Immer der Arbeit nach

Die illegalisierte tunesische Arbeitsmigration Richtung Italien
Susanne Rieper. Lunapark21 – Heft 26

Seit Beginn der 1990er Jahre leben in Italien Tunesierinnen und Tunesier ohne Aufenthaltsgenehmigung, sogenannte Illegalisierte. Wie viele es genau sind, ist nicht bekannt. 2009 wurden in Italien 8175 Menschen mit tunesischer Staatsangehörigkeit und ohne Aufenthaltsbewilligung von der Polizei aufgegriffen, 2010 waren es 5160. Nach den Marokkanern stellen sie in Italien die zweitgrößte Gruppe der illegalisierten Arbeitsmigration dar. Es handelt sich zum überwiegenden Teil um Männer, nur vereinzelt um Frauen, die meisten sind zwischen 20 und 40 Jahre alt. Sie leben hauptsächlich im sizilianischen Mazara del Vallo, in Rom, Parma, Turin und Mailand, in der Regel dort, wo bereits ihre Verwandten bzw. Bekannten leben. Diese Städte verfügen jeweils über eine dementsprechend große tunesische Gemeinde.

Fawzi, 25, ist einer dieser Arbeitsmigranten. Wie viele andere illegalisierte Tunesier hat auch er die Pflichtschule nicht abgeschlossen und war vor seiner Auswanderung arbeitslos. Seinem Freund Jamal, 29, erging es ähnlich. Im Gegensatz zu Fawzi verfügt Jamal über einen Universitätsabschluss in Soziologie, konnte jedoch in Tunesien ebenfalls lange Zeit keine Arbeit finden. Derzeit beläuft sich die Arbeitslosenrate in Tunesien auf 17 Prozent. Davon betroffen sind insbesondere junge Menschen mit geringer beruflicher Qualifikation sowie Jugendliche mit Abitur oder Uniabschlüssen. Ihre Anzahl nimmt seit den 1990er Jahren beständig zu. Ein Jahr vor seiner Auswanderung nahm Jamal eine Anstellung als Buchhalter in der Industrie von Sousse am Mittelmeer an. Er verdiente monatlich 230 tunesische Dinar, umgerechnet 103 Euro. In Anbetracht der hohen Lebenserhaltungskosten konnte er mit diesem Lohn weder sich, geschweige denn eine zukünftige Familie ernähren.

Kapital und Protektorat
Die hohe Arbeitslosigkeit, die niedrigen Löhne und die hohen Unterhaltskosten in Tunesien sind die Folge der Einbindung Tunesiens in das kapitalistische System. Diese begann in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Damals kamen die ersten Handelsbeziehungen zwischen dem osmanischen Tunesien und Frankreich zustande. Frankreich zählte neben England im 18. Jahrhundert zu den führenden Staaten innerhalb des kapitalistischen Weltsystems. Mehr als hundert Jahre danach, 1881, machte Frankreich Tunesien zu seinem Protektorat. Die Handelsbeziehungen verstärkten sich. Nach der Unabhängigkeit 1956 integrierte sich Tunesien in die von den Zentren dominierte internationale Arbeitsteilung, indem es insbesondere ab den 1970er Jahren als Standort für westliche Elektromechanik- und Textilindustrieunternehmen fungierte. Die entsprechenden – meist französischen – Konzerne profitierten von der billigen tunesischen Arbeitskraft und konnten damit ihre wirtschaftlichen Erträge steigern. Die tunesische Regierung erhoffte sich von den Auslagerungen wirtschaftliche und technologische Impulse, jedoch erwies sich die Konkurrenz am Weltmarkt als übermächtig. Auch wurden in den 1970er Jahren der seit dem französischen Protektorat in Gafsa betriebene Phosphatabbau und seine Weiterverarbeitung gefördert. Phosphat gilt als lukrativer Rohstoff, aus dem Phosphatdünger und Phosphorsäure gewonnen werden. In Tunesien entstand so die exportorientierte Textil-, Elektromechanik- und Chemieindustrie.

Seitdem beschränkte sich die staatliche Förderung auf die Textil-, Elektromechanik- und Chemieindustrie, wohingegen die restliche tunesische Wirtschaft verkümmerte. Insbesondere die Landwirtschaft, welche vor den 1970er Jahren den wichtigsten Wirtschaftszweig Tunesiens darstellte, bietet immer weniger Arbeitsmöglichkeiten. Seit rund 20 Jahren nimmt die Agrarwirtschaft beständig ab. Immer mehr Bauern leben unter der Armutsgrenze. Agrarprodukte müssen importiert werden. Aufgrund der einseitigen Ausrichtung der tunesischen Wirtschaft mangelt es für Menschen mit geringer beruflicher Qualifikation, aber auch für gut Ausgebildete, an Arbeitsmöglichkeiten. Letztere haben große Schwierigkeiten, einen ihrer Qualifikation entsprechenden Arbeitsplatz zu finden.

Seit den 1970er Jahren folgt Tunesien der Logik kapitalistischer Akkumulation, mittels Senkung der Arbeitskosten wettbewerbsfähig zu sein. Auf diese Weise stehen der Textil-, Elektromechanik- und Chemieindustrie billige Arbeitskräfte zur Verfügung, wodurch diese Sektoren Anreize haben, um in Tunesien zu bleiben. Auch die staatliche Subventionierung von Lebensmitteln diente demselben Zweck, mittels niedrigen Lebenshaltungskosten indirekt die Exportindustrie zu fördern. Dies war mit Hilfe der relativ guten Ertragslage aus der Erdölindustrie möglich. Mitte der 1980er Jahre ließ jedoch einerseits der Ertrag der Erdölindustrie nach, wodurch es dem tunesischen Staat an finanziellen Mitteln für weitere Subventionen fehlte. Andererseits hatte sich der Staat im Rahmen von Strukturanpassungsprogrammen des IWF der Kürzung seiner Ausgaben verschrieben, um so seine Auslandsverschuldung in den Griff zu bekommen. Die staatlichen Subventionen wurden eingestellt. Auf diese Weise steigen seit den 1980er Jahren die Lebenserhaltungskosten kontinuierlich an, wohingegen die Löhne sich nicht wesentlich verändert haben.

