Es geht um Geld: Sozial- und Erziehungsberufe aufwerten

Gisela Notz. Lunapark21 – Heft 29

Die Gewerkschaften im Bildungsbereich knüpfen mit ihrer Kampagne, die noch im März 2015 mit Warnstreiks beginnen und nach Ostern in Streiks übergeführt werden soll, an die Tarifauseinandersetzung von 2009 an. Sie berufen sich auf die immer weiter steigenden Anforderungen in diesen Berufen und die qualitativ hochwertige Ausbildung.

Es ist gut, dass vor allem Frauen sich zur Wehr setzen. Die Kolleginnen und (wenigen) Kollegen haben eine gute Ausbildung und üben einen anspruchsvollen Beruf aus. Die Anforderungen, die an sie gestellt werden, wachsen täglich. Sie werden aber unzureichend entlohnt und sind mit niedrigem sozialen Prestige und geringen Aufstiegschancen versehen. Dafür, dass in den Berufen weniger verdient wird, als in Berufen mit ähnlich langen Ausbildungen und ähnlich hohen Anforderungen, in denen vor allem Männer arbeiten, gibt es keinen Grund. Nehmen wir beispielsweise industrielle Berufe, die mit dem Herstellen von Kraftwagen und Kraftwagenteilen zusammenhängen und bei denen der Männeranteil an den Arbeitenden 2009 bei 88,8 Prozent lag. Vollzeitbeschäftigte Fachkräfte wurden dort 2009 durchschnittlich mit einem Bruttomonatsverdienst von 3187 Euro entlohnt. Zur gleichen Zeit verdiente eine vollzeitarbeitende Erzieherin (Frauenanteil 95,4%) 2527 Euro brutto, das sind 660 Euro weniger. Noch weniger verdiente die Kollegin im Altenheim (Frauenanteil 70,2%). Sie muss sich mit 2453 Euro für eine Vollzeitstelle zufrieden geben.[1]

Das resultiert unter anderem daraus, dass frauendominierte Berufe niedriger bewertet werden, als mit Männern besetzte, und „soziale Kompetenzen“ anders bewertet werden, als „fachliche“. Darauf, dass soziale Kompetenzen zum Fach von „Beziehungsprofis“ gehörten und auch Erzieherinnen oft schwere Lasten tragen müssen, wurde schon oft hingewiesen.

Warum werden Frauenjobs schlechter entlohnt?
Eine plausible Rechtfertigung dafür, dass weiblich geprägte Berufe wie Erzieherin und Sozialarbeiterin aktuell so viel schlechter entlohnt werden als typische Männerjobs in der Industrie, gibt es nicht. Vielleicht hilft ein Blick in die Geschichte? Bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts war bürgerlichen Frauen der Zugang zu vielen Berufen und zu den Universitäten weitgehend versperrt, während Frauen und Kinder der arbeitenden Klasse bereits zu großer Zahl in den Fabriken unter krankmachenden Arbeitsbedingungen zu Hungerlöhnen arbeiten mussten.

Der Beruf der Kinderversorgenden war zunächst kein bezahlter Beruf. Er wurde von bürgerlichen Frauen, ebenso wie andere soziale und karitative Dienste ehrenamtlich übernommen. Dazu gehörte das Kochen der Armensuppe, das Versorgen der Verwundeten in den Lazaretten, die Versorgung von Kindern, deren Mütter in den Fabriken arbeiteten, Alten und anderen, die sich nicht mehr, vorübergehend nicht oder noch nicht selbst helfen konnten. Die Frauen taten dies aus „christlicher Nächstenliebe“. Dafür wurden sie nicht bezahlt; meist verlangten sie dies auch nicht. Sie konnten es sich aufgrund ihrer Herkunft leisten, ohne Geld für Gottes Lohn zu arbeiten. Der Platz im Himmel schien ihnen dafür sicher; besagt doch schon das Matthäus-Evangelium: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. Geholfen wurde aus Furcht vor der Hölle, um für begangene eigene Sünden zu büßen, oder zumindest, um eine bessere soziale Situation zu rechtfertigen. So wurden die Menschen der Arbeiterklasse als Bedürftige zum Objekt der subjektiven Seelenrettung.

