Begriffliche und sonstige Verwirrungen

Bemerkungen zu dem Aufsatz „Endlose Akkumulation“ von Jason W. Moore in Lunapark21 Nr. 32

Aus: Lunapark21 – Heft 33

Dass die kapitalistische Produktionsweise Ressourcen verschwendet, die Umwelt vergiftet, das Klima verändert und damit unsere Lebensgrundlagen untergräbt, gehört heute zum Alltagsbewusstsein vieler Menschen. Auch wenn im ersten sozialistischen Experiment in einem Drittel der Erde die Umwelt oft schlimmer beschädigt wurde als im kapitalistischen Teil und der durch dieses Experiment geprägte Marxismus nicht selten von ökologischer Blindheit geprägt war, so hat sich der Marxismus doch zwischenzeitlich den Fragen der Ökologie, der natürlichen Grundlagen der kapitalistischen Wirtschaftsweise, also den Naturverhältnissen geöffnet. Die Bedeutung der Geschlechterverhältnisse hingegen wird bis heute von vielen Marxistinnen und Marxisten systematisch unterschätzt. Noch 2008 veröffentlichte die Marx-Engels-Stiftung ein Buch mit dem Titel „Konturen eines zukunftsfähigen Marxismus“, in dem unter zwölf Männern weder Frauen einen Beitrag leisten durften, noch zum Thema der Geschlechterverhältnisse geschrieben wurde. Da ist es erfreulich, wenn jemand versucht, „marxistische, ökosozialistische und feministische Ansätze zu einer Synthese zu bringen“, wie es im Vorspann zu dem Artikel von Jason W. Moore „Endlose Akkumulation? – Die nicht bezahlten Quellen des kapitalistischen Reichtums“ in Lunapark21 Nr. 32 heißt. Man könnte also eine spannende Lektüre erwarten.

Doch schon die ersten beiden Sätze sind verstörend.

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Geld schießt nicht alle Tore. Marco Rubio draußen, Bernie Sanders immer noch drin und Dietmar Dath daneben – für jeden etwas im US-Wahlkampf

Nach seinem Scheitern bei den Vorwahlen der Republikaner in Florida erklärte der nächste Kandidat seinen Rücktritt. Marco Rubio, Senator und Liebling des Establishments der Republikaner, ist raus. Damit bleiben nur drei republikanische Anwärter übrig: Ted Cruz, Senator aus Texas, der sich unter anderem auf die Unterstützung des finanzstärksten Netzwerks der Tea Party berufen kann und 2013 vergeblich versucht hatte, im Haushaltsstreit die Gesundheitsreform Obamas zu kippen. John Kasich, Gouverneur in Ohio. Und Donald Trump. Für die traditionellen Eliten der Republikaner ist dieser Wahlkampf bisher nicht gut gelaufen. Die bittere Erfahrung der Präsidentschaftswahlen von 2012 droht sich zu wiederholen: Trotz nahezu unbegrenzter Geldmittel stimmen die Ergebnisse nicht.

Wie tief ihre Krise ist, machte vor einem Monat der Chemieindustrielle und Multimilliardär Charles Koch in der „Washington Post“ deutlich. Unter der Überschrift zu Wort: „Es gibt einen Punkt, da hat Bernie Sanders recht“ schreibt er:

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Billige China-Böller oder teure Weltwirtschaftskrise?

Noch vor eineinhalb Wochen wurde nur Beruhigendes in Sachen Weltwirtschaft vermeldet. Es werde 2016 aufwärts gehen. Die Arbeitslosenzahlen seien niedrig. Im übrigen sei „der Grieche“, wie er ist: ein Sonderfall. Dann plötzlich diese Schlagzeilen wie „Global markets in turmoil – Weltweite Märkte in Aufruhr“ (Financial Times), „Angst vor dem nächsten Beben“ (Die Welt) „Schockwellen aus China“ (Börsen-Zeitung), „Aktienmärkte in Aufruhr“ (Frankfurter Allgemeine Zeitung).

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„Endlose Akkumulation?“ Die nicht bezahlten Quellen des kapitalistischen Reichtums

Aus: Lunapark21 – Heft 32

Was ist die Substanz des Werts? Wie hängen Lohnarbeit und unbezahlte Reproduktionsarbeit miteinander zusammen? Wie die Zerstörung der ökologischen Lebensgrundlagen und die kapitalistische Produktion? Der Geograph und Umwelthistoriker Jason W. Moore versucht in dem folgenden Text, marxistische, ökosozialistische und feministische Ansätze zu einer Synthese zu bringen.

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Selbstverwaltete Austerität. Griechenland kann die Festung Europa nicht schleifen, aber es gibt ein Loch in der Mauer

Aus: LunaPark21 – Heft 31

Nicht der Wahlerfolg von Syriza am 20. September 2015, sondern die Erklärung des Eurogipfels vom Morgen des 13. Juli bildete den Wendepunkt des Konfliktes um den Platz Griechenlands in der Eurozone. Mit der Androhung des Grexit hatte sich die deutsch geführte Eurogruppe durchgesetzt. Es folgte das 3. Memorandum. Alexis Tsipras zog mit dem Programm einer selbstverwalteten Austerität in den Wahlkampf und wurde dafür gewählt. Parallel zu den innergriechischen Verwerfungen wurden in den Gläubigerländern die bürgerlichen Kritiker der fortgesetzten Kreditfinanzierung Griechenlands marginalisiert. Nach acht Monaten mit Ankündigungen, Zuspitzungen und überraschenden Wendungen in letzter Minute haben sich alle beteiligten Seiten langfristig festgelegt.

