Der „Mauerfall“

Historisch-kritische Betrachtungen zu einer gescheiterten Revolution
Thomas Kuczynski. Lunapark21 – Heft 28

Die Einschätzung dessen, was im Herbst 1989 in der DDR geschah, ist nach wie vor hoch umstritten. Für die einen ist es eine Revolution, für die andern die blanke Konterrevolution. Ein Drittes gibt es anscheinend nicht.

Sicherlich waren damals entscheidende Voraussetzungen für eine politische Revolution vorhanden, jedenfalls unter dem von Lenin stets hervorgehobenen Aspekt, dass „die unten“ das Alte nicht mehr wollen und „die oben“ in der alten Weise nicht mehr können. Es sollte übrigens eine Revolution innerhalb des Sozialismus und innerhalb der DDR sein, denn zu Beginn dieser Entwicklungen dachte niemand von den „Montagsdemonstranten“ an eine Vereinigung der beiden deutschen Staaten oder gar an eine Rückkehr zum Kapitalismus. Es ging ihnen um eine bessere DDR, auch wenn die meisten von denen, die wenig später, im Frühjahr 1990, in staatliche Führungspositionen aufstiegen, das sehr schnell verdrängt haben.

Ob aus der Revolution innerhalb des Sozialismus eine sozialistische Revolution geworden wäre, muss dahingestellt bleiben, denn die damals erhobenen Forderungen zielten in erster Linie ab auf die Erringung solcher bürgerlich-demokratischer Freiheiten wie freie Presse, freie Wahlen, freies Reisen usw. Sicherlich, ohne diese Freiheiten wäre eine Weiterentwicklung des Sozialismus nicht zu realisieren gewesen. Sie waren sozusagen eine notwendige Voraussetzung dafür. Aber den ersten Schritten in diese Richtung, die sich vor allem in der freien Debatte über neue Möglichkeiten und Wege manifestierten, folgte ein Ereignis, das alle Hoffnungen auf eine sozialistische Revolution in ein Nichts zerrinnen ließen.

Der „Mauerfall“ selbst war das Werk politisch weltfremder Dilettanten, die glaubten, ihre eigene Herrschaft stabilisieren zu können, wenn sie mit einem neuen Reisegesetz die damalige Hauptforderung der unzufriedenen Bevölkerung erfüllten. Das Gegenteil trat ein. Nüchtern betrachtet, war dies die ins Gegenteil verkehrte Version dessen, was Friedrich Engels in einem Brief an die russische Revolutionärin Vera Sassulitsch formuliert hatte – „einer der Ausnahmefälle, in denen es einer Handvoll Leute möglich ist, eine Revolution zu machen, d. h. durch einen kleinen Anstoß ein ganzes System zu stürzen, dessen Gleichgewicht mehr als labil ist …, und durch einen an sich unbedeutenden Akt Explosivkräfte freizusetzen, die dann nicht mehr zu zähmen sind.“ Und er prognostizierte: „… so werden die Männer, die das Feuer an die Mine gelegt haben, durch die Explosion fortgerissen werden, die tausendmal stärker sein wird als sie und sich ihren Ausweg suchen wird, wie sie kann, wie die ökonomischen Kräfte und Widerstände entscheiden werden.“ (Werke, Bd. 36, S. 305)

So wurde durch den „Mauerfall“ der Einfluss jener, die sich für eine Revolution innerhalb des Sozialismus einsetzten, binnen kürzester Zeit zurückgedrängt. Stattdessen aber traten die wirklichen Gegner des Sozialismus auf den Plan und gewannen schnell an Einfluss. An die Stelle der Losung „Wir sind das Volk“ trat nun die Losung „Wir sind ein Volk“. Die gerade errungenen Freiheiten, die die „Brüdern und Schwestern“ im Westen nie erkämpfen mussten, weil sie ihnen von den Westalliierten „verordnet“ worden waren, zählten nun nichts mehr. Und schon bald war auf den Transparenten der Demonstranten statt des kämpferisch-trotzigen „Wir bleiben hier“ zu lesen: „Kommt die D-Mark, bleiben wir, kommt sie nicht, geh’n wir zu ihr!“ Hier wurde der Umschlag der Revolution in eine antisozialistische Konterrevolution deutlich sichtbar.

In gewisser Weise erinnert die Revolution von 1989 an die Novemberrevolution von 1918, zu deren zehntem Jahrestag Carl von Ossietzky anmerkte: „Deutsche Revolution — ein kurzes pathetisches Emporrecken, und dann ein Niedersinken in die Alltäglichkeit.“ (Schriften, Bd. 4, S. 521) Das „Niedersinken“ erfolgte gleich nach dem Mauerfall. Seine Ursachen waren allerdings hausgemacht, und auch dass nur ein Sechstel der Stimmberechtigten bei den Wahlen im März 1990 Parteien wählten, die sich gegen einen sofortigen „Anschluss“ aussprachen, war in erster Linie der „realsozialistischen“ Erziehung, Agitation und Propaganda geschuldet gewesen, denn erst deren Verlogenheit hatte den Boden dafür bereitet, dass die Masse der Wählerinnen und Wähler den Wahlversprechen der Gegenseite glaubte, insbesondere dem Gerede von den „blühenden Landschaften“, die es alsbald im Anschlussgebiet geben würde. Erst später sollten sie mitbekommen, dass dem nicht so war.