Auch Alice Salomon, Gründerin der ersten sozialen Frauenschule, schrieb 1923: „Wie das Wasser ein brennendes Feuer auslöscht, also tilgt das Almosen die Sünde“. Die doppelte Funktion der unbezahlten Sozial-, Erziehungs- und Altenarbeit trug zu allen Zeiten zur Wahrung des sozialen Friedens bei. Einerseits diente sie der Befriedung der von entlohnten Arbeitsverhältnissen befreiten Frauen aus den bürgerlichen Schichten, die gesellschaftlich nützliche Arbeit leisten wollten, andererseits der „Heilung“ der durch das kapitalistisch-patriarchale System Verwundeten, der Resozialisierung derjenigen, die herausgefallen waren und sich nicht ohne fremde Hilfe einrichten konnten, sowie der Sorge um diejenigen, die sich nicht selbst versorgen konnten. Da half es nichts, dass Vertreterinnen der sozialistischen Frauenbewegung schon früh darauf hinwiesen, dass es galt, das soziale System radikal zu verändern und es nicht durch karitative Maßnahmen erträglicher zu gestalten.

Es war ein langer Weg, bis auch bürgerliche Frauen „das Recht der Frauen auf Erwerb“ erkämpft hatten und Sozialarbeit und Kindererziehung zu qualifizierten entlohnten Frauenberufen wurden. 1874 wurde das Pestalozzi-Fröbel-Haus als Ausbildungsstätte für Erzieherinnen und 1908 die erste „Soziale Frauenschule“, beide in Berlin, eingerichtet. Seither hat sich die Arbeit professionalisiert. Nach wie vor wird in Kindergärten und auch in der Sozialarbeit viel ehrenamtliche Arbeit geleistet. Das Image der karitativen Arbeit, die man sich doch „eigentlich gar nicht bezahlen lassen kann“, haftet den Berufen bis heute an. Auch wenn es durchaus nicht mehr nur Frauen aus den bürgerlichen Schichten sind, die in den Einrichtungen arbeiten. Die Hoffnung der ersten Frauenbewegung, dass mit der Professionalisierung und der qualifizierten Ausbildung auch eine höhere Bewertung einhergehen würde, hat sich jedenfalls bis heute nicht erfüllt.

Die Unterbewertung dieser Berufe hat auch mit der „familistischen Ideologie“ zu tun, wonach Kinder, Alte und Kranke eigentlich in der Familie versorgt werden sollen – natürlich von den Frauen und natürlich ohne Geld. Mit Begriffen wie „Fremdbetreuung“, ins „Heim abschieben“ und vielen anderen geht immer auch eine Abwertung der Arbeit, die außerhalb der Familie stattfindet, einher. So waren Kindergärten vor noch nicht allzu langer Zeit im Westen Noteinrichtungen für die unteren sozialen Schichten. Die bevorzugte oder ausschließliche Aufnahme von „Härte-“ und „Notfällen“ führte noch lange dazu, dass Kinderkrippen zu diskriminierenden Sondereinrichtungen für Eltern wurden, die mit der Erziehung nicht klar kamen. Kornelia Schneider vom Deutschen Jugendinstitut (DJI) hatte noch 1982 darauf hingewiesen, als sie schrieb: „Die öffentliche Jugendhilfe schafft als Träger von Krippeneinrichtungen (…) selbst, was sie an den Krippen bemängelt: den Notbehelfscharakter.“ Das hat sich (hoffentlich) geändert.

Dennoch sind auch heute nur 6,3 Prozent der Frauen (West) und 10,5 Prozent der Frauen (Ost), deren jüngstes Kind das Alter von drei Jahren noch nicht erreicht hat, berufstätig. Bei den Männern waren es nach dem gleichen Gutachten zum Ersten Gleichstellungsbericht der Bundesregierung aus dem Jahr 2011 86 Prozent im Westen und 79 Prozent im Osten. Zwar hat die bürgerliche Familie mit dem berufstätigen Vater und der Hausfrauenmutter ihre dominante Stellung eingebüßt. Die modernisierte Variante des Alleinernährerkonzepts oder der Versorgerehe, wie wir sie heute kennen, ist ein in Vollzeit beschäftigter Mann und eine teilzeit- oder geringfügig beschäftigte Frau als „Zuverdienerin“, der man nicht viel bezahlen muss. Dabei ist die gelebte Realität längst eine andere.

