Balkan Transit: Fakten, Projektionen, Bewegungen

Aus: LunaPark21 – Heft 31

Nein, Wien liegt nicht in „Germany“. Einige der Flüchtlinge, die nach der Grenzöffnung vom 4. September am Wiener Hauptbahnhof eintrafen, sahen sich schon am Ziel. Dann wurde ihnen von freundlichen Helferinnen und Helfern erklärt, dass es da noch ein Land zwischen Ungarn und Deutschland gebe, in dem sie ebenfalls bleiben könnten – und in dem keine Flüchtlingsunterkünfte angesteckt werden. Fast alle wollten weiter. Österreich wurde von ihnen einfach zum Balkan geschlagen, obwohl eine kurze Suche im Internet zeigt, dass es ganz sicher nicht dazugehört. Dabei geht es nicht um Geographie allein: Mit einem Bruttoinlandsprodukt (BIP) pro Kopf von 35500 Euro liegt Österreich nicht nur klar vor Bulgarien (12890) und Rumänien (16025), vor Kroatien (16950), Ungarn (19690), Griechenland (20560) und der Slowakei (22020). Österreich liegt auch über dem Durchschnitt der Eurozone (30230) und über dem Wert für die Bundesrepublik Deutschland: 34930 Euro. Wenn wir das BIP nicht nach Kaufkraftparität umgerechnet hätten, wäre der österreichische Vorsprung noch größer – nach Ost wie West. Die Nachrichten über brennende Heime in Deutschland wollten die Flüchtlinge nicht glauben.

Die Ignoranz gegenüber den unbestreitbaren Vorzügen der Alpenrepublik zeigt, dass es in der Flüchtlingsfrage nicht nur um „objektive“ Fakten, sondern auch um Wahrnehmungen und Entscheidungen geht. Wahrnehmungen und Entscheidungen, die gerne mit dem Attribut „subjektiv“ verharmlost werden. Aber was andere Leute in ihrem Kopf haben, ist für mich so objektiv wie der berühmte Dachziegel, der einem bei Sturm auf den Kopf fallen kann.

Die alten Zäune

Der Bürgerkrieg in Syrien hat 2011 die Flüchtlingsbewegung eröffnet, die im Sommer 2015 endlich Kerneuropa erreichte. Schon nach Beginn des Bürgerkrieges verbarrikadierte Griechenland seine Landgrenze zur Türkei. Das nördlich angrenzende Bulgarien hatte geringere Schwierigkeiten. Hier konnten die Behörden auf die alten Grenzbefestigungen zurückgreifen, die einstmals die Südgrenze des Warschauer Vertrages zu den Nato-Länder Türkei und Griechenland sichern – und Ausreisewillige aus Ostblockstaaten auf dem Weg in den „Westen“ aufhalten sollten.

Seit 1989 waren die wichtigsten Gründe für diese Befestigungen entfallen und sie rosteten vor sich hin. Statt Ausreisen zu behindern, wurde die Emigration aus Bulgarien zu einem Ventil. Weil die Marktwirtschaft Einzug hielt und die Arbeitsplätze verschwanden, entschlossen sich mehr und mehr Bulgaren und Bulgarinnen, ihr Land zu verlassen. Die Auswanderung von mehr als einer Millionen Menschen trug zum massiven Bevölkerungsrückgang bei: von 9 Millionen im Jahr 1989 auf 7,2 Millionen im Jahr 2011. Für den Arbeitsmarkt hieß das nicht viel: Im Vorfeld des EU-Beitritts sank die offizielle Arbeitslosenquote auf 6 Prozent, doch seit der Weltwirtschaftskrise liegt sie wieder bei über 10 Prozent. Das arme Land wird von den Flüchtlingen umgangen, es spielt in der Berichterstattung zur Krise keine Rolle. Die erneuerten Grenzzäune tragen ihren Teil dazu bei – nicht nur an der ehemaligen Grenze zur Nato. Selbst zwischen „Bruderländern“ im Ostblock wurde peinlich genau auf nationale Symbole, Traditionen und Grenzkontrollen geachtet, gerade auch zwischen Rumänien und Bulgarien. Auf jeden Fall beginnt die „Balkanroute“ nicht in dem Land, in dem das Balkangebirge liegt.

Gastarbeiterheimatländer

Die Balkanroute beginnt in Thessaloniki. Von dort sind es, nach Auskunft der Suchmaschinen im Internet – oder altmodisch auf der Karte gemessen – gut 1200 Kilometer bis nach Wien. Mit dem Flugzeug 2 Stunden – nur das Flugzeug scheidet aus. Mit dem Auto 14 Stunden. Zu Fuß, so behauptet es der Suchmaschinenmarktführer, 241 Stunden. Google legt also eine Marschgeschwindigkeit von konstanten 5 Kilometer pro Stunde zu Grunde. Realistisch ist das nicht. Nicht nur, weil keine Pausen eingeplant sind. Nicht nur, weil Marschleistungen von 50 Kilometern selbst von gut trainierten Soldaten in ebenem Gelände nicht Tag für Tag abgefordert werden können. Sondern weil Flüchtlinge immer Umwege nehmen müssen und Kraft für die Sicherstellung des Tagesnotwendigen brauchen. Und zwischen Thessaloniki und Belgrad liegen nicht die „Mühen der Ebenen“. Ohne Bus und Bahn ist der Weg von Nordgriechenland nach Wien nicht in einem Monat zu schaffen.