Ein Kalikumpel aus Bischofferode beschrieb den Weihnachtsabend 1992 so: „Ich war der Einzige, dem sie nicht gekündigt hatten. Mit langen Gesichtern saßen wir da, verbittert über das System, welches über uns hereingebrochen war. Zwar hatten wir in der Schule von klein auf gelernt, dass es dem Kapitalismus allein um Gewinn ging, doch hatten wir unserm Staatsbürgerkundelehrer nicht geglaubt … Nun aber begriffen wir, was an seinen Geschichten dran war. An diesem Heiligabend lernten wir, wie der Kapitalismus funktionierte.“[1]

Natürlich war die ostdeutsche Wirtschaft im Herbst 1989 nicht bankrott, im internationalen Vergleich z. B. war ihre Wirtschaftsleistung etwa auf derselben Höhe wie die von Großbritannien und Italien. Aber das interessierte die Masse der DDR-Bevölkerung nicht, für sie zählte einzig und allein der deutsch-deutsche Vergleich, und da lag die DDR hinsichtlich Produktivität und Konsumstandard weit zurück; dasselbe galt übrigens für den ökonomischen Vergleich von Osteuropa mit Westeuropa und den der Sowjetunion mit den USA, wobei sich die Abstände gerade in den anderthalb Jahrzehnten zuvor noch beträchtlich vergrößert hatten.

Der in Theorie und Praxis der Revolution wahrlich erfahrene Friedrich Engels hatte in dem oben zitierten Brief an Sassulitsch vermerkt: „Die Leute, die sich rühmten, eine Revolution gemacht zu haben, haben noch immer am Tag darauf gesehen, dass sie nicht wussten, was sie taten, dass die gemachte Revolution jener, die sie machen wollten, durchaus nicht ähnlich sah. Hegel nennt das die Ironie der Geschichte, eine Ironie, der wenige historische Dejateli [Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens] entgehen.“[2] Das gilt auch für die Revolutionäre vom Herbst 1989: Sie wollten die Revolution, und sie bekamen die Konterrevolution. Den Willen zur Revolution aber, den hätte auch der alte Engels ihnen nicht abgesprochen.

Eine entscheidende Voraussetzung für diese Entwicklung in der DDR waren Wandlungen in der Sowjetunion. „Glasnost“ und „Perestroika“, die Markenzeichen der neuen sowjetischen Politik, waren in aller Munde und sollten auch in der DDR stattfinden. Hinzu kam, dass die sowjetische Partei- und Staatsführung nach 1985 die sogenannte Breshnew-Doktrin, die über Jahrzehnte gepflogene Einmischung in die Angelegenheiten der „Bruderländer“, ad acta gelegt hatte. Aber all diese Entwicklungen kamen ein Vierteljahrhundert zu spät, denn die in der US-Administration unter dem vormaligen Präsidenten Reagan entwickelte Strategie, die Sowjetunion „totzurüsten“ war insofern aufgegangen, dass sie in der Tat an ihren ökonomischen Problemen kaputtging. Lenins Warnung, dass sich die Überlegenheit des Sozialismus gegenüber dem Kapitalismus letztlich auf dem Gebiet der Arbeitsproduktivität erweisen müsse (also nicht auf militärischem Gebiet), war zwar viel gelesen, aber in letzter Konsequenz nie wirklich ernst genommen worden.

Nicht nur der „Kalte Krieg“ ging verloren, auch die Möglichkeit eines erneuerten Sozialismus wurde verspielt. Um noch einmal aus Ossietzkys Urteil über die Novemberrevolution zu zitieren: „Ein verlorener Krieg kann schnell verwunden werden. Eine verspielte Revolution, das wissen wir, ist die Niederlage eines Jahrhunderts.“

Thomas Kuczynski lebt und arbeitet in Berlin. Seine bislang erschienenen Beiträge zur „Geschichte und Ökonomie“ sind auch als Buch erhältlich: „Geschichten aus dem Lunapark“ (PapyRossa Verlag Köln). Neuabonenten können das Buch auch als Werbegeschenk erhalten.

Anmerkungen:

[1] Abgedruckt in dem Erinnerungsband Mein letzter Arbeitstag. Abgewickelt nach 89/90. Ostdeutsche Lebensläufe, hrsg. v. K. Rohnstock, Berlin 2014, S. 25.

[2] Im Entwurf dieses Briefes folgte der gestrichene Satz: „Vielleicht wird es uns allen so gehen.“

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