendorf noch nie so viele Veranstaltungen in einem so kurzen Zeitraum. Und das alles ohne einen einzigen Cent Steuergeld und alles bei freiem Eintritt und kostenloser Verpflegung.“

Welle der Hilfsbereitschaft

Zwei bis drei Events gingen in Krumpendorf pro Woche über die Bühne. „Wir haben uns bei der Bewerbung an die Einheimischen gerichtet. Flüchtlinge kommen ja ohnehin. Genutzt haben wir dazu bestehende Feste und Veranstaltungen. Den Auftritt des Gesangsvereins haben wir zum Beispiel mit Musik- und Trommlergruppen aus vielen Nationen und Altersschichten kombiniert. Auf einmal waren über 1000 Leute da und haben mitgefeiert,“ so Köchl über das Erfolgsrezept. Einer der Höhepunkte war ein von der Künstlergemeinschaft Klagenfurt und Umgebung rund um Martin Sadounik von Matakustik organisiertes Benefizkonzert. Unter dem Titel „Welle der Hilfsbereitschaft“ feierten in der Waldarena Flüchtlinge gemeinsam mit Touristinen und Touristen und der Krumpendorfer Bevölkerung. Als angenehmer Nebeneffekt kamen neben Sach- und Kleiderspenden noch 9.000 Euro an Spendengeldern zusammen

Rekordzahlen

Den zwölf Stornierungen steht im Endeffekt ein großer Anstieg der Zahl der Übernachtungen gegenüber. Für die Tourismusbetriebe war es der beste Juli seit fünf Jahren. Viele Gäste haben, gerade weil soviel los war, ihren Urlaub verlängert. Viele nutzten ihren Aufenthalt zudem auch für gemeinsame Ausflüge. Sie sind einfach mit zuvor wildfremden Menschen aus ganz anderen Kulturen zum Pyramidenkogel gefahren.

Sie werden sich jetzt vielleicht noch fragen, was die Dame mit dem Hund eigentlich gemacht hat. Warum gingen die Flüchtlinge plötzlich auf sie und ihren Hund zu? Ganz einfach, sie hat nachgefragt. Die Antwort war ziemlich simpel: dort, wo diese Menschen herkommen, gibt es nur wilde Hunde und die sind so richtig gefährlich. Hunde als Haustiere kennen sie nicht. „Ein schönes Beispiel, das zeigt, worum es bei der ganzen Flüchtlingsdebatte wirklich geht. Durchs Reden kommen die Leute zusammen“, so Matthias Köchl.

Infos siehe: www.krumpendorf.at · Klimabündnis Österreich GmbH – Zweigstelle Kärnten, Moosburgerstraße 9, 9201 Krumpendorf, www.klimabuendnis.at

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