Nützliche Illegalisierung
Im Frühsommer 2012 überquerten Fawzi und Jamal das Mittelmeer in einem Fischerboot. Das Boot legte in der Nähe von Zarzis im Süden Tunesiens ab. Dieser Küstenstreifen ist zum meist gewählten Ausgangspunkt der Fischerboote geworden, da dieser, im Vergleich zu den nördlichen Küsten Tunesiens, nicht so stark überwacht wird. Nach vier Tagen auf offener See erreichten sie Lampedusa, wo sie von der italienischen Polizei aufgegriffen und in das Auffanglager gebracht wurden. Nach acht Tagen wurden sie nach Kalabrien in ein weiteres Lager in Crotone überstellt, aus welchem sie ausbrechen konnten.

Seit zwei Jahren leben Fawzi und Jamal nun im sizilianischen Mazara del Vallo. Ihr Italienisch ist immer noch eine Mischung aus Arabisch, Französisch und Italienisch. Sie haben wenig Kontakt mit Einheimischen, umso mehr Kontakt jedoch mit den Tunesiern und Tunesierinnen vor Ort sowie mit ihren Verwandten und Freunden in der Heimat. Fast täglich unterhalten sie sich über Skype miteinander. Fawzi und Jamal wohnen beide in der Kasbah, also in dem Teil der Stadt, der aus der Zeit der arabischen Herrschaft in Sizilien stammt. Fawzi lebt bei seiner Tante, die zu Beginn der 1980er Jahre gemeinsam mit ihrem Mann nach Mazara del Vallo kam, da dieser dort als Fischer Arbeit fand. Dass sie ihren Neffen bei sich aufnimmt, stellt für sie eine Selbstverständlichkeit dar. Man hilft sich gegenseitig innerhalb der Familie. Jamal lebt bei einem Freund, den er in Mazara del Vallo kennengelernt hat und der wie er Tunesier ist, jedoch über eine Aufenthaltsgenehmigung verfügt. Sobald Fawzi und Jamal Lohn ausbezahlt bekommen, übernehmen sie die Miete oder den Kauf der Lebensmittel.

Wenn die beiden beschäftigt werden, dann entweder als Hilfskraft in kleinen und mittleren Dienstleistungsunternehmen oder als Erntehelfer in der Landwirtschaft. Es handelt sich dabei um extrem arbeits- und sozialrechtlich deregulierte Arbeit. Ohne die Ausstellung eines Arbeitsvertrags arbeiten sie für einen Stundenlohn zwischen vier und sechs Euro. Nicht immer wird dieser ausbezahlt. Ein Arbeitstag dauert meist länger als acht Stunden, wobei die Arbeit körperlich anstrengend ist. Das Recht auf gesundheitliche Absicherung oder Urlaub bleibt ihnen verwehrt. So eine Anstellung dauert oft nur wenige Tage, manchmal aber auch einige Monate. Von diesen Arbeitsmöglichkeiten erfahren Fawzi und Jamal entweder von ihren tunesischen Verwandten bzw. Bekannten oder sie begeben sich um sechs Uhr morgens an die Porta Palermo, einen kleinen Platz vor einer Kirche in Mazara del Vallo, wo Unternehmer Tagelöhner anwerben. Die Unternehmer fahren mit ihren Autos vor und suchen sich die billigste Arbeitskraft aus.

Für Arbeiten wie jene, die Fawzi und Jamal verrichten, stehen in Italien kaum Einheimische zur Verfügung. Der italienische Staat bedient sich bereits seit zwei Jahrzehnten einer gezielten Einwanderungspolitik, die die Arbeitsmigration illegalisiert und kriminalisiert. Seit Beginn der 1990er Jahre gestalten sich für Menschen aus Tunesien die legale Einreise nach Italien bzw. der legale Aufenthalt in Italien immer schwieriger. Im Jahre 1991 wurde eine Visumspflicht verhängt. Seit 1998 dürfen sie nur mehr dann in Italien einreisen, wenn sie über einen Arbeitsplatz in Italien verfügen. Natürlich wandern weiterhin Tunesier auch ohne die nötige Erlaubnis ein; sie werden so zu illegalisierten Personen.

Hinzu kommt ihre Kriminalisierung. Seit 1998 werden Menschen ohne Aufenthaltsgenehmigung zur Eruierung ihres Herkunftslandes in Auffanglager gesteckt. Ihre Einreise wie auch der Aufenthalt ohne eine entsprechende Erlaubnis gilt seit 2009 als Straftat. Durch die Illegalisierung und Kriminalisierung wird den Arbeitssuchenden zum einen das Recht auf Aufenthalt vorenthalten, zum anderen das Recht auf eine arbeits- und sozialrechtlich regulierte Arbeit genommen. Sie sind somit gezwungen, sozial- und arbeitsrechtlich deregulierte Arbeit zu akzeptieren.

Susanne Rieper, Jahrgang 1983, ist in Südtirol, Italien, aufgewachsen. Derzeit schreibt sie ihre Doktorarbeit an der Universität Wien über die illegalisierte Arbeitsmigration von TunesierInnen nach Italien.

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