Energie, Arbeit und Politik

Mobilmachungsübungen in Venezuela, bei denen über die regulären Streitkräfte von 114.000 Soldaten hinaus noch etwa 400.000 Männer und Frauen zu den Waffen gerufen werden, haben es mit dem gleichen Foto in die Nachrichten- und Kommentarspalten der Leitmedien wie der linken Blätter geschafft. Und in merkwürdiger Einigkeit verweisen Feinde wie Anhänger der bolivarischen Revolution auf den Fall der Ölpreise, der die aktuelle Krise hervorgebracht habe.

Schlichte Antworten sind attraktiv, auch wenn sie nicht stimmen: Die Wirtschaftskrise in Venezuela begann Ende 2012, da stand der Ölpreis noch bei 98 Dollar je Barrel. Venezuela hat mit konventionellen und nichtkonventionellen Lagerstätten die weltweit größten Ölreserven.(BP Statistical Review) Doch bloße Naturtatsachen machen niemanden reich, weder finanziell noch sachlich. Die venezuelanische Ölproduktion ist seit Jahren rückläufig. Betrug sie 2006 noch 171 Millionen Tonnen, waren es 2014 nur mehr 139,5 Millionen. Trotzdem lagen die Verkaufserlöse 2014 noch über dem Niveau der Jahre 2000 bis 2010, denn die Preise je Barrel waren 2004 bis 2008 deutlich gestiegen – erst der Preisverfall 2015 führte sie auf das Niveau der frühen Jahre der bolivarischen Revolution zurück. Wer die aktuellen Konflikte in Caracas verstehen will braucht mehr als Ölpreiskurven und Inflationsraten.

Wo aber sind Erklärungen? Vor 100 Jahren war es für den Marxisten Wladimir Lenin noch selbstverständlich, dass der Kern des revolutionären Kampfes in der Durchsetzung einer neuen Produktionsweise liegt, die schließlich den Kapitalismus in die Schranken weist. Der folgende „Sozialismus in einem (armen) Land“ hat keine neue, überlegene Produktionsweise geschaffen. Nur wie sollte sich die Arbeiterklasse selbst befreien können, wenn am Arbeitsplatz alles beim alten blieb? Lenin stand das Problem noch erschreckend klar vor Augen. Heute sind es eher schlichte Antworten, die attraktiv sind. Das könnte daran liegen, dass statt der schwierigen alten lieber hübsche neue Fragen gestellt werden.

Vor einer Woche hat Hannes Hofbauer hier auf den Diskussionsbeitrag von Christel Buchinger reagiert und dabei die Auseinandersetzung angesprochen, die der Auszug aus Jason Moores Buch „Capitalism in the Web of Life“ in der lunapark-Redaktion ausgelöst hat. Dabei ging es nicht allein darum, „ob und inwieweit bezahlte Lohnarbeit als einzige Kategorie entfremdbarer, also ausbeutbarer Quelle von Kapital vernutzt werden kann.“ Deshalb sind drei Anmerkungen nötig, die auch auf den Konflikt Venezuela eine andere Perspektive eröffnen.

1) Arbeit: Physik statt Kritik?

Christel Buchinger hat darauf hingewiesen, dass manche Bestimmung bei Moore – etwa vom Zusammenhang von Arbeit und Energie, oder „Arbeit als Kraft mal Weg“ – keine sozialwissenschaftlichen Theorien, sondern in so ziemlich jedem elementaren Physiklehrbuch zu finden ist. Wenn ein genialer Arbeiter, Gewerkschafter und gewitzter Autor wie Reg Theriault von da ausgehend:„Work originally meant moving weight: Ursprünglich bedeutet Arbeit das Bewegen einer Last“ – auch ganz andere menschliche Arbeiten analysiert, dann ist das durchaus erhellend. Theriault, der nach manchen anderen Jobs 30 Jahre in den Häfen San Franciscos arbeitete, wusste, dass auch das „einfache“ Heben von Lasten klug angegangen werden muss, wenn die Last an die richtige Stelle gelangen und man selbst eine Schicht oder gar ein Arbeitsleben überstehen soll. Sein Buch „How to tell when you’re tired. A brief examination of work“ ist ein Klassiker. Leider wurde die deutsche Ausgabe im S. Fischer Verlag unter dem Titel „Maloche“ schon bald verramscht, weil sich in der zweiten Hälfte der 1990er Jahre hierzulande zu wenige lesende Arbeiter und Arbeiterinnen gefunden haben. Antiquarisch ist es noch erhältlich.

