Das unbekannte Erbe der DDR: Seltene Erden, Erze, Gold und die Perspektive von neuen Umweltzerstörungen

Aus: LunaPark21 – Heft 18

Anfang der 1970er Jahre warnte der „Club of Rome“ vor der Endlichkeit der globalen Rohstoffreserven. Seit Jahren klettern die Rohstoffpreise kontinuierlich nach oben, selbst nach der Finanzkrise 2008 gab es nur einen kurzen Absturz. Deutschland importiert jährlich Rohstoffe für rund 110 Milliarden Euro; das Material aus eigener Förderung und aus dem Recycling bringt es nur auf 28 Milliarden. Dennoch stimmt die Mär, Deutschland sei rohstoffarm so nicht: Es gibt Kupfer, Zinn, Öl und Gas, selbst seltene Erden schlummern in der Tiefe.

Daher werden die alten Bergbaureviere im Erzgebirge und im Harz derzeit mit modernster Technik neu erkundet. So liegen unter dem Ort Storkwitz ziemlich sicher rund 8000 Tonnen Niob und 38000 Tonnen Seltener Erden. Der Marktwert der Lagestätte läge bei rund 1,5 Milliarden Euro, falls sich die Explorationsergebnisse bestätigen. Die Schürfrechte hierfür hält die Deutsche Rohstoff AG in Heidelberg. Inhaber dieser kleinen Firma sind Thomas Gutschlag und Titus Gebel. Ihre Geschäftsidee ist es, schon zu DDR-Zeiten gesammelte geologische Explorationsdaten profitbringend auszuwerten. Wissenschaftler aus den Hochschulen Clausthal-Zellerfeld und Freiberg unterstützen dieses Projekt.

Die Deutsche Demokratische Republik war, bedingt durch den chronischen Devisenmangel, bestrebt eine möglichst große Rohstoffautarkie zu erlangen. Dazu wurde das gesamte Land systematisch mit Probebohrungen durchlöchert. Jedes noch so kleine Vorkommen wurde exploriert und mit Wirtschaftlichkeits-Kennziffern versehen – mit denen aber konnten die westdeutschen Experten zunächst in den ersten Jahren nach dem Ende der DDR nichts anfangen; die Daten waren in den Archiven gewissermaßen der nagenden Kritik der Mäuse überlassen. Die meisten der dortigen Bergwerksbetriebe wurden inzwischen stillgelegt. Heute sind die so gewonnenen Daten ein kaum hoch genug einzuschätzender Wissensschatz. Auf Grundlage der von DDR-Geologen geleisteten gewissenhaften Exploration ist es nun möglich, mit relativ wenig zusätzlichem Erkundungsaufwand recht zuverlässige Abschätzungen über die wahrscheinlichen Vorräte der Lagerstätten zu machen. Die von den Messdaten erwiesen sich als recht genau, wie die ersten Nachbohrungen jetzt bestätigen.

Zufallsfunde

Nach Storkwitz war schon in den 1970er Jahren ein Bohrtrupp der SDAG Wismut gekommen, um dort nach Uranvorkommen zu forschen. Doch statt Uran fanden die Geologen in den Bohrkernen leichte Seltene Erden wie Cer, Lanthan oder Praeseodym, und schwere Seltene Erden wie Europium und Ytrium. Damals dachte niemand daran, diese Bodenschätze auszubeuten – zu gering war ihre Menge, zu teuer auch die Förderkosten. Heute jedoch gibt es eine völlig veränderte Situation: Die Nachfrage nach Seltenen Erden schnellt in die Höhe – und mit ihr die Preise bzw. der potentielle Erlös. Der dortige Bürgermeister träumt schon davon, dass der Bergbau rund 150 bis 200 Arbeitsplätze nach Storkwitz bringen könnte. Ein Förderturm soll neben dem Dorf in die Höhe gezogen. Vorsorglich hat die Stadt Delitzsch, zu der Storkwitz gehört, hoffnungsfroh eine 20 Hektar große Gewerbefläche dafür reserviert. Auf dieser soll der Industriekomplex zur Aufbereitung der Seltenen Erden entstehen, die sich leider mit einer Konzentration von nur 0,5 Prozent im Erdreich verteilen. Daraus ergeben sich Probleme. Wie jedermann am Beispiel China sehen kann, ist das Herauslösen der Metalle ein ausgesprochenes Drecksgeschäft. Aber in diesem Landkreis, der zu DDR-Zeiten zu fast 70 Prozent von Braunkohlebaggern durchwühlt wurde, sind die Menschen, so hoffen wohl die „Goldgräber“, nicht sonderlich heikel. Hier leben ja auch noch die ehemalige Kohlekumpel und viele von ihnen würden sicht wohl riesig freuen, käme der Bergbau – in welcher Form auch immer – wieder zurück.