Syriza weiß, wie Austerität geht:

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Treue Hände? Treuhandgesellschaften einst und heute

Aus: LunaPark21 – Heft 31

„Treuhand 2.0 für Griechenland“ lautete eine Schlagzeile beim Nachrichtensender n-tv. Das Kürzel 2.0 sollte wohl an das Wirken der Treuhandanstalt erinnern, die die einst im „Register der volkseigenen Wirtschaft“ erfassten DDR-Betriebe zu zwei Dritteln privatisiert bzw. reprivatisiert und zu einem knappen Drittel liquidiert hat (einige wenige wurden kommunalisiert). Der kürzlich verstorbene Siegfried Wenzel, zu DDR-Zeiten zeitweilig einer der Stellvertreter des Vorsitzenden der Staatlichen Plankommission, hat diese Vorgänge instruktiv beschrieben. [1]

Aber das Rechtsinstitut der „treuen Hand“ (lateinisch: manus fidelis) ist sehr viel älteren Datums, und ursprünglich bezeichnete es

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seziertisch nr. 168: Austerität

Aus: LunaPark21 – Heft 31

Das Fremdwort „Austerität“ wird oft mit „Sparpolitik“ übersetzt. Dies ist unscharf und kann leicht dazu beitragen, diejenigen zu entwaffnen, die einen solchen Kurs bekämpfen wollen. Denn was ist gegen Sparen einzuwenden? Das Beispiel der schwäbischen Hausfrau, die nicht mehr ausgibt als sie einnimmt, wird nur von einer Minderheit verlacht. Die Mehrheit findet, dass das ein vernünftiges Verhalten ist. Dies gilt umso mehr, als man in der Heimat der schwäbischen Hausfrau in der Regel ja nicht hungert. In den Speckgürteln Baden-Württembergs sind die Einnahmen hoch, und es kostet keine Entbehrungen, wenn sie von

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quartalslüge „In Griechenland muss die Mehrwertsteuer vereinfacht werden“

Aus: Lunapark21 – Heft 30

Neben der Forderung nach einer „Rentenreform“ in Griechenland spielte in der Woche vor dem Referendum die Forderung nach einer „Vereinfachung der Mehrwertsteuer“ in diesem Land eine wichtige Rolle. Bei beiden Themen gibt es die übliche doppelte Tarnung: Einerseits traten die tatsächlichen politischen Akteure – Lagarde, Draghi und Merkel-Schäuble – in den Hintergrund; sie schickten sogenannte technische Teams an die Front. Wobei auch die Eurozonen-Finanzminister sich als solche „Handwerker“ geben. Auf der anderen Seite wurde das Bild vermittelt, es gehe um „Transparenz“ und um sinnvolle – objektiv notwendige – „Reformen“. Das ist eine satte Quartalslüge.

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Weg der Würde oder fortgesetzte Erpressung

Griechenland nach dem Referendum
kolumne winfried wolf aus: Lunapark21 – Heft 30

Voller Hohn waren die Qualitätsmedien vor dem griechischen Referendum. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung unkte noch am 30. Juni: „Es ist nicht einmal klar, ob die Regierung Tsipras wenigstens das Referendum ordentlich organisieren kann.“ Wie der Boss einer Erpresser-Gang trat die deutsche Kanzlerin auf, als sie im Bundestag am 1. Juli eiskalt erklärte: „Vor dem Referendum kann über kein Hilfsprogramm verhandelt werden“. Frau Merkel setzte dabei voll auf den Sieg des „Ja“, was die britische Financial Times am 2. Juli kommentierte mit: „Die zu allem entschlossene Kanzlerin zieht die Daumenschrauben an“.

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Soziale Explosion nach ökonomischem Niedergang: Baltimore 2015

Hannes Hofbauer in Lunapark21 – Heft 30

Im Park neben der St. Vincent de Paul-Kirche, nördlich des Hafens gelegen, logieren geschätzt 40 bis 60 Obdachlose; Hautfarbe: schwarz, Geschlecht: männlich. „Ohne den Schutz der Kirche wären wir hier schon längst vertrieben“, erzählt uns ein zahnloser junger Mann bereitwillig. Zwei Säcke oder Tragetaschen darf jeder hier laut ungeschriebenem Gesetz als persönliches Hab und Gut in die damit bereits stark übernutzte kleine Parkfläche mitnehmen, meint unser Informant und deutet auf ein Fleckchen Erde, auf dem sich sechs, sieben Plastikbeutel mit Kleidung, Decken und Vorräten stapeln. Dieser Kollege und Leidensgenosse, will er mit der Geste sagen, hält sich nicht an die Regeln.

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