Inhaltlich sollten verschiedene Bedeutungen unterschieden werden, die mit dem einen Wort „Arbeit“ verbunden sind. Die Alltagssprache weist ein breites Feld auf. So sagt der Zimmermann, dass das Holz „arbeitet“ – und er meint damit nicht, dass sich die Balken selbst zusammenfügen. Die physikalische Größe „Arbeit“ verwendet dagegen eng definierte theoretische Beziehungen und stützt sich auf entsprechende Messvorschriften. Schließlich die – in verschiedenen Theorien ebenfalls verschiedenen – Begriffe menschlicher Arbeit mit ihren sozialen und wirtschaftlichen Aspekten. Erst in letzterem Zusammenhang kann dann dargestellt werden, wie „Arbeit“ und „Wert“ zusammenhängen.

Was herauskommt, wenn man die verschiedenen alltagssprachlichen und theoretischen Konzepte einfach wild vermischt, das hat seinerzeit Karl Marx in den sogenannten „Randglossen zu Adolph Wagner“ unwillig grummelnd verfolgt: „Wenn der Herr Wagner sagt, das sei ‚keine allgemeine Werttheorie‘, so hat er in seinem Sinn ganz recht, da er unter allgemeiner Werttheorie das Spintisieren über das Wort ‚Wert‘ versteht, was ihn auch befähigt, bei der deutsch-traditionellen Professoralkonfusion von ‚Gebrauchswert‘ und ‚Wert‘ zu bleiben, da beide das Wort ‚Wert‘ gemein haben.“

Selbstverständlich kann man versuchen, die menschliche Arbeit in den Energieumsatz auf der Erde geophysikalisch einzubetten, denn selbstverständlich ist die Menschheit wie jeder einzelne Mensch „Teil der Natur“. Besonders spezifisch sind die Ergebnisse allerdings nicht. Die Erde als große „Wärmemaschine“ mit ihrer gänzlich unbezahlten – unverdienten? – Energieversorgung durch die Sonne befindet sich im Großen und Ganzen im Strahlungsgleichgewicht: Etwa 230 Watt werden pro Quadratmeter absorbiert – und mit einem anderen Spektrum auch wieder abgegeben.[1] Kosmisch gesehen macht es keinen großen Unterschied, wie wir Menschen auf Erden mit der Energie der Sonne umgehen. Selbst bei der Formulierung spezifischer Fragestellungen für bestimmte Teilsysteme, etwa die Atmosphäre, werden naturwissenschaftliche Erkenntnisse nur bestimmte Grenzen für soziale und ökonomische Antworten ergeben, nicht die Antworten selbst.(Thomas Kuczynski, Eine historische Hierarchie von Wirtschaftssystemen – in wilder Analogie zu einer Hierarchie kosmischer Systeme. In: SITZUNGSBERICHTE DER LEIBNIZ-SOZIETÄT. Band 101 Jahrgang 2009)

Schon 1993 hat Ralph Blendowske am Beispiel zweier Bücher Elmar Altvaters einer kurzsichtigen „Physikalisierung“ der Ökonomiekritik im Zeichen der Umweltbewegung deutlich gewarnt: „Nicht lösbare theoretische Probleme veranlassten einst Ricardo, sich von der Ökonomie ab- und der Chemie zuzuwenden. Der Physik mag sich heute zuwenden, wer die Probleme heutiger Gesellschaftskritik, speziell der politischen Ökonomie, nicht für lösbar hält. Mittels der Physik diese Probleme lösen zu wollen, verkennt schon die Probleme.“