Multis in Ossiland

Und das passiert vielleicht bald nicht nur in Storkwitz. Überall sind Explorationsteams auf der Suche nach bisher ungenutzten Ressourcen. Im Goseltal im Harz gräbt sogar eine Tochter der dänischen Scandinavian Highlands nach Zink, Silber und Gold. Und schon im Jahr 2015 werden möglicherweise in der Nähe der legendären Goldgrube von Rammelsberg wieder Erze gefördert werden. In der Umgebung von Spremberg in der Lausitz lässt die Kupferschiefer Lausitz GmbH, eine Tochter der bolivianischen Holding Minera, über tausend Meter in die Tiefe bohren, um dort vielleicht schon ab dem Jahr 2014 Kupfer fördern zu können. Im Erzgebirge gräbt der Solarkonzern Solarworld nach Lithium. Experten der Freiberger TU schätzen die Vorkommen allein in der Erzgebirgsregion auf mehr als 80000 Tonnen – was einem Marktwert von drei bis vier Milliarden Euro entspräche. Im erzgebirgischen Geyer und in Gottesberg im Vogtland lässt die Deutsche Rohstoff AG nach dem ebenfalls äußerst wertvollen Zinn forschen. Die dortigen Lagerstätten umfassen etwa 180000 Tonnen Zinn. Das ist die größte bekannte und noch nicht erschlossene Zinn-Ressource der Welt.

„Neuer Kalter Krieg“

Im Oktober 2010 wurde die Deutsche Rohstoff-Agentur (Dera) gebildet, eine staatliche Gesellschaft, die die Rohstoff-Interessen der deutschen Industrie koordinieren, bündeln und nach außen vertreten soll. Die Dera ist eine Unterorganisation der Bundesanstalt für Geowissenschaften (BGR). 2010 schätzten BGR und Dera den „künftigen Bedarf der deutschen Industrie an Seltenen Erden auf 50000 Tonnen pro Jahr“ (damals 45% der Weltförderung).

Im Herbst 2011 reiste Kanzlerin Merkel in die Mongolei und pries dort Deutschland als einen „vertrauenswürdigen Wirtschaftspartner, der sehr an einer nachhaltigen Entwicklung der mongolischen Volkswirtschaft interessiert ist.“ Als Dankeschön konnten deutsche Bergbaukonzerne vor Ort einen Milliardenvertrag zur Kohleförderung abschließen. Die Thyssen-Krupp-Tochter Uhde soll eine Produktion zur Kohleverflüssigung und Kohlevergasung realisieren; die Mongolei wird Rohstoffe an Deutschland – u.a. Seltene Erden – liefern. Im Februar 2012 weilte der kasachische Präsident Nursultan Nasarbajew zu einem Staatsbesuch in Berlin. Wie in der Mongolei wurde ein Abkommen über eine „Rohstoffpartnerschaft“ unterzeichnet. Vertreter deutscher und kasachischer Unternehmen unterzeichneten 50 Verträge: Gesamtvolumen drei Milliarden Euro. Erklärtes Ziel war u.a., die „Abhängigkeit Deutschlands von Seltenen Erden-Importen aus China zu reduzieren“.

Im Januar 2012 wurde mit Unterstützung des Industriellenverbandes BDI die privatwirtschaftliche Allianz zur Rohstoffsicherung (ARS) gegründet. Gründungspartner des Gemeinschaftsunternehmens sind u.a. BASF, Bayer, BMW, Chemetall, Daimler, Evonik, Georgsmarienhütte Holding, Bosch, Thyssen-Krupp und Wacker Chemie. BDI-Vizepräsident Ulrich Grillo, zugleich im Hauptberuf Eigentümer der Grillo-Werke, des weltweit größten Zinn-Verarbeiters, spricht von einem „zweiten Kalten Krieg auf dem Rohstoffmarkt“. Die ARS werde sich „zu Beginn mit Seltenen Erden und Spezialmetallen beschäftigen“ und dabei „Beteiligungen erwerben.“

Zitate: Süddeutsche Zeitung, 25.4.2012; Financial Times, 8. 3. 2012.

Den Delitzscher Oberbürgermeister Manfred Wilde, in dessen Gebiet Storkwitz liegt, hat das Goldgräberfieber angesteckt: „Der Abbau würde sehr gut zu unserer Stadt passen, da zum Beispiel BMW in unserer Nähe sein Hybrid-Auto baut“. Mit den Seltenen Erden könne seine Region „beste Standortbedingungen“ bieten. Allerdings gilt: Die Konkurrenz schläft nicht: Derzeit gibt es rund 400 weitere Erkundungsbohrungen in den neuen Bundesländern. Alle bisherigen Erfahrungen mit der neuen Förderwut belegen: Mit diesen Projekten sind enorme Umweltzerstörungen verbunden. Sie würden ausgerechnet ein Gebiet betreffen, über das nach der Wende 1989/90 gesagt wurde, dass jetzt auch Schluss sei mit den exzessiven Umweltzerstörungen, die es zu DDR-Zeiten gab.

Manfred Dietenberger lebt in Waldshut und schreibt regelmäßig in Lunapark21, zuletzt in Heft 17 zu „Gewerkschaften und Rüstung“.

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