Die Bundeswehr neu erzählen. kolumne winfried wolf

Oder: Ernst Jüngers „Krieg als Arbeit“ in postmodernem Kostüm
Lunapark21 – Heft 26

Als sich der deutsche Bundespräsident Anfang des Jahres auf der Sicherheitskonferenz in München und dann mit nochmals deutlicheren Worten im Juni in einem Interview mit Deutschlandradio Kultur dafür aussprach, „im Kampf für Menschenrechte auch zu den Waffen zu greifen“, stieß er auf heftige Kritik aus dem demokratischen Lager. Jürgen Todenhöfer bezeichnete Joachim Gauck als „Jihadisten“ und schrieb: „Wer stoppt diesen überdrehten Gotteskrieger […] Der Mann ist doch ein Sicherheitsrisiko für unser Land.“
Todenhöfer hat recht. Die Fotomontage, mit der er den Bundespräsidenten als Gotteskrieger in der Pose des Bin Laden-Nachfolgers Aiman al-Zawahiri darstellen ließ, war mutig und berechtigt.

Als die Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen Kitas und Flachbildschirme in Kasernen, Teilzeit für Soldaten und die Umwandlung der Bundeswehr in „einen familienfreundlichen Konzern“ forderte, erntete sie Kritik aus dem soldatisch-reaktionären Lager. Die Soldaten würden „zu Weicheiern und Warmduschern“ degradiert, so wurde ein „hochrangiger Offizier“ im Blatt Focus zitiert. Der Ex-General Harald Kujat schäumte: „Da sind echte Laien am Werk.“

Kujat hat Unrecht. Seine Kritik ist vor allem dumm. Ursula von der Leyen will dasselbe wie dies seit der Wende ein halbes Dutzend Verteidigungsminister versucht hatten zu erreichen: Deutschlands vierte aggressive Expansion auf den Weltmärkten soll durch mehr aggressive und offensive Auslandseinsätze und vor allem durch mehr Einsätze, die primär deutschen Interessen dienen, begleitet werden.[1] Von der Leyen will Bundeswehr „anders erzählen“, will diese als „modernen, global agierenden Konzern“ präsentieren, um ausreichend viele junge Leute für die Armee zu gewinnen. Letzten Endes sollen diese Leute gewonnen werden für die alte Erzählung vom „Kerngeschäft“ jeder Armee, der vom Kämpfen, Zerstören und Töten.

Von der Leyen zielt darauf, den Soldaten-Job als einen Normalo-Job zu präsentieren. Schöner Wohnen in Kasernen. Familienfreundliches Kriegshandwerk. Techno-Krieg am Joystick: ferngesteuert und angeblich ungefährlich für den Hightech-Teilzeitkiller mit Rund-um-Versicherung. Um dieses Bild der neuen Bundeswehr glaubhaft zu machen, wurden immense Mittel und Verlockungen bereit gestellt. Das Verteidigungsministerium veranstaltet seit 2014 Preisausschreiben, in denen Jugendlichen ab 14 Jahren die Möglichkeiten geboten wird, die „Bundeswehr aktiv zu erleben“ und eine Woche lang „bei der Kampftruppe“ zu verbringen. Beispielsweise beim Fallschirmjägerbataillon 313 in Seedorf., eingekleidet in „Scharfschützen-Suits“.[2] Abgerundet wird dies durch intensive Gespräche mit der „Karriereberaterin“. Für den, der sich heute für ein Studium an einer der beiden Bundeswehruniversitäten entscheidet, gibt es keinen Numerus Clausus und „mindestens 1500 Euro netto im Monat während des Studiums“.

In von der Leyens Erzählung von einer Bundeswehr als „Aktiv. Attraktiv. Anders.“ bleibt der dreckige Krieg außen vor. Der moderne Krieg ist clean. Gab es da was in Vietnam? Das Mädchen mit dem in Flammen stehenden Rücken? Agent Orange und Zehntausende verkrüppelt geborene Babys? Gab es da was in Afghanistan – das Bundeswehr-Tanklaster-Massaker?