(Auch) Frauen lassen sich nicht mehr alles gefallen
Rund 200000 Plätze für Kleinkinder fehlten nach Inkrafttreten des Rechtsanspruchs auf einen Krippenplatz am 1. August 2013. Es gibt wieder Schnellausbildungen für Erzieherinnen und ehrenamtliche Helferinnen ebenso wie Großmütter, die in Kindertagesstätten und auch sonst im sozialen Bereich noch Sinnvolles tun wollen (und sollen). Seit April 2011 haben wir den Bundesfreiwilligendienst, mit dem durch eine gesetzliche Regelung ein ganz neues Arbeitsverhältnis geschaffen wurde, in dem man für ein Taschengeld von maximal 336 Euro (für 40 Stunden) monatlich arbeiten kann. Damit werden ausgehandelte Mindestlöhne vor allem in der Altenpflege aber auch im Kita-Bereich locker umgangen und die wertvolle Arbeit wird weiter abgewertet. Höchste Zeit, dass Frauen wieder laut werden.

Der Streik von 2009 im Sozial- und Gesundheitsbereich, der nach monatelangen Auseinandersetzungen zu erheblichen Gehaltserhöhungen führte, aber auch Auseinandersetzungen von Verkäuferinnen und vielen anderen haben gezeigt, dass Frauen sich für ihre Interessen einsetzen, an Selbstbewusstsein gewonnen haben und sich nicht mehr alles gefallen lassen. Die Beschäftigten der Sozial- und Erziehungsberufe wissen, dass ihre Arbeit nicht – wie oft angenommen – aus Singen und Spielen besteht. Und sie kämpfen dafür, dass ihre Kompetenzen und ihre Arbeit wertgeschätzt und sie entsprechend bezahlt werden.

Es war nicht das erste Mal, dass Kindergärtnerinnen gestreikt hatten. Der erste Kita-Streik fand 1969 (nicht nur) in West-Berlin statt. Die Alten unter uns waren dabei. Er ging auf ein „Kindergärtnerinnenflugblatt“ der SDS-Frauen zurück. Leider war die damals versprochene Unterstützung durch die Gewerkschaft ÖTV nur halbherzig. Helke Sander, die die ersten Kinderläden mit gegründet hat, sieht das heute so: „Tatsächlich zerstörten diese Organisationen die ganze Aktion. Sie brachten die Kindergärtnerinnen dazu, sich zu spalten in solche, die Mitglieder der Gewerkschaften waren, und solche, die es nicht waren.“

Das darf nicht wieder passieren. Gegen das Anliegen von ver.di, zur „Weiterentwicklung der Handlungs- und Durchsetzungsfähigkeit“ die potentiell Streikenden als Mitglieder zu gewinnen, kann man als Gewerkschafterin kaum etwas sagen. Die bevorstehende Streikrunde wird nur dann erfolgreich sein, wenn es gelingt, Verbände und Organisationen und Menschen aus sozialen Bewegungen und Frauenbewegungen in den Kampf einzubinden. Die Geschichte der Frauenbewegung hat gezeigt, dass wir ohne solche Bündnisse keine Durchsetzungskraft gewinnen und letztlich nicht einmal da hin gekommen wären, wo wir heute sind.

Gisela Notz ist Historikerin und Sozialwissenschaftlerin und lebt und arbeitet in Berlin. 2011 erschien ihr Buch: „Freiwilligendienste“ für alle. Von der ehrenamtlichen Tätigkeit zur Prekarisierung der „freiwilligen“ Arbeit.

Anmerkung:

[1] Nach: Uta Meyer-Gräwe: Genderanalyse 2011.

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