2) Globale Romantik und ihr Preis

Wenn es mit der Theorie Jason Moores Probleme gibt – wie steht es mit den Fakten? Seine Behauptung, dass „unbezahlte Arbeit/Energie“[2] die heimliche Grundlage des kapitalistischen Akkumulationsprozesses bilde, stützt sich auf mehrere Quellen. So stammt aus dem ausführlichen 4. Kapitel „Valuing women’s work“ des „Human Development Report“ der UNO von 1995 die Angabe, wonach sich die globale Produktion um etwa 70 Prozent erhöhen würde, wenn „diese unbezahlten Aktivitäten als Markttransaktionen zu den üblichen Löhnen bewertet würden“(S. 97). Ausgehend von Zeit-Verwendungsstudien fanden die Expertinnen und Experten der UNO, dass in Entwicklungsländern etwa 53 Prozent der Arbeitszeit von Frauen, nur 47 Prozent von Männern geleistet wurde. Da aber nur gutes Drittel der weiblichen Arbeit auf bezahlte Leistungen entfiel, während bei den Männer 76 Prozent der Arbeit gegen Geld erfolgte, werde der weibliche Beitrag an der Reproduktion in der geldorientierten Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung systematisch unterschätzt. Für die Industrieländer bestehe eine ähnliche, allerdings geringere Kluft.(S. 89) Die UNO-ExpertInnen wollten nun nicht, dass alle unbezahlten, gesellschaftlich sinnvollen Aktivitäten von Frauen und Männern geldlich entlohnt werden sollten. Im Gegenteil, eine solche Forderung wird von ihnen ausdrücklich ausgeschlossen. Da aber die heutige Gesellschaft vor allem auf das Geld schaut, sei die wenigstens theoretische Bewertung „zu den üblichen Löhnen“ eine Frage der Gerechtigkeit.

Die weitergehende Schätzung, wonach die wirtschaftliche Leistung der Menschheit bei Berücksichtigung unbezahlt geleisteter Arbeit sogar um 80 Prozent höher ausgewiesen werden müsste, stammt aus einem Aufsatz von Maliha Safri und Julie Graham. Sie beziehen sich auf eine Einzeluntersuchung zum Umfang der Hausarbeit in Australien, deren Ergebnis von den Autorinnen kurzentschlossen auf das ganze Weltsystem übertragen wird.(The Global Household: Toward a Feminist Postcapitalist International Political Economy) Methode und Ergebnis widersprechen den Resultaten der UNO- Studie, aber das sind vielleicht kleinliche Einwände. Kein kleinlicher Einwand ist der Hinweis von Christel Buchinger, dass die Diskussion marxistischer Feministinnen von Moore nicht wahrgenommen wird. In ihren Debatten sind Sinn und Unsinn einer monetären Bewertung marktferner Arbeit immer wieder thematisiert worden. Denn die ebenso gut gemeinte wie großzügige Verteilung von Preisschildern an alle möglichen Formen sinnvoller Tätigkeiten ist vom neoliberalen Mainstream nicht weit entfernt.

Gänzlich im neoliberalen Mainstream ist die monetäre Bewertung der „Ökosystemleistungen“ angesiedelt, die Jason Moore auf „70 bis 250 Prozent“ des globalen Sozialprodukts beziffert. Diese Zahl entnimmt er Studie aus dem Jahr 1997, die mitsamt ihren theoretischen Grundlagen, etwa Freihandzeichnungen von fiktiven Angebots- und Nachfragekurven – mit fiktiven Grenzkosten und fiktiven Grenzproduktivitäten – im Netz zugänglich ist. (Die Fortschreibung von 2014 befindet sich hinter einer Paywall.) Jason Moore und die von ihm zitierten Autoren versuchen, die Wertschätzung unseres lebensfreundlichen Planeten dadurch zu erhöhen, dass sie möglichst allen wichtigen Teilen einen fiktiven Preis verpassen: Warenfetischismus in bester Absicht. Man kann die Ergebnisse der Profitwirtschaft aber nicht dadurch kritisieren, dass ihre eindimensionale Denkweise absolut gesetzt wird. Die Idee, auch noch alle Naturreichtümer dieser Erde auf einen monetären Nenner zu bringen, ist einfach nur verrückt.