In diesen Tagen ist bei den Rückblicken auf 1914 viel die Rede von der „Kriegsbegeisterung“. Davon, dass die Frauen sich „an der Heimatfront“ mit dem Stricken von Socken für die Männer an der Front engagierten. Aber wo, bitte, bleiben überzeugende Darstellungen zu den Ursachen, die in diesen Weltkrieg führten? Wo bleiben die realistischen Schilderungen vom eigentlichen Kriegsgeschehen? Von der Front in Flandern. Den Hunderttausenden Soldaten, die jahrelang in Schlamm, Dreck, Blut, Rotz, Pisse – und dann: GAS! GAS! Und nochmals GAS! – ausharrten oder dort elend krepierten? Wo bleiben die erschütternden Zitate aus den Romanen von Erich Maria Remarque: „Graben, Lazarett, Massengrab – mehr Möglichkeiten gab es nicht“? Wo bleibt die ernüchternde Lyrik, die der damals 20-jährige Carl Zuckmeyer in einem Bunker an der Front schrieb: „So nehm ich meinen Samen in die Hände: / Europas Zukunft: schwarzgekörnter Laich / Ein Gott ersäuft im schlammigen Krötenteich!! / Und scheiße mein Vermächtnis an die Wände“?[3] Wo bleiben Bilder von Otto Dix, der die Schlammwüste voller toter, im Irrsinn taumelnder und verwilderter Soldaten zeichnete?

Eine „neue Erzählung“ des Soldatischen gab es auch nach dem Ersten Weltkrieg. Damals war es Ernst Jünger, der den dreckigen Krieg überhöhte und zu „Stahlgewittern“ umschrieb. Jünger schrieb bald darauf vom modernen Soldatentum. In seinem Buch „Der Arbeiter“, das ein Jahr vor der NS-Machtübernahme erschien, wird das Soldat-Sein beschrieben als „Schule, in der Arbeit als Lebensstil, Arbeit als Macht dem Menschen sichtbar zu machen ist“. Er sah die „soldatische Uniform immer eindeutiger als Spezialfall der Arbeitsuniform.“ Vor dem Hintergrund der riesigen Arbeitslosenheere am Ende der Weimarer Republik erkannte er, dass die millionenfache Gleichsetzung von Arbeit und Soldat-Sein, von Arbeit und Töten dann am ehesten umgesetzt werden kann, wenn massenhafte Arbeitslosigkeit die jungen Menschen der Armee zuführt. Er schrieb: „Der Zustand der Arbeitslosigkeit, richtig gesehen, ist zu bewerten als die Bildung einer Reservearmee. Es verbirgt sich hier eine andere Form des Reichtums. […] Millionen von Männer ohne Beschäftigung – diese reine Tatsache ist Macht, ist elementares Kapital.“ Er bereitete damit dem Faschismus und dem Zweiten Weltkrieg den Weg. Nach dem Zweiten Weltkrieg, als in den 1960er Jahren die Bundeswehr mit dem „Bürger in Uniform“ warb, packte er seine Sicht des Soldatentums in eine weitere „neue Erzählung“. Diese liest sich bereits wie das Neue Denken der von der Leyen und wie eine Kritik an den Kujats, den Vertretern der überholten „Kriegerkaste“. Jünger schrieb 1964: „Der Krieg ist Promotor von Technik und Wissenschaft. […] Der Kriegerkaste wurde er schon längst unheimlich. Ihre Entmachtung ist ein Sonderfall. Sie dürfen noch in Randgebieten ihren Stil pflegen. ´Les centurions`. Der Arbeiter kämpft und stirbt in Apparaturen, nicht nur ohne ´höhere Ideen´, sondern auch in ihrer bewussten Ablehnung. Sein Ethos liegt in der sauberen Bedienung des Apparats. Er hat sich keine Gedanken zu machen; er überblickt nicht den Plan. Auf das Nationalethos wird zuweilen zurückgegriffen, doch nur als Vorspann, Konzession an die Leidenschaft. Die Zerstörung der Einzelbefugnisse durch den technischen Plan. Der Diplomat wird durch den Telegrafen zum Befehlsempfänger, das Schiff durch den Funk zur schwimmenden Außenstation. Der Kampfflieger mit Kopfhörer. Selbst Uhren werden entbehrlicher.“[4] Diese Kontinuität des Kriegs im Interesse des Kapitals, getarnt als „Ethos der sauberen Bedienung des Apparats“, wird Jahr für Jahr auf der Militärschau ILA in Berlin für 200000 Besucherinnen und Besucher geboten. Die Show stellt sich mit den folgenden Worten in diese Tradition: „Die ILA ist die älteste Luft- und Raumfahrtmesse der Welt. Nach erfolgreicher Premiere 1909 in Frankfurt fand die ILA von 1912 bis zum Beginn des Zweiten Weltkriegs in Berlin statt. […] 1992 kehrte die ILA an ihren Heimatstandort Berlin zurück.“[5] In diesem Jahr startete am 25. Mai als Teil des „offiziellen Flugprogramms“ auch die NS-„Wunderwaffe“, Messerschmitt Me 262.