Der Weg führt entlang der E 75 durch die zentrale Balkanhalbinsel, durch das Gebiet des aufgelösten Jugoslawien. Hier sind manche nationale Traditionen und zwischenstaatlichen Grenzen weniger alt als viele Einwohner. Und seit 1968 gab es ein Anwerbeabkommen zwischen der Sozialistischen Föderativen Republik Jugoslawien und der Bundesrepublik. Was nicht zuletzt heißt, dass die Verkehrswege nach dem Westen zumindest für die Ausreise und Besuche in der Heimat taugen mussten. Bis heute gibt es keine Autobahnen, die diese Ländern verbinden. Der überregionale Verkehr fährt auf nicht immer breiten Straßen – oder läuft über die wenigen Schienenkorridore.

Die neuen Staatsgrenzen werden misstrauisch beäugt, aber kaum effektiv bewacht. Seit einigen Jahren gibt es keine Visumspflicht mehr für die Einreise in den Schengenraum. So ist es möglich, bei hinreichender physischer Kraft auch ohne Papiere voran zu kommen. Doch die wenigen ausgebauten Verkehrswege in den größeren Tälern sind staatlich kontrolliert – dort macht es den entscheidenden Unterschied, ob etwa mazedonische Polizisten die Barrieren aufrechterhalten oder nicht. Seitdem im Frühjahr Griechenland immer mehr Flüchtlingen die Einreise nicht verwehrte, spitzte sich die Lage im Sommer bei Idomeni massiv zu. Das Land selbst, durch das die Flüchtlinge nur hindurch wollten, spielte nur eine Nebenrolle in den Medienberichten. Offiziell ist die „Ehemalige Jugoslawische Republik Mazedonien“ weit vom angestrebten EU-Beitritt entfernt, nicht zuletzt aufgrund des Namensstreits mit Griechenland. Mazedonien liegt in der IWF-Liste des BIP pro Kopf auf Platz 94 – Bulgarien auf 78.

Bei der Weiterreise nach Norden verläuft die Route nicht über das Kosovo, sondern durch Serbien. Auch dies ein armes Land. Mit einem BIP von 6130 Dollar pro Kopf übertrifft es Mazedonien (5.500) jedoch immerhin um 10 Prozent. Wichtiger für den menschlichen Transitverkehr ist der politische Wille der serbischen Regierung, die politisch-moralische Krise der EU durch eine freundliche Begleitung der Flüchtlinge zu nutzen. Was der Regierung Vuãiç gelungen ist. Sie zielt auf eine Aufnahme von Beitrittsverhandlungen zur EU und hat ihre politischen Konkurrenten im Lande mit der Kombination von Nationalismus und EU-Perspektive an die Wand gedrückt.

Wo endet der Balkan?

Geographie ist nicht beliebig, aber sie eröffnet Spielräume. Ob das Einzugsgebiet eines großen Flusses als ein zusammenhängender Raum verstanden wird, verbunden durch Wasserläufe, Boote und Schiffe und abgrenzt durch Wasserscheiden auf Hügeln und Bergen – oder ob ein Fluss eine Grenze darstellt, die hüben und drüben deutlich trennt – dass liegt nicht allein an Gelände und Niederschlagsmenge. Geht es nach ungarischen oder kroatischen Nationalisten, dann endet der Balkan am Südufer von Donau und Save. Was heißt: ihre Heimat gehört nicht mehr dazu, sondern vielmehr zu „Europa“. Juristisch-diplomatisch gibt ihnen die EU recht. Denn seit 2004 (Ungarn) bzw. 2013 (Kroatien) gehören sie zu Europa – die südlichen Nachbarn nicht. Doch nur Ungarn gehört auch zum Schengenraum. Auch die Statistik gibt ihnen ein bisschen recht. Das BIP pro Kopf liegt in Kroatien und Ungarn etwa doppelt so hoch wie in Serbien.

Wenn die Flüchtlinge an der serbisch-ungarischen Grenze in Horgos, in der Voivodina, angekommen sind, dann haben sie geographisch zwei Drittel des Weges seit Thessaloniki geschafft: Wien 418 Kilometer. Aber gerade hier fangen neue Probleme an. Denn die politische Strategie der ungarischen Rechten heißt Integration durch Nationalismus, einen magyarischen Nationalismus, der auch Staatsbürger des eigenen Landes als Nicht-Magyaren ausschließt. Erst recht Menschen von jenseits der Grenzen, wenn sie keine Investitionen mitbringen. Deshalb feiert man sich als Vorposten der christlich-abendländischen Zivilisation. Dass manche Touristen gerade das südländische Feeling an Ungarn lieben, ist eine Frage der effektiven Werbung. Wenn es um nationale Interessen geht, hat solche Romantik keinen Platz. Und je näher weitere Balkanstaaten an die EU rücken, um so heftiger verteidigt die ungarische Regierung ihren Platz näher am Zentrum. Viel mehr anzubieten hat sie nicht. Das einst von Buda aus regierte Kroatien liegt wirtschaftlich gleich auf, Slowenien wie die Slowakei sind an Ungarn vorbeigezogen. Vielleicht reagiert die Regierung Orban nur deshalb so beleidigt, weil sie von den Flüchtlingen einfach nicht so ernst genommen wird, wie sie es gerne will.

Für die Flüchtlinge geht es gar nicht darum, wo der Balkan endet. Für sie geht es darum, wo ihre Flucht endet. Merkels Absichten und die des Bundesverbandes der Deutschen Industrie sind da das eine. Das andere, wenn es etwas anderes geben soll, wird mit den Flüchtlingen noch erfunden werden müssen. Wie gesagt: Was andere Leute in ihrem Kopf haben, ist für mich so objektiv wie der berühmte Dachziegel, der einem bei Sturm auf den Kopf fallen kann. Erstmal muss man aber ein Dach über dem Kopf haben.

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