Die nicht-fiktive und real existierende Erfassung des Zusammenhangs von Mensch und Natur geht andere Wege. Die Umweltökonomischen Gesamtrechnungen des Statistischen Bundesamtes etwa versuchen nicht, alle Erscheinungen auf einen Nenner zu zwingen: Material- und Energieflüsse werden in Tonnen oder Terajoule ausgewiesen. Und als Realisten thematisieren die Statistiker auch die gesellschaftliche Arbeit in ihrer zeitlichen Dimension. Carsten Stahmer bezeichnet das Zusammenspiel von physischen, monetären und Zeitgrößen als das „magische Dreieck“ einer echten Informationsgrundlage für eine nachhaltige Wirtschaft. In diesem Rahmen kann dann auch untersucht werden, wieviel menschliche Arbeit nötig ist, um zum Beispiel gedeihliche biologische Bedingungen für das Leben auf der Erde zu erhalten – oder wiederherzustellen. Solche durch menschliche Arbeit reproduzierte Natur hat dann auch einen ökonomischen Wert, der sich bestimmen lässt.(Thomas Kuczynski: Vom Wert der Natur (aus ökonomischer Sicht)) Aber für all solche Einsichten muß – wie in jeder Wissenschaft – der Gegenstand der Erkenntnis unter der Form des Objekts gefasst werden. Jason Moore – wie allen Romantikern – wird das nicht gefallen. Wohlfühlen und Erkenntnis passen nicht immer zusammen.

3. Ein politisches Endspiel? Falsche Hoffnungen und echte Probleme

Keiner muss Marxist sein. Am Ende seines Beitrags in Heft 32 zitiert Jason Moore aber doch aus dem 1. Band des Kapital: „Das Kapital fragt nicht nach der Lebensdauer der Arbeitskraft. Was es interessiert, ist einzig und allein das Maximum von Arbeitskraft, das in einem Arbeitstag flüssig gemacht werden kann. Es erreicht dies Ziel durch Verkürzung der Dauer der Arbeitskraft, wie ein habgieriger Landwirt gesteigerten Bodenertrag durch Beraubung der Bodenfruchtbarkeit erreicht.“(MEW 23/281) Die Bemerkung gefällt ihm. Und so knüpft er daran nichts weniger als eine Prognose vom möglichen Ende des Kapitalismus:

Innerhalb des Warensystems ist Ausbeutung von Arbeitskraft bestimmend, aber diese dominante Rolle ist nur soweit möglich, als die Aneignung unbezahlter Arbeit der Tendenz zur Erschöpfung der Arbeitskraft entgegen wirkt.

Zuvor hatte er ja schon ausgeführt, dass die Grenzen, an denen neue „billige“ Energiequellen und billige Arbeit erobert werden konnten, seit den 1970ern ausgegangen sind. So wird der Niedergang des Kapitalismus eingeläutet.

Dicke Bücher sollte man allerdings ganz lesen. Die von Moore zitierte Stelle findet sich im „Kapital. Band I“ im ersten Abschnitt über den „Kampf um den Normalarbeitstag“. Es folgen zwei weitere Abschnitt zu diesem Thema. Und in diesen Abschnitten erläutert Marx, was der „Tendenz zur Erschöpfung der Arbeitskraft“ tatsächlich entgegenwirkt: Die „Zwangsgesetzliche Beschränkung der Arbeitszeit“, der gewerkschaftlich wie politisch erkämpfte 10-Stunden-Tag. Diese beschränkte, bürgerliche, aber reale Lösung des Problems muß Moore verschweigen. Denn ein Teil dieser Lösung ist die Umstellung auf die dem Kapitalismus eigene Produktionsweise, die durch eine steigende Produktivität der Arbeit die arbeitende Klasse in Schach hält und den Profit auch bei verkürzter Arbeitszeit noch erhöhen kann. Damit sind wir wieder bei der wirklichen menschlichen Arbeit – und beim Wechselkurs des Bolivar und der Krise der bolivarischen Revolution. Es geht um die schwierigen Fragen. Einige davon sind nicht neu – und vielleicht auch nicht hübsch.

Anmerkungen:

[1] Werner Ebeling/Andreas Engel/Rainer Feistel. Physik der Evolutionsprozesse, Berlin 1990, S. 77ff

[2] In der Lunapark21-Veröffentlichung als „Arbeitsenergie“ übersetzt, womit das englischen Original mit seinem Neologismus „work/ energy“ nicht präzise wieder gegeben ist.

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