Gauck und von der Leyen bilden im übrigen ein eingespieltes Team, kreativ ergänzt von Frank Steinmeier. Die drei traten auf der Sicherheitskonferenz auch als militaristisches, medial gut orchestriert Trio auf. Schließlich sollen höchst unterschiedliche Schichten angesprochen werden bei dem gemeinsamen Ziel, die altmodische Stimmung bei zwei Dritteln der deutschen Bevölkerung, die immer noch Bundeswehr-Auslandseinsätze ablehnen, zu kippen. Jede Idee, Krieg könnte konkreten Zwecken dienen und materielle Ursachen haben, soll ausgetrieben werden mit dem Hinweis auf die Normalität des Soldatentums als Teil der menschlichen Natur. Eckhard Fuhr schrieb dazu in einem Leitartikel in der Tageszeitung Die Welt Klartext: „Jeder Mensch kann zum Krieger werden. Der Krieg ist nicht wider die menschliche Natur, sondern er entspringt ihr. […] Der Krieg stirbt nicht aus. Er wird die Zivilgesellschaft überleben.“[6]

Anmerkungen:

[1] Die erste Expansion erfolgte in den 1860er Jahre und mündete im deutsch-französischen Krieg 1870/71; eine zweite gab es ab 1873ff, was im Ersten Weltkrieg mündete. Eine dritte Expansion fand nach 1933 statt und hatte den Zweiten Weltkrieg zur Folge. Die vierte (west-) deutsche Weltmarktexpansion begann bereits in den 1960er Jahren. Dabei blieb die BRD bis 1990 militärisch in die Blockkonfrontation eingebunden. Seit 1990 gibt es wieder einen fatalen Gleichklang zwischen wirtschaftlicher und militärischer Expansion, wobei die Berliner Regierung und die deutsche politische Klasse zwischen dem Projekt eines neues Alleingangs im Rahmen einer von Deutschland dominierten EU und einer Neuauflage des „transatlantischen Bündnisses“ schwankt.

[2] Siehe Fünf Tag bei der Kampftruppe als Hauptgewinn, in: Bremervörder Zeitung vom 28. April 2014.

[3] Zitate von Remarque und Zuckmayer wiedergegeben bei: Hubert Wetzel Ein Gott ersäuft im schlammigen Krötenteich, in: Süddeutsche Zeitung vom 24. Juni 2014. Dieser realistische Beitrag bildet eine löbliche Ausnahme in den WK-I-Beiträgen.

[4] Ernst Jünger, Maxima – Minima, 1964, in: Ernst Jünger, Sämtliche Werke, Band 8, Stuttgart 1981, S. 328. Zitate zuvor aus „Der Arbeiter“, erschienen 1932, hier nach: E. Jünger, Sämtliche Werke, Band 8, S. 308 und S. 276.

[5] Dietmar Schrick, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands der Deutschen Luft- und Raumfahrtindustrie (BDLI) in: FLUG REVUE ILA-Extra, 2014.

[6] Eckhard Fuhr, Der Krieg stirbt nicht aus, in: Die Welt vom 7. Juni 2014.

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